Reportage: Sublime Aerotik

Vergangene Woche absolvierte der neue Super-Passagierflieger Airbus A380 seinen ersten Linienflug von Singapur nach Sydney. profil war mit an Bord.

Lässig steht Captain Robert Ting zwischen Champagner trinkenden Passagieren und gibt Autogramme – auf T-Shirts, Boarding Passes, Unterarme und alles, was sich sonst noch dazu eignet; auf dem historischen ersten Passagierflug eines Airbus A380 ist so manches anders. And who’s flying? „Und wer fliegt?“, fragt ein aufgeweckter Bengel aus Singapur. Der Flugkapitän zieht souverän sein Handy aus der Jackentasche, legt den Daumen auf den Mini-Joystick und fragt mit einem Lächeln: „Wo soll’s denn hingehen?“

„Sie ist die neue Königin der Lüfte“, verkündete sein Chef, Singapore-Airlines-CEO Chew Choon Seng, vollmundig bei der Übernahme des ersten Airbus A380 in Toulouse am 15. Oktober. Nicht nur Stolz, sondern auch Erleichterung waren ihm dabei ins Gesicht geschrieben – schließlich war die Entwicklungsgeschichte des A380 auch eine Berg-und-Tal-Fahrt zwischen Erfolg und Misserfolg (siehe Kasten).

Weil auf den bewährten Boeing 747-400, bei denen die Airline seinerzeit ebenfalls einer der Erstkunden war, der Schriftzug „MEGATOP“ prangt, begann die Konkurrenz schon schadenfroh zu ätzen, ob sie den Neuzugang diesmal wohl „MEGAFLOP“ taufen würden – jetzt steht, sozusagen als kleine Genugtuung, ein dezentes „FIRST TO FLY A380“ in 2-Meter-Lettern über der Vordertür.

So viel erlittenes Ungemach hat natürlich seinen Preis: Zwar weiß außer den Herren in den Chefetagen der beiden Konzerne niemand die exakte Summe der Pönale, die Airbus für die mehr als einjährige Verzögerung rücküberweisen musste – man munkelt aber in der Branche, dass der erste der 19 fix bestellten Flieger mehr oder weniger gratis gewesen sei (ein durchaus zu verschmerzender Rabatt bei rund vier Milliarden Euro Gesamtpreis).

Definitiv kostenlos ist beim historischen Erstflug am 25. Oktober 2007 von Singapur nach Sydney jedenfalls das Kerosin – ein Geschenk von Exxon Mobil. Singapore Airlines bereichert sich aber nicht daran: Sämtliche Plätze, die nicht an eine Hand voll ausgewählter Medienvertreter und Honoratioren gingen, wurden im Rahmen einer ebay-Auktion an Bieter aus aller Welt versteigert (je ein Drittel zugunsten sozialer Einrichtungen in Singapur und Sydney sowie der Ärzte ohne Grenzen).

Julian Hayward, ein britischer IT-Jungmillionär mit Wohnsitz Sydney, bezahlte für den ersten Flug in zwei Suiten schlanke 100.380 US-Dollar, also etwa 70.000 Euro (regulärer Preis Wien–Sydney First Class retour mit den 380er Suites auf der Strecke Singapur–Sydney: 14.127 Euro). Am billigsten kam übrigens ein Tontechniker aus Wien davon – exakt 560 Dollar (etwa 400 Euro), allerdings erst für den Retourflug ab Sydney. Insgesamt gönnten sich inklusive des Verfassers vier Österreicher einen Boarding Pass mit der prestigeträchtigen Flugnummer SQ380.

Es ist eine bunt gemischte Menge aus aller Herren Länder, die sich frühmorgens am 25. Oktober 2007 in der festlich geschmückten Lounge am Changi Airport von Singapur eingefunden hat, um den weißen Riesen zu besteigen – vom zehn Monate alten Baby bis zum 91-jährigen Greis. Der wurde samt dem Rest der Familie von seinem Sohn eingeladen und kichert freudig erregt in seinem Rollstuhl, als er vor allen anderen ins Fingerdock geschoben wird.

Das Boarding verläuft dank der neu gestalteten, dreiteiligen Fingerdocks wie am Schnürchen, und um 8.16 Uhr Ortszeit lässt Kapitän Robert Ting die Triebwerke aufheulen. Dass vier Rolls-Royce unter den Tragflächen hängen, ist irgendwie beruhigend; auch wenn die Triebwerksfirma nichts mehr mit dem gleichnamigen Hersteller von Luxuskarrossen zu tun hat. Nach knapp dreitausend Metern rasanter Beschleunigung erhebt sich der 550 Tonnen schwere Vogel elfengleich in die Lüfte – unter lautem Geklatsche und Gejubel der Passagiere.

Erster Eindruck: Das Ding ist unglaublich leise. Man merkt kaum, dass man in einem Flugzeug sitzt – der Gigant liegt wegen seiner Masse auch so ruhig in der Luft, dass man kleinere Turbulenzen und abrupte Richtungsänderungen fast nicht mehr wahrnimmt. Noch nie war fliegen mehr Bus in the Air.

Alle an Bord sind naturgemäß bester Laune – man ist hier, weil man unbedingt auf diesem Flug sein wollte – und man kann ihn guten Gewissens genießen (abgesehen von ein paar Tonnen Treibhausgasen vielleicht), denn schließlich unterstützt man ja damit einen guten Zweck.

Und auch die Airline lässt sich nicht lumpen: Es gibt Champagner von Charles Heidsieck bis zum Abwinken für alle, von den Starköchen Matt Moran aus Sydney und Sam Leong aus Singapur kreierte Gaumenfreuden, eine prall gefüllte Geschenktasche mit Souvenirs und für den Airline-Freak-Herrgottswinkel eine Teilnehmerurkunde – unterzeichnet von Kapitän und CEO.

Schon bald ist eine riesige, klassenüberschreitende Party im Gang; viele Passagiere flanieren mit einem Gläschen in der Hand durch die großzügigen Gänge, treffen sich zum Small Talk auf der hinteren Wendeltreppe, stehen den trotzdem immer lächelnden Stewardessen im Weg. Dazwischen wieseln emsig ein paar unscheinbare Herren herum: Mitarbeiter der Airline und von Airbus, die unablässig prüfen, ob auch alles wie geplant funktioniert.

Auch Millionär Hayward dreht unauffällig eine Runde durchs Flugzeug; man könnte ihn mit seinem T-Shirt für einen unscheinbaren netten Jungen von nebenan halten. Später erzählt der erklärte Flugzeug-Freak in seiner Suite begeistert, wie ihn Singapore Airlines zur Übergabe des Flugzeugs in Toulouse mitgenommen – und damit wohl einen lebenslangen Stammkunden gewonnen hat.

Bei der Innenausstattung ist alles vom Feinsten: Singapore Airlines hat sich für ein Layout mit nur 471 der 850 möglichen Sitze entschieden. Sogar die 399 Economy-Passagiere genießen ein wenig mehr Ellbogen- und Beinfreiheit als bei anderen Flugzeugmustern; und jeder Platz hat einen großen LCD-Schirm, auf dem das unter Red-Hat-Linux laufende Unterhaltungssystem KrisWorld läuft – mit 100 Filmen, 180 Fernsehprogrammen und 700 CDs on demand. Eine vollständige Tastatur auf der Rückseite der Fernbedienung und neuartige Office-Anwendungen erlauben sogar das Arbeiten mit und das Speichern auf mitgebrachte USB-Sticks (man darf schon jetzt gespannt darauf sein, was kreative Hacker so alles damit anstellen werden).

Ist die Touristenklasse noch halbwegs vergleichbar mit dem Angebot der Konkurrenz, zeigt der Premium Carrier sein Können in der Business Class: Die an Sylter Strandkörbe erinnernden, fast einen Meter breiten Sitze in 1-2-1 Anordnung verwandeln sich nächtens durch ausgeklügeltes Design in völlig flache Betten.

Von den ursprünglichen Visionen des Flugzeugbauers über mögliche Kinos, Fitnessräume und dergleichen ist lediglich eine kleine Snack-Bar für Business-Class-Passagiere übrig geblieben. Seit 2001 hat die Airline die Meinungen ihrer Vielflieger hierzu erkundet; Resultat: kein Bedarf an Schnickschnack, sondern mehr persönlicher Freiraum (sprich: Platz) ist gefragt.

Die konsequenteste Umsetzung dieses Konzepts verkörpern die zwölf Suites – A Class beyond First, wie die Airline das Produkt berechtigterweise nennt. Es sind völlig abgetrennte, auf Wunsch blickdicht zu machende Kabinen – ein Gefühl wie in einem Privatjet. Vier davon lassen sich bei Bedarf in Zweierkabinen verwandeln – mit französischem Doppelbett in der Mitte.

Diese Luxuskokons wurden vom Lausanner Yachtdesigner Jean-Jacques Coste designt und sind ausgestattet mit gediegenen Ledersitzen von Poltrona Frau, einem separaten Bett mit von Givenchy entworfener Bettwäsche und einem 23-Zoll-LCD-Schirm. Es gibt sogar eine Chaiselongue, etwa um die Sekretärin aus der Economy zum Diktat herbeibitten zu können.

Oder wozu auch immer; auf die zweideutige Frage einer neugierigen Journalistin bei einer Pressekonferenz im Vorfeld des Erstflugs kam jedenfalls die eindeutige Antwort des Pressesprechers: „Nein, es gibt aus Sicherheitsgründen kein Schloss – aber glauben Sie mir, es würde Sie bei geschlossener Schiebetür bestimmt niemand stören!“

Die Airliner aus dem südostasiatischen Inselstaat galten ja schon immer als Meister sublimer Aerotik. Ihr Lieblings-Werbeslogan lautet – in unverhohlener Anspielung auf die formbetonenden Sarong Kebayas, die Uniformen der mandeläugigen Flugbegleiterinnen: „Singapore girl, you’re a great way to fly!“

Heimo Aga