Reportage: Südlich von Nirgendwo

Südgeorgien, eine kleine Insel am südlichen Polarkreis, zählt zu den letzten unberührten Ökosystemen der Welt. Doch Überfischung, Tourismus und Klimawandel gefährden auch diesen eisigen Garten Eden. Eine Reise in ein bedrohtes Paradies.

Südgeorgien, südliches Polarmeer. Der Huf eines toten Rentiers baumelt über dem Bug. Orkanartige Stürme fegen mit 100 Knoten über unser Boot „The Golden Fleece“ und schleudern es in dem endlosen, grausamen, grauen Ozean hin und her.

Wir fühlen uns müde, mürrisch und seekrank. Unser Kapitän, Jerome Poncet, selbst ernannter König von Südgeorgien, schenkt sich noch einen Single Malt Scotch ein und meint in seinem schweren französischen Akzent: „So eine Reise wird erst dann gut, wenn die Passagiere anfangen abzukratzen.“

Ich lache nervös und genehmige mir selber einen Scotch, in den ich ein paar Brocken von dem 2000 Jahre alten Eis gebe, das wir aus dem Südpolarmeer gefischt haben, als ein Gletscher neben unserer 20-Meter-Yacht kalbte. Poncet, unser Kapitän, ist der berühmteste – und berüchtigtste – Seemann dieser eisigen Gewässer. Er ist ein schlanker, drahtiger Seebär mittleren Alters, mit geröteten Augen und einer Wollhaube über seinem strähnigen, langsam ergrauenden Haar. Die tiefen Furchen in seinem Gesicht zeugen von den knapp drei Jahrzehnten, die er in dieser rauen antarktischen Gegend verbracht hat.

Er ist ein Außenseiter, ein alternder Rebell, ein Gesetzloser, der endlich einen Platz gefunden hat, der abgelegen und groß genug ist, um ihm als Heimat zu genügen. Er verdient sein Geld damit, Wissenschafter, Filmemacher, Fotografen und Extrem-sportler in diese Tiefkühltruhe zu schippern.

„Ich hasse die Kälte, aber ich liebe die Herausforderung, hier zu segeln“, sagt Poncet. Außerdem liebt er die wilden Tiere, die einmal im Jahr nach Südgeorgien kommen, um sich zu paaren und ihren Nachwuchs großzuziehen – hier, auf dieser nassen, kalten und abgeschiedenen Insel, die im Sommer gut 90 Prozent allen antarktischen Lebens beherbergt. Südgeorgien ist eines der unberührtesten Ökosysteme der Welt, manchmal wird es auch das letzte Eden genannt.

Die Insel, rund 200 Kilometer lang, voll schroffer, schneebedeckter Gebirgszüge, türkiser Fjorde, Wasserfälle, steiler Klippen und weiter Ebenen, zur Hälfte bedeckt mit Gletschern, erinnert an eine Zeit, als der Mensch noch nicht aufrecht ging und die Welt noch den Tieren gehörte.

Wildparadies. Wir sind zwei Tage geflogen und fünf gesegelt, um Südgeorgien zu erreichen, 1000 Kilometer östlich von Tierra del Fuego an der Spitze Südamerikas und 1300 Kilometer ostsüdöstlich der Falklandinseln. Südgeorgien liegt 37 Grad westlich und 54,5 Grad südlich von Nirgendwo. Wir sind so weit weg von jeglicher Zivilisation, wie es auf diesem Planeten nur möglich ist.

Es gibt hier mehr wild lebende Tiere pro Quadratmeter als irgendwo sonst auf der Welt, aber die Wildnis und ihre Bewohner sind bedroht – von der globalen Erwärmung, von Tourismus, kommerziellem Fischfang und einer neuen, in Osteuropa und Japan erwachten Gier nach Krill – shrimpsartigen Meeresfrüchten, die auch für die Tiere hier die Hauptnahrungsquelle bilden.

Obwohl es heute ein unbewohntes Wildparadies ist, war Südgeorgien doch schon früh ein Schauplatz menschlicher Dramen: James Cook betrat die Insel als Erster, im Jahr 1776, und beanspruchte sie für England. Hundert Jahre danach führte der Österreicher Heinrich Lutschak eine Expedition an, während der die Insel mit bemerkenswerter Genauigkeit kartografiert wurde.

Berühmt wurde die Insel durch den gescheiterten britischen Polarforscher Sir

Ernest Shackleton, der hier 1914, nach einer entbehrungsreichen Reise über 1800 Kilometer, strandete (siehe Kasten Seite 92). Während seiner vierten Antarktisexpedition starb Shackleton auf Südgeorgien – sein Grab liegt auf einer Anhöhe über Grytviken, einer aufgelassenen Walfangstation, in der heute pro Jahr gut 2700 Touristen nächtigen.

Gemeinsam mit den anderen Inseln der Scotiasee – den Südshetlandinseln, Südorkney und den südlichen Sandwichinseln – bildet Südgeorgien einen abgelegenen Außenposten des britischen Königreichs. Es gehört zum Territorium der Falkland-inseln, die während des Falklandkrieges vorübergehend von Argentinien besetzt waren. 200 Jahre lang florierten hier auch Walfang und Robbenjagd – bis 1965. Dann hatten die Jäger die hiesige Robbenpopulation nahezu ausgerottet. Die Wale sind bis heute nicht wiedergekommen.

Die Robben hingegen – geschätzte 2,2 Millionen – bevölkern die Insel, und als wir ankommen, päppeln sie gerade ihre Jungen auf. Uns Eindringlinge können sie offenbar überhaupt nicht ausstehen. Kaum, dass wir einen Fuß auf die Insel gesetzt haben, greifen sie uns schon an, bellend und zähnefletschend wie aggressive Hunde. Andererseits wirken sie aber wie Welpen. Sie spielen miteinander, schwimmen und tauchen in Rudeln oder liegen still in der Sonne, während ihre Babys sich an sie schmiegen.

Die Robben teilen sich die Strände mit etwa 360.000 Seeelefanten, die bis zu 2,6 Meter lang und 225 Kilo schwer werden können. In der Paarungszeit drängen sich knapp 6000 Tiere auf einem Strand und rangeln um den spärlichen Platz. Manchmal liefern sie sich tödliche Duelle. Leopardenrobben durchpflügen das Wasser auf der Jagd nach Pinguinen, hie und da lassen sich Weddellrobben blicken.

Robbenangriffe. Bei unserer Ankunft in der Elsehul Bay können wir den penetranten Pinguindung schon von See aus riechen. Die Robbenangriffe abwehrend, beobachten wir die vier Pinguinarten, die auf der Insel brüten. Sie sind alles andere als schreckhaft und offenbar ziemlich neugierig, was für eine seltsame Art Vögel wir sein mögen. Sie stöbern in unseren Rucksäcken und picken vorsichtig an unseren Waden, um herauszufinden, ob wir essbar sind. Als wir die Gegend erkunden, leisten sie uns Gesellschaft.

Es ist eine bemerkenswerte Erfahrung, in der St. Andrews Bay, der größten Königspinguinkolonie der Welt, zur menschlichen Minderheit zu zählen, zwischen 200.000 Pinguinen, die dort dicht gedrängt, nur einen Schnabelhieb voneinander entfernt lagern. Nähert sich ein anderer dem eigenen Nachwuchs, wird lautstark protestiert. Einem Pinguin fehlt ein Auge. Ein anderer zieht einen blutigen, gebrochenen Flügel nach.

In der Paarungszeit bevölkern über 500.000 Königspinguine Südgeorgien. Mit den Kolonien der Eselspinguine, Zügelpinguine und Goldschopfpinguine wächst diese gewaltige antarktische Kinderstube noch einmal um 200.000 Tiere. Alle diese Arten brauchen Festland, um sich fortpflanzen zu können. Nur der Kaiserpinguin – Held des Films „Marsch der Pinguine“ – kann seine Küken auf Eis und Schnee großziehen.

Südgeorgien ist ein Paradies für Vogelbeobachter. Es gibt hier 8000 seltene Albatrosse – Schwarzbrauenalbatrosse, Graukopfalbatrosse, Dunkelalbatrosse und die Wanderalbatrosse aus den alten Seefahrergeschichten. Auf Südgeorgien und den umliegenden Inseln haben sie genügend Platz, um ihre ganze Spannweite von bis zu 3,6 Metern auszunutzen.

Um zu ihren Nestern zu gelangen, klettern wir fast eine Stunde lang über steile Klippen und springen von Grasbüschel zu Grasbüschel, um Tümpeln voller Matsch und Pinguindung auszuweichen. Unser atemloser Marsch wird belohnt, als wir mehrere Pärchen von Wanderalbatrossen erblicken, die gerade ihren komplizierten Paarungstanz vollführen und dabei klappern, gurren und ihre gewaltigen Flügel strecken.

Die Küken der Wanderalbatrosse brauchen mehr als ein Jahr, bis ihre Flügel ausgewachsen sind – die längste Nestperiode aller Vögel. Einmal flügge geworden, essen und schlafen sie im Flug. In ihren ersten fünf Lebensjahren landen sie nicht mehr auf festem Grund. Dann kommen sie wieder hierher, um einen Partner zu finden, mit dem sie ein Leben lang zusammenbleiben und alle zwei bis drei Jahre ein Küken großziehen. Im Lauf ihres Lebens umrunden Wanderalbatrosse die Erde mehr als fünfmal.

Als wir eines Nachts nach einem Eisregen in einem Fjord vor Anker liegen, taumelt ein verwirrter Walvogel auf das Schiffsdeck. Unser Skipper hebt den Vogel auf und reicht ihn mir. Das Kreuz des Südens zeichnet sich über mir ab, die Nacht um mich wird dunkler, und plötzlich fühle ich die Majestät und die Zerbrechlichkeit der Natur in diesem kleinen Vogel in meiner Hand. Das sind die Momente, für die man einen solchen Ort besucht.

Schnee und Eis haben sich inzwischen über Südgeorgien gelegt. Der antarktische Winter hat die Tiere wieder hinaus aufs Meer und die Menschen in sichere Häfen getrieben. Nur die Wanderalbatrosse, deren Küken noch im Nest hocken, kommen einmal im Monat vorbei, um ihre Brut zu füttern.

Vorbei an schwimmenden Eisbergen und kalbenden Gletschern verlassen wir Südgeorgien und seine Tierwelt und segeln zurück durch die antarktische Konvergenz, wo drei Ozeane – Atlantik, Pazifik und Indischer Ozean – zusammenkommen und eines der gefährlichsten Gewässer der Welt bilden. Die raue See, die „The Golden Fleece“ mit vier Meter hohen Wellen prügelt, zwingt mich für die nächsten fünf Tage in meine Kajüte, wo ich kaum esse, trinke oder schlafe.

Zeit genug, um den Schaden abzuschätzen, den unsere sechswöchige Expedition an den fünfzigsten Breitengrad mit sich gebracht hat: Ein Fotograf hat sich den Daumen gebrochen. Ein anderer hat sich am Knie verletzt. Zwei weitere haben teure Kameras und Linsen verloren. Ich habe mir an der Hand eine kleine Verletzung eingefangen, die zu einer schlimmen Infektion wurde. Außerdem sind wir alle seekrank, und das Heimweh plagt uns auch ein wenig.

Die Subantarktis ist ein grausamer und gnadenloser Ort, der hinter all seiner Unbequemlichkeit und seinen Gefahren dem unerschrockenen Reisenden einen kleinen Einblick gewährt in ein uraltes Paradies, das am Rande der Zerstörung entlangtaumelt.

Wo sonst kann man neben riesigen Seeelefanten herlaufen, dem Paarungstanz der Albatrosse zusehen oder sich am Strand ausbreiten – mit Hundertschaften schnatternder Königspinguine um einen herum? Es war ein höllisches Abenteuer, das ich nicht so bald wiederholen werde. Darauf einen Scotch bitte. Und vergiss das Gletschereis nicht!

Von Beverly Davis
Übersetzung: Sebastian Hofer