Reportage: Unabhängigkeits-Erklärung

Kötschach-Mauthen in Kärnten darf als Österreichs Musterdorf in Bezug auf die Nutzung erneuerbarer Energien gelten: Der Ort ist bereits jetzt von der öffentlichen Stromversorgung unabhängig. Nun wird völlige Energieautarkie angestrebt.

Am Plöckenpass, einem beeindruckenden Einschnitt zwischen steilen Bergmassiven, weht stets kräftiger Wind in der Gebirgsschneise. Dicke Wolken ziehen über die Karnischen Alpen. Wo Schafe weiden und am Straßenrand der Enzian blüht, verlief im Ersten Weltkrieg eine der am härtesten umkämpften Fronten. Heute dreht sich knapp vor der italienischen Grenzstation in 1400 Meter Höhe ein Windrad. „Es ist das einzige in Kärnten“, erklärt Klaus Steiner, Geschäftsführer der Alpen Adria Energie Naturstrom Vertrieb GmbH (AAE), während er Besucher durch die Landschaft führt. Ab 2008, so der Plan, sollen vor allem Ökoenergie-Touristen dieses windige Fleckchen Erde besichtigen. Doch schon jetzt gibt es die lokale Energieerkundungstour „Weg der Elemente“, deren höchster Punkt sich am Plöckenpass befindet. Der Pass ist bekannt für seine großen Niederschlagsmengen, während das Obere Gailtal, nur ein paar Kilometer weiter unten, zu den sonnigsten Plätzen Österreichs zählt.

Das Zusammenspiel verschiedener Wettersituationen lässt sich in Kötschach-Mauthen ebenso gut demonstrieren wie jenes unterschiedlicher erneuerbarer Energiearten. „Im Zentrum stehen unsere Speicherseen, mit denen wir Energiebedarf und Energieproduktion perfekt abstimmen können“, sagt Wilfried Klauss, Gründer der Alpen Adria Energie GmbH, die mehrere Kleinkraftwerke vereint. Energie aus unsteten Quellen wie Wind, Sonne und Flüssen wird passiv durch Aufstauen oder aktiv durch elektrische Pumpen in drei Stauseen zwischengespeichert, die zugleich eine Touristenattraktion darstellen. Die Energietour folgt dem Weg des Wassers über die Gebirgsseen und ein Schaukraftwerk bis in die Valentinklamm im Tal. Dort beginnt die nächste Tour, die der Nutzung von Biomasse und Sonnenenergie gewidmet ist.

Kötschach-Mauthen, zwischen den Gailtaler und Karnischen Alpen in Südkärnten gelegen, hat sich in Bezug auf die Energienutzung einiges vorgenommen. „Unser Ziel ist die wirklich energieautarke Gemeinde“, postuliert Bürgermeister Walter Hartlieb. „Wir sind schon heute in der Lage, jene elektrische Energie und Wärme zu erzeugen, die wir für den Eigenverbrauch benötigen.“ Die Marktgemeinde mit 3600 Einwohnern verfügt über 21 Kleinwasserkraftwerke, drei Bergstauseen, vier Biomasseheizwerke mit ortseigenen Nahwärmenetzen, eine Biogasanlage samt Biogemüsefarm, welche die Reststoffe als Dünger nützt, über eine Biogastankstelle und einige Fotovoltaikanlagen. Hinzu kommen Solarthermie-Anlagen, darunter eine 105-Quadratmeter-Musteranlage in Kombination mit einem Biomassekessel am Campingplatz Alpencamp, die als erste komplett in Echtzeit über das Internet und mittels so genannter Fuzzy Logic gesteuert wird, um selbstlernend den Wärmebedarf zu ermitteln. „Schon allein durch die neue Steuerung ersparen wir uns 17 Prozent Energie“, berichtet Campingplatzbetreiber Josef Kolbitsch.

Stromüberschuss. Eine Energieform hat Kötschach-Mauthen im Überfluss: Strom. Inzwischen werden pro Jahr rund 49 Megawattstunden elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen produziert, was für mehr als 10.000 Haushalte reicht, hingegen nur rund 15 Megawattstunden verbraucht. „Bei der elektrischen Energie sind wir seit rund zehn Jahren völlig unabhängig“, so Klauss. Die Gemeinde hat zudem ein unabhängiges privates Stromnetz. Und mit der AAE Naturstromvertrieb GmbH befindet sich hier eine von bloß zwei unabhängigen Stromvertriebsgesellschaften Österreichs, die seit der Marktliberalisierung im Jahr 2001 ausschließlich Ökostrom verkaufen. Das Netzwerk des Unternehmens reicht heute bis ins niederösterreichische Weinviertel, wo kürzlich mit einem Windstromproduzenten eine Kooperation eingegangen wurde, und nach Italien.

Und es wird in mehreren Bereichen weiter kräftig ausgebaut: Am Plöckenpass bekommt Kärntens vorerst einzige Windkraftanlage, die seit 1997 Strom liefert, Gesellschaft. Derzeit laufen die Messungen für zwei weitere Windräder. „Die Windverhältnisse sind ein paar Meter höher deutlich besser“, erklärt Steiner. Rund 150 Meter Seehöhe tiefer liegt hingegen der erste „Solarspeicher“, der Grünsee. Er wurde 1993 nach streng ökologischen Kriterien angelegt und wirkt heute, als hätte er schon immer die Berglandschaft geziert. Das Gewässer hat sich mittlerweile zu einem Paradies für Fliegenfischer und Bergtouristen entwickelt. Der dritte Stausee, der Cellonsee, wurde erst kürzlich fertig gestellt. In Summe können rund 150.000 Kubikmeter Wasser aufgestaut werden.

„Mein Urgroßvater hat in Kötschach eines der ersten Kraftwerke gebaut“, erzählt Klauss auf dem Marsch durch die wildromantische Valentinklamm. Der technikbegeisterte Gastwirt und Händler Anton Klauss interessierte sich schon 1886 für die damals neue Energieform Strom und errichtete in Kötschach-Mauthen das fünfte Kraftwerk der Monarchie. Bei der Wanderung durch die Klamm will Klauss vor allem eines demonstrieren: Energieerzeugung und Naturschutz müssen einander nicht ausschließen. So konnte durch die Stauseen zum Beispiel die Population der seltenen Urangerbachforelle wieder vergrößert werden. Die Wolken werden indessen dichter. „Heute wird es noch tuschen“, prognostiziert Klauss und blickt zu den regenschweren Wolken empor, welche die Stauseen, Bäche und Flüsse wieder befüllen werden. „Die Gäste freut das natürlich weniger“, so Klauss. Aber so sei das eben mit den Elementen.

Ökotourismus. Der Beschluss, ganz auf erneuerbare Energien und Energieautarkie zu setzen, fiel erst Ende 2006. „Wir haben die Chance eigentlich relativ spät genützt“, so Klauss. „Mittlerweile ist aber allen klar, dass dieses System aus erneuerbaren Energien neben dem Tourismus die eigentliche Stärke der Region ist.“ Nun hoffen alle, dass das neue gesamttouristische Konzept, das auch die Energieregion Italien mit einbezieht, entsprechend unterstützt wird. Neben den zwei lokalen Energietouren und einem Ausflug in die benachbarte Energieregion Italien soll den Ökoenergie-Touristen künftig auch eine komplette Österreich-Sightseeing-Tour geboten werden. Bei diesem Projekt wollen die „Energiegemeinden“ Bruck an der Leitha, Mureck, Wolkersdorf und Güssing miteinander kooperieren. Letztere, im Südburgenland gelegen und als energieautarke Musterstadt beworben, wird ihrerseits pro Woche von bereits 600 bis 1000 Ökoenergie-Touristen besucht und verbraucht in Summe weniger Energie und Treibstoff, als produziert wird. Im Konzept von Kötschach-Mauthen wird vorerst von 12.000 Ökotouristen pro Jahr ausgegangen.

Rund 900.000 Euro sollen nun in Wege, Schauanlagen und touristische Infrastruktur investiert werden. Über weitere Finanzmittel und Förderungen wird derzeit noch verhandelt. Überdies gründeten im Vorjahr Vertreter der Gemeinde, Energieerzeuger, Unternehmer aus dem Energiesektor, Landwirte und Tourismusbetriebe die Arbeitsplattform „energie:autark“. Deren Ziel: Energiekosten minimieren, Touristen anlocken, innovative Betriebe aus dem Energiesektor ansiedeln sowie Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region schaffen.

Vorarbeit wurde schon mit dem Beschluss der Gemeinde im Jahr 1999 geleistet, bestimmte Gebäude mit Nahwärme aus Biomasse zu beheizen. Allein das Rathaus hat 10.000 Quadratmeter Fläche. Dazu kommen noch Schulen und das große Bad, die Aqua Arena. „Durch den Umstieg auf Biomasse haben wir schon eine Million Liter Heizöl eingespart“, berichtet Ortschef Hartlieb. Nun geht es an die Sanierung der Gebäudesubstanz: Auf die Fassade des Rathauses soll eine Fotovoltaikanlage mit 30 Kilowatt Leistung aufgebracht werden. Im Ortsteil Laas wiederum ist ein eigener Solarthermie- und Fotovoltaikpark samt Solartankstelle geplant. Dort erzeugt das Landeskrankenhaus mit 350 Quadratmeter Sonnenkollektoren schon heute rund 500.000 Kilowattstunden Wärme im Jahr und erspart sich dadurch jährlich 35.000 Liter Heizöl. Rein rechnerisch produziert Kötschach-Mauthen – aufgrund des Stromüberschusses – schon heute so viel Energie, wie verbraucht wird. Allerdings stammt die Wärme derzeit erst zu 51 Prozent aus erneuerbaren Energien. Mit dem Ausbau der vier Biomasseheizwerke und des Nahwärmenetzes, der Biogasanlage sowie kleinerer Blockkraftwerke soll deren Anteil sukzessive erhöht werden.

Biogastreibstoff. Beim schwierigen Thema Treibstoff heißt die Lösung Hybridautos, die mit Biogas und Strom fahren. „Biogas hat im Verkehr große Zukunft“, glaubt Biogasspezialist Wilfried Klauss junior. Denn auf einem Hektar Anbaufläche lässt sich Biogas für eine Fahrtstrecke von 52.000 Kilometern erzeugen, mit Biodiesel aus Raps auf derselben Fläche kommt man hingegen nur 16.000 Kilometer weit. Mit der Biogas-Naturstrom-Kombination könnte der regionale Treibstoffbedarf – vom Fernpendlerverkehr einmal abgesehen – schon jetzt gedeckt werden. Zuvor müssen allerdings noch Biogasreinigungs- und Kompressionsanlagen sowie ein Tankstellennetz errichtet werden.

In der langen flachen Ebene des oberen Gailtals, die durch die Gebirgsmassive begrenzt wird, wirkt die Kuppel der Biogasanlage Würmlach in der Landschaft wie ein kleiner Maulwurfshügel.

Die 2004 errichtete Biogasanlage für die Produktion aus den Rohstoffen Maissilage, Mais, Grünschnitt und Gülle liegt in direkter Nachbarschaft zu der Ölpipeline, durch die schon Abermillionen Tonnen Rohöl von Triest nach Ingolstadt und Schwechat flossen. Etwas weniger spektakulär ist da die zwei Kilometer lange Biogaspipeline, die im Niederdruckverfahren das Biogas zur Biomasse-Nahwärmezentrale weiterleitet. Dort kann die Abwärme bei der Verstromung gleich ins Nahwärmenetz gespeist werden. „Rund 40 bis 60 Tage benötigt der Vergasungsprozess“, erklärt Klauss.

Der „Abfall“ aus diesem Verfahren dient wiederum als Dünger. „Wir können hier eine perfekte ökologische Kreislaufwirtschaft präsentieren“, behauptet Klauss. 2008 kommt in Kooperation mit Joanneum Research und dem Unternehmen Urbas Stahl- und Anlagenbau noch eine Innovation dazu. „Wir planen gerade eine Holzgasanlage, für die ein neuer technischer Weg beschritten wird“, so Klauss. Auch einige weitere Biogastankstellen sind in Planung. „In drei, vier Jahren werden hier schon Biogas-Elektro-Hybridautos fahren.“

Von Alfred Bankhamer