Reportage: Volkskanzler, startklar

Eva Linsinger über Alfred Gusenbauer, der auf seiner Bundesländertour der Bürde des Amtes selten entfliehen und die Basis schwer finden kann.

Aufgekratzte Mädchen und Buben im Fußballdress wuseln über den Sportplatz und drängen sich auf das Foto mit Alfred Gusenbauer: „Kommen wir in die Zeitung?“ Noch aufgeregter sind die Lehrer, die versuchen, einen Handyschnappschuss von dem hohen Besuch zu ergattern, der da die Siegerehrung des Schülerliga-Turniers in Klagenfurt vornimmt. So macht Kanzlersein Spaß: Pokale überreichen, sich beklatschen lassen – und davor noch ein Wuzelmatch haushoch gewinnen. „So sehen Sieger aus“, sagt Gusenbauers Tischfußballpartner triumphalistisch danach zum Kanzler, und er ist eigentlich zu jung, um das politisch zu meinen.

Sportkanzler ist eine Rolle, in der sich Gusenbauer derzeit gefällt. Der Auftritt als Kunstkanzler ist vorübergehend nicht im Repertoire, weil Gusenbauer nach den Besetzungsdifferenzen in der Staatsoper nur den Schmiedl geben kann. Auch deshalb schlüpft Gusenbauer bei seiner Tour durch Kärnten und die Steiermark ins Trikot des Sportchefs der Nation, bei der Besichtigung eines Sportzentrums in Bad Eggenberg genauso wie bei der Stippvisite im Trainingslager der U-20-Nationalmannschaft in Hart bei Graz. Das ist jener Teil der heimischen Fußballwelt, der tatsächlich an Weltmeisterschaften teilnimmt. Ein Foto mit Jungkickern, eine Erwähnung, dass er um sechs Uhr Früh schon laufen war, und ein jovialer Doppelpass mit Teamchef Paul Gludovatz: „Wenn ihr Weltmeister werdets, kummts auf ein Achtl.“ Gludovatz: „Ein bissl realistisch müssen wir schon sein.“ Gusenbauer: „Wenns ins Achtelfinale kommts.“ Gludovatz: „I bring Rotwein.“ Gusenbauer: „Den bring i. Es gibt kan besseren Roten als beim besten Roten.“

So schnell kann Konsens ausverhandelt sein, wenn das Thema nicht Gesamtschule oder Pflege und der Gesprächspartner nicht ÖVP heißt. Auch der Kanzler ist ein bisschen wie auf Urlaub – von den Parteifreunden und vom Streit in der Koalition. Keine Blockaden, keine aufmüpfigen Minister, nur schöne Termine mit schönen Bildern. Gleichzeitig kann Gusenbauer die kurze Liste der gehaltenen Wahlversprechen verlängern: „Ich habe versprochen, dass ich mich nicht in Wien einbunkern werde. Österreich besteht aus mehr als aus einem Quadratkilometer im ersten Wiener Bezirk.“

Im Mai war Gusenbauer in Vorarlberg und in Niederösterreich, kommende Woche reist er nach Oberösterreich. Prinzipiell hat er sich vorgenommen, einen Tag pro Woche in den Bundesländern zu verbringen, sagt er. Und gibt offen zu, dass die Überlandpartien für ihn eine Bestätigung sind, weil die allerneuesten Details aus dem alleraktuellsten Koalitionszwist bei seinen Gesprächspartnern auf der Tour viel weniger gefragt sind als in seinem Büro, im Parlament oder in der Parteizentrale: „Die normalen Leute vollziehen Politik auf einer anderen Ebene. Daher ist der direkte Kontakt mit der Bevölkerung enorm wichtig, um Dimensionen zu korrigieren.“ Weniger seine Dimension, wohlgemerkt, sondern jene seiner Kritiker.

Die Rolle des Volkskanzlers Alfred I. genießt er: Mit der übermütigen Begeisterung eines Buben auf Abenteuerexkursion schlägt er die Warnung seines Beraters, dass Gummistiefel nicht zur Würde eines Staatsmannes passen, in den Wind: „Wo kriege ich meine Gummler?“ Das bringt Punkte, zumindest in der Bauzentrale: „Vor einem Monat ist die Ministerin Kdolsky da nur herumgestöckelt.“ Energisch stiefelt Gusenbauer mit Kärntens SPÖ-Chefin Gaby Schaunig im Schlepptau durch den Dreck auf der großen Baustelle, aus der das neue Krankenhaus Klagenfurt in die Höhe wächst, und setzt sich zu den Bauarbeitern an den Pausentisch. Alfred Gusenbauer, Experte für überhaupt alles: „Wäre es nicht gescheiter, wenn ihr früher anfangen würdet und früher aufhören? Dann ist es nicht so heiß.“ Die Bauarbeiter sind sichtlich überrascht, dass der Bundeskanzler ein erdiges Fachgespräch über Gegenhitze am Bau und andere Alltagsprobleme eines Bauarbeiters mit ihnen beginnt – bis er erzählt, dass er als Student mit seinem Vater am Bau gearbeitet hat. „Der ist ja gar nicht so a Ungustl wie im Fernsehen“, wundert sich Bauarbeiter Franz danach. Nur dass Gusenbauer die gar nicht so dezent eingeforderte Runde – „Der Kanzler setzt sich zu uns? Das wird teuer“ – nicht ausgegeben hat, bringt ihm keine gute Nachrede.

Gusenbauer hat auf seiner Tour aber Größeres zu verteilen als Getränke. Bei jeder Station seiner Tour preist er die Benefizien seiner Regierung: Auf Baustellen lobt er die Investitionen in die Infrastruktur, in Hochtechnologie-Betrieben rühmt er die Konzentration auf Forschung. Das soll ja ein Sinn der Österreich-Tour sein: den Menschen nahezubringen, dass die SPÖ in der Regierung sehr wohl etwas weiterbringt. Blöd nur, dass die Lokaljournalisten viel weniger Interesse für das große Ganze haben als der Regierungschef und den Kanzler etwa in Kärnten ausschließlich zu den Ortstafeln löchern. Gusenbauer sagt, er arbeite intensiv an einer Lösung. Zu den Turbulenzen der Kärntner SPÖ, zu den Vorwürfen der Wahlfälschung gegen den Klagenfurter SPÖ-Chef sagt er lieber nichts. Ein Kanzler kann sich schließlich nicht um alles kümmern.

Die Startklar-Tour, bei der Gusenbauer quer durch Österreich Hände schüttelte und Gespräche führte, war einer der Bausteine des Wahlerfolgs der SPÖ. Nicht bei jedem Erfolgsfilm aber funktioniert auch Teil zwei. Es mag Gusenbauer gerade nach den Schul-Njets der ÖVP wie Butter die Kehle hinuntergehen, wenn auf dem Geburtstagsempfang der Kärntner Industriellenvereinigung genauso Bildung, Bildung, Bildung eingefordert wird wie von der SPÖ. Nur die SPÖ-Basis ist auf solchen Empfängen eher selten anzutreffen. An der reist Gusenbauer auf seiner Tour oft vorbei: Im Gewerbepark Feistritz etwa sind nur mehr die Chefs da, die Arbeiter sind schon nach Hause gegangen. Dafür bekommt der Kanzler von der Bürgermeisterin eine rote Badehose geschenkt. Die ist zwar dermaßen XXX-large, dass Gusenbauer die nächste Krautsuppendiät canceln kann – aber mit dem Fußballtrikot von der U-20 hat er fast ein neues Outfit beisammen.

Dass der Kanzler selten zur Basis kommt, dafür sorgen schon die Landesparteichefs. Sie schleifen Gusenbauer gern zu Projekten, für die er Geld herausrücken soll. Ein Erfolg der Bundes-SPÖ ist allemal weniger wichtig als ihr Schrebergarten. Und die Erwartungshaltung an einen Bundeskanzler ist eine andere als an jene eines wahlkämpfenden Oppositionschefs. Diese neue Rolle behagt Gusenbauer insofern, als er etwa im desolaten Universitätsspital in Graz nicht nur die Sanierung avisieren und den Big Spender geben, sondern auch klar als Chef auftreten kann. Gusenbauer gibt die Sanierungspressekonferenz. Landeshauptmann Franz Voves, mit dem Gusenbauer spätestens seit dem legendären Auftritt bei der Regierungsbildung eine innige Rivalität verbindet, sitzt nur in den Zuseherreihen. Und applaudiert. Gusenbauer fährt mit dem Klinikchef nach oben. Voves muss aus dem Aufzug aussteigen: Gewichtsgrenze überschritten.

Nicht jedem Patienten gefällt es allerdings, wenn Gusenbauer mit großem Kameratross an den Gangbetten vorbeimarschiert. Diese neue Rolle ist auch deshalb schwierig, weil das Volk wenig Verständnis dafür hat, wenn es warten muss, weil ein Bundeskanzler Terminkalender nicht einhalten kann. Dass Kurt Waldheim gestorben ist und Gusenbauer seine Trauerbekungung abgeben musste, akzeptiert Ludwig S. nicht als Entschuldigung: „Wenn man eine Sprechstunde ausmacht, sollte man schon kommen“, empört sich der Steirer, dass Gusenbauer es nicht pünktlich zum Telefontermin der „Kleinen Zeitung“ geschafft hat. Noch mehr empört er sich am nächsten Tag, dass Gusenbauer nicht, wie zugesagt, bei ihm angerufen hat: „Politikern kann man nichts glauben. Dem Gusenbauer schon gar nicht.“

Immerhin, bei manchen gelingt es dem Kanzler, das Ziel seiner Tour zu erreichen und Vertrauenspunkte zu sammeln. Sandra ist 14 Jahre alt und würde gern auf ein Konzert gehen. Das fängt aber zu einer Zeit an, zu der Sandra laut dem Jugendschutzgesetz schon zu Hause zu sein hat. „Dann nimmst halt Papa und Mama mit“, rät der Kanzler, als er es doch noch in die Telefonsprechstunde geschafft hat. „Das will ich aber nicht“, klagt Sandra. Die Ausnahmegenehmigung vom Gesetz, die Sandra sich wünscht, erteilt der Kanzler ihr nicht. Auf dem kurzen Amtsweg findet er doch eine Lösung: Die Eltern müssen ihr schriftliches Einverständnis geben – und dann wird ein SPÖ-Mitarbeiter mit ihr auf das Konzert marschieren, verspricht er.

Immerhin dürfen bei der nächsten Wahl auch 16-Jährige wählen.