Reportage: „Was glänzt denn hier?“

Das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen Computertechnologie und Agrikultur, wurde den Hindu-Nationalisten bei den Wahlen zum Verhängnis.

Der Schwarzweißfernseher ist sorgfältig mit einem grauen Tuch abgedeckt. Über dem guten Stück der Wohnstube des Bauern Jairam Reddy verblassen langsam die Farben eines Fotos. „Mein Sohn“, sagt der 61-jährige Mann. „Er ist vor 18 Monaten gestorben.“ Nur zögernd rückt Jairam Reddy mit der vollen Wahrheit heraus: Der 28-jährige Sohn Srinivas war damals in den frühen Morgenstunden auf ein Feld am Dorfrand gegangen und hatte dort aus einer Flasche Pestizide getrunken – ein qualvoller Tod, den während der vergangenen vier Jahre insgesamt 3000 Bauern im Bundesstaat Andhra Pradesh wählten.

„Srinivas wusste nicht mehr weiter“, sagt sein Vater in dem kleinen Dorf Gummadidala rund 60 Kilometer südöstlich von Hyderabad, der Hauptstadt des Bundesstaats Andhra Pradesh. „Er hatte wegen der Pestizide zu viele Schulden.“ Der junge Bauer hatte Baumwolle angepflanzt, weil dafür bessere Preise gezahlt wurden als für Gemüse und Getreide. Parasiten befielen die Pflanzen. Ein Pestizidhändler, gleichzeitig Kredithai in Gummadidala, schwatzte dem jungen Mann ein nutzloses Mittel nach dem anderen auf – und erteilte großzügig Vorschuss.

Die Baumwolle ging trotzdem ein. Schließlich stand Srinivas vor einem Berg von Schulden, sah keinen Ausweg mehr und brachte sich um. Jetzt erinnern nur noch zwei Dinge an den toten Sohn: das verblassende Foto und die jährliche Zinszahlung von 20.000 Rupien (400 Euro). An eine Tilgung der Kreditschulden in Höhe von 300.000 Rupien (6000 Euro) ist nicht zu denken.

Srinivas Reddy hegte einen kleinen Traum, der ihm zum Verhängnis wurde: Statt eines Schwarzweißfernsehers sollte ein Farbfernsehgerät ins Haus, das Fahrrad durch ein Moped ersetzt werden. „Er wollte leben wie die Leute in Hyderabad“, sagt sein Vater mit einem leichten Zittern in der Stimme.

Nur 60 Kilometer ist die Hauptstadt des Bundesstaats Andhra Pradesh von Gummadidala entfernt, doch zwischen den beiden Orten liegen Welten. Strom gibt es im Dorf nur unregelmäßig. Das Telefon funktioniert meistens, aber die Bauern drehen jede Rupie um, bevor sie den Hörer abheben. Die Einwohner von Gummadidala sind froh, dass seit einigen Monaten wenigstens hin und wieder ein Eisverkäufer auftaucht, der durch die Lehmgassen des Dorfes zieht und an die blau-gelb gestrichenen Holztüren der niedrigen Katen anklopft. Das nächste Internetcafé ist zwölf Kilometer entfernt.

Doch nachts können die Bauern von Gummadidala das Licht sehen, das wie ein Glorienschein den dunklen Himmel über „Cybercity“ – wie Hyderabad auch genannt wird – erleuchtet. Glaspaläste voller Boutiquen mit internationaler Markenware verdrängen alte Villen und Paläste, die einst den Maharadschas und deren Gefolge gehörten. Junge Leute bevölkern Kneipen und Restaurants, um ihren Hals baumeln die Hausausweise, die Firmen in der Computerindustrie an Mitarbeiter verteilen. Auf dem Flughafen landen Maschinen aus der Golfregion und Südostasien. Selbst Microsoft-Chef Bill Gates setzt angesichts niedriger Löhne und eines kulanten Fiskus auf den Standort Hyderabad.

Die Computerindustrie sorgt heute für rund zehn der insgesamt 60 Milliarden US-Dollar umfassenden Exporterlöse Indiens. Aber sie bietet nur eine Million Arbeitsplätze. 250 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Bevölkerung, hangeln sich an der Armutsgrenze entlang. Zwei Drittel aller Inder leben von der Landwirtschaft. „Keiner hier will, dass seine Kinder Bauern bleiben“, sagt Manda Balram Reddy von der „Föderation der Bauernvereinigungen“, die im Bundesstaat Andhra Pradesh rund 1000 Organisationen vereint.

„Was glänzt denn hier?“, fragt der 24-jährige Jaipaul S. in Gummadidala, dessen Vater zu den begüterten Bauern des Dorfes zählt und der sich gerade zum Techniker ausbilden lässt. Die Frage spielt auf die optimistische Werbekampagne der Hindu-Nationalisten unter Führung von Atal Bihari Vajpayee an, die mit dem Slogan „Glänzendes Indien“ versucht hatten, Indiens Wähler mit ihren ökonomischen Errungenschaften der vergangenen fünf Jahre zu beeindrucken.

Doch in den Städten blieb die Mittelklasse, denen Vajpayees „Bharatiya Janata Party“ (BJP) wochenlang erklärt hatte, der Wahlsieg sei sicher, zu Hause. Im Bundesstaat Gujarat brachen die Hindu-Nationalisten in jenen Regionen ein, wo sie während der vergangenen zwei Jahre mehr als 2000 Moslems massakriert hatten. Auf dem Land schürte die Kampagne die Furcht der Bewohner, endgültig links liegen gelassen zu werden.

Die Folge: Im Bundesstaat Andhra Pradesh wurde Chandrababu Naidu, der wichtigste und zuverlässigste Koalitionspartner der BJP, abgewählt. Jaipaul in Gummadidala kennt den Grund: „Er hat nichts für uns, aber alles für die Stadt getan.“