Rindesweglegung: Pferdefleischskandal in Österreich

Rindesweglegung: Pferdefleischskandal in Österreich

Am Freitag erreichte der europäische Pferdefleischskandal auch österreichische Tiefkühltruhen. Die Spur des Fleisches führt um den halben Globus.

Von Sebastian Hofer und Elisabeth Postl

Das Produkt „kann Spuren von Soja enthalten“ sowie weiters: „Hartweizengriess (sic!), Wasser, 13 % Rindfleisch gegart, Tomatenmark, Eier (aus ­Bodenhaltung), Weizenmehl, Karotten, Speisesalz, Dinkelschrot, Gewürze, Kräuter, Rapsöl, Tomaten getrocknet, Hefe.“ So weit die Inhaltsangabe auf der Rückseite von „Tortelloni Rindfleisch“ der Marke Combino, erhältlich beim Lebensmitteldiskonter Lidl. Beziehungsweise nicht mehr erhältlich, denn am Freitagmittag ergänzte die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) die offizielle Zutatenliste um eine geheime Ingredienz: Pferdefleisch.

Der europaweite Fleischskandal ist doch noch in Österreich, der Insel der seligen Gütesiegel, gelandet. Carolin Krejci, Leiterin der Abteilung Lebensmittelrecht, -sicherheit und -qualität im Gesundheitsministerium, wollte am Freitag nach der Veröffentlichung der AGES-Testergebnisse nicht ausschließen, dass noch mehr Pferdefleisch gefunden wird. Immerhin wurden erst zwei von 28 Proben ausgewertet, weitere Tests waren Freitagabend noch ausständig. Die Schuldab- und -zuweisungen liefen zu diesem Zeitpunkt dagegen schon auf Hochtouren. Lidl-Österreich-Sprecher Hansjörg Peterleitner erklärte gegenüber profil: „Wir sind aus allen Wolken gefallen. Lidl hat von den Ergebnissen selbst erst aus den Medien erfahren. In die Produktion dieses Produkts ist Lidl nicht involviert, wir vertreiben es lediglich.“ Noch am Freitagvormittag hatte die deutsche Lidl-Zentrale selbstbewusst vermeldet, nicht vom Pferdefleischskandal betroffen zu sein, übrigens im Unterschied zur innerdeutschen Konkurrenz bei Edeka, Konsum und Real.

Überall Opfer und Unschuldige
Die empörte Unwissenheit der Lebensmittelriesen ist nicht unglaubwürdig. Die Spur des Fleisches verläuft auf verworrenen Pfaden und bleibt auch für direkt in die Handelskette involvierte Parteien bisweilen undurchsichtig. Als Produzent der von der AGES inkriminierten Lidl-Tortelloni ist auf der Verpackung eine Gusto GmbH in Stuttgart angegeben, als Produktionsort allerdings Liechtenstein, und tatsächlich stammen die Teigwaren aus einer Anlage der dort ansässigen Hilcona AG. Auch dort: bei Anruf Fragezeichen.
Im Moment wird ermittelt, wo und von wem die beteiligten Pferde letztlich zu Rindern ernannt wurden. Ihr Schicksal ähnelt jenen, die in britischen Tiefkühllasagnen landeten und den Skandal vor einer Woche auslösten. Am Freitag wurden neue Details der dahinterliegenden Fleischverteilungskämpfe publik und mit ihnen auch neue Einzelheiten über die lange Reise dessen, was letztlich als Beef-Lasagne im britischen Supermarkt lag.

Im Zeitraffer: Der Lebensmittelkonzern Findus kauft Lasagne beim französischen Fertignahrungsproduzenten Comigel, die dieser von der Firma Tavola in Luxemburg aus Fleisch herstellen lässt, das er beim französischen Lieferanten Spanghero erwirbt, der es von dem belgischen Zwischenhändler Draap Trading Ltd. kauft, der eigentlich ein zypriotischer Konzern ist, im Eigentum der Hermes Guardian Ltd. von den britischen Jungferninseln steht und sich von zwei rumänischen Großschlachthöfen beliefern lässt. Viele Kilometer für billiges Fleisch also.

Wo man in dieser langen Verwertungskette auch ansetzt: überall Opfer und Unschuldige. Nur einer spricht offen über das Pferdefleisch – einer, der auch wissen muss, wo es herkommt: der Chef des Fleischhändlers Draap Trading, Jan Fasen. Daap Trading soll Pferdefleisch von rumänischen Schlachthöfen an französische Unternehmen – unter anderem an die mittlerweile von den französischen Behörden geschlossene Lebensmittelfabrik Spanghero – weiterverkauft haben. Er gibt an, dass seine Kunden von der tatsächlichen Fleischsorte gewusst hätten. Spanghero bestreitet dies bislang: „Wir haben mit Fleisch gehandelt, das als Rindfleisch aus der EU etikettiert war.“ Zwar meint Fasen, dass „sein Pferdefleisch“ nicht jenes sei, das in der Lasagne gelandet ist; dennoch bietet sein Fall einen seltenen Einblick in die langen Wege des Pferdefleischs rund um den Globus.

Falsche Etiketten
Über Jahre hatte der niederländische Unternehmer südamerikanisches Pferdefleisch als halal-zertifiziertes Rindfleisch nach Frankreich verkauft. Für den Betrug wurde er im Jänner 2012 zu insgesamt zwölf Monaten Haft verurteilt – Fasen ging in Berufung und betreibt weiterhin seinen Fleischhandel. Pikant, im wahrsten Sinne des Wortes: Das „Draap“ im Firmennamen Draap Trading ergibt rückwärts gelesen das holländische Wort „Paard“ – Pferd.

Von 2007 bis 2009 beklebte Fasens Unternehmen Pferdefleisch mit falschen Etiketten und machte es so zu „Rindfleisch aus Deutschland“. In Wahrheit stammte das Fleisch meist aus Argentinien, Mexiko oder Brasilien, manchmal auch aus Kanada. Über gefälschte Rechnungen verschleierte er die Herkunft seiner Ware. Mit einem gefälschten Halal-Zertifikat wurde das Fleisch direkt an französische Kunden weitergeschickt, die somit gefälschte Rechnungen, gefälschte Zertifikate und im Endeffekt gefälschtes Fleisch in den Händen hielten. Fasen behauptete im Prozess, dass seine Abnehmer gewusst hätten, dass das Fleisch tatsächlich Pferdefleisch war. Im aktuellen Fall soll Fasen 750 Tonnen Pferdefleisch – er sagt: auch als solches deklariert – an die Spanghero-Fabrik in Frankreich verkauft haben. Den „Guardian“ ließ er wissen, er habe nichts mit „diesem schrecklichen Verbrechen“ zu tun. „Was da passiert, ist zu blöd, um es in Worten auszudrücken.“ Und offenbar zu kompliziert, um von den behördlichen Kontrollen rechtzeitig entdeckt zu werden.

Ob Spanghero auch für das Pferdefleisch in den österreichischen Tortelloni verantwortlich ist, war zu Redaktionsschluss noch unklar. Von den 750 Tonnen Pferdefleisch der Fabrik wurden immerhin 550 Tonnen an Comigel verkauft, der unter anderem hinter den Funden in Großbritannien steckt. Comigel bereitete aus den 550 Tonnen Fleisch 4,5 Millionen Fertiggerichte zu, die an mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern verschickt wurden. Welche Länder das sind, weiß derzeit nur Comigel.

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