Rock: In Dino veritas

Dank der Kaufkraft ihrer alternden Fans und des Respekts der jungen Musikszene scheinen aktive Altstars wie die Rolling Stones, The Who oder Pink Floyd fester denn je im Sattel zu sitzen. Ist der Generationenkonflikt im Rock überwunden?

In seinem kürzlich erschienenen Buch „White Bicycles“ beschreibt der legendäre Produzent Joe Boyd eine Anekdote aus dem nicht minder legendären UFO Club, den er 1967 im Londoner West End betrieb. Pete Townshend von The Who habe während des gesamten Auftritts seiner damaligen Lieblingsband Pink Floyd regungslos auf die Bühne gestarrt. Als Boyd den tief in seinen LSD-Rausch versunkenen Rockstar ansprach, zeigte Townshend nur auf den offen stehenden Mund des Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters und sagte: „Da! Er will mich schlucken.“

Niemand hätte in jenen drogenumnebelten Zeiten des rasenden Wandels vorauszusagen gewagt, dass die beiden Protagonisten dieser Episode, inzwischen Rock-Dinosaurier par excellence, einander knapp 40 Jahre später als Headliner eines Festivals im Hyde Park begegnen würden. Der inzwischen von Pink Floyd getrennte Waters hatte eine um Originalschlagzeuger Nick Mason verstärkte Band versammelt, um das 1974 eingespielte klassische Floyd-Album „Dark Side of the Moon“ in voller Länge vorzutragen. The Who wiederum lieferten tags darauf ein kraftvolles Konzert rund um erprobte Gassenhauer wie „Won’t Get Fooled Again“, „Pinball Wizard“ oder „My Generation“ inklusive der angesichts des frühen Ablebens von Schlagzeuger Keith Moon (1978) und Bassist John Entwistle (2002) zur tragischen Referenz mutierten Zeile „Hope I Die Before I Get Old“.

Ehe die beiden überlebenden Who-Mitglieder Pete Townshend und Roger Daltrey – unterstützt von Bassist Pino Palladino, Ringo Starrs Sohn Zak Starkey am Schlagzeug, Keyboarder John Bundrick und Pete Townshends Bruder Simon – bei Sonnenuntergang auf die Bühne gingen, hatte die populäre junge Band Razorlight die Rolle des Anheizers übernommen. Eine Woche später sollten The Who sich beim „T in the Park“-Festival in Kinross, Schottland, mit aktuellen Bestsellern wie Franz Ferdinand und Red Hot Chili Peppers die Hauptrolle teilen.

Noch vor wenigen Jahren wäre eine derartige Mischung der Generationen gefährlich unstimmig erschienen. Doch der als fixes Ritual der Rockmusik einst so leidenschaftlich geführte Generationenkonflikt scheint heute keine Rolle mehr zu spielen. Ganz im Gegenteil.

Tour. Die Wagenkolonne der aktuellen Welttournee von The Who begleiten zwei silberne Airstream-Wohnwagen. Einer davon dient als mobiles Studio für die Online-Chat-Show „In the Attic“, die Townshends junge Freundin Rachel Fuller gestaltet. Vor jeder Show bitten Fuller, ihr hysterischer Kumpel Mikey Cuthbert und Townshend selbst eine Auswahl der Bands, die am gleichen Abend mit The Who auftreten werden, zu einem informellen Interview in den Trailer – wenn möglich gleich mit Instrumenten zwecks spontaner Jam-Session. Über die Website www.thewholive.tv gingen so in den vergangenen Wochen erstaunliche Szenen in grobkörniger Qualität um die Welt. Die Flaming Lips etwa gaben eine in Moll gehaltene Version des alten Who-Hits „I Can’t Explain“ zum Besten, während E von den Eels zusammen im Duett mit Pete Townshend „Substitute“ sang. Von den Editors über die Fratellis bis zu The Kooks finden sich die frischen Gesichter der alternativen Rock- und Popszene bereitwillig zur Audienz beim alten Meister ein.

„Die Gäste der Webcast-Show meiner Freundin sind fast alle jung genug, um meine Kinder zu sein“, schrieb Townshend in seinem Internet-Tagebuch. „Rachel und ich sind erstaunt darüber, wie bescheiden und respektvoll sie sind.“ Ebenso überrascht zeigt er sich über die Reaktionen ihrer jungen Konzertbesucher: „Ich frage mich, wie es eigentlich kommt, dass so viele von ihnen den Text zu Elvis Presleys ,I Can’t Help Falling In Love With You‘ auswendig kennen, den ich in meinem Song ,Real Good Looking Boy‘ über das Aufwachsen in den Fünfzigern zitiert habe – aber sie singen zu Zehntausenden mit.“

Geld. In Wahrheit könnte Townshend die Antwort auf seine Frage an seinem Kontoauszug ablesen. Denn sowohl er als auch Elvis’ Erben gehören zu den Nutznießern eines anhaltenden Booms in der Neuvermarktung der Popgeschichte. Wenn The Who im Herbst 2006 ihr erstes neues Studio-Album seit einem knappen Vierteljahrhundert veröffentlichen werden, tun sie das einzig zur Befriedigung von Townshends und Daltreys künstlerischem Selbstwertgefühl. Sowohl ihren Vermögensverwaltern als auch der Kritik würde es vermutlich reichen, weiter von den Früchten der Vergangenheit zu zehren. Denn im Zeitalter eines rapide schrumpfenden Tonträgermarkts schießen sich Medien, Musikindustrie und Veranstalter zunehmend auf das einzige verlässlich gebliebene Käufersegment ein: die Zielgruppe der nostalgischen über 30-Jährigen.

Während im Popmutterland Großbritannien die an jungem Publikum orientierte Fachpresse ausgedünnt ist, regieren auch am Markt der lukrativen Monatsmagazine Titel wie „Mojo“, „Uncut“, „Q“ oder „Word“, die allesamt auf eine dem klassischen Fanalter längst entwachsene Leserschaft zielen. Seit Jahren rotiert nun schon dasselbe limitierte Aufgebot an Porträts Bob Dylans, der Beatles und der Stones, Coverstorys über die Karrieren von The Who, Pink Floyd oder David Bowie sowie der großen Stars der Punk-Ära wie The Clash, Sex Pistols und The Jam. Der Kampf um die Gunst der Midlife-Klientel verträgt offensichtlich keine Experimente.

Medien. Kein Wunder also, dass sich diese mediale Dominanz der Popvergangenheit auch in den Geschmäckern des jüngeren Publikums und dem nun schon seit einigen Jahren beständigen Nachschub an klassizistisch gepolten neuen Bands reflektiert – von den Strokes über die White Stripes und Franz Ferdinand bis zum aktuellen Hardrock-Phänomen Wolfmother. Kein Wunder auch, dass all diese Bands im Unterschied zu nassforschen vorangegangenen Generationen keinerlei Anstalten mehr machen, sich von ihren Altvorderen zu distanzieren. Bei einem potenziell kaufkräftigen Publikum von zehntausenden Live-Zusehern und angesichts von Zugriffen auf Streams und Podcasts in Millionenhöhe wäre es geradezu fahrlässig, eine Einladung in Pete Townshends Wohnwagen abzulehnen, wie das bisher übrigens einzig die grundsätzlich kamerascheuen Arctic Monkeys gewagt haben.

Selbst im popkulturell unterentwickelten Österreich macht sich die proportional steigende Kaufmacht erwachsener Pophörer bemerkbar. Laut Marktbericht der IFPI Austria, des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft, wuchs die stärkste Käufergruppe, die 30- bis 39-Jährigen, 2005 von 24 auf 26 Prozent an. Insgesamt sorgen die über 30-Jährigen inzwischen für satte zwei Drittel aller Umsätze.

Auch bei Konzerten erfreuen sich Acts, die ein älteres Publikum mit entsprechend tieferen Taschen anlocken, großer Beliebtheit. So kosten etwa zwei volle Tage bei dem auf ein junges Publikum zugeschnittenen FM4-Frequency-Festival, besetzt mit Stars wie Muse, Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, Morrissey, The Prodigy, Wir Sind Helden und Kaiser Chiefs, 88 Euro – während die Fans der Stones vergangenen Freitag in Wien etwa denselben Betrag für einen einzigen Abend mit Jagger und Richards hinblätterten. Das Privileg, David Gilmour und Rick Wright von Pink Floyd auf der Burg Clam im Sitzen zuhören zu können, kostet gleich stolze 99 Euro.

Die Tourneen der Rock-Senioren kurbeln auch das Geschäft mit ihrem Jugendwerk weiter an, und der Strom an immer neuen CD-Box-Sets, DVDs und Remasters nimmt kein Ende. Als die drei verbliebenen Mitglieder von Pink Floyd sich kürzlich in London einer Pressekonferenz zum Erscheinen ihrer DVD „Pulse“ stellten, die als Aufhänger die erste vollständige Live-Version von „Dark Side of the Moon“ in 5.1-Stereo-Qualität enthält, merkte Schlagzeuger Nick Mason ironisch an: „Mir scheint, diese historischen Anlässe ereignen sich mittlerweile schon jährlich.“ Seitens der Journalisten kamen bloß ehrfürchtige Anfragen nach den Aussichten auf eine neuerliche Wiedervereinigung mit Roger Waters. Schließlich waren die Verkäufe der Hit-Compilation „Echoes“ unmittelbar nach Pink Floyds kurzem Auftritt bei „Live 8“ im Vorjahr um sagenhafte 1300 Prozent gestiegen. „Wir werden alle weiter unseren Geschäften nachgehen“, zerstreute David Gilmour verfrühte Hoffnungen auf eine Reunion. Der 60-Jährige kann sich seine Schnoddrigkeit leisten: Gilmours jüngstes Solo-Album „On an Island“ stieg im März dieses Jahres auf Platz eins der britischen Charts ein.

Von Robert Rotifer
Mitarbeit: Mathias Christoph Mayer