Rohöl: Essig mit Öl

Weil die Nachfrage nach Öl beständig steigt, geraten die Ölproduzenten zunehmend unter Druck: Es gibt zwar reichlich Rohöl, aber nicht genügend Kapazitäten, um es aus dem Boden zu pumpen.

Er muss ziemlich verzweifelt sein. Was sonst kann den Indonesier Purnomo Yusgiantoro zu diesem flehentlichen Appell getrieben haben? Der Mann ist Präsident der mächtigen OPEC. Jenem Staatenkartell also, dessen Mitglieder mehr als ein Drittel des weltweiten Ölbedarfs decken und solcherart bisher in der Lage waren, die Preise für den Rohstoff mehr oder weniger zu diktieren.

Doch am Montag der vergangenen Woche war dem OPEC-Präsidenten nicht nach der üblichen Machtdemonstration zumute. Er schlüpfte in die Rolle des Bittstellers: „Wir rufen die Länder auf, die nicht Mitglied der OPEC sind, ihre Produktion zu erhöhen“, formulierte Yusgiantoro.

Der Hilferuf des Ölkartells kam nur wenige Tage, nachdem die Internationale Energieagentur (IEA) mit neuen Zahlen geschockt hatte: Obwohl die Rohölpreise kürzlich den höchsten Stand seit 21 Jahren erreicht hatten, musste die Agentur ihre Prognose für die Nachfrage nach Rohöl nach oben revidieren – und zwar um eine Menge von täglich 360.000 Barrel (je 159 Liter). Demnach wird der Bedarf im laufenden Jahr wegen der boomenden chinesischen Wirtschaft und der anlaufenden Konjunktur in den USA um 2,9 Prozent steigen – auf 81,1 Millionen Barrel. Täglich. Das ist der stärkste Zuwachs seit 1980 – seitdem hatte sich der Zuwachs beim Verbrauch auf durchschnittlich 1,6 Prozent eingependelt.

Jetzt steht die OPEC mit dem Rücken zur Wand. Das Kartell hat kaum mehr Möglichkeiten, den weltweiten Energiehunger zu stillen, und ist damit seiner wichtigsten Waffe zur Ölmarktkontrolle verlustig gegangen. Rohöl ist zu einem denkbar knappen Gut geworden.

Wie paradox die Situation ist, offenbarte die am Dienstag vergangener Woche präsentierte Jahresstatistik des Ölkonzerns British Petroleum. Laut dem jährlich erscheinenden „Statistical Review“ erhöhten sich die weltweiten Rohölreserven im Jahr 2003 um zehn Prozent auf 1,15 Billionen Barrel (siehe Grafik). „Es gibt ausreichend Ölreserven, um die weltweite Nachfrage noch 40 Jahre lang zu befriedigen“, meinte denn auch BP-Chef John Browne anlässlich der Veröffentlichung der Statistik.

Engpass. Was er bei seiner Beschwichtigungsoffensive allerdings unerwähnt ließ: Rohöl ist zwar vorerst tatsächlich noch reichlich vorhanden. Es hapert allerdings an entsprechenden Möglichkeiten, den Rohstoff aus dem Boden zu pumpen.

Das liegt daran, dass sowohl die Produzentenländer als auch die Mineralölkonzerne in den vergangenen 20 Jahren kaum in neue Förderkapazitäten investiert haben. „Sie haben alle von den Überkapazitäten gelebt“, konstatiert etwa Sandra Ebner, Ölmarktexpertin der deutschen Deka-Bank, „und das rächt sich jetzt.“ Hans Strassl, Chef von BP Austria, führt für dieses Verhalten ökonomische Motive ins Treffen. „Die Ölpreise waren zu niedrig, um solche Investitionen rentabel zu machen. Also haben alle die Produktion bewusst zurückgefahren.“

Dazu kommt, dass die Nachfrageprognosen vor einem Jahr noch ganz anders ausgesehen hatten. Experten sprachen damals noch von einer Überproduktion: Nach dem Krieg gegen den Irak werde das Land, so hieß es unisono, bald als vollwertiger Ölproduzent am Markt präsent sein. Sie täuschten sich, indem sie einerseits die Effektivität des Widerstandes gegen die US-Truppen sowie den Organisationsgrad der al-Qa’ida-Kräfte in Saudi-Arabien unterschätzten (siehe auch Saudi-Arabien-Story im Auslandsteil) und andererseits die stark ansteigende Nachfrage der boomenden Volkswirtschaften in China, Indien und den USA nicht ausreichend berücksichtigten.

Jetzt wird Öl gepumpt, was das Zeug hält. Allen voran von der OPEC. Sie hat kürzlich beschlossen, ihre tägliche Produktion per 1. Juli um zwei Millionen Fass auf 25,5 Millionen Barrel auszuweiten. Ab August werden weitere 500.000 Barrel zusätzlich auf die Märkte gelangen. Tatsächlich soll die Organisation nach inoffiziellen Expertenschätzungen bereits 29,55 Millionen Barrel täglich auf den Markt werfen – ein absoluter Rekord in der 44-jährigen Geschichte des Kartells.

Doch jetzt wird es schön langsam eng. Deka-Bank-Expertin Ebner: „Die OPEC hat nur noch etwa eine Million Barrel an freien Kapazitäten zur Verfügung. Das ist ein historisch niedriges Niveau.“ Anfang der neunziger Jahre etwa hatte dieser Polster noch sechs bis acht Millionen Barrel betragen und es ermöglicht, den Weltmarktpreis durch Auf- beziehungsweise Zudrehen des Ölhahns beinahe nach Belieben festzusetzen.

Das nun vom Ölkartell an andere Produzentenländer gerichtete Ersuchen, die Förderung zu steigern, ist keineswegs leicht zu erfüllen. Russland, der größte Ölexporteur, hat zwar weniger Probleme mit Förderkapazitäten – dafür muss noch eine Menge Geld in Pipelines investiert werden. Und Norwegen, nach Russland und Saudi-Arabien drittgrößter Ölexporteur, hat ebenfalls bereits abgewunken: Das Land fördere bereits mit voller Kapazität, bedauerte ein Sprecher des Energieministeriums in Oslo vergangene Woche.

Ausgeschöpft. Auch in anderen Nicht-OPEC-Ländern bringt der Schlachtruf „Alle Mann an die Pumpen!“ herzlich wenig – mangels Pumpen. Experten zufolge schöpfen die meisten Staaten ihr jeweiliges Förderpotenzial – wegen der zurzeit besonders attraktiven Ölpreise – ohnedies bereits so weit wie möglich aus. „Es gibt betriebswirtschaftlich überhaupt keinen Grund, nicht so viel wie möglich zu fördern“, meinte Oliver Franz, Energieexperte der ING-BHF-Bank, kürzlich in einem Zeitungsinterview.

Laut IEA wird der weltweite Verbrauch an Rohöl bis zum Jahr 2030 auf täglich 120 Millionen Barrel steigen. Um mit dieser rasant steigenden Nachfrage auch angebotsseitig Schritt halten zu können, seien im Ölsektor im gleichen Zeitraum Investitionen von etwa drei Billionen Dollar notwendig.

Doch gegen die momentane, akute Knappheit können solche Maßnahmen wenig ausrichten. Bis sich Investitionen in höhere Förderkapazitäten am Markt auswirken, vergehen laut BP-Austria-Chef Strassl „fünf bis acht Jahre“. Trotzdem scheint der Ausbau der Förderanlagen derzeit weltweit oberstes Gebot zu sein. Gerald Grohmann, Chef des Förderanlagen-Ausstatters Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment (SBO), spürt das jedenfalls in bemerkenswertem Ausmaß: „Das vergangene Jahr war für uns sehr schwierig“, berichtet Grohmann, „weil nur wenig investiert wurde. Offenbar glaubte damals niemand an einen nachhaltig höheren Ölbedarf.“ Heuer ist das anders. „Unsere Auftragseingänge sind um 20 Prozent gestiegen“, erklärt der SBO-Chef.

Der BP-Konzern etwa buttert seit Jahresbeginn beträchtliche Summen in die Steigerung der Ölförderung. Die Rentabilitätskriterien wurden kurzerhand gelockert. „Pro Jahr sollen acht bis neun Milliarden Dollar in die Exploration investiert werden“, so BP-Boss Strassl.

Wann sich solche Investitionen beruhigend auf die Rohölmärkte auswirken werden, wagt allerdings auch er nicht zu prognostizieren.

Hingegen ist sich Deka-Bank-Analystin Ebner – sowie übrigens auch die Mehrzahl ihrer Kollegen – sicher, dass Rohöl auf mittlere Sicht teuer bleiben wird. Dass die Preise in den vergangenen Tagen leicht zurückgegangen sind, ändert nichts an der Prognose: „Das sind kurzfristige technische Reaktionen auf die Ankündigung der OPEC, die Förderung auszuweiten.“

Auch OPEC-Präsident Yusgiantoro hütet sich, Hoffnungen zu schüren. „Die Ölpreise werden wohl wieder steigen“, meinte er vergangene Woche achselzuckend. Das Kartell habe jedenfalls alles in seiner Macht stehende unternommen. Für die Preisentwicklung seien derzeit jedoch Faktoren verantwortlich zu machen, „über die wir keine Kontrolle haben“.