Rotlichtszene: Die verlorene Ehre der Strizzis

Einst herrschte ein strenger Ehrenkodex am Wiener Gürtel. Doch der Verfall der Sitten im Milieu bringt nun auch die Polizei in Verruf. Eine Reise ins Rechtsempfinden der Halbwelt.

Die Damen im „Pour Platin“ langweilen sich blendend. Das gute Dutzend Tische im schummrigen Lokal, auf denen sonst Sektkübel und Bouteillen gute Unterhaltung verheißen, ist zur Gänze verwaist. Die flankierenden Theken links und rechts haben noch keinen Gast gesehen. Eine Einsame, die sich an der obligaten Go-go-Stange auf der kleinen Tanzfläche entlangrekelt, verliert dienstbeflissen ihre beiden einzigen Textilien.
Das Flaggschiff unter den Gürtellokalen ist leer.

In der Bar gegenüber schlagen die Sexworkerinnen in Spitzen-BH und Stringtanga mit Uno-Karten die Zeit tot. Die Blicke von zehn bis zwanzig Mädchen treffen schlagartig auf die raren Besucher, die das „Pour Platin“ betreten. Die Damen umschwärmen die potenzielle Kundschaft. Sie sind höflich, freundlich, schmiegen sich an, ohne aber aufdringlich zu sein. Viktoria, Claudia, Jeanette. Aus Rumänien, der Ukraine und Ghana. Namen und Länder sind so austauschbar wie die Bars und Clubs, in denen sie genannt werden.

Vielleicht liegt es daran, dass es mitten in der Woche ist. Vielleicht daran, dass kurz vor Mitternacht der Abend noch nicht begonnen hat. Doch seit die Polizei durch angebliche Milieukontakte für Schlagzeilen sorgt, ist es still geworden am Gürtel. Bosse und Bugln halten sich im Hintergrund, Gäste fürchten um die sonst selbstverständliche Diskretion. Nicht nur die Wiener Polizei, auch das Rotlicht ist ein wenig in die Krise geschlittert.

Die Rückkehr des ehemaligen Gürtelkönigs Harald Hauke und sein Feldzug um Gerechtigkeit haben die Szene aufgemischt. Hauke hat eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen, er soll zwei Prostituierte zum Analverkehr gezwungen haben. Für seine Verhaftung machte er seinen Rivalen, den Ex-Jugoslawen Richard Steiner, verantwortlich. Der soll diese Intrige gestartet haben, um ihn als Gürtelkönig zu beerben. Steiner bestreitet das. Doch der Kleinkrieg der beiden, in den auch die Wiener Polizei verwickelt wurde, schadet der ganzen Branche.

Einst war das „Pour Platin“ das Machtzentrum der Gürtelwelt gewesen. Sein legendäres Faktotum, der über zwei Meter große Türsteher „Rocky“, hat Bosse kommen und gehen sehen. In den siebziger und achtziger Jahren hielt der damalige Gürtelkönig „Ederl“ hier noch jeden Dienstag den „Rapport“. Alle Souschefs der Rotlichtszene versammelten sich im einstigen Ausnahmelokal zur Befehlsausgabe. Wer fehlte, brauchte eine gute Entschuldigung. Oder einen guten Arzt.
Damals galten noch strenge Regeln.

Erst seit den wilden Zeiten eines Harry Hauke in den späten Achtzigern sollen die Sitten am Gürtel langsam verfallen. Seinem Stiefvater, Karl Kolar, war immer Handschlagqualität nachgesagt worden. Dem Sohn, für den oft private Boxkämpfe am Wiener Mittersteig organisiert wurden, um sich auszutoben, ließen viele oft zu vieles durchgehen. So soll es auch Hauke gewesen sein, der den nun berüchtigten „Repic“, übersetzt: „den Zopf“, engagiert haben soll. Der gelangte kürzlich durch sein Hochzeitsvideo zu zweifelhaftem Ruhm, da sich darauf auch ein Kriminalbeamter findet, der angeblich nicht nur beruflich mitfeiert. Repic soll mittlerweile aufseiten Steiners zu finden sein. Doch seit der die Geschäfte hauptsächlich von seiner Villa in der Dominikanischen Republik aus via Videokonferenzen und Internetschaltungen führt, vergrößert sich das Machtvakuum im Milieu.

Viel Blut, viel Uniform. Spielregeln gehen verloren, die Strizziehre vor die Hunde. Damit werden Konflikte nun nicht mehr hinter den Kulissen der Szene, sondern offen ausgetragen. Was auch dem Rechtsstaat nicht zum Vorteil gereicht: Sorgten die Bosse für Ruhe und Ordnung im Milieu, hatte die Polizei weniger Grund einzuschreiten. Die Faustregel lautete: Je mehr Blut und Drogen, desto mehr Uniformen, desto weniger Kundschaft.

„Die Aufrichtigkeit ist gestorben“, klagt ein pensionierter Gürtelgrande. „Früher hat man die Dinger unter sich ausgemacht. Das war klar gegen den Ehrenkodex, die Sache nach außen zu tragen.“ Aber heute herrsche „nur noch die Intrige. Jeder versucht das schnelle Geld zu machen.“ Früher waren Nebengeschäfte mit Rauschgift die Ausnahme. Heute kann die Polizei die Szene nicht mehr so klar trennen.

Die Machtverteilung war klar geregelt: Wer ein Lokal eröffnen wollte, musste erst fragen. Dann zahlen. Für die rechte Gürtelseite den schon verstorbenen „Wessely“, für die linke den „Ederl“. Nur der „Rote Heinzi“ mit seinen Bars am unteren Gürtel und „der Einäugige“, der einst einen Kopfschuss überlebte, hatten immer eine Sonderstellung. Abseits des Gürtels war dafür auch kreative Lokalführung gestattet. So führt ein findiger Geschäftsmann sein Etablissement im zweiten Bezirk als politisches Parteilokal, um sich mit der Polizei leichter zu tun. Seine Kunden erwerben für die Dauer ihres Verbleibs einfach eine Parteimitgliedschaft.

Von solchen Auswüchsen abgesehen waren die Spielregeln immer klar, wenn auch der Umgangston nicht zimperlich: So wurde in einem Gerichtsverfahren um vermeintliche Schutzgelderpressung ein abgehörtes Telefongespräch zwischen zwei Milieuleuten aktenkundig, in dem einer dem anderen sinngemäß drohte, er werde ihm „den Schädel wegblasen“. Wobei das Faktum des möglichen Todes weniger Beachtung fand als die Formulierung an sich. Kaum war der Halbsatz ausgesprochen, drehte sich die Unterhaltung ausschließlich darum, wer der beiden Herren überhaupt befugt sei, dem anderen derartig zu drohen. Höflicherweise verblieb der Bedrohte sogar noch an der Strippe, als der gefährliche Anrufer kurz den Hörer zur Seite legen musste, um einzuparken. Die Staatsanwaltschaft konnte keine gefährliche Drohung erkennen.

In einem anderen Verfahren um Schmerzensgeld für einen durchlöcherten Oberschenkel nach einer abgemachten Schießerei in einer verlassenen Gegend legte der Zivilrichter den beiden Herren von Beginn an nahe, sich doch bitte einfach zu vergleichen. Sonst gelte im Milieu doch auch der legendäre Spruch: „Mir wer’n kan Richter brauchen!“

Im Klima eindeutiger Hierarchien wurden Respektlosigkeiten jeglicher Art sofort auch ernsthaft geahndet. Wer seine Mädchen eine halbe Stunde früher auf die Straße schickte als vereinbart, durfte mit handfesten Rügen rechnen. Wer versuchte, ohne Genehmigung der Gürtelnomenklatura ein Mädchen zu etablieren, schloss Bekanntschaft mit dem Baseballschläger. Sein Mädel wurde von der Gegenseite „kassiert“. Als in den achtziger Jahren ein motorisierter Streifenpolizist auf die Idee kam, sich mittels seiner Frau und deren Cousine am Straßenstrich ein Zubrot zu verdienen, traf ihn der Schuss einer Pumpgun in die Brust. Eine zierliche kleine Prostituierte nahm den Mord auf sich. An ihrem Schuldgeständnis hegte die Polizei aber immer Zweifel.

Milieumord. Auch die Russenmafia schaffte es nie wirklich in den Gürtelbereich. 1995 versuchte ein Menschenhändler sein Geschäftsfeld zu erweitern. Anstatt nur Mädchen aus Osteuropa zuzuliefern, versuchte der Russe sich auch mit eigenem Rotlichtetablissement zu verselbstständigen. Als er eines Nachts vor seiner Wohnung in Wien-Gersthof aus seinem Auto stieg, durchsiebten ihn 18 Schüsse aus einer halbautomatischen Maschinenpistole Marke Scorpion. Der Täter: ein Russe, der von Österreichern engagiert worden sein soll. Einer der vermeintlichen heimischen Hintermänner zog sich vor Gericht geschickt aus der Affäre. Er hätte, so gab er an, nur den Auftrag gegeben: „Schneits eam um!“ Was milieubedingt nicht notwendigerweise einen Mordauftrag impliziert, sondern auch auf eine vergleichsweise harmlose Abreibung hinauslaufen kann. Die organisierte russische Kriminalität versuchte es nicht weiter. Rotlichtgeschäfte rangieren in deren Prestigedenken ohnehin weit unten. Nun drücken eher Albaner mit als Videotheken getarnten Puffs – und oft mit Rauschgift – in die Szene. Sie bringen meist slowakische Mädchen nach Österreich. Daneben schaffen Bulgaren seit dem EU-Beitritt Rumäninnen heran.

Die Macht der Gürtelkapos stützt sich vor allem auf ihr Prestige: Kam einem Boss zu Ohren, dass „irgend so ein kleines Lichterl“ ein böses Wort über ihn verlor, musste der unverzüglich „einen blasen kommen“. Soll heißen: zu Kreuze kriechen und sich demütigen lassen. Dabei konnte es schon vorkommen, dass ihm vor dutzenden anderen die Waffe an den Kopf gesetzt wurde und er kniend um Vergebung flehte. Und egal, wie überzogen oder ungerechtfertigt die Maßnahme auch war, keiner würde sich die Respektlosigkeit leisten, für den Gedemütigten in diesem Moment Partei zu ergreifen. Ein Sakrileg ist es nach wie vor, einem anderen die Frau, Freundin – oder beide – auszuspannen. Wer entsprechende Gefühle für seines Nächsten Frau hegte, hatte die Dame seines Herzens auszulösen. Zahlungen von bis zu 10.000 Euro sollen keine Seltenheit gewesen sein.

Doch selbst im Machtkampf zweier Gürtelgrößen war eines garantiert: freies Geleit für Unterredungen. Selbst wenn dann über jemanden der Stab gebrochen wurde, ein Gürtel- oder Wien-Verbot verhängt, konnte der das Treffen noch unversehrt verlassen. Als „vogelfrei“ galt er erst danach. Erst über Ex-Gürtelkönig Harry Hauke erzählt man sich, er soll dieses eherne Gesetz verletzt haben. Bei einer dieser Unterredungen soll er dem „Burli“, so die Mär, einen seiner berüchtigten Kopfstöße verpasst und seinem Gegenüber damit die Nase gebrochen haben. Der soll daraufhin eine Waffe gezogen haben …

Die Geschichte wird gern erzählt, ist aber nicht verbrieft. Denn Hauke hielt sich an ein anderes Gebot des Gürtels: Er gab nie preis, wer ihn einst angeschossen hatte.

Von Josef Barth