Ruanda: „Wer wird die Gräber füllen?“

Am 7. April wird des Genozids gedacht, dem in Ruanda vor genau zehn Jahren über eine halbe Million Tutsi zum Opfer fielen. Der Rest der Welt schaute damals fassungslos zu – und ahnt erst heute, dass der Massenmord hätte verhindert werden können.

Der General hat einen grauen Schnauzbart, einen klaren Blick und eine sanfte Stimme. Er nimmt jeden Tag Antidepressiva, aber die schlimmste Zeit hat er hinter sich. In der schlimmsten Zeit wurde er schon mal betrunken unter einer Parkbank aufgesammelt. In der schlimmsten Zeit befielen ihn im Supermarkt Panikattacken, weil er den fauligen Geruch nicht ertrug. Der General trägt schwer an Ruanda. Er war damals dabei.

Damals, im April 1994, war der kanadische General Romeo Dallaire Kommandant der UN-Schutztruppe in Ruanda. 2000 Mann, das war nicht viel, aber es ist besser als gar nichts, wenn sich etwas Schreckliches zusammenbraut. Dallaire schickte dringende Meldungen an sein Hauptquartier. Er bat um einen Schießbefehl und um Verstärkung. „5000 entschlossene Soldaten, das hätte gereicht, um alles zu verhindern“, sagt er heute.

Am 7. April ging es los. 40-mal telefonierte Dallaire noch, draußen war das Inferno bereits in vollem Gang. Dann schickten die UN Flugzeuge, um Dallaires Mannschaft zu retten. Dallaire blieb bis zum Schluss. Er konnte nicht anders. Einmal setzte er sich in seinen Jeep und fuhr mitten hinein in den tobenden Massenmord. Er kann nichts dafür, dass er überlebt hat. „Die Welt wollte einfach nichts davon hören“, sagt er heute. „Es hätte mehr Reaktionen gegeben, wenn jemand versucht hätte, die 300 Berggorillas auszurotten.“

Dallaire wusste gleich, dass er versagt hatte. Alle anderen befiel das schlechte Gewissen erst, als alles vorbei war, als man die Bilder von den Kirchen sah, mit den Handabdrücken aus Blut an den Wänden. Die Abdrücke reichten fast bis ganz hinauf unter die Decke, weil die Leichenhaufen, auf denen die noch Lebenden standen, so hoch waren. Man sah die Bilder vom Kagera-Fluss, wo hunderte Körper im Strudel eines kleinen Wasserfalls trieben. Sie sahen aus wie Weiße, weil die schwarze Haut nach Wochen im Wasser ausbleicht, aber es war niemand mehr da, der sie hätte herausfischen können.

In den 90 Tagen nach dem 7. April wurden zwischen 500.000 und 800.000 Menschen ermordet, mit Gewehren, Macheten, Stöcken oder bloßen Händen. Die Täter waren Hutu, die meisten Opfer Tutsi. Es war, neben Kambodscha, der größte Völkermord seit dem Holocaust.

„Manche Völker werden wichtig genommen, andere werden vergessen“, sagt General Dallaire. Die Worte „Hutu“ und „Tutsi“ hörten 1994 viele zum ersten Mal.

Schock. Es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Die Amerikaner klebten vor ihren Fernsehern, auf allen Kanälen lief der Mordprozess gegen den Footballstar O. J. Simpson. Bill Clinton hatte sich erst ein Jahr zuvor in Afrika die Finger verbrannt: Die humanitäre Intervention in Somalia hatte damit geendet, dass die Leichen amerikanischer GIs vom johlenden Mob durch Mogadischu geschleift wurden. Frankreich hatte Ruanda zwar im Blickfeld, aber eher geostrategisch denn humanitär: Man hielt der (frankofonen) Hutu-Regierung bis zuletzt die Stange, um zu verhindern, dass die (anglofonen) Tutsi-Rebellen an die Macht kämen.

Und die Afrika-Korrespondenten der Medien waren anderweitig beschäftigt: Sie tummelten sich beinahe vollzählig in Südafrika, um vom Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen zu berichten.

Insgesamt keine optimalen Voraussetzungen für ein schnelles, entschlossenes Eingreifen. In New York feilschte der Sicherheitsrat halbherzig um Resolutionstexte, bis er, nach der Ermordung von zehn belgischen UN-Soldaten, beschloss, die Schutztruppe besser auszufliegen als aufzustocken. Die 270 Mann, die in Kigali zurückblieben, waren zu verschreckt, um überhaupt noch etwas zu tun: Sie stopften, wie Dallaire erzählt, Fetzen in die Auspuffrohre ihrer gepanzerten Autos, um nicht einsatzfähig zu sein.

„Es war mein schlimmster Fehler“, sagt der damalige UN-Chef Boutros Boutros-Ghali. „Ich glaubte, dass ich mein Bestes tat“, sagt sein Nachfolger Kofi Annan, „aber nachher wusste ich, dass ich mehr hätte tun können.“ – „Nie wieder“, sagte Bill Clinton 1998 und versuchte, dieses Versprechen mit den Interventionen am Balkan einzulösen.

Tatsächlich sind alle Versuche, die damalige Lähmung zu rechtfertigen, in den vergangenen zehn Jahren zerbröselt. „Finstere archaische Mächte“ hatte man am Werk gesehen, einen Blutrausch nach Art einer Naturkatastrophe, ein großes Durcheinander, in dem Dämonen wüteten. „Typisch afrikanische“ Stammesfehden, nichts, was einer rationalen Erklärung zugänglich wäre, und folglich auch nichts, was man hätte verhindern können.

Präzision. Unzählige Bücher und Studien, Zeugenaussagen und Gerichtsverfahren beweisen heute das Gegenteil. Human Rights Watch hat die Anatomie des Grauens seziert („Leave None to Tell the Story“) und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie alle anderen Analysen: Der Genozid von Ruanda war keine afrikanische Eigenart. Er entsprang, wie die meisten Massenmorde anderswo, nicht dumpf waberndem Chaos, sondern präsizer Kalkulation. Er war geplant, logistisch durchdacht, in seinen Organisationsstrukturen dem Holocaust nicht unähnlich. Es gab Warnsignale, die man hätte hören, Antreiber, die man hätte stoppen können. Und es gab ängstliche Mitläufer, die man davor hätte schützen können, Täter zu werden.
Mit bloß 5000 Mann, sagt Dallaire.

Jahrelang wurde der ideologische Boden aufbereitet. „Kakerlaken“, „Feinde der Nation“ wurde die Tutsi-Minderheit beschimpft – in den Zeitungen, von Politikern, von Priestern. Jean Kambanda, damals Premier, gab in 60-stündigen Verhören zu, dass im Ministerrat offen diskutiert wurde, wie man sie loswerden könne: „Ohne Tutsi wären alle Probleme Ruandas gelöst“, hieß es da. (Die britische Autorin Linda Malvern hat diese Protokolle jüngst in ihrem Buch „Conspiracy to Murder“ veröffentlicht.)

Der Sender Radio Mille Collines verbreitete den Hass bis in den letzten Winkel des Landes. Alle Tutsi seien Spione. „Sie wollen euer Land stehlen und euch versklaven, wenn ihr nicht aufpasst.“ Die Hutu, traditionell Bauern, wurden bei ihrer Urangst gepackt: ihrem Unterlegenheitsgefühl gegenüber den später zugewanderten Viehhirten, die jahrhundertelang Könige und Aristokratie gestellt hatten und immer verdächtigt wurden, intelligenter und raffinierter zu sein.

Die Untertanen waren auf den passenden Ton eingestimmt, als am 7. April über Radio Mille Collines der Aufruf zum Losschlagen kam: „Tod! Tod! Die Gräber sind erst halb voll. Wer wird sie füllen?“

Man hätte das Radiosignal mit Flugzeugen stören können. Das hätte, wie Human Rights Watch vorrechnet, pro Stunde 8000 Dollar gekostet.

Dass über Monate hinweg ganze Heerscharen junger Männer zu Milizen, den berüchtigten „Interahamwe“, ausgebildet und indoktriniert wurden, blieb Diplomaten in Kigali nicht verborgen. Ende 1993 orderte die Regierung eine Viertelmillion Macheten in China, genug, um ein Drittel der Männer im Land zu bewaffnen. Das alles hielt französische Militär- und Polizeiberater bis zuletzt jedoch nicht davon ab, ihren Job wie gewohnt fortzuführen.

Auch die Verwaltung war vorbereitet. Ruanda ist ein hierarchisches Land, in dem man nicht einmal unauffällig den Wohnsitz wechseln kann. Es gibt eine dichte Kommandokette: Präfekte und Dorfchefs, die „Burgomaster“ heißen. Sie hatten am 7. April bereits Namenslisten in der Hand.

Erst wurden gezielt einzelne Personen liquidiert, dann Straßenblockaden errichtet, an denen man Flüchtende abfing und tötete (der von den belgischen Kolonialherren eingeführte „Tutsi-Stempel“ im Ausweis erleichterte die Selektion). Dann wurden alle Tutsi aus ihren Häusern getrieben und auf Plätze, in Stadien oder Kirchen gebracht, wo sie kurz glaubten, sicher zu sein. Doch Interahamwe oder Polizisten eröffneten das Feuer, warfen Granaten und hielten dann die Bevölkerung an, mit Macheten den Rest zu erledigen.

Das Morden wurde „Arbeit“ genannt, die Waffen hießen „Werkzeuge“. Man berief sich auf die traditionelle Verpflichtung zur Gemeinschaftsarbeit („umuganda“), nach der in Friedenszeiten Kanäle gegraben oder Bäume gepflanzt werden. Transportmittel für den Massenmord wurden von den Burgomestren bereitgestellt. Pläne für die Verteilung von Besitz und Boden der Ermordeten waren bereits ausgearbeitet. Auch viele Geistliche unterstützten das Mordwerk bereitwillig. Priester verlasen von der Kanzel die Namen derer, die getötet werden sollten, Nonnen nahmen Kinder an der Hand und führten sie zu den Männern mit den Macheten.

Doch auch dieser Automatismus wäre noch zu stoppen gewesen. Im Zentrum und im Süden des Landes, wo man der Regierung weniger ergeben war, zögerten viele lokale Funktionäre, verschleppten die Befehle, warteten ab. Volle zwei Wochen dauerte es, bis Sondereinheiten aus dem Norden kamen, um Druck zu machen – zwei Wochen Zeit, um die Menschen vor Ort in ihren Zweifeln zu bestärken und die Kommandokette zu unterbrechen. – Genau das, meint Dallaire wohl, wäre mit 5000 Mann möglich gewesen. Doch die kamen nicht.

Es war erst die aus Uganda einmarschierende Tutsi-Armee RPF, die den Wahn beendete. Heute ist sie an der Macht, und die Lehre, die sie aus dem April 1994 gezogen hat, ist so schlicht wie stimmig: Es gibt für die Minderheit nur zwei Alternativen – entweder zu herrschen oder ausgelöscht zu werden.

Die Sieger. Der heutige Präsident Paul Kagame ist, wie seine Entourage, kein Überlebender des Genozids, sondern ein Tutsi aus dem ugandischen Exil, der die Sprache, Kinyaruanda, erst lernen musste. Das britische Magazin „Economist“ illustriert das spannungsgeladene Herrschaftsverhältnis mit einem historischen Vergleich: „Es ist, als ob Deutschland 1945 von einer Armee deutscher Juden erobert worden wäre, die ihr ganzes Leben im britischen Exil verbracht hatten.“

Mit eiserner Hand hat Kagame die immer noch intakten Hierarchien umgepolt und seinem Volk „Versöhnung“ verordnet: Der Gebrauch der Worte „Hutu“ und „Tutsi“ ist heute tabu, die Stempel in den Ausweisen wurden abgeschafft, bei der letzten Volkszählung vor zwei Jahren wurde nicht nach der Ethnie gefragt.

Hutu, die aus Angst vor Bestrafung geflohen waren und oft zehn Jahre im Busch verbrachten, werden in Umerziehungscamps indoktriniert, bevor sie in ihre Dörfer zurückdürfen. Für Heimkehrer werden neue Mustersiedlungen gebaut, mit klaren Reglements und strengen Kontrollen. Die traditionellen kleinsten Verwaltungseinheiten von etwa zehn Haushalten gibt es immer noch; der jeweilige Chef tut heute gut daran, der Regierungspartei RPF beizutreten. Jeder Versuch des Mehrheitsvolks, sich politisch zu organisieren, wird als „Divisionismus“ im Keim erstickt, jeder Oppositionelle als „Völkermörder“ unter Generalverdacht gestellt.

Vergessen. Ruanda 2004 ist ein klammer Führerstaat. Er hat, mit jährlichen Wachstumsraten von sieben Prozent, wirtschaftlich Tritt gefasst; das schlechte Gewissen der Welt sorgt dafür, dass die Hälfte des Budgets aus Entwicklungshilfegeldern kommt. Was den Staat zusammenhält, ist das Trauma. Täter wie Opfer scheinen zu akzeptieren, dass die allgegenwärtige Angst nur mit der Unterordnung unter klare Befehle in Schach gehalten werden kann.

Zum Gedenktag am 7. April ist hoher Besuch aus aller Welt angesagt. Auch Kofi Annan wird kommen. In Gisozi, auf einem der vielen Hügel der Hauptstadt Kigali, wird hektisch an der Fertigstellung der zum Großteil von der Clinton-Stiftung finanzierten Gedenkstätte gearbeitet. In fünf unterirdischen Gräbern liegen hier die Knochen von 250.000 Menschen, die gestapelten Schädel hinter getöntem Glas.

Die Präsentationsästhetik ist modern. Es gibt Kinderfotos und Tonbänder dazu: „Das ist Irene Mutoni, zwei Jahre alt. Sie aß am liebsten Bananen und Reis. Ihr Lieblingsspielzeug war ein Stoffhund. Ihr erstes Wort war ‚Papa‘. Sie starb in kochendem Wasser.“ Dass dieser Stil an die Holocaust-Gedenkstätten in Washington und Jerusalem erinnert, ist kein Zufall. Es soll bedeuten: Es ist bloß Zufall, dass Ruanda in Afrika liegt.

Lehren. Die UN meinen, sie haben aus der Vergangenheit gelernt. Im Jänner wurde eine Konferenz über Völkermorde abgehalten. Ein Sonderberichterstatter wurde ernannt, dem Generalsekretär unterstellt. Er hat den Auftrag, Warnsignale zu sammeln und rechtzeitig Alarm zu schlagen.

General Dallaire meint, die Welt habe nichts aus der Vergangenheit gelernt. Er hat ein Buch geschrieben („Shake Hands with the Devil“) und sagt: „Es kann jederzeit wieder passieren.“

Ruanda schließlich hat sich selbst verordnet, nach vorne zu schauen. Das Land hat Vulkane, Seen und Wälder, Zebras, Antilopen und jene 300 Berggorillas, die die Welt aus dem Hollywood-Film über die Zoologin Diane Fossey kennt. 70.000 Touristen will man im Jahr 2010 hierher bringen. Das wird kaum gelingen, solange das Wort „Ruanda“ gleichbedeutend mit „Massenmord“ sei, meint Rosette Rugamba, Direktorin der Nationalparks.

„Wir haben definitiv ein riesiges Imageproblem“, sagt sie. Man wünscht sich, das wäre alles.