Oligopoly

Mit Boris Beresowski ist einer der Letzten aus der alten Garde der russischen Oligarchen gestorben. Nun dürfen nur noch Putin-treue Geschäftemacher an das große Geld.

Von Tessa Szyszkowitz, London

Am Ende war Boris Beresowski nur noch das, was er wohl am wenigsten sein wollte: ein Ex-Oligarch. Als er am Samstag vergangener Woche Selbstmord beging, konnte sich der ehemalige Milliardär nicht einmal mehr sicher sein, genügend Geld zu haben, um seine sechs Kinder und drei Ex-Frauen zu versorgen.

In den wilden 1990er-Jahren hatte der Mathematiker und Medientycoon mehr oder minder den Kreml kontrolliert. Nachdem der damalige Präsident Boris Jelzin mit seinen Alkoholexzessen untragbar ­geworden war, erfand Beresowski einen Nachfolger: Wladimir Putin. Dieser aber ließ sich nicht lange am Gängelband führen. Schon im Jahr 2000 warf er Beresowski aus dem Land, worauf dieser aus dem Londoner Exil einen erbitterten Kampf gegen den neuen Herrn im Kreml führte. Erfolglos.

Putin hat auch die anderen Oligarchen der ersten Generation dorthin verwiesen, wo sie seiner Meinung nach hingehören: in die politikfreie Zone. Von den steinreichen Strippenziehern der 1990er-Jahre sind einige im Exil oder, wie Michail Chodorkowski , im Gulag gelandet. Der ehemalige Chef des Ölkonzerns Yukos ignorierte Putins Botschaft („Die russische Demokratie bin ich“), wurde enteignet und zahlt jetzt mit einer Gefängnisstrafe, die regelmäßig verlängert wird. Andere Geschäftemacher wie Michail Fridman (12,7 Milliarden Euro) gehören immer noch zum engen Kreis der Kreml-Macht, halten sich aber aus politischen Entscheidungen heraus. Roman Abramowitsch etwa, der Beresowski vergangenes Jahr noch eine ruinös teure Prozessniederlage beschert hatte. Seine Polit-Abstinenz machte sich bezahlt – laut der „Forbes“-Reichenliste 2013 ist Abramowitsch heute 7,8 Milliarden Euro schwer.

Einige der Putin-treuen Oligarchen haben sich indes in der Finanzkrise verspekuliert und sind auf die hinteren Plätze in der Reichenliste von „Forbes“ abgerutscht: Oleg Deripaska , 2007 kurzfristig durch Strabag- und Magna-Beteiligungen Liebling des österreichischen Großkapitalismus, verlor Milliarden und hält derzeit bei 6,7 Milliarden Euro.

Unter den neueren Rubel-Billionären findet sich auch Gennadi Timtschenko (10,8 Milliarden Euro) mit der Ölfirma Gunvor und dem Gasproduzenten Novatek. Er hat allein im vergangenen Jahr laut „Forbes“ fünf Milliarden verdient. Obwohl er es öffentlich dementiert, halten sich in der Ölbranche die Gerüchte, dass seine Nähe zu Putin Gunvor zu einem der erfolgreichsten Ölunternehmen der Welt wachsen ließ. Timtschenkos Geschäftspartner bei Novatek, Leonid Michelson , stößt bereits an die Spitze der russischen Reichstenliste vor: Derzeit hält er mit 11,8 Milliarden Euro auf Platz drei.

Wladimir Putins engste Freunde werden also steinreich. Und er selbst? Als Präsident der Russischen Föderation verdient er offiziell gerade einmal 90.000 Euro im Jahr. Allein seine Uhrenkollektion soll nach Recherchen der Oppositionsgruppe „Solidarität“ allerdings siebenmal so viel wert sein.
Auf der Korruptionsliste von Transparency International belegt Russland heute den desaströsen Platz 133. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die wirklich lukrativen Geschäfte in Russland nur unter Beteiligung höchster Staatsfunktionäre gemacht werden. Gemeinsam mit seinem „grauen Kardinal“ Igor Setschin hat Putin seit Amtsantritt vor 13 Jahren das Russland der Oligarchen in eine Staatsoligarchie umgebaut.

Die Renationalisierung der Öl- und Gasvorkommen, die bei der unkoordinierten Privatisierung in den 1990er-Jahren in die Hände der Oligarchen gefallen waren, schreitet rasch voran. Der staatliche Ölkonzern Rosneft etwa schluckte 2003 Chodorkowskis Unternehmen Yukos. Zurzeit verdaut Rosneft gerade den Kauf des britisch-russischen Ölkonzerns TNK-BP und ist damit größter Ölproduzent Russlands geworden.

Und wie heißt der Vorstandsvorsitzende von Rosneft? Igor Setschin.
Die Zeiten, als Boris Beresowski Russland regierte, sind lange vorbei.