Säulenheiligenscheine

Vorschlag für das Jubeljahr 2005: Sehen wir die Gründerväter einmal realistisch – mit ihren großen Verdiensten und fatalen Fehlleistungen.

Die ersten Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2005 ließen durchaus hoffen. Der Auftakt im alten Sitzungssaal des Reichstags war würdig, das Symposium zum Thema Widerstandskampf ein Akt des Anstands.

Jetzt steht die Lokomotive auf Schienen. Die Fahrt durch das Wunderland der österreichischen Erfolgsgeschichte nach 1945 kann beginnen: Ein geknechtetes Volk hilft tatkräftig bei der Befreiung durch die Alliierten mit; eine Gruppe weiser Männer hat auf der Lagerstraße der Nazi-KZ die Lektion gelernt, dass man nicht gegeneinander, sondern nur miteinander ein Land aufbauen kann. Parteiinteressen werden beim Wiederaufbau hintangestellt. Die nur kurzzeitig verblendeten Österreicher erkennen ihre Fehler und leisten Sühne im Trümmerelend, das sie rasch beseitigen. Bauernschlau entlockt man den Besatzern den Staatsvertrag. Dann noch der Figl-Poldl, die Reblaus, das Belvedere – Österreich ist so frei. Bundeshymne. Vorhang.

So war es ganz und gar nicht. Soll das Jubiläumsjahr einen Sinn haben, ist zuerst der Zuckerguss zu beseitigen.

Beginnen wir damit. Der Widerstand war heroisch, aber er war schwach. Seine wichtigsten Träger waren keineswegs jene Parteien, die das Bild der Zweiten Republik prägten, sondern die Kommunisten. Dies festzuhalten gebietet der Respekt vor den Gefolterten und Hingerichteten, und es verniedlicht keineswegs die stalinistischen Gräuel.

Auch der so gern beschworene „Geist der Lagerstraße“, auf der sich die erbitterten Gegner der Ersten Republik zum gemeinsamen Aufbruch gefunden haben sollen, ist ein Mythos. Tatsächlich waren nur wenige der nach 1945 führenden Politiker in Konzentrationslagern gesessen – und selbst diese ließen sich, wenn es um die Macht ging, lieber mit den Peinigern von gestern ein als mit den angeblichen Freunden von der Lagerstraße. Beispiele gefällig? Der KZler Alfred Maleta, später ÖVP-Nationalratspräsident, verhandelte schon 1948 mit ehemaligen Nazi-Größen über eine gemeinsame Kandidatur; der KZler Alfons Gorbach, später ÖVP-Bundeskanzler, warb penetrant um Nazi-Stimmen, indem er gegen Emigranten hetzte; der KZler Franz Olah, ÖGB-Präsident und SPÖ-Innenminister, verschaffte der neuen FPÖ unter dem ehemaligen SS-Mann Friedrich Peter einen wichtigen Kredit.
Die Politiker der Stunde null haben aber auch Großartiges geleistet. Sie haben den Besatzungsmächten immer wieder ein Stück Freiheit abgerungen, hunderttausende Menschen vor dem Hungertod gerettet und aus den Trümmern einen recht gut funktionierenden Staat aufgebaut. Sie haben Österreich vor dem sowjetischen Joch bewahrt. Aber sie waren keine Unbefleckten, sondern Kinder ihrer Zeit, Menschen, die zwei Weltkriege erlebt und viele Illusionen verloren hatten. Sie hielten berührende Reden und waren doch oft verhärtet und gefühllos.

Als Beleg sei aus dem Protokoll der Ministerratssitzung vom 8. Jänner 1952 zitiert. An diesem Tag ging es um die Forderung der USA, das herrenlose Vermögen von ermordeten Juden in einen Fonds einzubringen. Sowohl ÖVP als auch SPÖ waren dagegen. Es entspann sich eine Debatte darüber, wie viele Juden wohl von den Nazis ermordet worden seien. Vizekanzler Adolf Schärf (SPÖ) gab sich überzeugt, „dass die Zahl der Juden, die umgekommen sind, verhältnismäßig gering ist. Die meisten sind aus Österreich doch über die Grenze gekommen.“ Bundeskanzler Leopold Figl (ÖVP) schloss sich dieser Meinung an: „Das größte Judenmassaker hat erst 1942 begonnen, da waren unsere Juden gewöhnlich schon fort.“ Aber das Thema sei interessant, meinte Figl jovial, vielleicht sollte man einmal bei der Kultusgemeinde nachfragen.

Sieben Jahre (!) nach Kriegsende hatte sich also noch kein führender Politiker des Landes die Mühe gemacht zu eruieren, wie viele österreichische Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen waren (es waren 65.000).

Im selben Jahr würdigten die „Salzburger Nachrichten“ (Chefredakteur war der KZler Gustav Adolf Canaval) „die deutschen Soldaten … die im letzten Krieg einen Heldenkampf fochten, um die Flut aus dem Osten einzudämmen“. Das steirische ÖVP-Organ „Südost Tagespost“ ärgerte sich noch 1970 über „die von Missgunst und Hass gegen die Nazis erfüllte Luft in der Wiener SP֓.
So viel zu Läuterung, Sühne und Umdenken.

Eine Nation – vor allem eine junge wie die österreichische – braucht Lichtgestalten, und sie liebt es nicht, wenn an diesen gekratzt wird. Das zeigt sich derzeit überdeutlich in der SPÖ, wo der jeglicher Nazi-Sympathien unverdächtige Leopold Gratz aus dem BSA austrat, weil dieser in einer selbstkritischen Studie seine braune Vergangenheit aufgearbeitet und die Schwächen mancher Altvorderer zutage gefördert hat.

Aber auch einer jungen Nation ist nach sechzig Jahren die Wahrheit zumutbar. Die Gründerväter der Republik, um die es in diesem Jubeljahr 2005 gehen wird, sind lange tot. Sie waren Menschen in ihren Widersprüchen, mit immensen Verdiensten und erbärmlichen Fehlleistungen.
Beides sollte zur Sprache kommen.