Saliera: Sicherheitsrisiko Seipel

Wilfried Seipel in der Enge: Der Museumsdirektor hat eindeutige Warnungen seiner Mitarbeiter in den Wind geschlagen.

Der „glücklichste Tag“ seines Lebens war schon schlimm genug. Die Saliera war wieder aufgetaucht, doch für ihn wollte kein Applaus aufbranden. Stattdessen hagelte es Rücktrittsforderungen. Und in den Tagen danach wurde für Wilfried Seipel alles noch viel schlimmer: Der mutmaßliche Saliera-Dieb Robert Mang stieg in den Medien gar zum Sexsymbol auf, zum „gut aussehenden Sympathieträger“, mit dem „die Mehrheit der ÖsterreicherInnen lieber einen Abend verbringen würde“ als mit dem beleidigten Direktor des Kunsthistorischen Museums (KHM) („Kronen Zeitung“). Seipel musste sich von seinem inhaftierten Widersacher auch noch öffentlich ausrichten lassen, dass er, Seipel, für ihn als Verhandlungspartner bezüglich Lösegeld nicht infrage gekommen war, weil er, Mang, lieber „mit einem intelligenten Menschen“ verhandeln wollte und er sich daher an die Uniqa Versicherung gewendet habe.

Der Museumsdirektor versuchte noch, die Dinge der „verkehrten Welt“ (Seipel) zurück ins Lot zu bringen, und stellte öffentlich klar, dass der Saliera-Dieb ein Verbrecher sei. Doch selbst das droht nun nach hinten loszugehen: Weil medienrechtlich jemand erst ein Verbrecher ist, wenn es dazu ein rechtskräftiges Urteil gibt, verlangt Mangs Anwalt Gerald Albrecht von Seipel eine Entschuldigung, anderenfalls werde er eine Kreditschädigungsklage einbringen.

Seipel ging in seinem Rundumschlag auch zum Angriff auf Ernst Geiger über, den Chef der Kriminaldirektion 1, jenen Polizisten, der Seipel die Saliera zurückgebracht hat. Seipel behauptete, er sei über alle Ermittlungsschritte der Polizei informiert gewesen und es gebe einen „Deal“ zwischen Geiger und Mang, weil Geiger die Tatdarstellung Mangs „ungefiltert“ (Seipel) an die Öffentlichkeit transportiert habe. Dabei hatte Geiger in der Pressekonferenz nach der Aufklärung der filmreifen Causa lediglich berichtet, wie sich der mutmaßliche Täter während der Einvernahmen nach seinem Geständnis gerechtfertigt hatte – nämlich mit übermäßigem Alkoholgenuss.

Seipel hatte im Kampf um die Wiederherstellung einer konventionellen Rollenverteilung mit bösem Täter und gutem Opfer schnell die Nerven weggeworfen. Im Gespräch mit profil am Donnerstag vergangener Woche ruderte er zurück. Er ersuchte, vor die Bezeichnung „Verbrecher“ ein vorsichtiges „mutmaßlich“ zu setzen. Außerdem will er nicht mehr von einem „Deal“ sprechen.

Aber trotz allem sei „die Freude über die Rückkehr der Saliera ungetrübt“.

Realitätsverlust. Die „Kronen Zeitung“ attestierte Seipel am Donnerstag, mit seiner Verteidigerin Kunstministerin Elisabeth Gehrer eines gemein zu haben: „totalen Realitätsverlust“. Seipels „Gespür für Peinlichkeiten“ lasse „keine Gelegenheit aus, sich zu blamieren“.

Wie gut war Wilfried Seipel nun tatsächlich über die Ermittlungen der Polizei informiert? Gegenüber profil sagt er, darüber sei mit der Polizei „Stillschweigen vereinbart worden“. Stillschweigen über nichts. Denn Tatsache ist: Seipel war gar nicht informiert. Der nichts ahnende Saliera-Direktor erfuhr von der längst abgelaufenen Schnitzeljagd von jemandem, der nun wirklich nicht zum engeren Kreis Eingeweihter zu zählen ist: von einem Mediziner des Wiener Hanusch-Krankenhauses im Smalltalk. Das war zu einem Zeitpunkt, als das Foto von Saliera-Dieb Robert Mang bereits seit Wochen in Wiener Galeristenkreisen bekannt war. Die Fahnder hatten es – ohne den Saliera-Bezug zu erwähnen – in der Hoffnung herumgereicht, dass sich der Täter unter Kunstkennern und -sammlern aufhalte. Wutentbrannt erschien Seipel daraufhin am Freitag, dem 13. Jänner, in der Tür der „Gruppe Saliera“ in der Wiener Kriminaldirektion und forderte eine Erklärung. Die Polizisten bedeuteten ihm in deeskalierendem Ton, dass man versucht sei, aus Gründen der Fahndungssicherheit den Kreis der Eingeweihten möglichst klein zu halten. Mit anderen Worten: Seipel stelle ein Sicherheitsrisiko für die Fahndung dar.

Ernst Geiger fühlt sich von Wilfried Seipel wegen dessen Unterstellung, er habe mit dem mutmaßlichen Saliera-Dieb einen Deal gemacht, „nicht angegriffen“. Geiger: „Er hätte zwar auch Dankbarkeit zeigen können, aber ich nehme ihm das nicht übel. Vor drei Jahren wäre er für die Sicherheit des Museums verantwortlich gewesen, ob schuldig oder nicht. Aber jetzt ist der Fall für mich abgeschlossen.“

Seipel ist freilich auch heute noch dafür verantwortlich, wie einbruchssicher sein Museum vor drei Jahren war. Faktum ist:

* Das Baugerüst an der Außenwand des Gebäudes war weder alarmgesichert noch bewacht.

* Die Fenster waren ebenfalls nicht alarmgesichert (und sind es heute teilweise noch nicht).

* Das Glas der Saliera-Vitrine war laut Polizeibericht schlichtes Fensterglas.

* Trotz zahlreicher Fehlalarme und der damit verbundenen fehlenden Ernsthaftigkeit solcher Alarme wurde nichts unternommen.

Grund genug für die Museumsdirektion, bei der Versicherung erst gar keinen Antrag auf Auszahlung der Versicherungssumme (laut Seipel bis zu 35 Millionen Euro) einzubringen. Seipel sagt, das hätte keinen Sinn gemacht, denn er hätte die Summe rückstellen müssen für den Fall, dass das Salzfass wieder aufgetaucht wäre. Er besteht darauf, dass sein Museum ausreichend gesichert gewesen ist, denn sonst hätte die Versicherung nach eigens durchgeführten Inspektionen die Polizze nicht abgeschlossen.

Dafür, dass das Gerüst nicht gesichert war, sei die Burghauptmannschaft verantwortlich. Burghauptmann Wolfgang Beer will sich auf Seipels „ewige Vorwürfe“ gar nicht einlassen. Er sagt: „Vor Bautätigkeiten werden immer exakte Richtlinien erstellt, was zu passieren hat. Zum Beispiel dürfen nur ausgemachte Personen hinein. Es gibt dazu ein Dokument, das den ganz klaren und eindeutigen Satz enthält: Für die Sicherheit sorgt das Kunsthistorische Museum.“ Eine Bewachung des Gerüstes sei erst nach dem Diebstahl verlangt worden und habe im Vorjahr 90.000 Euro gekostet.

Münzen weggeräumt? Der für die Burghauptmannschaft zuständige Beamte des Wirtschaftsministeriums, Franz Pachner, zu profil: „Seipel lebt davon, den Ball immer anderen zuzuschieben. Wenn draußen Bauarbeiten stattfinden, dann hat er dafür zu sorgen, dass ein Einbruch unmöglich ist. Und besonders wertvolle Gegenstände hätte er dennoch wegräumen müssen.“

Das ist ein Punkt, den der Chef des Münzenkabinetts im Kunsthistorischen Museum, Günther Dembski, offenbar beherzigt hat. Schon kurz nach dem Diebstahl hatte er in Interviews durchblicken lassen, das Baugerüst an der Mauer des KHM als Sicherheitsrisiko empfunden zu haben. Was er nicht sagte, war, dass er, Dembski, auch gegenüber Generaldirektor Seipel dieses Baugerüst selbst sowie die Sicherheitsvorkehrungen als hoch riskant eingestuft hatte. Weil alles blieb, wie es war, entschloss sich Dembski, besonders wertvolle Teile der unter seiner Verantwortung stehenden Münzsammlung in einen Tresor zu sperren und das auch im Haus bekannt zu machen. Günther Dembski lehnte es auf profil-Anfrage ab, seine Vorgangsweise zu kommentieren.

Ein Blödsinn? Seipel, im profil-Gespräch am Donnerstag vergangener Woche darauf angesprochen, will von all dem nichts wissen. Um die Unwahrheit der Informationen zu demonstrieren, ruft er Dembski an. Ein profil-Tonband läuft mit.

Seipel: „Du Günther, hier sitzt der Herr Bobi von profil. Du hättest deine Münzen beim Gerüst abgeräumt und mir nichts davon gesagt. Bitte? Sag das noch einmal Augenblick.“
Dembski: „Ich habe darüber nicht gesprochen. Ich habe gesagt, ich mache kein Interview. Ich habe jetzt schon Erfahrung genug davon.“
Seipel: „Ja, das ist ein Blödsinn, sagst du.“
Dembski: „Wo er das herhat, weiß ich nicht.“
Seipel: „Ist ein Blödsinn.“
profil: „Was ist ein Blödsinn?“
Seipel: „Ist ein Blödsinn, dass du das gemacht hättest.“
Dembski: „Hallo!“
Seipel: „Ja, das ist ein Blödsinn, dass du das gemacht hättest.“
Dembski: „Ich habe nie was gesagt. Ich habe … dass ich kein Interview gemacht hab, ist ein Blödsinn oder was?“
Seipel: „Ja. Okay. Danke. Reicht schon. Also: Stimmt nicht.“
profil: „Nein, er hat gesagt, er hat kein Interview gemacht.“
Seipel: „Nein. Er hat es auch nicht weggelegt.“
Seipel ruft Dembski noch einmal an: „Hallo Günther? Hast du die Münzen weggesperrt wegen des Gerüstes?“
Dembski: „Ich habe den … (unverständlich) … seinerzeit, wie wir das Gerüst gemacht haben, habe ich sie weggegeben. Aber das war halt aus reiner Vorsicht.“
Seipel: „Die eine Münze hat er schon weggegeben. Ja.“
Seipel deaktiviert den Lautsprecher: „Günther, hast du uns damals Mitteilung gemacht darüber? Ja. Hast du intern gemacht. Alles klar.“
profil: „Hat er Sie jemals ersucht, das Gerüst abzuräumen?“
Seipel: „Hast du mich jemals ersucht, das Gerüst abzubauen? Alles klar. Nicht. Okay.“

Von Emil Bobi