Salzburg - der reichste Verein der Liga

Fußball. Geld allein reicht – in Österreich – offenbar nicht. Red Bull Salzburg ist die mit Abstand reichste Mannschaft der Bundesliga. Doch die ganz großen Erfolge sind bisher ausgeblieben. Nicht nur der Trainer hat zu viele Fehler gemacht.

Richtig viel hat ja letztlich nicht gefehlt zu einer er­folgreichen Saison. Thomas Blazek, Pressesprecher des Fußballvereins Red Bull Salzburg, kann ganz leicht erklären, woran es scheiterte: „Wir haben von acht Elfmetern sechs verschossen. Wenn alle verwertet worden wären, wären wir jetzt Meister.“ Das Schicksal meinte es auch bei den Auswärtsspielen nicht gut mit den Salzburgern. Schon das erste Match, gegen Austria Kärnten, ging verloren. Die 0:1-Niederlage sorgte für schlechte Stimmung und Verunsicherung. Dabei war der Sieg so nahe gewesen. „In dem Spiel hatten wir zwei Stangenschüsse. Wenn die drin gewesen wären, hätte es anders ausgesehen“, seufzt Blazek. Das Wörtchen „wenn“ gehört zum Fußball wie der Schienbeinschutz zum Kickerbein. Beides macht den Schmerz erträglicher. Kaum eine Niederlage ist so eindeutig, dass sie sich mit ein wenig ­Fantasie nicht zu einem Beinahe-Triumph aufpeppen lässt. Ohne die Segnungen des Konjunktivs übersteht der Durchschnittsfan keine Saison.
Leider gibt es trotzdem irgendwann eine Endabrechnung. Und die wird für Red Bull heuer höchstwahrscheinlich nicht sehr erfreulich ausfallen. Zwei Runden vor Schluss lagen die Salzburger vier Punkte hinter dem SK Rapid. Dieser Vorsprung sollte den Wienern reichen, um die Meis­terschaft zu gewinnen.

Für Salzburg wird wohl nur Platz zwei bleiben. Angesichts der Rahmenbedingungen ist das eine Schmach der Sonderklasse. „Unser Anspruch muss sein, Meister zu werden. Alles andere ist eine große Enttäuschung“, gibt auch Vereinssprecher Blazek zu. Red Bull kann nämlich keine der sonst im heimischen Fußball gebräuchlichen Entschuldigungen geltend machen: Der Kader ist nicht zu klein, der Trainingsplatz kein windschiefer Krautacker, das Stadion keine Bruchbude. In Salzburg ist jedes Detail perfekt. Seit der Übernahme des Klubs durch den Red-Bull-Konzern vor drei Jahren schwimmt die Mannschaft im Geld. Das Jahresbudget der ­Saison 2007/08 lag bei rund 45 Millionen Euro – das ist fast viermal mehr, als die ­Rapidler zusammenkratzen konnten.

Hohn und Spott. Die direkte Relation zwischen Geld und Erfolg ist im Fußball eigentlich unstrittig. In den meisten europäischen Ligen gewinnt am Schluss die Mannschaft mit dem dicksten Konto, den teuers­ten Spielern, dem berühmtesten Trainer. Red Bull gelang der ganz große Erfolg bisher nur einmal. Im Vorjahr stimmte das Verhältnis zwischen Spielkapital und Ergebnis, Salzburg gewann mit 19 Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten Ried. So ähnlich hatte es sich Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz wohl vorgestellt, als er im April 2005 den Verein mit Mann und Maus übernahm. Zur Marketingphilosophie des Energydrinkherstellers passen brave zweite Plätze eher schlecht.

Doch statt sich an den Topleistungen seiner Kicker zu erfreuen, musste Mateschitz heuer erfahren, dass es auch so etwas wie negativen Werbewert gibt. Nach der 0:7-Blamage von Salzburg gegen Rapid am Ostersonntag veröffentlichte die deutsche Tageszeitung „Bild“ eine zerdrückte blaue Dose und schrieb dazu: „Red Bull belebt Geist und Körper? Von wegen!“ Spätestens nach dieser Niederlage war klar, dass in der Millionentruppe einiges nicht stimmt. Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Salz­burger Kaderspielers soll sich auf eine Million Euro pro Jahr belaufen, zuzüglich Dienstwagen. Doch Spielfreude und Kampfgeist vieler Bullen erinnern an die Gratiskicker einer Altherrenauswahl. Didi Kühbauer, streitsüchtiger Altstar des SV Mattersburg, schimpfte nach dem 3:2-Sieg seiner Mannschaft über den lustlosen Gegner: „Wie die Salzburger auftreten, kannst du keinen Hut gewinnen, eine Frechheit.“ Es sind wohl auch nicht die guten Manieren der Kicker, die Red Bull den an sich ehrbaren letzten Platz in der Foulstatistik der T-Mobile-Bundesliga bescherten. Nur 35-mal bekam ein Salzburger wegen Foulspiels die gelbe Karte, der Ligaschnitt liegt bei 53. Wer nicht unbedingt gewinnen will, verzichtet nun mal leichter auf die Blutgrätsche.

Red Bull sei es nicht gelungen, aus den vielen Legionären ein Team zu formen, sagt ein Funktionär der Bundesliga. „Das ist eine Söldnertruppe. Vielleicht hätte man bei den Einkäufen etwas mehr auf den Charakter der Spieler schauen müssen.“ Doch auch herausragende Einzelleistungen blieben aus. Salzburg-Kapitän Alexander Zickler führt zwar in der Torschützenwertung, bei der Wahl der besten Spieler gingen die Salzburger aber zu Recht leer aus. Gewonnen hat Rapid-Spielmacher Steffen Hofmann vor Ivica Vastic (Lask) und Samir Muratovic (Sturm Graz). Ein paar Identifikationsfiguren wären dringend notwendig, findet Ex-Salzburg-Kicker Heimo Pfeifenberger. Die aktuelle Mannschaft sei „überheblich und arrogant. Für die Fans richtig greifbar ist keiner von denen.“ Trotz des schönen, nagelneuen Stadions springe der Funke einfach nicht über. „Mit den Emotionen bei Rapid ist das nicht vergleichbar.“

„Und tschüüss“. Strittig ist auch, ob die Beratung durch Mateschitz-Freund Franz Beckenbauer dem Verein wirklich gut tut. In Salzburg wird erzählt, Beckenbauer benütze seine Vertrauensstellung in erster Linie, um alte Kumpel zu versorgen. Der einstige Co-Trainer Lothar Matthäus war ebenso eine Beckenbauer-Erfindung wie der mittlerweile gefeuerte Sportdirektor Oliver Kreuzer. Die Mitsprache des Kaisers beschränke sich keineswegs auf die Topjobs, beklagt ein Funktionär. „Das geht hinunter bis zum Zeugwart.“ Sprachlich haben die zahlreichen Deutschland-Importe bei Red Bull jedenfalls Spuren hinterlassen. Von der Dame am Telefon kommt zum Abschied ein freundliches „Tschüüss“.

Wenn es dieses Jahr mit dem Meister­titel nichts wird, liegt das aber vor allem an der Auswärtsschwäche von Red Bull. 14 Siegen in der eigenen Arena stehen nur drei Erfolge in der Fremde gegenüber. Sportdirektor Heinz Hochhauser will nicht ausschließen, dass diese Bilanz mit dem Kunstrasen im Salzburger Stadion zu tun haben könnte. „Das Problem ist der ständige Wechsel von Kunst- auf Naturrasen.“ Derzeit wird überlegt, vielleicht doch auf natürliches Grün umzusteigen. Wegen des schlechten Lichteinfalls müsste das Gras allerdings zwei- bis dreimal pro Jahr getauscht werden.
Wie bescheiden Red Bull auswärts bereits geworden ist, zeigte die Reaktion von Trainer Giovanni Trapattoni auf das klapprige 0:0 gegen den Tabellenvorletzten Austria Kärnten Mitte März. „Wir hätten es nicht verdient gehabt zu gewinnen, das Unentschieden geht in Ordnung“, meinte er.
Trapattoni galt einmal als Spitzentrainer. Doch der Italiener ist mittlerweile 69 Jahre alt und hat seine besten Zeiten hinter sich. Viele taktische Entscheidungen der vergangenen Monate verstand außer ihm kein Mensch, und es liegt auch an der Defensivstrategie des Trainers, dass die Salzburger oft so mutlos wirken. Zudem gönnte sich Trapattoni Extravaganzen in der Personalführung. Der noch von seinem Vorgänger Kurt Jara angeheuerte Slowene Aleksander Knavs, immerhin ehemaliger Nationalspieler, wurde vom Trainer ohne Angabe von Gründen kaltgestellt. Zeit­weise durfte er nicht einmal mit der Mannschaft trainieren, sondern musste alleine dribbeln und dehnen. Einen Wechsel zu einem anderen Verein lehnte Knavs ab; kein Wunder, er wurde ja weiterhin voll bezahlt. In der laufenden Saison kam er zweimal zum Einsatz – für insgesamt 24 Minuten. Dergleichen sollte in einem Verein nicht vorkommen, sagt Heinz Hochhauser. „Normalerweise ist man daran interessiert, so etwas mit Anstand zu erledigen.“ In diesem Fall waren weder Trainer noch Spieler daran interessiert. Zu viel Geld in der Kasse kann mitunter auch geschäftsschädigend sein.

Neustart. Hochhauser hat die eigene Truppe immer wieder heftig kritisiert. Jetzt will er zur laufenden Saison nichts mehr sagen, sondern nur noch nach vorne blicken. Sechs oder sogar sieben Spieler werden den Verein verlassen, darunter Stammpersonal wie Markus Steinhöfer, Ezequiel Alejo Carboni und Jorge Vargas. Der Vertrag des 36-jährigen Niko Kovac läuft demnächst aus, seine Zukunft ist ­ungewiss. Auch Trainer Trapattoni geht (als Teamchef nach Irland) und macht Platz für den Niederländer Jacobson „Co“ Adriaanse. „Dadurch wird sich in der Spielanlage, im Training und im Umgang mit der Mannschaft einiges ändern“, hofft Hochhauser. Adriaanse plant unter anderem, in Zukunft auch nach österreichischen Goalgettern Ausschau zu halten, anstatt wie bisher vorrangig nach Personal aus dem Ausland.
Die Bundesliga hat ausgerechnet, wie hoch der Anteil der eingesetzten österreichischen Spieler bei den Vereinen in dieser Saison war. Red Bull kommt auf zwölf Prozent, der Ligaschnitt beträgt fast 65. Dabei hatte Dietrich Mateschitz bei der Vereinsübernahme noch angekündigt, keinesfalls eine Legionärstruppe aufbauen zu wollen. Aber damals war auch noch geplant, „mittelfristig in den europäischen Wettbewerben mitzuspielen“. Stattdessen scheiterte Red Bull sowohl bei der Qualifikation für die Champions League als auch beim Versuch, wenigstens im UEFA-Cup die Gruppenphase zu erreichen.
Den letzten internationalen Höhenflug erlebte Salzburg Mitte der neunziger Jahre, als die Mannschaft bis ins Finale des UEFA-Cups kam. Ein Jahr später reichte es immerhin noch zur Qualifikation für die Champions League. Ganz Fußball-Österreich stand damals hinter den Salzburgern, Spieler wie Otto Konrad und Heimo ­Pfeifenberger genossen Kultstatus. Rudolf Quehenberger, bis vor drei Jahren Präsident des Vereins, will diese großen Zeiten nicht mit den heutigen vergleichen. „Der Fußball hat sich verändert. Bei uns war das eine Herzensgeschichte. Wir sind aneinandergeklebt wie die Kletten. In so einer internationalen Truppe ist das wahrscheinlich nicht möglich.“

Nach Austria Magna ist Red Bull Salzburg schon der zweite nicht ganz geglückte Versuch, den Spitzenfußball nach Österreich zu holen. Viel Geld alleine reicht offenbar nicht, um die Meisterschaft zu dominieren und international wenigstens einen guten Eindruck zu hinterlassen. Beide Vereine haben Fehler gemacht, aber für ein Grundproblem können sie nichts: Österreich ist für die Elite unter den Fußballern keine Traumdestination. Verfügbar sind meist nur drittklassige, nicht mehr ganz junge Kicker, die eine gut bezahlte Gleitpension zu schätzen wissen. „Es gibt keinen Topspieler, der nach Österreich kommt, solange er noch woanders in einer Spitzenliga spielen kann. Dem kannst du zahlen, was du willst“, bestätigt Heinz Hochhauser. Das Gleiche gelte für Trainer. Er hätte für Red Bull am liebsten den lieben Gott verpflichtet, spottet der Sportdirektor. „Aber Gott wollte auch nicht nach Österreich.“ Wahrscheinlich zog es ihn nach England oder Spanien.

Von Rosemarie Schwaiger