Salzburger Festendspiele

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über das unschöne Ende ihrer Kolumne in den „Salzburger Nachrichten“.

1. Die Einladung an mich, eine Kolumne in den „Salzburger Nachrichten“ zu verfassen, war damals, vor Monaten, eine von diesen E-Mails, die sich als Brief herrichten. Briefkopf, Datum, Anrede. Verabschiedung. Formelle Höflichkeit und freundliche Achtung. Der nunmehr erfolgte Hinausschmiss vergleicht sich dann leider nur mehr mit den mittlerweile üblichen Entlassungs-E-Mails. Nicht einmal Floskeln werden mehr bemüht. Ein nacktes „Wird nicht gedruckt“, und die Sache hat sich. Interessant ist, dass die „SN“ nicht mehr von Veröffentlichung spricht, sondern von Druck. Abdruck. Da gibt es offenkundig kein Verständnis von sich selbst als Medium mehr. Die Welt wird abgedruckt: das halt, was die Anzeigenkunden und die Eliten als Welt vertragen können. Eine Zeitung, die nur noch druckt, hat ihren Anspruch auf die kritische Sprechmacht als vierte Kraft in der Demokratie aufgegeben.

Und es ist ja auch ein gegen diese kritische Sprechmacht gerichteter Vorgang, wenn ein Text nicht gedruckt wird, weil der Chefredakteur das so bestimmt. Die Abmachung war, in einem monatlichen Kolumnentext etwas „Kluges und Überraschendes“ zu vertreten, wie das in der Einladung formuliert worden war. Die neunte Kolumne dann zu verbieten ist ein Akt der Zensur, der sich nun in Ablehnung auf das bezieht, was der Grund für die Einladung gewesen war: „Kluges und Überraschendes“. In der immer noch anzuwendenden Konvention des Einladens bedeutet ein solcher Vorgang, dass der Einladende sich über die Ausladung selbst düpiert. Die brutale Durchsetzung der Ausladung ist dann zu allem auch noch sauschlechtes Benehmen. Aber das leistet sich die Feigheit der Entlasser in der Annahme, dass die Entlassenen nicht mehr gehört werden können.

Es kann also in den „Salzburger Nachrichten“ nicht vorausgesetzt werden, dass der Chefredakteur sich an Vereinbarungen hält. Das „Kluge und Überraschende“ war für ein Jahr einmal monatlich abgemacht. Und.

Es gibt Zensur.

Hier also die 9. Folge des „Klugen und Überraschenden“, die von den „Salzburger Nachrichten“ bestellt und dann verboten wurde:

2. „In der Hauspostille der Salzburger Festspiele ,Daily‘ finden sich die Beweise. Ganz ungeniert. Ja. Treuherzig selbstverständlich erzählt da die Macht von sich und stellt sich als Familienereignis vor.

‚Hochzeit mit Nestlé‘ steht da geschrieben, und dann wird die Liste der Anwesenden angeführt. Hochzeit. Das ist das familiärste Ereignis, das möglich ist.

Was bedeutet es also, wenn die Salzburger Festspiele die ,Hochzeit‘ mit ihrem Hauptsponsor verkünden? Zunächst erinnern wir uns wieder einmal daran, dass die Salzburger Festspiele aus Steuergeldern finanziert sind. Sponsoren setzen sich auf diese Basis. Und. Sponsoren berechnen ihre Investition aufs Genaueste. Und. Sponsoren wollen einen persönlichen Gewinn beziehen. Deshalb lädt der Präsident von Nestlé zum Empfang vor dem Opernabend ein, und die Salzburger Festspiele nennen das dann ,Hochzeit‘. Eine innige Verbindung wird damit beschrieben. Eine Verbindung der Personen ist das. Und ein langer Zeitraum wird mit diesem Begriff angedeutet.

Dass es nicht um Kultur geht. Das beweist dann der letzte Programmpunkt der ‚Hochzeit mit Nestlé‘. Am Ende des Hochzeitsempfangs mit Promis aus Wirtschaft und Politik tritt der Intendant Flimm auf und gibt eine Einführung in ein Mozart-Meisterwerk. Nun hat ein Mann, der alles, also auch Opern inszeniert, sicherlich eine Meinung zu Mozart und dessen Meisterwerken. Aber das ist eine Meinung. Und. Das ist auch schon alles, wofür eine solche Sponsorgemeinschaft sich interessieren mag. Hier wird konsequent der unerträgliche Dilettantismus des Mozartjahrs weitergeführt. Es wird nicht jemand eingeladen, der oder die zu Mozart forscht. Fachpersonen, deren Auskunft auf der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit beruhte. Es wäre zu erwarten, dass man sich nur die Besten herbeiholte und so die Grundlage des ,Kunstgenusses‘ aufs Luxuriöseste aufbaute. Nein. Eine solche Privilegierung will man sich bei der ,Hochzeit mit Nestlé‘ nicht leisten. Wie der Clown bei der Kinderjause tritt einer auf und erzählt, was er sich halt so denkt, wenn er eine Mozartoper im Auto hört. Ja. Das ist tief. Das ist grandios. Das ist doch unübertroffen. Ein unwissentlicher Universalismus des Geniekults kann so aufrechterhalten werden. Das tut allen nach dem Champagnercocktail gut. Nur nichts Schwieriges. Aber dafür Sentimentales. Und alle können sich tief und grandios und unübertroffen fühlen. Alle halt, die sich einladen und die sich dieses Salzburg kaufen. Die, die gekauft werden, müssen einen Beitrag leisten. Wie so eine Einführung. Aber auch das entspricht dem Ritual der Kinderjause. Das ärmste Kind muss beim Karaoke am schönsten singen.“

3. Das ist ein kulturkritischer Text. Das ist ein Text im Rahmen der Freiheit der Meinungsäußerung.
Dieser Text wurde vom Chefredakteur der „Salzburger Nachrichten“ verboten. Das Verbot erst macht aus diesem kulturkritischen Text einen politisch brisanten Text. Was musste da verboten werden? Was durften die Leser und Leserinnen da nicht zu lesen bekommen?