Salzburger Festspiele

Wie gut war Peter Ruzicka? Der Intendant der Salzburger Festspiele beendet seine fünfjährige Amtszeit nun mit der Eröffnung eines provinziell geratenen Festspielhauses und der größten Geburtstagsparty der Musikgeschichte: Sechs Wochen lang stehen alle 22 Opern des Jubilars Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm.

Als sie am allerwenigsten damit rechnete, wurde die Präsidentin der Salzburger Festspiele von Rührung gepackt: „Ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht gleich weine“, gestand Helga Rabl-Stadler und kämpfte, das Mikrofon in der Hand, vor 1800 geladenen Festgästen tapfer gegen ihre Tränen. Endlich lagen die politischen Packeleien der vergangenen zwei Jahre und der hässliche Kampf ums Geld hinter ihr. Gelöst rief sie beim Pre-Opening Mitte Juni in den Saal: „Wir haben es geschafft!“ Salzburg hat ein neues Festspielhaus.

Schon bringen die Adabeis ihre Frisuren in Stellung: Am 26. Juli wird die neue Spielstätte mit allem gebotenen Klimbim eingeweiht. Bundespräsident Heinz Fischer und Kanzler Wolfgang Schüssel haben ihr Kommen zugesagt, der ORF überträgt das Spektakel live, und obwohl die Festspiele die Ticketpreise vorsorglich auf bis zu 600 Euro hinaufgesetzt haben, ist die Produktion siebenfach überbucht. Wenn Nikolaus Harnoncourt dirigiert und Anna Netrebko singt, ist kein Nepp unverschämt genug. Habemus Tamtam.

Das alte Kleine Festspielhaus war abbruchreif, in dieser Diagnose sind sich die Experten einig. Ein schlauchartiges Flickwerk sei das gewesen, mit muffigem Ambiente und miserablen Sichtverhältnissen. „Das Haus war, was die hinteren Plätze betrifft, wirklich grausig“, urteilt Günter Rhomberg, Präsident der Bregenzer Festspiele, und sogar Rabl-Stadler gesteht im Nachhinein: „Es hatte den Charme eines verstaubten Kinosaales.“

Doch statt der erhofften Glückwunschtelegramme treffen an der Salzach peinliche Verrisse ein: Das neue Haus für Mozart wird von der Architekturkritik regelrecht zerfetzt. Es stelle eine „zeitgenössische Variante der Anbiederung“ dar, ätzt „Der Standard“; entsetzt schüttelt man in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über derart „gruselige Spießigkeit“ den Kopf; und die „Neue Zürcher Zeitung“ vermeldet über den Sangestempel, er versprühe den „diskreten Charme einer ambitionierten Parkgarage“. Selten wurde ein Neubau mit mehr Häme übergossen.

Packeleien. Sogar die Architekten selbst gehen zu dem Haus auf Distanz. „Es ist ein Horror, in Salzburg zu bauen“, macht François Valentiny seinem Unmut gegenüber Journalisten Luft – und beschuldigt die Salzburger Baupolizei, den Brandschutz, vor allem aber die Altstadtkommission, die Entwürfe verpfuscht zu haben. „Man müsste zur Architektur auch die Altbaukommission befragen, die hat schließlich mitentworfen“, wäscht auch der zweite Architekt, Wilhelm Holzbauer, seine Hände in Unschuld.

Dabei hat der gebürtige Salzburger fintenreich um den prestigeträchtigen Auftrag gekämpft. Nachdem sein banaler Entwurf 2001 nur auf Platz zwei des Wettbewerbs gelandet war, organisierte Holzbauer gegen das Siegerprojekt eine juristische Groteske, die an unschönen politischen Details schwer zu überbieten war. Der Jury-Entscheid wurde rückgängig gemacht und Holzbauer mit seinem ehemaligen Rivalen Valentiny zu einem Team kombiniert. Das Haus für Mozart: ein schaler Kompromiss.

„Es gab einen historischen Moment, an dem es gelungen ist, die konkurrierenden Projekte von Holzbauer und Valentiny zusammenzuführen – woran ich nicht ganz unbeteiligt war“, hält Intendant Peter Ruzicka den Miesmachern ungebrochene Begeisterung entgegen. Die Akustik sei „phänomenal“ und mit dem Haus insgesamt erreicht, „was wir uns erträumt haben“. Tatsächlich: Wer sonst kann um 30 Millionen Euro eigens ein Opernhaus bauen, um den 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart standesgemäß zu begehen?

Mit der Galapremiere von „Figaros Hochzeit“ starten die Festspiele in die größte Geburtstagsparty der Musikgeschichte. Sechs Wochen lang steht an der Salzach nichts als Mozart am Programm. Die 22 Opern des Lokalmatadors werden szenisch gegeben, auch in den Konzerten ist ausschließlich Tonwerk des Goldjungen zu hören – konterkariert mit 15 Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten. Ansonsten jedoch gilt: Bruckner, Brahms & Co haben Hausverbot.

Mozart-WM. Das bedeutet: Fast täglich absolvieren die Festspiele eine Premiere. Ausgewiesenen Blockbustern wie der „Zauberflöte“, dem „Don Giovanni“ und der „Entführung aus dem Serail“ werden obskure Raritäten aus Mozarts Kindheit und Jugend zur Seite gestellt: Joachim Schlömer inszeniert „Die Gans von Kairo“, Regisseur David Hermann die Festa teatrale „Ascanio in Alba“. Die „Angst“ vor dem Projekt sei einer „großen Vorfreude“ gewichen, meint Rabl-Stadler. Intendant Ruzicka tituliert sein Projekt vollmundig als „Jahrhundertereignis“.

Der Sommer 2006 ist ein Sommer der Superlative. Annähernd so viele Karten wurden nur im Rekordjahr 1992 aufgelegt, insgesamt stellen die Festspiele heuer 239.000 Tickets aus. Das Budget wurde von 43,8 Millionen Euro (2005) auf 51,4 Millionen Euro hinaufgeschraubt, in 40 Tagen stehen an 14 Spielstätten 212 Veranstaltungen am Plan. Die Festspiele organisieren eine Mozart-WM.

Doch wer braucht so viel musikalische Monokultur? Kaum gab Ruzicka 1999 bekannt, sein Sortiment im Jubiläumsjahr auf einen Markenartikel zu beschränken, wunderte und ärgerte sich die Branche über so viel „himmelschreiende Einfallslosigkeit“ („Der Standard“). Anstatt Mozarts Erbe kreativ zu animieren, wird in seiner Geburtsstadt das Köchelverzeichnis enzyklopädisch durchbuchstabiert.

„Ich bin zuversichtlich, dass unser Zyklus ein neues Kapitel in der Mozart-Rezeption aufschlagen wird“, bewirbt Ruzicka seine Idee, nicht nur ein „Best of Mozart“ zu servieren. „Die Alternative wäre gewesen, das zu tun, was alle Opernhäuser tun, nämlich die letzten fünf Opern Mozarts herauszubringen. Das wäre für Salzburg zu wenig gewesen.“ Der Erfolg an der Kassa immerhin gibt Ruzicka Recht. Zwei Wochen vor Festspielbeginn sind 95 Prozent der Opernkarten verkauft.

Kompromiss. Doch nicht überall, wo Salzburg draufsteht, sind heuer auch Festspiele drin. Nur elf der 22 Opern gehen als echte Premieren durch, der Rest wurde mit Stadttheatern koproduziert. „Ascanio in Alba“ reist aus Mannheim an, das Theater Klagenfurt spendiert „Il Sogno di Scipione“, Doris Dörries Inszenierung der „Finta Giardiniera“ war bereits vergangenen Jänner im Salzburger Landestheater zu sehen. Sänger, Regisseure und Dirigenten der Produktionen sind gelegentlich bloß Mittelmaß – es gibt nicht genügend Spitzenkräfte, um 22 Opern in so kurzer Zeit festivalwürdig zu besetzen.

Dabei hatte Peter Ruzicka – ganz im Unterschied zu seinem Vorgänger Gérard Mortier – mit Mozart-Produktionen meist Glück. Zum Amtsantritt 2002 gelang ihm ein eiskalter „Don Giovanni“, gefolgt von Stefan Herheims „Entführung aus dem Serail“ und Martin Kusejs nachtschwarzem „Titus“. Nun hat der Jurist sein Schicksal endgültig mit jenem des Tonsetzers verquickt: Mit dem riskanten Mozart-Projekt steht und fällt der Erfolg des umstrittenen Intendanten Peter Ruzicka.

Denn die Einschätzungen seiner Amtszeit fallen eher ernüchternd aus: Der Deutsche habe vor allem „Dienst nach Vorschrift“ geleistet, urteilen Kritiker und Kollegen (siehe Umfragen Seite 102 bis Seite 105). Ruzicka verzichtete auf Querdenker wie Jossi Wieler, ließ weder den genialen Peter Konwitschny noch den Revoluzzer Christoph Marthaler an die Kronjuwelen der Musikgeschichte heran. Es waren brave Naturen wie Günter Krämer („Die Liebe der Danae“) und Nikolaus Lehnhoff („Die Gezeichneten“), die mit Regie-Konvention reüssieren konnten.

Völlig unverständlich ist, warum ein geachteter Komponist wie Peter Ruzicka die Moderne vom Podium scheuchte. Verschämt parkte er die Musik seiner Kollegen auf Nebenschauplätzen: „Austria Today“ (2002) erwies sich als Flop, die „Salzburg Passagen“ fanden nur als Biennale statt. Darüber hinaus verlor das Konzertprogramm jede Exklusivität: Solisten wie der Pianist Lang Lang spulten ihre Tourneeprogramme ab wie anderswo auch.

Geld. Das Publikum applaudierte Ruzickas geschmeidigem Programm: Die Kassa klingelte in den vergangenen fünf Jahren wie unter Karajan selig. 2003 fuhr das Edelfestival das beste Verkaufsergebnis seiner Geschichte ein, 2005 erwirtschaftete Ruzicka eine Million Euro Überschuss, und auch heuer ist man guter Hoffnung. Premierenkarten für „Figaros Hochzeit“ waren selbst für Freunde der Salzburger Festspiele Mangelware – trotz eines Mitgliedsbeitrags von 900 Euro pro Jahr.

Salzburg ist spektakulär erfolgreich. In den Programmheften prangen die Namen von immer mehr Sponsoren, in den Foyers werden Klimt-Kitschkrawatten und Mozart-Büsten feilgeboten, mit der „Salzburg-Kulisse“ erhalten die Festspiele ihre erste VIP-Terrasse: der schönste Blick über die Stadt – exklusiv für die feine Gesellschaft. Die einst so stolzen Festspiele scheuten sich auch nicht, beim Pre-Opening des neuen Hauses an den Ausgängen weiße Ikea-Kartons als Spendenboxen aufzustellen. Das Publikum wird an der Salzach knallhart abgezockt.

„Wenn ich dafür sorgen würde, dass die Hauptsponsoren sich zurückziehen, müsste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich ein bis zwei Premieren weniger herausbringen könnte“, machte Ruzicka in einem Interview aus seinem Dilemma kein Hehl. Die Regierung kürzte dem Festival 2001 die Subvention: Für künstlerische Ausgaben standen Ruzicka letztes Jahr 20 Prozent weniger als seinem Vorgänger zur Verfügung.

Stück für Stück verlieren die Festspiele ihre Unabhängigkeit. Das Unternehmen Swarovski konnte sich für 850.000 Euro mit einem Kitschkunstwerk im Haus für Mozart verewigen, der Millionär Donald Kahn lässt den Furtwängler-Park vor dem Festspielhaus neu gestalten. Wer wie der US-Mäzen 4,2 Millionen Euro für das Festspielhaus spendiert und die heurige „Zauberflöte“ mitfinanziert, prägt das Festival wesentlich: Kahn wünsche „keinen Hochbau“ auf dem Areal, kommentiert Rabl-Stadler Kahns Engagement. Der „liebe Freund“ wolle den Garten „als Park im historischen Sinn“ wiedererstehen lassen.

Der Salzburger Kulturbetrieb funktioniere mehr denn je nach den unsentimentalen Gesetzen der Marktwirtschaft. „Der Adel des Geldes drängt den Adel des Geistes an die Wand“, blies Ruzicka in seiner Einstandsrede 2002 den feinen Damen und Herren im Parkett den Marsch – allerdings nur, um diesen an der Salzach „exemplarisch ausgetragenen Stellvertreterkrieg“ im Anschluss umso halbherziger zu führen. Ruzicka richtete luxuriöse Galakonzerte aus, setzte mit Schreker, Korngold und Zemlinsky die Romantiker des 20. Jahrhunderts aufs Programm – und stimmte ein in den Dreiklang aus Kunst, Kommerz und Kapital.

Die Amtszeit Ruzickas wird als Ära der Euphorie in Erinnerung bleiben. Waren die Produktionen der Intendanz Mortier lautstark skandalisiert worden, um die Neugier des Publikums zu wecken, so werden die TV-Übertragungen des „Rosenkavalier“ (2004), der „Traviata“ (2005) und des „Figaro“ nun im Vorfeld der Premieren konsequent als Erfolge, ja als Ereignisse bejubelt. Ausgerechnet der stille Peter Ruzicka hinterlässt ein lärmendes Vermächtnis: Unter ihm haben die Festspiele den Paradigmenwechsel vom Skandal zum Hype vollzogen.

Von Peter Schneeberger