Salzburger Festspiele machen Dienst nach Vorschrift

Zum 90. Geburtstag der Salzburger Festspiele zeigt zumindest das Schauspielprogramm deutliche Ermüdungserscheinungen. Karin Cerny über die ersten Premieren dieser Saison.

Schauspielchef der Salzburger Festspiele zu sein ist beileibe kein Traumjob: Der übergeordnete Intendant weiß alles besser und pfuscht einem ständig ins Programm, das traditionellerweise ohnehin Stiefkind des musiklastigen Festivals ist. Eine robuste Natur ist gefragt, um sich im nicht gerade intrigenscheuen Salzburg als Schauspielchef zu behaupten und ein innovatives Programm mit eigener Handschrift vorzulegen.

Bisher hat sich der feinnervige Dramaturg Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren, eher glücklos in dieser heiklen Konstellation geschlagen. Im Dezember 2008 sah es so aus, als ob Oberender das Festival nach Dauerstreit mit Intendant Jürgen Flimm vorzeitig verlassen müsse. Die Kündigung stand im Raum, die wenig später allerdings zurückgenommen wurde: So leicht kommt Oberender von Salzburg nicht los. Nun bleibt er dem Festival an der Salzach sogar länger erhalten als Flimm. Während Letztgenannter bereits im Herbst Richtung Berlin aufbricht, um seinen neuen Job als Leiter der Staatsoper Unter den Linden anzutreten, wird Thomas Oberender im kommenden Jahr sein letztes Programm vorlegen.

Die Luft ist, so scheint es, schon jetzt draußen. Das aktuelle Schauspielprogramm liest sich nicht wie von einem erstellt, der es noch einmal wissen möchte. Es klingt mehr nach Dienst nach Vorschrift. Innovative Projekte, die nach neuen theatralischen Formen suchen, sind auf das alljährliche Young Directors Project beschränkt, der Rest des Programms wirkt wie von Regietheaterverächter Daniel Kehlmann programmiert: gediegenes bis altmodisches Sprechtheater mit Starbesetzung.

Ein grundlegendes Problem des Festivals im Umgang mit Theater zeigte sich in diesem Jahr besonders deutlich: Die Festspiele sind allzu oft Abspielpartner, kein kreativer Inputgeber. Neben der obligatorischen Cash Cow Jedermann kann sich Oberender pro Saison gerade eine Eigenproduktion leisten, beim Rest ist er auf Koproduktionen angewiesen. Für ein Festival dieses Kalibers ist das zu wenig. Salzburg wird dadurch reduziert auf eine Art Saisonvorschau, in Previews bekommt man serviert, was im Herbst ohnehin an deutschsprachigen Bühnen läuft. Ein Kreativzentrum, von dem Ideen ausstrahlen, sind die Festspiele dadurch nur mehr bedingt. Bei den stattlichen Ticketpreisen der Nobelveranstaltung muss man sich als Theatergeher ohnehin überlegen, ob man nicht wartet, bis die saisonalen Salzburger Schauspielpremieren regulär im Programm gelandet sind: Angst ist im Herbst an den Münchner Kammerspielen zu sehen, Phädra am Burgtheater, Ödipus auf Kolonos im Berliner Ensemble. Selten waren die Gründe, nach Salzburg zu kommen, so dürftig.

Von der viel beschworenen Exklusivität, die sich die Festspiele gerne ans Revers heften, ist heuer wenig zu bemerken. Einzig die Neubesetzung des Jedermann mit dem Dreamteam Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek als große Errungenschaft zu preisen ist entschieden zu wenig.

Routine macht sich auch in der alljährlichen Bespielung des Landestheaters bemerkbar. Erneut ist Jossi Wieler mit der Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle Angst auf intimes Kammerspiel abonniert. Man fragt sich, warum einem klugen Regisseur wie Wieler, der immerhin zu den führenden Jelinek-Experten im Theater gehört, keine brisanteren Stoffe anvertraut werden. Monologisierte der Schauspieler André Jung im Vorjahr noch Liebesszenen von Beckett und Handke (Das letzte Band / Bis dass der Tag euch scheidet), so ist er nun in einem prekären Ehedrama zu sehen. Jung gibt einen Anwalt mit Passion: Der Mann will um jeden Preis die Lügen der Menschen brechen, die Wahrheit ans Licht bringen; er ist ein gnadenloser Jäger, was ihm später, als seine eigene Beziehung ins Fadenkreuz gerät, allerdings zum Verhängnis wird. Zweigs subtile Psychostudie, in der sich eine Frau in einem Netz aus Lügen verfängt und daran beinah zerbricht, zündet auf der Bühne nur bedingt. Der dramaturgische Trick, Figuren aus sich heraustreten und über ihre eigene Situation reflektieren zu lassen, bremst auf Dauer den Sog der Geschichte. An dem so präzise wie pointiert agierenden André Jung sieht man, was der Abend hätte werden können: ein grausames Menschenexperiment. Indes leidet die Inszenierung an seiner Partnerin: Elsie de Brauw agiert als dessen Gattin verhuscht wie in einem schlechten französischen Film, sie versteht es nur in Ansätzen, ihrer Figur Tiefe zu verleihen. So plätschert die Inszenierung belanglos dahin.

Die wohl eigenwilligste Premiere dieser Festspiele ist Peter Steins Version von Sophokles Ödipus auf Kolonos auf der Pernerinsel. Das selten gespielte Stück ist so undramatisch, dass die Zuschreibung Tragödie verwegen scheint: Es fließt kein Blut, kein Bett wird geschändet, kein Krieg tobt. Der Einzige, der stirbt, geht freiwillig aus dem Leben und fährt hernach glücklich in den Olymp. Insofern klassifiziert sich das Stück als rare Form einer Feelgood-Tragödie. Nach dem Schocker Ödipus Tyrannos, in dem Vatermord und Inzest mit der Mutter auf dem Programm standen und Ödipus sich selbst blendete, griff der greise Autor den Stoff erneut auf: Ödipus auf Kolonos, Sophokles letztes Stück, ist eine lange Reflexion über das Sterben.

Klaus Maria Brandauer ist in Lumpen gehüllt, fast erkennt man ihn nicht bei seinem ersten Auftritt. Gebeugt und gestützt von seiner Tochter Antigone, betritt er die Bühne, schraubt seine Stimme aberwitzig in die Höhe. Der riesige kahle Bühnenraum, in dessen Mitte sich ein echter Olivenhain befindet, wird das Modernste an diesem seltsam entrückten Abend bleiben, der mehr einem Hörspiel de luxe als einer szenischen Fassung gleicht. Brandauer sitzt die meiste Zeit, der präzise sprechende Männerchor formiert sich unmotiviert zu Grüppchen, und die beiden Töchter, die den greisen Vater umgarnen, ergehen sich in dermaßen altbackenen Demutsgesten, dass der Eindruck entsteht, die Inszenierung sei eine originalgetreue Rekonstruktion aus den historischen Tagen der einstigen Brecht-Bühne, des Berliner Ensembles. Bei Darstellern wie dem Polyneikes (Dejan Bucin) ist man zugleich erschüttert, welch schlechte Schauspieler an Claus Peymanns Theater arbeiten. Gäbe es einen Preis für die geschmacklosesten Kostüme der Saison, Moidele Bickel wäre eine sichere Anwärterin. Steins Altphilologentheater, das seltsam körperlos bleibt, schlägt nur dann Funken, wenn Brandauer demütig sein will, aber doch voller Hochmut ist. Der alte Grantler hat sich tief in diesem Mann versenkt, sein unbeugsamer Stolz ist ihm durch die bitteren Jahre der Verbannung nicht ausgetrieben worden so zerschlissen seine Kleider auch sein mögen, den König in sich kann und will er nicht ablegen.

Im kommenden Jahr feiert das von Montblanc gesponserte Young Directors Project seinen zehnten Geburtstag. Die beteiligten Regisseure waren zwar nicht immer jung, und auch die Produktionen hatten mitunter bereits einige Jahre auf dem Buckel, trotzdem gehört die Schiene zum Besten, was die Festspiele zu bieten haben. Den diesjährigen Auftakt machte eine Produktion aus Amsterdam. Der aus Schweden stammende, in Holland arbeitende Jakop Ahlbom entwarf mit Innenschau einen surrealen Abend (fast) ohne Worte: Einem Mann entgleitet die Welt, aus Kästen steigen bedrohliche Doppelgänger heraus, und er steht plötzlich unter Verdacht, eine Frau ermordet zu haben. Ahlboms theatralisch aufbereitete Film-noir-Versatzstücke sind mit fetziger Livemusik unterlegt (Alamo Race Track), bleiben aber trotz der beeindruckenden Leichtigkeit, mit der hier erzählt wird, abgegriffene Männerfantasien, in denen ewig lockende Frauen als dehnbare Puppen agieren, Begehren stets mit Verbrechen gepaart ist.

Im nächsten Jahr stehen die Sterne für Thomas Oberender auf jeden Fall besser: Dann sitzt ihm zumindest Jürgen Flimm nicht mehr im Nacken. Es ist die letzte Gelegenheit, seinem Programm ein wenig mehr Glanz zu verleihen. Hoffentlich nutzt er sie.