Scandale di Parma

Die Pleite des italienischen Milchkonzerns Parmalat gilt als mutmaßlich bisher größter Finanzbetrug in Europa. Die Schadenswelle schwappt auch nach Österreich über.

Die Bankiers glaubten ihren Augen nicht zu trauen. Am 18. Dezember 2003 langte in New York bei der Bank of America ein Schriftstück aus dem fernen Mailand ein. Die Wirtschaftsprüfer des strauchelnden italienischen Nahrungsmittelkonzerns Parmalat wollten sich über aktuelle Guthaben auf zwei Konten vergewissern. Der Anfrage beigelegt war eine mit 3. März 2003 datierte Bestätigung der Bank of America – derzufolge die auf den Cayman Islands domizilierte Parmalat-Tochter Bonlat Financing Corporation auf dem Wertpapierdepot Nummer 6550-2-85419 Guthaben von 2,811 Milliarden Euro und 849 Millionen US-Dollar führe. Insgesamt sollten auf den Bank-of-America-Konten rund 3,95 Milliarden Euro an liquiden Mitteln gebunkert sein. Seit 18. Dezember ist klar. Das Papier ist eine glatte Fälschung. „Parmalat“, teilte das indignierte Management der Bank of America den italienischen Wirtschaftsprüfern mit, „hat kein Guthaben bei uns.“ Das Auffliegen der plumpen Manipulation markiert den traurigen Tiefpunkt in der Geschichte des traditionsreichen Familienunternehmens. Eine Schere, etwas Klebstoff und ein Scanner hatten ausgereicht, um Aktionäre, Gläubiger und Wirtschaftsprüfer an der Nase herumzuführen. Seit 24. Dezember ist Parmalat offiziell zahlungsunfähig. Über das Unternehmen wurde das so genannte Gläubigerschutzverfahren eröffnet, das für 180 Tage den Zugriff der Kreditgeber und Lieferanten auf das tatsächlich vorhandene Unternehmensvermögen verhindert und solcherart ermöglicht, dass Parmalat vorerst weiter arbeiten kann. Industrieminister Antonio Marzano erließ dafür eigens ein Sonderdekret, um den abrupten Zusammenbruch der Parmalat-Gruppe zu verhindern. Laut jüngsten Ermittlungen könnten bis zu 13 Milliarden Euro in der Kassa des Molkereikonzerns fehlen. Parmalat-Gründer Calisto Tanzi wird am 27. Dezember auf offener Straße verhaftet und sitzt seither wegen des Verdachts auf betrügerischen Bankrott, Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung und Kursmanipulation im Mailänder Untersuchungsgefängnis San Vittore. Am 30. Dezember legt der 65-jährige Industrielle Calisto Tanzi nach stundenlangen Verhören ein Teilgeständnis ab, wonach er 500 Millionen Euro in seine – formell von Parmalat unabhängigen – Privatunternehmen umgeleitet habe: „Ja, ich habe Geld aus der Gruppe genommen. Ich bin der Chef und hatte das Recht dazu.“ Ein Gutteil soll zum Tourismusunternehmen Parmatour geflossen sein, das im Eigentum von Tanzis Familienstiftung steht. Was mit dem Rest der mutmaßlich fehlenden Milliarden geschehen ist, bleibt Gegenstand laufender Ermittlungen.

Das schwarze Loch.
Der Kurs der Parmalat-Aktie ist innerhalb weniger Tage ins Bodenlose gefallen, und seit 29. Dezember ist der Handel bis auf weiteres gänzlich ausgesetzt. Am 31. Dezember werden weitere acht Parmalat-Manager beziehungsweise Bilanzprüfer vorläufig festgenommen. Unter ihnen auch ein gewisser Claudio Pessina. Der 51-jährige Buchhalter ist in Österreich kein Unbekannter. Er fungiert seit März 1999 als Geschäftsführer der Wiener Parmalat-Tochter Parmalat Austria GmbH. Über die nicht operativ tätige Gesellschaft halten die Italiener 25,1 Prozent am ostösterreichischen Molkereiunternehmen NÖM AG. Der milliardenschwere Finanzbetrug beendet die beispiellose Erfolgsgeschichte eines italienischen Familienunternehmens, die vor vier Jahrzehnten im kleinen Ort Collecchio bei Parma ihren Anfang nimmt. Calisto Tanzi steigt mit 21 Jahren in den väterlichen Fleischhauerbetrieb ein. 1962 gründet er eine Milchverarbeitung, die er Parmalat nennt – ein Name, der sich aus Parma und latte (Milch) zusammensetzt. Mitte der sechziger Jahre führt er ultrahocherhitzte Haltbarmilch in Italien ein. Tanzi setzt früh auf Tetra-Pak-Getränkekartons, welche die Milchflaschen zunehmend vom Markt verdrängen. Gleichzeitig kauft und baut er Unternehmen und erweitert die Produktpalette. Zur Milch kommen Käse, Joghurts, Tomatenmark, Kekse, Fruchtsäfte und Suppen. Anfang der neunziger Jahre geht Parmalat an die Börse, expandiert nach Europa, Südamerika, Afrika, China und steigt im Juli 2002 mit einer Beteiligung von 25,1 Prozent auch bei der NÖM AG, dem zweitgrößten Milchkonzern in Österreich, ein. „Wir werden wohl ein paar hunderttausend Euro verdauen müssen“, gesteht Erwin Hameseder, der als Chef des NÖM-Großaktionärs Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien die Italiener als Partner geholt hat. Parmalat ist eine Weltmarke. Nur die besten Werbeträger scheinen dem Haus gut genug zu sein: Gustav Thönis Rennanzug, Niki Laudas Kapperl, Luciano Pavarottis Bauch und die Trikots der teuren Spieler des Fußballklubs AC Parma, den Tanzi gekauft hat und der heute mit Schulden von 77 Millionen Euro kämpft. Trotz der zügigen internationalen Expansion blieb Parmalat ein Familienunternehmen, das Calisto Tanzi zu 52 Prozent kontrolliert und in dem viele Verwandte des Patriarchen tätig sind.

Ungezügelt.
Bis zum Bekanntwerden des Finanzdebakels galt Parmalat als der größte Nahrungsmittelhersteller Italiens. Der Konzern erstreckt sich auf 140 Unternehmen in 30 Ländern auf fünf Kontinenten. Im Geschäftsjahr 2002 haben 36.000 Mitarbeiter einen angeblichen Gesamtumsatz von 7,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Alles Makulatur. In der Bilanz klafft nun ein Loch von geschätzten 13 Milliarden Euro. Irgendwas ist zwischen der Erfolgsstory und dem Skandal passiert. Die Ermittler vermuten, dass der Versuch, Finanzlöcher im verlustträchtigen Reiseunternehmen Parmatour zu stopfen, mitverantwortlich für die Misere war. Weiters dürften beim Milchkonzern – aufgrund der ungezügelten Expansion – schon seit vielen Jahren akute Kapital- und Liquiditätsengpässe bestanden haben. Um neue Kredite zu erhalten und Anleihen sowie Aktien begeben zu können, habe die Unternehmensführung die Umsätze fingiert, Bankguthaben erfunden und Bilanzen manipuliert. Parmalat nimmt innerhalb weniger Jahre rund vier Milliarden Euro über Anleihen bei Investoren auf. Gut 50 Millionen dieser Schuldverschreibungen dürften von privaten und institutionellen Investoren in Österreich gekauft worden sein, schätzt Andreas Schuster, Anleihenexperte bei der Fondsgesellschaft Capital Invest, ein Unternehmen der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). Allein die Investmentfonds der größten Bank des Landes führten zum Stichtag 2. Juni 2003 Parmalat-Anleihen im Gegenwert von damals 18 Millionen Euro in den Büchern. Die Erste-Bank-Fondstochter Sparinvest kam mit 31. Juli 2003 auf eine Position in der Höhe von 1,78 Millionen Euro, zu geringeren Teilen hat – jedenfalls bis zum Jahresende 2002 – auch das Salzburger Privatbankhaus Spängler in Parmalat-Anleihen investiert. Tagesaktuelle Daten sind nicht verfügbar, da die Kapitalanlagegesellschaften ihr Wertpapiervermögen nur zu bestimmten Stichtagen offen legen müssen. Zwei Fonds der Raiffeisen-Gruppe führten noch im Herbst 2003 Parmalat-Anleihen im Nominalwert von etwa einer Million Euro in ihren Portefeuilles, haben die Papiere aber nach eigenen Angaben Ende November verkauft. Sollten die übrigen österreichischen Fonds ihre Parmalat-Positionen nicht ebenfalls rechtzeitig aufgelöst haben, werden sie, wie alle internationalen auch, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Totalausfall verschmerzen müssen.
Dass bei Parmalat die Milch bereits sauer war, dürfte nicht nur Privatanlegern und Investmentfonds entgangen sein. Auch die Banken hatten lange Zeit zugesehen. Und die Papiere des Unternehmens munter zum Kauf angepriesen. Die Kepler Fonds KAG, Tochter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, etwa empfahl den Anlegern noch im November eine „Übergewichtung“ in Parmalat-Anleihen. Wirklich offenbar wird die Krise des Konzerns erst am 8. Dezember, als eine Anleihentranche in der Höhe von 150 Millionen Euro zur Rückzahlung fällig wird. Parmalat kann das Geld nicht aufbringen. Prüfungen der Mailänder Börsenaufsicht Consob ergeben, dass beträchtliche Parmalat-Finanzmittel unter anderem in dunkle Kanäle geflossen sein dürften. Allein 500 Millionen Euro wurden im Vorjahr angeblich einer Investmentgesellschaft namens Epicurum mit Sitz auf den Cayman Islands anvertraut. Liquide Mittel, die bei Bedarf jederzeit zur Verfügung stünden, wurde in der Parmalat-Bilanz vermerkt. Als das Geld benötigt wurde, konnte freilich kein einziger Euro locker gemacht werden. Laut Aussagen verhafteter Parmalat-Mitarbeiter vermuten die Ermittler nun, dass Epicurum bloß erfunden wurde, um Geldtransfers an private Unternehmen der Familie Tanzi zu camouflieren. Die Kreativität des Parmalat-Managements dokumentieren auch angebliche Milchlieferungen im Ausmaß von 300.000 Tonnen nach Kuba: Dafür schulde die staatliche kubanische Importgesellschaft einer in Singapur domizilierten Finanzholding der Italiener 500 Millionen Euro. Tatsächlich hat Kuba nach eigenen Angaben monatlich bloß 600 bis 700 Tonnen Milchpulver im Wert von jeweils 500.000 Euro gekauft – und nicht über Singapur, sondern von der chilenischen Parmalat-Tochter. Die dreiste Finanzgebarung wird inzwischen zur Staatsaffäre. In seiner Neujahrsansprache verlangt der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi die umgehende Klärung der Hintergründe, die zum Zusammenbruch von Parmalat geführt haben. Die Unternehmenskrise laste, so der Staatschef, „auf der Glaubwürdigkeit des gesamten Systems Italiens“.

Debakel. Die Affäre Parmalat hat sich zu einem Finanzdebakel von enormem Ausmaß ausgewachsen. So verweist die „Financial Times“ darauf, dass die Parmalat-Verbindlichkeiten etwa 0,8 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Im Vergleich dazu sei der spektakukäre Bilanzskandal des US-Energiekonzerns Enron „eine Kleinigkeit“. Zwischen dem Unternehmenssitz in Collecchio und der Trioeninsel Grand Cayman liegen 5000 Meilen, 15 Flugstunden, sechs Stunden Zeitdifferenz – und ein Finanzloch in Milliardenhöhe. „Schatzsuche“ nennen die Italiener die Großfahndung nach den verschwundenen Milliarden von Parmalat. Im Laufe der vergangenen Jahre konstruierten Calisto Tanzi und sein Finanzchef Fausto Tonna eine verschachtelte Unternehmensarchitektur. Wie ein Spinnennetz ziehen sich die Gesellschaften, über die hochriskante Anlagedeals oder auch nur Scheingeschäfte abgewickelt wurden, von einer Steueroase zur anderen: Cayman Islands, Virgin Islands, Curaçao, Malta und Luxemburg. Bei einem Lokalaugenschein in der maltesischen Hauptstadt Valletta, dem Sitz der Parmalat Capital Finance, treffen Redakteure des italienischen Wochenmagazins „Panorama“ zwar auf keine Parmalat-Angestellten, dafür aber auf ein nicht minder bekanntes Unternehmen: Deloitte & Touche. Der Büroleiter Andrew Manduca zeigt den Journalisten das angebliche Parmalat-Büro: ein leeres Zimmer. Deloitte & Touche ist nun ebenfalls Gegenstand von Ermittlungen: Die Wirtschaftsprüfer der international tätigen Kanzlei testierten bis 1999 die Bilanzen des Parmalat-Konzerns.