Schlagende Verbindung

Schlagende Verbindung

Sido, oder der österreichische Weg: Watschen, einfach.

Es zeugt nicht von gutem Stil, so mit seinen Gastarbeitern umzugehen. Zuerst wurde der Deutsche vor laufenden Kameras mit einem aggressiven Altjournalisten konfrontiert, der ihn mit seinem unvergleichlichen Charme sichtlich verstörte. Anschließend setzte man ihm einen fidelen Ewigjungreporter an den Hals, der die Verstörung gewerbsmäßig betreibt. Michael Jeannée, Dominic Heinzl: Das sind schon schwere Kaliber. Und Sido mag vielleicht in einem schlechten Teil von Berlin aufgewachsen sein, aber auf das, was ihn da in Wien erwartete, konnte der 32-jährige Ex-Kinderschreck („Arschficksong“) wirklich nicht vorbereitet sein. Es musste ja so kommen. Noch schlimmer war aber, was danach kam.
Freitag, 19. Oktober 2012, Rosenhügel-Studios Wien. Die ORF-Talentshow „Die große Chance“ ist gerade über die Bühne gegangen, auf der sich ­Dominic Heinzl nun in seiner Funktion als „Chili“-Moderator dem „Große Chance“-Juror Sido nähert, was dieser offenbar nicht so gut aushält. Es folgen die längsten paar Sekunden der jüngeren österreichischen Fernsehgeschichte: Sido stänkert, Heinzl keppelt, Sido schlägt, Heinzl fällt. Die Aufregung im Studio hält sich in Grenzen, man ist ruppige Umgangsformen dort möglicherweise gewohnt. Etwas aufgeregter reagiert die bericht­erstattende Presse; sie nennt den Vorfall „Sido-Skandal“ oder „Sido-Affäre“ und widmet ihm ausführliche Kommentare, Bilderstrecken und Charakterstudien.

Am 7. November erreicht die Debatte sogar das Parlament; am Rande der Präsentation des ORF-Jahresberichts wird im Hohen Haus allen Ernstes über Sidos Blackout gestritten. Den ORF verfolgt die Causa bis in den Stiftungsrat, auch nachdem Generaldirektor Alexander Wrabetz sie mit einer großzügigen Geste in Richtung Sido für beendet ­erklärt hat: „Man darf nicht vergessen, dass er eine schwierige Kindheit hatte.“ In den vier Wochen nach dem 19. Oktober verzeichnet das APA-Archiv in österreichischen Medien 2015 Treffer zum Thema. Niemand sollte offenbar vergessen, dass Sido einen schwierigen Herbst hatte.

Das war wahrscheinlich nicht so schön für ihn, aber gut für uns. Denn Sido schärft den Blick für das, was in Österreich so schiefläuft. Weil er es mit fremden Augen vor aller Augen erlebt: dass Altjournalisten erwarten, dass man vor ihnen kuscht; dass Ewigjungjournalisten glauben, Lästigsein ­gehöre zum Geschäft; dass Boulevardjournalisten annehmen, man könne jeden Schas anzünden. Früher trug Sido eine Maske, heute trägt er Bart und demaskiert andere: den österreichischen Schmäh als sublimierte Hetzerei; den Österreichischen Rundfunk als gehetzten Schmäh; die öffentliche Debatte als Schaumschlägerei. Insofern war nicht alles schlecht an der „Sido-Affäre“. Außer ­deren Pointe: Heinzl wird mit Ende des Jahres „Chili“ verlieren, Sido kriegt noch mindestens eine „Große Chance“. Was können sie ihm danach noch antun?