Schlager: Für immer Junge

Freddy Quinn kommt. Mit 73 geht der „Möchtegern-Hanseate mit Geburtsfehler Wien“ noch einmal auf Tournee. Im leichten Fach hält er fast alle Rekorde. Hartnäckigen Vorurteilen begegnet er heute mit Gelassenheit. Dieter Chmelar über den letzten Vielleicht-Matrosen.

Den Mann kann man noch richtig ärgern! Nach der Frage „Waren Sie je wieder in Ihrem Geburtsort Niederfladnitz/Großgemeinde Hardegg/NÖ?“ (1490 Einwohner, aber 1990 Google-Nennungen aufgrund von Wanderwegen und Parkplatzsex, Anm.) will sich Freddy Quinn gleich gar nicht mehr äußern: „Ich hatte schon genug Interviews. Ich bin in Hamburg gezeugt und in Wien geboren, in Niederfladnitz habe ich nur gelegentlich meine Oma besucht.“ Wenn ihm so was schon wehtut, scheut man fast die knallharte, aber berechtigte Sachfrage, wie er sich im achten Lebensjahrzehnt noch so frisch hält. Steht er doch da wie eine Eins im Turnen: der waterkantige Weitblick, als hätte ihn zeitlebens nichts als die raue See angebleckt; das salzwasser-verkrustete Timbre, gehärtet von allen, mindestens aber den sieben Weltmeeren; der wetterfeste Wiegeschritt aus tausend und einer Seemeile auf der rastlosen Route von der Josefstädter über die Bering-Straße bis hinunter in die engen, dunklen Madegassen.

„Ich habe früher viel Sport betrieben. Daher muss ich das heute nicht mehr“, sagt Quinn. Vom unauffälligen Fußballtalent bei Grünweiß 07 in einer hanseatischen Schutzbundliga hat er es über manch zirzensische Kraftmeierei („Ich bin sicher der beste Hochseilartist unter den Sängern und vielleicht sogar der beste Sänger unter den Hochseilartisten“) schließlich bis zum Mittelgewicht im Fiskus-Werfen gebracht.

Drei „B“ sind für Freddy tabu: Beten, Bank und Bett. „Ich sage in Interviews sowieso immer nur das, was man auch schreiben darf. Wenn ich Ihnen etwas Aufregendes erzähle und danach das Versprechen abnötige, es nicht zu veröffentlichen, ist das für einen Journalisten so etwas wie seelische Nötigung.“

Was aber weiß er über B wie Bundespräsident? „Nur, dass es mal den Waldheim gab. Der hat mir seinerzeit den Verdienstorden der Republik Österreich verliehen.“ Nachgereicht wurde – von B wie Bürgermeister – das goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien. In Deutschland kleidete ihn später gar das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Seit seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung Ende 2004 (900.000 Euro Nachzahlung zuzüglich knapp 150.000 Euro Geldbuße plus zwei Jahre auf Bewährung) sprechen Experten bereits von der rätselhaften neuen psychosomatischen Modeerkrankung „Bundesverdienstkreuzschmerzen“. Der helle Barde Heino riet Freddy gar, er möge mit dem Jammern aufhören und das gute Stück einfach rückerstatten.

Immerhin: Quinn war 73 Jahre lang unbescholten: „Nicht einmal einen Punkt in Flensburg hab ich“ (Sitz der zentralen Verkehrssünderkartei Deutschlands, Anm.). Seit er anlässlich seines Raketenstarts 1956 (siehe Kasten „Vom Täubchen zum Albatros“ auf Seite 90) mit einem lachhaften Honorar von 480 Mark über den Tisch gezogen wurde und darüber auch noch „stockglücklich“ war, berät ihn eine Tochter aus hanseatischem Kaufmannsadel. Zusammen mit den Filmgagen (siehe Kasten „Und als Neger: Bimbo“) entstand eine grundsolide B wie Basis. Heute gilt Quinn als mindestens zehn Millionen Euro schwer.

Über B wie Bundeskanzler weiß er Bescheid: „Das ist doch dieser Schüssel. Den kenn ich, seit er mir zu meinem Siebziger per Telegramm gratulierte.“ Hat Quinn sich bedankt? „Wo denken Sie hin – nein! Das wäre doch anmaßend. Ich habe eine furchtbare Scheu vor Behörden und größeren Leuten.“ Bei 1,71 Meter Quinn („Ich bin leider schon um zwei Zentimeter geschrumpft“) und 1,72 Meter Schüssel (der offenbar an seiner Aufgabe gewachsen ist) erscheint das wie ein Zielfoto.

B wie Politik ist übrigens auch kein Tabu. Denn alles, was rechts ist, hatte Quinn schon zur Genüge, von Kindesbeinen an: „Ich war kinderlandverschickt. Ich musste beim deutschen Jungvolk dienen, habe dort die Fanfare geblasen. Ich habe die Bomben erlebt, mich von Ungarn bis Pilsen zu den Amis durchgeschlagen, hinter mir die Russen. Ich habe keinerlei Sehnsucht mehr nach rechten Regierungen.“

Auch mit der Seensucht war es nie weit her. Dabei gab Quinn ganz gern den patenten Kapitän. Freddy, nur ein Vielleicht-Matrose? Tatsächlich hat er niemals selbst ein Segel gesetzt. „Glauben Sie vielleicht, dass Wussow Blinddärme rausoperiert hat?“ Flagge jedoch zeigte Freddy hin und wieder durchaus. Seine späte Jugendsünde, das erbärmlich reaktionäre Anti-Hippie-Lied „Wir“ (das textlich wie ein früher Wolf Martin dahertrampelt) bedauert er heute: „Ich war rasch schockiert, habe es aus allen Samplern gestrichen, nie öffentlich aufgeführt und schäme mich dafür.“

Schuld an der Teilnahme des kleinen Freddy am sieben Jahre währenden tausendjährigen Reich war, unbewusst, seine Mutter, die Quinn-Mom. Sie hatte sich Freddys Vater, einem gebürtigen Iren, entfremdet, noch ehe auch nur an eine Hochzeit gedacht war. 1934 packte Mr. Quinn (so hieß er wirklich) seine Koffer und den dreijährigen Knaben. Es ging nach West Virginia. Dort sprachen die beiden Italienisch miteinander – Deutsch hatte damals nicht den besten Klang in Amerika. 1938 bekam die Mutter das Sorgerecht und ihren Freddy zurück. In Wien durfte er wiederum das perfekt erlernte Englisch nicht mehr allzu lang zum Besten geben. Nachdem Hitler einmarschiert war (Quinn: „Die 250.000 Wiener am Heldenplatz waren natürlich allesamt bezahlte Komparsen …“), ehelichte Frau Nidl einen wesentlich älteren Baron, der als Verfasser von Tiergedichten eine brotlose Existenz fristete. So wurde aus dem frühreifen Globetrotter Freddy der großdeutsche Knirps Manfred Nidl-Petz – ein Name wie eine Strafe. Nach dem Krieg musizierte er für die Amis, flüchtete vor dem verhassten Stiefvater erst zum Zirkus, dann durch halb Europa und ging sogar kurz durch die Hölle: die Fremdenlegion in Afrika.

Über Paris nach Hamburg zurückgespült, landete er in immer besseren Bars. Einmal improvisierte er im „Tarantella“ griechische Volksweisen für den Ehrengast Aristoteles Onassis. Der ließ ihm tausend Dollar im Kuvert hinterlegen. Der Rest ist deutsche Schlagergeschichte: Freddy, der Junge, der immer wieder kam. Heute kann er nicht oft genug auf œuvrefremde Kompetenzen verweisen: Jazz, Hillbilly, Country, Operette. Schon wieder einer, dem das Klischee, das ihn seit Jahrzehnten leidlich nährt (der selig singende Seemann „und so’n Mist“), wachsenden Unmut beschert.

Für wahre Gelassenheit – angeblich die Kunst, sich auszuruhen, bevor man müde wird – ist Quinn noch zu rastlos. Wenn er sich an die frühen Ohrfeigen vom Zirkusdirektor erinnert („Die ich verdiente!“), dann spielt ein bitterer Zug um seine Lippen, der in die gesamte umliegende Gesichtslandschaft entgleist, was Quinn etwas sehr Altes, Würdig-Indianisches verleiht. Hart, aber herzlos.

Allfällige Rhythmusstörungen gingen bei jedem Medizinmann glatt als Phantomschmerzen durch. Dabei ist der Mann (körperlich) so ernüchternd gesund! Seit 25.9.1954 ist der Ordensbruder der Gut-Templer Totalabstinenzler, was ihm auch ein herbes Erlebnis mit dem fast in Hüfthöhe verehrten Hans Albers eintrug. Dieser stellte Quinn einen Whiskey hin; Freddy lehnte höflich ab, worauf Albers ihn vor die Tür stellte. Wie der große blonde Hans war auch der stämmige, braunäugige, fast südländische Typ Freddy über Jahrzehnte hinweg eine Schwulen-Ikone. B wie Berührungsängste? „Ich bin nicht einmal in meinen Träumen bi. Aber ich toleriere alles und dementiere nichts, sonst hält man das nur am Weiterköcheln. Tut mir leid. Alles, was ich gestehen kann: Ich bin Linkshänder.“ Seit fast 50 Jahren an seiner privaten Seite, aber nie auf irgendeiner öffentlichen: die 13 Jahre ältere Beraterin der ersten Stunde, Lilli Blessmann. Und wie hält Freddy, der Gut-Templer, es mit der Treue? „Wir sind wieder bei einem der drei B“, sagt er.

Gelegentlich ersetzt ihm auch die bodenständige Binse das Seemannsgarn. „Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern“, fabuliert er feierlich. „Ich habe Glück, dass ich mein Glück nicht nur dem Glück verdanke.“ Ein echtes Glückskind: Für „Heimweh“, mit dem 1957 Freddys Karriere begann, war ursprünglich die damalige Schlagergröße René Carol vorgesehen, freilich auf längere, weil vergitterte Sicht verhindert: wiederholte Trunkenheit am Steuer und Widerstand gegen die Staatsgewalt ließen ihn einsitzen statt durchstarten. So wurde „Freddy“ geschaffen – ohne „Quinn“ zunächst, denn unter Termindruck waren die Verantwortlichen mit so viel Fremdsprachigkeit überfordert. Der Polydor-Chef sprach ein Machtwort : „Dann heißt er eben nur Freddy. Is doch egal, kooft sowieso keener.“

Zum Abschied noch eine leise Binse. Was wünscht Freddy sich von der Zukunft? „Dass die Leute rausgehen aus meinem Konzert und sich sagen: Hallo, das war ein netter Abend.“

Möge die Gitarre nie nass werden. Andererseits: Wie auch?