„Schleichende Invalidisierung“

Der Wiener Lungenspezialist Hartmut Zwick über Sinn und Nutzen der neuen Anti-Raucher-Kampagne auf den Zigarettenpackungen. Hartmut Zwick, 61, ist Primarius der pulmologischen Station im Krankenhaus Wien-Lainz und Leiter eines privaten Rehabilitationszentrums in Wien

profil: Sind die neuen Schreckensaufschriften auf den Zigarettenpackungen nicht eher kontraproduktiv?
Zwick: Nein, ganz und gar nicht. Erfahrungen in anderen EU-Ländern zeigen, dass sie sehr wohl etwas bringen.
profil: Mittlerweile gibt es aber schon jede Menge Etuis, welche die aufgedruckten Todesaussichten verhüllen.
Zwick: Es wird Raucher, vor allem Jugendliche, geben, die die neuen Aufschriften cool finden, und es wird Raucher geben, die sie verhüllen. Es wird aber auch Raucher geben, denen sie einen Anstoß geben, dem lange gehegten Aufhör-Wunsch nun tatsächlich zu folgen.
profil: Aber die Krux scheint doch diese reine Verteufelung zu sein, die den Rauchgenuss so völlig ausklammert. Wo hört für Sie das Recht auf den Genuss auf?
Zwick: Dort, wo andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Wenn sich jemand nicht wäscht und stinkt, ist das anderen auch unangenehm. Und so ist das mit dem Zigarettenrauch: Er ist für viele Leute sehr unangenehm.
profil: Aber die gesundheitlichen Gefahren des Mitrauchens werden doch wohl übertrieben?
Zwick: Eine Untersuchung der britischen Zeitschrift „Thorax“ beziffert diese Gefahren genau. Das Asthmarisiko von im Haushalt mitrauchenden Kindern ist um 50 Prozent erhöht, das Hustenrisiko um 67 Prozent, das Atemnotrisiko um 30 Prozent. Man nennt das subtile Kindesmisshandlung.
profil: Sind Kinder aus Raucherhaushalten mehr oder weniger anfällig für späteres Rauchen?
Zwick: Sie werden durch das Mitrauchen sicher nicht positiv beeinflusst und beginnen dann häufig mit zwölf Jahren zu rauchen.
profil: Wenn ich mit einer Gruppe von Rauchern zu Ihnen auf Exkursion käme, was würden Sie den Leuten zeigen?
Zwick: Ich war selber starker Raucher, ich habe vor 13 Jahren aufgehört. Heute laufe ich Marathon. Ich habe für Raucher durchaus Verständnis. Ich würde ihnen gar nicht die Bilder vom Lungenkarzinom zeigen, das weiß ohnehin jeder. Ich würde ihnen aber die schleichende Invalidisierung vor Augen führen.
profil: Worin zeigt sich die?
Zwick: Dass die Leute keine Luft mehr kriegen, dass sie immobil werden, die Stiege nicht mehr schaffen oder den Weg zum Kaufmann.
profil: Das sind doch wohl eher alte Leute?
Zwick: Im Schnitt beginnt der schleichende Prozess zwischen 40 und 50, aber es gibt auch Jüngere, weil manche empfindlicher reagieren. Ich habe hier im Krankenhaus Lainz stationäre Patienten mit den typischen Storchenbeinen, die also kaum noch Muskeln haben. Die brauchen Sauerstoff.
profil: Was sollte die Politik tun, Rauchen verbieten?
Zwick: Nein, aber den Zugang vor allem für Jugendliche erschweren: Zigaretten verteuern, weg mit den Automaten, Werbung in jeder Form verbieten und die Nichtraucher vor dem Passivrauchen schützen.