Schlussakkord

Schlussakkord

Hat die Opern- und Konzertindustrie noch eine Zukunft? In Zeiten schwindender Subventionen, erhöhten Erfolgsdrucks und entnervter Gesangsstars schlittert der globale Klassikbetrieb in eine dramatische Krise.

Von Manuel Brug

Es mag Zufall sein. Aber nur ein paar Tage bevor in Salzburg und Baden-Baden zwei besonders hochpreisige Oster-Klassikveranstaltungen neu gestartet wurden, hatte im Rahmen des Heidelberger Frühlings, eines jeden März in der Universitätsstadt am Neckar erblühenden Musikfests, eine illustre Expertenrunde über Krise und Zukunft der sich beängstigend vermehrenden Musikfestspiele diskutiert. Zu dem Thema „Festivals 3.0 – eine Möglichkeit, Zukunft zu gestalten“, hatten Gérard Mortier, Salzburgs Ex-Intendant, heute am Teatro Real in Madrid, der designierte Festwochenchef Markus Hinterhäuser, Berlins Philharmoniker-Manager Martin Hoffmann und Christoph Lieben-Seutter, Intendant der ewig unfertigen Hamburger Elbphilharmonie, Gewichtiges und Bedenkliches zu sagen.

Sie zeichneten ein düsteres Bild ihres Gewerbes: Bis 2050 wird das Klassikpublikum um ein Drittel schrumpfen, die dann potenziellen Konzertgänger ab 35 werden viel zu wenig mit Klassik in Berührung gekommen sein – weil das Elternhaus schon keinen Bezug mehr dazu hatte, weil das Erziehungs- und Bildungssystem schmählich versagt hat. Zwar werden noch Milliarden an Subventionen für einen Kulturbetrieb in den deutschsprachigen Ländern ausgegeben, auf den Kunstschaffende aus dem Rest der Welt neidvoll blicken; zugleich treibt er die Kundschaft davon, weil ihm in den Schulen andere Bildungsinhalte wichtiger geworden sind. Das wird, das kann nicht mehr lange gut gehen, wenn sich die Wirtschaftsspirale weiter abwärts dreht.

Doch wie wird darauf reagiert? Während die bestehenden Institutionen immer kürzer gehalten werden, die Ankaufetats der Museen schwinden und den Bühnen Mittel und Personal gestrichen werden, wächst ein Festival nach dem anderen aus dem Boden, in denen ein Höhepunkt den nächsten jagen soll. Da kämpft man verbissen um jeden Zuschauer und eröffnet neue, spektakuläre Konzerthallen, bei denen keiner weiß, wer sie später einmal füllen und unterhalten soll. Doch das ist zunächst eine Angelegenheit des Stadtmarketings; alle Kommunen ringen um große Namen und einmalige Events, um sich von dem kulturellen Allerlei abzuheben.

Alle Reserven aufgebraucht
Aber es knirscht allerorten im Klassikbetrieb. Die wenigen Erfolgsmeldungen bestätigen nur die Grundthese. Immerhin konnte man an der Bayerischen Staatsoper unter Nikolaus Bachler einen Personalcoup landen: Für die kommende Saison verpflichtete Bachler den Russen Kirill Petrenko als neuen Generalmusikdirektor. Die Staatsoper hat eine Auslastung weit jenseits der 90-Prozent-Marke, und die reichen Münchner lieben ihr konkurrenzloses Haus, das vom Freistaat Bayern, auch um es dem ewig darbenden Berlin mit seinen drei Opernhäusern richtig zu zeigen, üppig subventioniert wird. Ähnlich blendend steht vor den Toren Wiens etwa das Festival in Grafenegg da. Der von Pianostar Rudolf Buchbinder geleitete Konzertreigen im August kann sich Goldkehlen, Instrumentalsterne und Deluxe-Orchester leisten, weil er dank seiner guten finanziellen Ausstattung durch Landeshauptmann Erwin Pröll extrem hohe Gagen zahlen kann.

Aber solche Zustände sind eben keineswegs die Regel. Wiens Staatsoperndirektor Dominique Meyer klagte jüngst darüber, dass ihm die Inflation nicht abgegolten werde und trotz glänzender Betriebsergebnisse bei 99,19 Prozent Auslastung inzwischen alle Reserven aufgebraucht seien. Und der Streit sämtlicher Salzburger Festspielintendanten um die knapper werdenden Zuschüsse gehört nicht erst seit Alexander Pereiras nicht immer diplomatischen Alleingängen (siehe Interview unten) zur Kulturfolklore. 64 Millionen Euro darf nach langem Ziehen und Zerren der Etat 2013 betragen, dazu steuert die öffentliche Hand seit 1998 lediglich 13,8 Millionen bei, gerade einmal 20 Prozent – obwohl die Festspiele zu Salzburgs wichtigsten Wirtschaftsmotoren zählen.

In New York scheinen sich die weltweit per Satellit in die Kinos geschickten Live-Übertragungen stargespickter Aufführungen der Metropolitan Opera nun gegen das Haus zu wenden. Währen nach jahrelangen Investitionen in Technik und Marketing inzwischen Gewinne mit den Operngiganten auf der Großleinwand gemacht werden und der PR-Effekt für das Haus immens ist, besuchen immer weniger Kunden die teure Met. Das lokale Kino liegt eben näher. Opernchef Peter Gelb wird deshalb ab nächster Saison die Preise um zehn Prozent senken. Und auch die schicke Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker im Internet wirft bei saftigen Abogebühren zu wenig ab und kann nur mit Hilfe von Großsponsoren am Leben gehalten werden: Die Deutsche Bank zahlt dafür einen nicht näher genannten Beitrag, und Sony stiftete teure neue HD-Kameras.

Internationales Phänomen
Während die tourenden Gastorchester inzwischen um Berlin oft einen Bogen machen oder sich die Reise von Sponsoren zahlen lassen, weil die heimischen sieben Klangkörper ihre subventionierten Konzerte weit billiger anbieten können, versucht man andernorts, am laufenden Betrieb zu sparen. Die Spielpläne der internationalen Opernhäuser werden immer gleichförmiger, weil immer mehr koproduziert und der Premierenausstoß heruntergefahren wird, weil Risiken gescheut und bewährte Rezepte adaptiert werden. Die großen spanischen Opernhäuser in Madrid und Barcelona, wo Geld bislang keine Rolle zu spielen schien, traf die Wirtschaftskrise besonders hart. Das einst so stolze katalanische Gran Teatre de Liceu ist nur noch ein Schatten seiner selbst, und auch am Teatro Real musste man 30 Prozent Kürzungen hinnehmen.

Doch darum wird man wohl nicht herumkommen. Denn die Aushöhlung der Etats bei steigenden Kosten ist ein internationales Phänomen. Das reiche Philadelphia Orchestra musste trotz seines prominenten neuen Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin Konkurs anmelden, viele Klangkörper in den USA wurden in den vergangenen drei Jahren einfach aufgelöst. Trotzdem sind die nach wie vor gut bezahlten, durch die mächtigen Gewerkschaften protegierten Orchester auf ewige Gehaltserhöhungen gepolt. Das renommierte Minnesota Orchestra sperrt seit Anfang der Saison seine eigenen Musiker aus, kein einziges Konzert fand bisher statt.

Was früher hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde, wird heutzutage öffentlich im Internet diskutiert. Fein ist der Klassikbetrieb längst nicht mehr, verbal fliegen da die Fetzen. „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Audition-Erlebnisse“ heißt etwa eine Facebook-Seite, in der meist Namenlose über schlechte Arbeitsbedingungen, Schikanen und andere Gnadenlosigkeiten klagen. Nun schimpft dort aber auch die an durchaus großen Häusern gastierende Burgenländer Mezzosopranistin Elisabeth Kulman über gestrichene Probenpauschalen in Salzburg und zu eng getaktete Vorstellungen ihres dortigen „Falstaff“: Wenn sie nach sechs Wochen Proben krank sei „und keine einzige Vorstellung singen kann, gibt es nicht nur keine Gage, sondern ein dickes Minus zu verbuchen. Aber wer will nicht bei den Salzburger Festspielen dabei sein ,dürfen‘?“ Auch Soprankollegin Laura Aikin, gefeierte Protagonistin der vorjährigen „Soldaten“-Inszenierung schließt sich dem an, klagt über immer höhere Belastungen, „unangemessene Probenorte“ und „Super-Bazillen“, die zu Absagen zwingen.

Anderswo ereiferte sich Antonio Pappano, namhafter Operndirigent und Musikdirektor des Royal Opera House in London, über die „Schwäche“ heutiger Starsänger: „Körperlich sind sie nicht mehr so stark, wie sie einmal waren. Domingo hätte auf dem Totenbett liegen müssen, bevor er eine Vorstellung abgesagt hätte.“ Gerade an seinem Haus häuften sich in jüngster Zeit die Ausfälle; Jonas Kaufmann, Juan-Diego Flórez und die inzwischen notorische Anja Harteros stornierten manchmal kurzfristig Premierenvorstellungen, die eigens für sie angesetzt worden waren.
Pappanos Kritik wiederum entwickelte auf „Slipped Disc“, dem in der Klassikwelt gern geklickten Blog der britischen Kritikerplaudertasche Norman Lebrecht, regen E-Mail-Verkehr: Star-Mezzo Susan Graham schaltete sich da ebenso ein wie Münchens Ex-Intendant Sir Peter Jonas, der gefeierte Tenor Joseph Calleja oder der Dirigent Fabio Luisi. So mancher fühlt sich da wie auf einem modernen Sklavenmarkt, zeigt sich ausgelaugt vom hochtourigen Betrieb, der die Protagonisten über den Globus jagt und überall bösen Viren aussetzt. Höher gestimmte und damit brillantere, aber auch lautere Orchester und unprofessionelle Dirigenten setzen den Sängern außerdem zu. Die Liste der schnell verblassenden Eben-Noch-Star Namen wird zusehends länger.

Immerhin einer ist zufrieden. Peter Alward, Karajan-Vertrauter, früherer EMI-Boss, heute krisengeplagter Intendant der Salzburger Osterfestspiele, die nur acht Prozent Subventionen bekommen, entgegnet den teils harten aktuellen „Parsifal“-Kritiken: „Für mich sind diese neuen Festspiele ein Erfolg. Die Förderer, die mein Festival erst möglich machen, sind von dem neuen Orchester unter Thielemann restlos begeistert. Das ist für mich eine wunderbare Grundlage.“ Etwa ein Fünftel seiner Besucher habe er dazugewonnen, darunter viele Thielemann-Aficionados aus München.

Wo sich Geld mit großen Namen noch verbinden lässt, floriert die Klassik also nach wie vor. Aber kann das ein Zukunftsmodell sein, während zugleich die Basis der Kultur ausgehöhlt und mürbe wird?

+++ Lesen Sie hier: Alexander Pereira, Intendant der Salzburger Festspiele, über Budgetprobleme, Festivalüberfluss, überforderte Klassikstars und den verschärften Ton in seinem Job +++