Schlusspfiff für Hannes Kartnig

Mehr als vier Jahre nach dem Konkurs des SK Sturm Graz muss sich Hannes Kartnig am kommen den Donnerstag vor Gericht verantworten. Es geht um Steuerhinterziehung, Betrug, Krida – und das ganz normale Ende eines österreichischen Fußballmärchens.

Popcorn und Rumkugeln gibt es nicht, aber alles andere ist fast so gut wie im Kino: Jedes Räuspern, jeder genuschelte Nebensatz eines Zeugen soll im ganzen Saal zu hören sein. Wichtige Dokumente und Sachbeweise kann das Publikum auf einer Videowand studieren. Auch wer ganz hinten sitzt, verpasst nichts. „Wir haben im Großen Schwurgerichtssaal eine neue Ton- und ­Videoanlage einbauen lassen“, sagt Friedrich Kicker, Präsident des Grazer Landesgerichts für Strafsachen, mit erkennbarem Stolz.

Wie es der Zufall will, werden die technischen Innovationen ausgerechnet am 10. März eingeweiht – dem ersten Tag im Prozess gegen Hannes Kartnig. Der ehemalige Sturm-Präsident bekommt also auf jeden Fall einen professionellen Auftritt. So wie der Mann gestrickt ist, wird er das zu schätzen wissen. Ein kleiner Trost, immerhin.

Der Rest ist unerfreulich genug: Staatsanwalt Johannes Winklhofer erhebt in der 244 Seiten starken Anklageschrift eine Reihe von Vorwürfen, die Kartnig im schlechtesten Fall für zehn Jahre hinter Gitter bringen könnten. Es geht um Steuerhinterziehung in der Höhe von insgesamt zehn Millionen Euro, um schweren Betrug, betrügerische Krida und grob fahrlässige Gefährdung von Gläubigerinteressen. In einigen Punkten als Beitragstäter angeklagt sind der ehemalige Sturm-Sportdirektor Heinz Schilcher, Ex-Sekretär Gerhard Stroicz und fünf einstige Vorstandsmitglieder.

Selbst wenn der 59-jährige Kartnig in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen werden sollte, könnte der Prozess letztlich seine Ehre retten. „Viele Vorwürfe aus dem Vorverfahren sind nicht zur Anklage gelangt“, sagt sein Anwalt Richard Soyer. Weder Staatsanwalt noch Gutachter fanden etwa Hinweise darauf, dass Kartnig Vereinsgeld für den Eigenbedarf abzweigte – ein Verdacht, der die Sturm-Fans seinerzeit besonders verstörte. „Aufgrund meiner Befundaufnahme ergibt sich nicht, dass Hannes Kartnig Erlöse aus den Verwertungen der Werberechte des SK Puntigamer Sturm für sich (…) einbehielt“, schreibt der Gerichtsgutachter Fritz Kleiner. Kartnig bezahlte die Ausflüge ins Casino, den schicken Rolls-Royce und die Villa mit Haifischpool offenbar selbst. „Ich hab mein Leben lang immer nur Geld in den Verein gesteckt“, sagt er heute. Schuld an der Verdachtslage, derentwegen er 2007 sogar zwei Monate in Untersuchungshaft saß, sei ein Finanzbeamter gewesen. „Der hat dem Staatsanwalt falsche Berichte gegeben.“ Der Oberste Gerichtshof erklärte die Untersuchungshaft mittlerweile für rechtswidrig.

„Die Faschingspopperln“.
Hannes Kartnig war ein besonders auffälliges Exemplar der Spezies Fußballpräsident. Er machte den Größenwahn zum Programm, war nie um einen dummen Spruch verlegen und ­kannte keine Grenzen, schon gar nicht solche des guten Geschmacks. „Wenn ich irgendwann wieder einen Perser kaufe, dann höchstens einen Teppich“, sagte er, als der Kicker Mehrdad Minavand einmal schlecht gespielt hatte. Seine Vorgänger beim SK Sturm bezeichnete er als „Faschingspopperln“. Gab es Schwierigkeiten im Verein, stellte er sich gern im groß geblümten Hemd vor die Kameras, kündigte dem gesamten Kader die Freundschaft und drohte mit Gehaltskürzungen.

Doch abgesehen von den Eigenheiten des Präsidenten wird in Graz ein recht normales österreichisches Fußballdrama verhandelt. So ähnlich wie dem SK Sturm erging es schon anderen Vereinen. Im Rückblick zeigt sich deutlich die Zwangsläufigkeit, mit der die Grazer Kicker in den Ruin und ihr Boss ins Kriminal stolperten. Falls es einen Fußballgott gibt, ist er sadistisch veranlagt. Denn wie so oft begann der Absturz damit, dass erst einmal alle Wünsche in Erfüllung gingen.

Vor genau zehn Jahren war der SK Sturm Graz auf dem Gipfel des Erfolgs. Nach dreimaliger Teilnahme an der Champions League sei der Verein finanziell in eine neue Dimension vorgedrungen, schrieb die Austria Presse Agentur am 14. März 2001. Mit Einnahmen von insgesamt 330 Millionen Schilling (rund 25 Millionen Euro) habe sich Sturm „für die nahe Zukunft pekuniärer Sorgen entledigt“. Kein anderer Verein hatte damals so viel Geld gebunkert wie die Grazer. Die Champions-League-Saison 2000/01 brachte auch sportlich eine Sensation. Sturm war Gruppensieger und erreichte in der Zwischenrunde immerhin noch Platz drei. Vermutlich wird nie wieder ein österreichischer Fußballklub in solche Sphären vorstoßen.

Es war auch Hannes Kartnigs beste Zeit.
Er lustwandelte durch Graz wie ein König auf Besuch bei seinen Untertanen. Die steirische ÖVP bot ihm ein Landtagsmandat an – und war zerknirscht, als er mit Verweis auf die magere Entlohnung absagte. Für ein Kreditkartenunternehmen posierte er mit dem Slogan „Wen kauf ich mir jetzt?“. Seine Biografie erschien mit einem Vorwort von Landeshauptfrau Waltraud Klasnic und wurde von Bischof Kurt Krenn gesegnet. So machte das Leben Spaß. „Ich bin ein Erfolgsmensch. Nach mir ist schwer arbeiten“, erklärte Kartnig im profil.

Immer mehr, immer teurer.
Das Problem ist: Fußball funktioniert im Prinzip wie ein Pyramidenspiel. Erfolg macht noch mehr Erfolg nötig, um die mit dem Erfolg gestiegenen Kosten zu decken. Sollte es plötzlich schlechter laufen, kann eine volle Vereinskasse ganz schnell wieder gähnend leer sein. Laut Gutachter Kleiner war Sturm schon am 30. Juni 2002 zahlungsunfähig – also eineinhalb Jahre nach dem Geldregen und vier Jahre vor der Konkurseröffnung.

Hannes Kartnig hatte sich einfach nicht damit abfinden wollen, dass sein Verein plötzlich nur noch mittelklassig kickte, und sehr viel Geld in neue Spieler investiert. Allein der Ghanaer Charles Amoah kostete 54 Millionen Schilling und gilt bis heute als eine der teuersten Fehlinvestitionen des heimischen Fußballs. Dummerweise kam der Verein erst nach der Vertragsunterzeichnung auf die Idee, seine Neuerwerbung einer sportärztlichen Untersuchung zuzuführen. Diagnose: Amoahs rechtes Kniegelenk befand sich in einem beklagenswerten Zustand. Der Kicker war folglich nicht allzu oft im Einsatz.

Der Staatsanwalt bemängelt weiters „überhöhte Gehälter“, „übermäßigen Aufwand“ und Manipulationen bei der Abrechnung von Eintrittskarten. Außerdem war die Vertragsgestaltung beim Verein eher unkonventionell. Viele Spieler bekamen einen offiziellen Vertrag (für den auch Lohnsteuer entrichtet wurde) und eine so genannte „Pensionszusage“, die steuerschonend nebenherlief. Gutachter Kleiner vermerkt dazu: „Die Idee, dass eine Gehaltsvereinbarung in einen laufenden Bezug und in eine Pension geteilt werden kann, ist kreativ, aber abgabenrechtlich Unsinn.“

Hannes Kartnig dürfte es auch in seinem Unternehmen, der auf Plakatwerbung spezialisierten „Perspektiven Ankündigungs-GmbH“, mit dem Steuerzahlen nicht allzu genau genommen haben. Kleiner entdeckte in der Buchhaltung etwa die Rechnung eines Hotels in Ischgl über 196.531 Schilling, die fast zur Hälfte mit dem Vermerk „Werbetagung“ als betrieblicher Aufwand verbucht worden war. Seltsam fand der Gutachter nicht nur den Termin der angeblichen Tagung – mitten in den Weihnachtsferien –, sondern auch Details der Rechnung wie „Beauty-Dienstleistungen“.

Auf seine Art ist Kartnig ehrlich.
Die Steuerhinterziehung gestand er recht bald, wenn auch in weit geringerem Umfang, als der Staatsanwalt vermutet. Kartnigs Rechtfertigung fiel ebenso treuherzig wie selbstbeschädigend aus: „Wenn ich Steuern gezahlt hätte, hätte ich den Klub nicht führen können. Wir hatten ja kein Geld.“ Damit wäre der Tatbestand der Krida ziemlich umfassend erfüllt.

Schmäh führen wie früher.
Das tintenblaue Rolls-Royce Corniche Cabriolet, das seinerzeit angeblich 400.000 Euro gekostet hat, besitzt Kartnig noch. Er fahre damit aber kaum mehr, erklärte er jüngst. Das wäre auch etwas geschmacklos angesichts zahlreicher Gläubiger, die heute noch auf ihr Geld warten. Die Liebesbezeugungen aus der Landespolitik sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Aber sonst ist Kartnig bis jetzt erstaunlich unbeschädigt durch die Affäre gerudert. Vor Kurzem besuchte er die Grazer Opern-Redoute und führte Schmäh wie in den besten Tagen. Mit der Selbstkritik will er es nicht übertreiben. Auf die Frage, was er im Licht der Ereignisse heute anders machen würde, fällt ihm nur eines ein: „Ich würde nie mehr einen ­Profiklub übernehmen.“

Kartnig kommt mit Sicherheit zugute, dass er nie den Chorknaben gespielt hat. Sein Publikum fiel nicht gerade aus allen Wolken, als ruchbar wurde, dass der Herr Präsident in der Buchhaltung möglicherweise ein paar Naturgesetze außer Kraft gesetzt hatte. Das Schlitzohrige machte einen großen Teil seiner Beliebtheit aus. Ein paar Wickel mit dem Staatsanwalt sind da durchaus drin. Außerdem ist der gut gelaunte Dicke, bei aller Großspurigkeit, ein umgänglicher Typ geblieben. Wenn man mit dem Fremdschämen fertig ist, kann man ihn eigentlich ganz nett finden.
Der Prozess im Grazer Straflandes­gericht wird voraussichtlich 21 Tage dauern, mehr als 40 Zeugen sind geladen. Sie werden wohl noch einmal von den glorreichen Tagen erzählen, als das Geld beim SK Sturm vor­übergehend abgeschafft war und alles möglich schien. „Valencia müssen wir sowieso schlagen, und vor Manchester hab ich auch keine Angst“, gab Kartnig damals zu Protokoll.

Valencia gewann dann übrigens 5:0.