Schnappschusswaffen: In Wien wird die Ethik des fotografischen Bildes debattiert

Was bedeutet Fotografie heute? Was kann sie leisten – und wie weit darf sie dabei gehen? Das Kunsthaus Wien stellt die ethischen Grenzen mit kontroversen Bildern neu zur Diskussion.

Von Nina Schedlmayer

Die landläufige Meinung, nach der die westliche Welt aufgrund der in ihr wirksamen medialen Bilderflut zunehmend abstumpfe, wurde von der Leserschaft des profil im Jänner 2005 eindrucksvoll revidiert. Es ging um das erste Cover des Jahres, auf dem ein Foto von den Folgen der Tsunami-Katastrophe zu sehen war. Die Aufnahme, auf der einige im Wasser treibende Leichen abgebildet waren, rief ungewohnt heftige Reaktionen hervor. Die Toten zu zeigen sei „reißerisch und sensationssüchtig: schlicht eine Schande fürs profil“, protestierte etwa eine Leserin. Viele sprachen sich allerdings auch für dieses Bild aus, auf dem „die ganze Gewalt, das ganze Elend und die ganze Traurigkeit der Tsunami-Tragödie auf einen Blick konzentriert“ seien, wie es in einer Zuschrift hieß. Einmal mehr erhob sich damals jene Frage, die derzeit eine sehenswerte Ausstellung im Kunsthaus Wien beschäftigt: Was darf man mit dem Medium Fotografie anstellen? Und was nicht?

Einen beträchtlichen Erfahrungsschatz an derartigen Disputen hat Oliviero Toscani vorzuweisen, der am Dienstag dieser Woche für einen Vortrag im Kunsthaus Wien weilen wird. Er war für jene Schock-Kampagnen verantwortlich, die der italienischen Textilkette Benetton weltweite Schelte einbrachten, aber auch deutlich gesteigerte globale Bekanntheit. Ein Aidskranker im Endstadium; die Gesichter zum Tode Verurteilter; ein zum Skelett abgemagertes Fotomodell – mit ihren Bildern bewarb Toscani Modeunternehmen. Fragen nach den moralischen Schranken seiner Fotografien wies der lautstarke Italiener stets entrüstet zurück. „Ich beute das Leid der Welt nicht aus, damit man von Benetton spricht, ich greife den Konformismus der Gewissheit an“, erklärte er in einem seiner Bücher. Vorwürfe der Grenzüberschreitung empfindet er als Zensur; einer Journalistin, die ihn auf die „Geschmacklosigkeit“ seiner Arbeiten ansprach, beschied er ruppig: „Sie fragen mich danach, ob mir etwas leidtut, aber das ist doch Bullshit. Ich bin umgeben von einer Welt, die voll von Ungerechtigkeit ist, voller Idioten.“

Die Macht der Bilder
, so zeigen die heftigen Kontroversen um Toscanis Kampagnen ebenso wie jene um das zitierte profil-Cover, ist ungebrochen. Nicht einmal die digitale Revolution konnte ihr ­etwas anhaben – sie erleichterte die Manipulierbarkeit von Fotografie nicht nur, sie verankerte diese auch im kollektiven Bewusstsein. Fälle von retuschierten Fotos wurden heftig kritisiert: So ließ die Zeitschrift „Paris Match“ 2007 auf einem Foto von Nicolas Sarkozy das präsidiale Hüftgold schmelzen; der ­Bayerische Rundfunk entfernte 2005 für seine Web­site Schweißflecken auf einem Bild von Angela Merkel. Der Zweifel sei „in der Fotografie zwar schon lange gegenwärtig“ gewesen, schreibt der Medientheoretiker Peter Lunenfeld, „nun aber stellt er ihren springenden Punkt dar.“ Trotz allem jedoch stehe „die Evidenz der Fotografie in der Öffentlichkeit noch immer in hohem Ansehen“.

Die digitalen Technologien sorgten auch für eine neue Omnipräsenz von Kameras; jedes Gratis-Mobiltelefon hat eine solche – sei sie auch qualitativ noch so minderwertig – inzwischen eingebaut. Dementsprechend spielt die Amateurfotografie auch in den Medien längst eine eminente Rolle: So war im Jänner 2009 das erste Bild von der Notlandung eines Airbus am Hudson River, das an die Öffentlichkeit gelangte, ein über den Online-Dienst Twitter verschicktes Foto, das ein Zufallspassant angefertigt hatte. Auch die erschütternden, heute ikonischen Folterbilder aus dem US-Gefängnis in Abu Ghraib wurden nicht von Profis, sondern von den Tätern selbst aufgenommen.

Die Autorin Susan Sontag konstatierte damals:
„Fiel einst die Kriegsfotografie in den Kompetenzbereich von Fotojournalisten, so sind heute die Soldaten selbst die ­Fotografen – sie nehmen ­ihren Krieg, ihren Spaß, ihre Gräueltaten auf, sie verteilen die Bilder untereinander und e-mailen sie um die ganze Welt.“ Ein Ende der Bilderflut ist nicht in Sicht. Ein stets wachsender Anteil daran wird von Amateurfoto­grafen getragen. Ihre Macht und ihre Fähigkeit, Kontroversen zu provozieren, wird die Fotografie wohl auch in der nahenden Ära der 3D-Bildtechnologien nicht einbüßen.