Schöne neue Welt?

Finanzmarkt. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Beinahe-Kollaps des weltgrößten Versicherers AIG haben die Kapitalmärkte weltweit destabilisiert. Die Rufe nach strengerer staatlicher Kontrolle werden immer lauter. Ist der Heuschrecken-Kapitalismus am Ende?

Es war am Sonntag, 14. September, knapp vor Mitternacht New Yorker Ortszeit, als für Richard S. Fuld Jr., 62, ein Alptraum wahr wurde – und für David Einhorn, 39, ein Traum in Erfüllung ging: Fuld ist der Chef der Investmentbank Lehman Brothers, Einhorn der Boss des Hedgefonds Greenlight Capital. Lehman hatte im Lichte des Bankrotts Gläubigerschutz beantragt. Greenlight war mit dieser Pleite um Millionen, wenn nicht Milliarden reicher geworden.

Seit Anfang 2007 hatte Einhorn eine konsequente Spekulationsstrategie verfolgt: Er wettete an der Börse gegen Lehman Brothers, überzeugt davon, dass die Investmentbank gegen alle offiziellen Jubelmeldungen hohe Verluste machte und in ihren Bilanzen versteckte. Das, prophezeite Einhorn, würde über kurz oder lang bekannt werden und die Aktie des Unternehmens abstürzen lassen.
Einhorn ging also „short“, wie es in der Brokersprache heißt. Er lieh sich Lehman-Papiere, verkaufte sie, legte das Geld beiseite und kaufte damit zu niedrigeren Kursen wieder ein. Er war nicht der Einzige, der diese Strategie verfolgte, aber einer der wenigen, der sich nicht scheute, sich öffentlich dazu zu bekennen.
Auch wenn er durchaus Bammel vor den Konsequenzen hatte: „Ein richtiger Kollaps von Lehman – das wäre nicht gut“, erklärte Einhorn vergangenen Juni in einem Interview. „Wir würden nichts gewinnen, wenn die Bank zusammenbricht und das ganze Finanzsystem mitnimmt.“
Aber genau so kam es. Die Nachricht der Lehman-Pleite löste eine Lawine von Hiobsbotschaften aus, die der Finanzwelt in der vergangenen Woche kaum eine Minute zum Durchatmen gönnten. Die Bilanz der fünf Tage liest sich verheerend: Von den fünf großen Investmentbanken der Wall Street, dem Herz des Finanzkapitalismus der USA, steht nur noch eine auf sicheren Beinen. Die größte US-amerikanische Versicherung, AIG, wurde vom Staat aufgekauft. Und die nächsten Kandidaten wackeln schon. Kein Wunder, dass die Börsen in aller Welt verrückt spielten. Der österreichische Leitindex ATX war davon nicht ausgenommen: Er fiel binnen einer Woche auf das Niveau des Jahres 2005, ehe er vergangenen Freitag wieder in die Höhe schnalzte (siehe Kasten Seite 52). Auch mehrere österreichische Banken und Versicherungen sind durch Geschäftsbeziehungen mit Lehman direkt vom Crash betroffen. Die seit Mitte des Vorjahrs schwelende Krise hat damit eine neue Dimension bekommen.

Wetten. Doch der Anschein, dass es nur Verlierer gibt, trügt. Der Fall Einhorn ist für diese Krise symptomatisch. Amerikanische Medien berichteten, dass in der vergangenen Woche gezielt Gerüchte über die Pleite weiterer Institute gestreut wurden, um auf fallende Kurse setzen zu können. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo kündigte deswegen umfassende Ermittlungen an, die amerikanische und die britische Börsenaufsicht verboten Ende der Woche zunächst befristet bis Anfang Oktober ungedeckte Leerverkäufe, mit denen Spekulanten auf fallende Kurse setzen.
Nicht nur Einhorn hat mit einer hoch angesetzten Wette gewonnen. Man vergisst leicht, dass viele Banken noch bis vor Kurzem aberwitzige Gewinne gemacht und deren Bosse ebenso abenteuerliche Boni einstreifen durften. Der Anteil der Gewinne der Finanzindustrie an der Wirtschaftsleistung der USA hat sich bis 2007 in nur fünf Jahren versechsfacht. Ihr Motor waren die Hypothekarkredite. „Die Banken haben den Leuten das Blaue vom Himmel herunter versprochen: Sie haben den Kunden glaubhaft gemacht, dass sie reich werden durch Nichtstun – einfach indem sie ein Haus kaufen. Und das würde dann einfach mir nichts, dir nichts mehr wert werden“, erklärte Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus jüngst in einem profil-Interview die Logik der Immobilienblase. Durch die Spekulation wurden die Häuser tatsächlich mehr wert – aber nur solange die Illusion aufrechterhalten werden konnte. Die Investoren, die rechtzeitig aussteigen konnten, haben sich eine goldene Nase verdient. Die einfachen Häuselbauer jedoch sitzen jetzt auf entwerteten Objekten, können ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen – und wer auch immer diese faulen Kredite in den Büchern stehen hat, steckt jetzt in der Klemme. Weil die Kredite als verschachtelte Pakete mehrmals weiterverkauft wurden, sind jetzt die Risiken über die ganze Welt verteilt (siehe Schaubild links). „Jetzt ist die Party vorbei, die Partygäste sind verkatert, manche müssen sogar auf die Intensivstation“, doziert der renommierte deutsche Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger.
Die Intensivbehandlung sieht jedoch für jeden Patienten anders aus. Während die amerikanische Regierung der größten Versicherung des Landes, AIG, 85 Milliarden Dollar zuschoss und sich gleichzeitig 80 Prozent am Konzern sicherte, ließ sie bei der Investmentbank Lehman schnell durchblicken, dass es keinen politischen Willen zur Rettung gab. Stattdessen sollte das Schicksal der 158 Jahre alten Traditionsbank in einer eilig anberaumten Krisensitzung mit 30 geladenen Bankchefs geklärt werden. Die Bush-Administration hatte gehofft, dass die Mitbewerber schon aus schierem Eigeninteresse eine Lösung finden würden, weil sie alle durch Milliardengeschäfte mit der Investmentbank verbunden sind. Doch der Versuch scheiterte. Nur ein Teil des Geschäfts wird im Lauf der Woche von der britischen Bank Barclays übernommen.

Staatseingriffe. Mit der Entscheidung, Lehman nicht zu retten, hat die US-Regierung ein klares Zeichen gesetzt, dass sich die Institute nicht von vornherein auf ein staatliches Auffangnetz verlassen können. Ein Vorgehen, dem Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank (RZB), durchaus Positives abgewinnen kann: „Ich denke, dass staatliche Interventionen zur Beruhigung der Märkte ihren Platz haben sollten. Sie müssen aber fein dosiert und kurzfristig bleiben, um Fehlentwicklungen und damit der nächsten Krise vorzubeugen. Daher sollte auch nicht jede Bank gerettet, sondern nur ein Beitrag zur Begrenzung der Schäden geleistet werden.“
Doch hinter der Entscheidung, ausgerechnet Lehman nicht zu retten, steckt auch berechnendes Kalkül der Amerikaner. „Im Gegensatz zu AIG ist Lehman kein rein amerikanisches Unternehmen. Das Risiko ist über die ganze Welt verstreut. Geht Lehman pleite, so ist das zwar tragisch, aber nicht bedrohlich für den amerikanischen Sektor“, sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst der RZB. Große Gläubiger von Lehman sitzen beispielsweise in Japan.
Kleinere sitzen auch in Österreich. Der offiziell höchste mögliche Verlust unter heimischen Banken könnte die RZB treffen. Sie hat gegenüber Lehman Forderungen in Höhe von 252 Millionen Euro in der Bilanz. Die Erste Bank bekennt 40 Millionen Euro ein, die Volksbanken 50 Millionen Euro. Bank-Austria-Vorstandsvorsitzender Erich Hampel beziffert die Forderungen gegenüber Lehman mit einem „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“, der im Vergleich zum Eigenkapital von mehr als 15 Milliarden „nur eine geringe Belastung darstellt“. Unbestätigten, aber auch nicht dementierten Medienberichten zufolge haben auch die Versicherungen Uniqa und Wiener Städtische Lehman-Forderungen in Höhe von je 50 Millionen Euro in ihren Büchern. Der ÖBB-Konzern ist über die Tochtergesellschaft Postbus vor Jahren ein Geschäft mit Lehman Brothers eingegangen. „Wir prüfen derzeit, ob für uns ein Risiko besteht. Im schlimmsten Fall sind wir mit
9,3 Millionen Dollar betroffen“, so ÖBB-Sprecher Alfred Ruhaltinger auf Anfrage. Wie viel von diesen Beträgen tatsächlich schlagend wird, zeigt sich erst im Verlauf der Insolvenz. Insider gehen davon aus, dass 30 bis 60 Prozent zu retten sein könnten. Trotz dieser direkten Auswirkungen schätzt Finanzminister Wilhelm Molterer den heimischen Finanzsektor als „verlässlich und stabil“ ein, da man vor allem in Europa investiert habe. Auch Erste-Bank-Chef Andreas Treichl gibt sich optimistisch: „Die heimischen Banken werden die Finanzsystemkrise überleben, keine Frage.“
Für russische Banken gilt das derzeit nur bedingt. Am Mittwoch musste die russische Investmentbank KIT Finance bekannt geben, dass sie ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen könne. Noch am gleichen Tag wurde der Handel an der Börse Moskau bis zum Ende der Woche ausgesetzt – in nur drei Tagen hatte der Leitindex ein Viertel seines Werts eingebüßt. Der Geldmarkt ist so gut wie zusammengebrochen, die Notenbank versuchte, mit Milliardenspritzen dem Liquiditätsengpass entgegenzusteuern. Donnerstagnacht genehmigte Präsident Dmitri Medwedew eine staatliche Finanzspritze von insgesamt 92 Milliarden Euro. „Russland hat derzeit einen gefährlichen Cocktail aus Finanzkrise, Georgien-Krise und fallenden Rohstoffpreisen“, begründet RZB-Analyst Brezinschek den starken Ausschlag der Moskauer Börse. Trotz des explosiven Marktumfeldes sieht Erste-Group-Analyst Günter Hohberger keine größeren Schwierigkeiten für die österreichischen Banken, die im russischen Markt aktiv sind. Das gilt vor allem für Raiffeisen International (RI) und die Bank Austria. Die Erste Bank ist in Russland dagegen so gut wie nicht präsent. Eine Konsolidierung des fragmentierten russischen Bankensektors sei seit Langem erwartet worden, so Hohberger: „Doch das wird vor allem kleinere Banken treffen, die keine Mutter in Westeuropa haben, über die sie sich im Notfall finanzieren können. Für die österreichischen Banken könnte die Konsolidierung sogar Wachstumspotenzial haben.“ Laut Hohberger ist die russische RI-Tochter mit anderen Banken nur wenig verflochten, sie habe weniger als ein Prozent ihrer Bilanzsumme an Banken verliehen. Herbert Stepic, Vorstandschef der RI, sieht die Zeiten trotz russischer Turbulenzen rosig: „Der russische Staat hat mit hohen Devisenreserven und einer sehr niedrigen Staatsverschuldung die Ressourcen, um kurzfristig stabilisierend auf den Finanzmarkt einzuwirken. Unser primäres Kundengeschäft ist bis dato nicht direkt betroffen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich der natürliche Aufholprozess Osteuropas weiter in deutlich höheren Wachstumsraten als im Westen niederschlagen wird.“

Strukturänderungen. Restrukturierungen im Bankensektor wird es nicht nur in Russland geben. „Das amerikanische Modell der reinen Investmentbank ist am Ende“, sagt Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass überhaupt nur eines von fünf großen Investmenthäusern – nämlich Goldman Sachs – übrig bleibt. Lehman ist pleite, Merrill Lynch flüchtete unter das Dach der Bank of America, und auch Morgan Stanley hat die Hoffnung, allein überleben zu können, bereits aufgegeben. Im Gegensatz zu den österreichischen Geschäftsbanken haben diese Häuser kein Privatkundengeschäft, sondern konzentrieren sich auf die Veranlagung von Vermögen. Während Geschäftsbanken auf die Einlagen ihrer Sparer zurückgreifen können, sind die Investmentbanken darauf angewiesen, dass ihnen die Liquidität vom Markt jederzeit zur Verfügung gestellt wird. „Doch genau das hat durch die Vertrauenskrise nicht mehr funktioniert“, sagt Christian Helmenstein, Chefvolkswirt der Industriellenvereinigung.
Gut möglich also, dass in den kommenden Jahren kaum mehr reine Investmentbanken auf dem Markt zu finden sein werden – dafür schwenkt das Pendel aber Richtung Verstaatlichung. Bereits die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wurden unter die Kontrolle der US-Regierung gebracht, der Versicherungskonzern AIG folgte. Innerhalb von wenigen Tagen wurden so im Zentrum der kapitalistischen Finanzwelt die größten Verstaatlichungen aller Zeiten vorgenommen – und das außerhalb des Kommunismus. Nun basteln die USA an einem weiteren gigantischen Auffangplan, in dessen Zentrum eine Auffanggesellschaft stehen soll, die sämtliche faule Papiere der Branche übernehmen können soll. RZB-Analyst Brezinschek begrüßte das Paket als „wesentlichen Baustein für ein absehbares Ende der Finanzkrise“. Auch die Börsen reagierten auf die Ankündigung mit selten da gewesener Euphorie.
Ein Mehr an Staat wird nicht nur über die direkte Schiene der Übernahmen kommen. Der Ruf nach mehr staatlicher Regulierung wird von allen Seiten laut. Sogar von der Finanzbranche selbst. „Die Banken haben zu viele Möglichkeiten, außerhalb der Bilanz enorme Hebelwirkungen einzusetzen. Diese riesige Zockerei findet ohne jegliche Aufsicht statt. Selbst für Hedgefonds gibt es strengere Regeln“, sagt Christian Baha, Gründer des österreichischen Hedgefonds Superfund. Er setzt sich seit Jahren bei der Europäischen Kommission für eine europaweit einheitliche Regulierung alternativer Investments ein. Das EU-Parlament ist in dieser Hinsicht bereits tätig geworden (profil berichtete). Kanzler Alfred Gusenbauer forderte gar eine Welt-Regulierungseinrichtung nach dem Vorbild der Welthandelsorganisation WTO. Auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Frankfurt, hält Veränderungen für dringend geboten: „Während die Finanzwelt global agiert, ist die Aufsicht bisher national organisiert. Das muss sich ändern – zumal auch die Zusammenarbeit nicht gut funktioniert.“ Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow zeigte jüngst in einem profil-Interview auf, dass die Finanzinstrumente so komplex geworden sind, dass die Transparenz auf der Strecke bleibt. „Die Aufsicht hinkt beim Know-how den Finanzmarktteilnehmern hinterher. Wir brauchen nicht mehr, sondern bessere Regulierung“, so Solow.

Rezessionsangst. Die Konsequenzen der Turbulenzen werden nicht auf den Finanzsektor beschränkt bleiben. Schon in den vergangenen Monaten hat sich die Kreditaufnahme für Unternehmen und Privatkunden verteuert. Auch in Österreich, wie eine Studie der Oesterreichischen Nationalbank vor Kurzem bestätigte. „Nur weil es bisher noch nicht so stark durch das Dach geregnet hat, heißt das nicht, dass wir davon ausgehen können, dass es so bleibt“, so Ökonom Walter. Im Gegenteil: Er hält eine Rezession in den USA inzwischen für unausweichlich. „Und sobald die Regierung merkt, dass sie nicht mehr gegensteuern kann, wird sie großes Interesse daran haben, den Dollar zu schwächen.“ Dadurch würde der Euro erneut erstarken und das von Exporten abhängige Europa treffen. Die Folgen werden zwar mit einer zeitlichen Verzögerung eintreten, aber: „Die Rezession kommt auch nach Europa“, prognostiziert Walter. Ungemach droht den österreichischen Unternehmen, die stark in Osteuropa vertreten sind, auch aus Russland. Experten gehen inzwischen davon aus, dass sich die Finanzkrise auch dort in der Realwirtschaft niederschlägt und das Wachstum dämpft.
Noch zeigen sich die österreichischen Volkswirte verhalten optimistischer, gehen aber unisono von einem langsameren Wachstum in Österreich aus als bisher angenommen. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein überlegte sogar öffentlich, ein Konjunkturpaket in dreistelliger Millionenhöhe noch in diesem Herbst aufzulegen, um Österreichs Wirtschaft zu stützen.
Es braucht eine gehörige Portion Optimismus, um bei diesen Aussichten der Situation noch etwas Positives abzugewinnen. Erste-Bank-Chef Andreas Treichl versucht es trotzdem: „Ich hoffe, dass diese Krise so gewaltig ist, dass ein besseres Finanzsystem entsteht.“

Von Andrea Rexer.
Mitarbeit: Josef Redl, Martin Staudinger