Schreckgespenst Vogelgrippe: Seriöse Wissenschafter sprechen jetzt von Hysterie

Experten und Medien schürten die Angst vor einer weltweiten Pandemie mit Millionen Toten. Das hatte den heilsamen Effekt, dass die Regierungen endlich Vorsorgemaßnahmen ergriffen – und dass jetzt auf Basis von Fakten diskutiert wird.

Nur hie und da flackert das Pandemiegespenst noch auf – die Gefahr einer tödlichen Verschmelzung von Vogelgrippe- und humanen Grippeviren. Aber der große Hype scheint vorbei. Wochenlang hatten die Medien getrommelt, die Vogelgrippe rücke auf Mitteleuropa vor, die Gefahr, dass sich das Virus in ein humanes Grippevirus verwandle, stünde praktisch vor der Tür. Doch jetzt scheint es, als wäre alles bloße Hysterie und all die Aufregung umsonst gewesen. Regierungen haben tonnenweise Grippemedikamente geordert, Atemschutzmasken wurden millionenfach eingelagert, Verträge über die Produktion von Impfstoffen abgeschlossen, deren Herstellungstechnologie noch völlig unerprobt ist.

War das alles umsonst? Ist die Gefahr vorbei, oder hat all die Aufregung doch einen Sinn gehabt?

Seit zehn Jahren warnen die Experten vor einer drohenden Grippepandemie. Sie haben dabei insbesondere die verheerende Grippeseuche des Nachkriegswinters 1918/19 vor Augen, die nach verschiedenen Schätzungen weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Tote gefordert hat. Eine der plausibelsten Thesen, wo die Krankheit ihren Ausgang genommen haben könnte, deutet auf das Kriegslazarett im nordfranzösischen Etaples, in dem während des Ersten Weltkriegs tagtäglich bis zu einer Million Verwundete behandelt und versorgt werden mussten. Dort wurden unmittelbar neben den Schwerverletzten auch massenhaft Hühner, Schweine und Rinder gehalten, um die Versorgung der Verwundeten und des Pflegepersonals sicherzustellen.

Aggressives Virus. John S. Oxford, heute einer der profiliertesten Influenzaexperten, weist penibel nach, dass dort die ersten Fälle einer hochansteckenden und zumeist tödlich verlaufenden Grippevariante auftraten, wie sie zuvor nie beobachtet worden war. Schilderungen berichten von Fällen, bei denen Reisende mit ersten Krankheitsanzeichen einen Zug bestiegen und am Endbahnhof bereits tot ankamen. Zur Aggressivität kam hinzu, dass der Erreger nicht nur Kranke, Geschwächte und Alte befiel, sondern auch bis dahin kerngesunde Menschen in der Blüte ihres Lebens. Weil die französischen Militärs die ersten Todesfälle auf ein noch unbekanntes Kampfgas der Deutschen zurückgeführt und deshalb geheim gehalten hatten, wurden die ersten Grippetodesfälle aus dem neutralen Spanien bekannt. Daher der Name Spanische Grippe.

Heute kennt die Wissenschaft den genetischen Code dieses aggressivsten aller humanen Grippeviren, der aus historischen, tiefgefrorenen Präparaten isoliert wurde. Die Variante trägt die Bezeichnung H1N1, benannt nach den beiden wichtigsten Proteinen, aus denen das Virus besteht. H steht für Hämaglutinin, N für Neuraminidase. Grippeexperte Oxford konnte nachweisen, dass dieses Virus durch das enge Zusammenleben von Mensch und Tier entstanden ist. Auch spätere Grippepandemien, wie die asiatische Grippe 1957 (Stamm: H2N2) oder die Hongkong-Grippe von 1968 (Stamm: H3N2), sind nach heutigem Wissen durch einen so genannten „genetischen Shift“ von einem tierischen zu einem humanen Grippevirus entstanden.

Dass sich genau dieser Vorgang – beispielsweise durch Mutation des derzeit grassierenden Vogelgrippevirus H5N1 – demnächst wiederholen könnte, darüber waren sich die Teilnehmer der Influenzakonferenz im vergangenen September im maltesischen La Valetta einig. „Die Pandemie kommt mit Sicherheit innerhalb der nächsten fünf Jahre“, erklärt der Wiener Sozialmediziner Michael Kunze, einer der Konferenzteilnehmer. „Sie wird vermutlich in Südostasien ihren Ausgang nehmen, in zwei oder mehr Wellen ablaufen und mehr als eine Milliarde Menschen betreffen.“ Noch drastischer formuliert es Michael Osterholm, Epidemiologe an der University of Minnesota und graue Eminenz der Grippeforschung. Er nennt die drohende Pandemie „das größte vorstellbare Risiko für die gesamte Menschheit“, bei dem bis zu 150 Millionen Menschen sterben könnten – 2,5 Prozent der Weltbevölkerung. Das habe nicht nur für die unmittelbar Betroffenen Konsequenzen, fügt Osterholm warnend hinzu: „Regierungen und ganze Zivilisationen sind schon wegen wesentlich geringerer Katastrophen zusammengebrochen.“

Angesichts dieser von Experten gezeichneten Horrorszenarien steht die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einem Dilemma: Einerseits hat sie weltweit ein flächendeckendes Grippe-Überwachungssystem mit 112 Niederlassungen in 83 Ländern aufgebaut, um so rasch wie möglich auf jeden lokalen Ausbruch reagieren und den Erreger analysieren zu können. Andererseits fehlen ihr darüber hinausgehende Ressourcen. Die WHO kann weder Impfstoffe noch Arzneimittel herstellen. Sie kann nur warnen und hoffen, dass die ihr angehörenden Mitgliedsstaaten von sich aus tätig werden. Die derzeitige Infrastruktur ist aber nicht im Geringsten dazu geeignet, auf den allfälligen Ausbruch einer Pandemie in adäquater Weise zu reagieren.

Da die entsprechenden Warnungen der WHO jahrelang ergebnislos verhallt sind und die Regierungen untätig blieben, wuchs unter den WHO-Experten die Frustration – und damit auch ihre Neigung, die Drastik der Warnungen höher zu schrauben. Die Vogelgrippe kam da gerade recht. Die Überzeugung, dass es sich dabei um eine wirklich gefährliche Variante eines Grippevirus handelt, wird jedoch bei Weitem nicht von allen Wissenschaftern geteilt. Peter Palese, ein New Yorker Mikrobiologe, der mit seinen Mitarbeitern den Erreger der Spanischen Grippe in einem aufsehenerregenden Projekt wiederbelebt und genau analysiert hat, glaubt nicht, dass das Vogelgrippevirus H5N1 mit dem Killervirus von 1918 vergleichbar ist. „Es hat nicht das Potenzial, um eine Pandemie auszulösen.“ Dass die WHO dennoch die Angst vor einer drohenden Katastrophe schürt, findet Palese hingegen völlig in Ordnung, „denn sonst würde ja kein einziger Staat einen Finger rühren, bis es dann zu spät ist“.

Fliegende Verbreitung. Wie sehr eine allfällige Pandemie die Menschheit treffen wird, hängt freilich vor allem davon ab, wie gut sie darauf vorbereitet ist. Die heutige Situation ist mit jener von 1918 nicht vergleichbar. Einerseits bietet der rege weltweite Flugverkehr optimale Voraussetzungen für die Verbreitung einer hochansteckenden Krankheit – Kunze: „Denn während der erste Kranke bekannt wird, fliegen bereits hundert Infizierte mit Flugzeugen rund um die Welt.“ Andererseits ist die Menschheit einer Grippepandemie nicht mehr völlig hilflos ausgeliefert. Margaret Chan, Chefin der Pandemie-Task-Force der WHO, weist zwar warnend darauf hin, dass es in der Geschichte noch nie gelungen sei, eine Pandemie durch gesundheitsbehördliche Maßnahmen zu stoppen, sagt aber: „Zum ersten Mal können wir jetzt zusehen, wie sie unter unser aller Augen ausbricht.“ Dieses „schmale Zeitfenster von wenigen Wochen“ sei zugleich auch eine Chance, lokal und weltweit die richtigen Aktionen zu setzen. Doch diese Chance bestünde nur, wenn alle Regierungen jetzt handeln und sich vorbereiten.

Genau das war das Ziel der bisweilen überzogen wirkenden Warnungen der WHO, welche von den Medien noch weiter verstärkt wurden. Erst unter dem massiven öffentlichen Druck ließen sich Regierungen dazu bewegen, die von der WHO vorgeschlagenen Maßnahmen zu ergreifen. Gleich nach den Japanern begannen Mitgliedsländer der EU – noch vor den USA – mit der Erstellung detaillierter Pandemiepläne und dem Aufbau von Notfallreservoirs an Medikamenten und Atemschutzmasken, darunter nach langer Untätigkeit auch Österreich.


  • Sowohl auf Bundes- wie auf Landesebene wurden gemäß der WHO-Empfehlung Krisenstäbe eingerichtet und Zuständigkeiten festgelegt, wer welche der eingelagerten Medikamente bekommt.

  • Das Bundesheer wurde für den Pandemiefall mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung betraut.

  • Die Polizei ist zuständig für die Sicherung der Medikamentenausgabe.

  • Für zwei Millionen Personen wurden antivirale Medikamente (Tamiflu) geordert, die derzeit vom Hersteller Roche ausgeliefert werden.

  • Die voll angelaufenen Grippeimpfaktionen mussten mangels Verfügbarkeit von Impfstoffen vorübergehend eingestellt werden. Neu angelieferte Impfstoffe sind regional mittlerweile auch schon wieder verbraucht. Für kommendes Jahr wurden wesentlich größere Mengen geordert.


Unter dem medialen Trommelfeuer auf die Vogelgrippe verkehrte sich die vormalige Untätigkeit da und dort in Überaktivität. Als besonders eifrig erwiesen sich die Katastrophenschützer in Niederösterreich. Bereits im Frühsommer hatte Landessanitätsdirektor Werner Hoffer offen darüber nachgedacht, wie man „mithilfe der Bauindustrie“ und deren Baggern genügend Massengräber ausheben könne, um die erwarteten 40.000 Leichen im ersten Ansturm der Seuche komplikationslos unter die Erde zu bringen. Im Notfall, so der mittlerweile pensionierte Direktor, müssten dafür eben die Sportplätze herhalten. Geeignete Plastiksäcke wurden geordert, normale Feuerwehr- in Pandemieübungen umgemünzt und jede verfügbare Menge des Grippemittels Tamiflu eingebunkert. „Die Niederösterreicher sind jetzt auch die Ersten, die 2,2 Millionen Influenzaschutzmasken ausgeliefert bekommen“, lobt Sozialmediziner Michael Kunze derart vorbildliches Engagement. „Wer weiß, wie lange die anderen noch warten müssen, die später bestellt haben.“

Kunze selber hat auch für sich und seine Mitarbeiter vorgesorgt und sich von Medikamenten- und Maskenherstellern großzügig eindecken lassen. „Das ist dringend nötig für alle, die im Ernstfall an die Front müssen – sonst gehen sie dann nicht in den Dienst.“

Teurer Mundschutz. Atemschutzmasken sind – im Gegensatz zu den sonstigen Hilfsmitteln gegen Ansteckung – noch am leichtesten erhältlich. Vielleicht auch wegen ihres stolzen Preises. Der Stückpreis variiert je nach Qualität zwischen einem und neun Euro. Die Maske soll nicht länger als einen Tag getragen werden. Die 15-Stück-Packung kommt in der Apotheke auf beinahe 80 Euro. Im Internet berechnet ein „Pandemie-Kalkulator“ die ideale Stückzahl für die ganze Familie. Mit dieser Hilfe und einem entsprechend großen Vorrat ist auch rasch die 1000-Euro-Marke überschritten. Dagegen nimmt sich eine Packung des derzeit wohl begehrtesten Medikaments, Tamiflu, mit 44,10 Euro schon nahezu wie ein Schnäppchen aus. In Deutschland allerdings ist dasselbe Präparat wegen geringerer Steuerbelastung und Abgaben ganz regulär um elf Euro billiger zu haben.

Für Regierungen, die gleich einige Millionen Stück einkaufen, gibt es beträchtliche Preisnachlässe. Die Politiker stehen weltweit unter enormem moralischem Druck. Niemand möchte im Ernstfall so hilflos in der Katastrophe stehen wie George W. Bush bei seinen ersten New-Orleans-Auftritten und sich anhören müssen, er habe alle Warnungen ignoriert. Aber wem vertrauen? Die Entscheidungsträger werden von einer Heerschar von Experten umschwänzelt, die oft nur schwer von Lobbyisten zu unterscheiden sind.

„Es wird für öffentliche Auftraggeber immer schwieriger, sich hier ein objektives Bild zu machen“, sagt Clemens-Martin Auer, Kabinettschef von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. „Und es ärgert mich wirklich, wenn einige, die uns mit guten Ratschlägen verfolgen, sich rundum alles von der Pharmaindustrie zahlen lassen.“ Auer fordert deshalb von allen Experten, die im Arzneimittelbereich tätig sind, dass sie eventuelle Interessenkonflikte auch kundtun. „Sie müssen sich uns gegenüber auf jeden Fall deklarieren.“

Wie gut und wie sinnvoll die getroffenen Maßnahmen insgesamt sind, kann sich nur im Ernstfall erweisen. Doch Wirkweise und Qualität einzelner Komponenten lassen sich schon jetzt beurteilen. So ist etwa das allseits angepriesene Medikament Tamiflu das derzeit einzig wirksame Mittel zur Vorbeugung und Behandlung jeder Art von Grippe. Gegen frühere Medikamente haben die meisten Stämme bereits Resistenzen entwickelt. Das etwa zeitgleich mit Tamiflu zugelassene antivirale Medikament Relenza wurde von der Erzeugerfirma GlaxoSmithKline wegen mangelnder Nachfrage wieder vom Markt genommen, soll aber im kommenden Jahr neuerlich vermarktet werden.

Im Gegensatz zum Nasenspray Relenza wird Tamiflu in Tablettenform eingenommen. Beide Mittel wirken nur, wenn sie möglichst frühzeitig nach Auftreten der ersten Krankheitssymptome eingenommen werden. Sie greifen unmittelbar in den Lebenskreislauf der Viren ein und „verkleben“ deren wichtigstes Enzym, die Neuraminidase. Daher heißen sie im Fachjargon Neuraminidasehemmer. Ohne dieses Enzym kommt das Virus nicht mehr aus der Zelle heraus, in die es zuvor eingedrungen ist. „Die Viren sind dann so hilflos wie ein Tresorknacker ohne Schneidbrenner“, umschreibt es der österreichische Tamiflu-Erfinder Norbert Bischofberger (siehe auch Interview auf Seite 114).

Vorbeugend eingenommen, bietet Tamiflu einen Schutzfaktor von bis zu 70 Prozent. An diese mögliche Wirkung knüpfen sich die Überlegungen der Gesundheitsstrategen: Derart geschützte Einsatzkräfte könnten ihre Aufgaben im Umgang mit Grippeopfern ohne hohes eigenes Erkrankungsrisiko erfüllen. Ist die Grippe bereits ausgebrochen, dann vermag das Medikament den Krankheitsverlauf zu mildern und die Dauer um ein bis zwei Tage zu verkürzen. Diese Wirkung kann unter Umständen bei alten oder geschwächten Personen zwischen Leben und Tod entscheiden.

Nebenwirkungen. Allerdings hat Tamiflu auch Nebenwirkungen, die mitunter erheblich sein sollen. Mitte November wurde bekannt, dass in Japan mindestens 34 Personen, darunter 13 Kinder, kurz nach der Einnahme verstorben sind. Es gab neben schweren Hautausschlägen und Magen-Darm-Koliken auch neuropsychiatrische Krankheitsbilder und vereinzelte Selbstmordversuche. Die Erzeugerfirma Roche räumt ein, dass in zwei der Fälle ein möglicher Zusammenhang mit der Einnahme von Tamiflu nicht ausgeschlossen werden könne. Wesentlich wahrscheinlicher sei allerdings, dass die schweren Nebenwirkungen und Todesfälle auf die Grippeerkrankung selbst zurückzuführen wären. Amerikanische und europäische Gesundheitsbehörden schlossen sich dieser Einschätzung an.

Während Tamiflu einen ersten Schutz vor der Infektion oder eine Abmilderung des bereits eingetretenen Krankheitsgeschehens gewährt, so die Überlegung der Pandemievorsorge-Planer, bleibt nur wenig Zeit, um einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Erst ein solcher Impfstoff könnte breite Bevölkerungskreise vor Infektion schützen. Doch die derzeit bei der Herstellung von Grippeimpfstoffen eingesetzte Technologie mit der Anzucht der Virenkulturen auf befruchteten Hühnereiern ist langwierig und risikoanfällig. Mal sterben die Embryonen ab, weil die Grippeviren zu aggressiv sind, mal werden – trotz strenger Hygienevorschriften in den Spezialhühnerställen – die Impfstoffe kontaminiert und müssen vernichtet werden. Erst im Vorjahr ging auf diese Weise die halbe Jahresproduktion der USA verloren.

Der US-Konzern Baxter, der in den neunziger Jahren den österreichischen Impfstoffhersteller Immuno aufgekauft hatte, gilt als Hoffnungsträger für die neue, von Hühnereiern unabhängige so genannte Verozell-Technologie. In der Forschungsstätte in Orth an der Donau und im neuen Baxter-Werk im tschechischen Bohumil wachsen die Viren nämlich künftig auf Zellkulturen in riesigen Fermentoren heran. Diese aus den Nieren der afrikanischen Grünen Meerkatze gewonnene Zelllinie ist theoretisch unsterblich und wächst, solange sie bei richtiger Temperatur gefüttert wird, unaufhörlich weiter.

Baxter-Forschungsleiter Noel Barrett und sein Team lösten das Problem, dass sich Viren normalerweise nur ungern auf einem derartigen Milieu vermehren, mithilfe spezieller Enzyme. Und nun steht einer breiten Impfstoffproduktion theoretisch nichts mehr im Wege. Hundert Mitarbeiter in Wien und doppelt so viele in Bohumil stünden bereit, um den begehrten Grippeimpfstoff – als weltweit erstes zugelassenes Verozell-Produkt – zu produzieren. Weil sowohl Bohumil als auch das derzeit noch leer stehende Baxter-Werk in Krems auf den höchsten Sicherheitslevel im Virenschutz ausgelegt sind, könnte hier ein tödliches Pandemievirus, sobald es irgendwo isoliert wird, sofort für die Impfstoffproduktion eingesetzt werden. Bei der Hühnerei-Technologie müsste hingegen erst über gentechnologische Verfahren eine Virenversion hergestellt werden, die verhindert, dass sich die damit hantierenden Mitarbeiter mit dem potenziell tödlichen Virus infizieren. „Es dauert mindestens drei Monate, bis die anderen überhaupt anfangen können zu produzieren“, sagt Barrett. „Wir hingegen liefern da schon aus.“

Vorvertrag mit Baxter. Das seien durchaus gute Argumente für eine Kooperation, befand auch Österreichs Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. Ende Oktober unterzeichnete die ÖVP-Politikerin einen Vorvertrag mit dem Impfstoffhersteller Baxter, der sicherstellt, dass Österreich im Ernstfall zuerst beliefert wird. „Und zwar auch dann, wenn die USA und viele andere Staaten sich hier im Katastrophenfall um die wenigen Ressourcen bemühen.“ Nahezu die Hälfte der tschechischen Kapazität von 14 bis 20 Millionen Impfstoffdosierungen pro Grippesaison wäre damit gesichert. Es ist auch einigermaßen beruhigend zu wissen, dass sich die Abfüllanlage von Baxter in Österreich befindet.

Neben Baxter ist eine Reihe weiterer Pharmaunternehmen um die Entwicklung neuer Technologien und neuer Grippeimpfstoffe bemüht, weil darüber Einigkeit herrscht, dass mit der Hühnereier-Technologie erzeugte Impfstoffe im Ernstfall zu spät kommen. Doch alle diese neuen „Pandemie-Impfstoffe“, über die jetzt weltweit Verträge unterzeichnet wurden, sind bis dato weder zugelassen noch erprobt. Daher bleibt nur die Hoffnung, dass sie im Ernstfall verträglich, sicher und wirksam sind.

Die derzeit alljährlich eingesetzten Grippeimpfstoffe sind zwar sicher und verträglich, aber ihre Wirksamkeit hängt von der Treffsicherheit ab, mit der die WHO ihre alljährliche Prognose für die voraussichtlich grassierenden Virenstämme trifft. Weil diese Voraussage stets mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor verbunden ist, verfügen die eingesetzten Impfstoffe zumeist nur über eine eingeschränkte Schutzwirkung zwischen 20 und höchstens 80 Prozent. „Verglichen mit den hochwirksamen Kinderimpfungen oder der FSME-Zeckenimpfung ist die Bilanz bei Grippe wirklich nicht berühmt“, urteilt der Wiener Virologe Christian Mandl. Wie groß das Dilemma ist, zeigt eine Serie von Übersichtsarbeiten, die von der angesehenen Cochrane-Gruppe in den letzten Monaten im Fachjournal „Lancet“ publiziert wurde.

Die unabhängigen Wissenschafter sichteten alle verfügbaren Arbeiten, die sich mit der Wirksamkeit der Impfung bei Kindern, Erwachsenen und älteren Menschen befassten. Das Resümee von Tom Jefferson, dem Koordinator der Forschergruppe, fällt deprimierend aus: „Für Kinder unter zwei Jahren wirkt die Impfung nicht besser als ein Placebo. Und auch für ältere Menschen scheint es sinnvoller, wenn sie sich die Hände waschen und auf eine gesunde Lebensweise achten, als wenn sie zum Impfarzt gehen.“

Von Bert Ehgartner