Schule: (Alb)traumfach Mathematik

Tausende österreichische Schüler treten ab dieser Woche zu Wiederholungsprüfungen an. Spitzenreiter unter den „Versager-Fächern“ ist neben den Fremdsprachen die Mathematik – für viele immer noch Schul-Horror Nummer eins.

Dem seltenen Hochgefühl folgt der Fall ins Nichts. „Herzliche Gratulation zum Studienabschluss“, sagen die beiden Männer an der Wohnungstür. „Da wäre allerdings noch eine Kleinigkeit: Sie müssen die Mathematikmatura wiederholen, sonst ist ihr Abschluss ungültig.“ Schweißgebadet fährt Katrin Miesauer*, 31, aus dem Schlaf. Seit ihrem Studienabschluss wird die Wiener Anglistin immer wieder von solchen Albträumen gepeinigt. Nach dem Erwachen spendet sie sich selber Trost. Schließlich hat sie die Mathe-Matura – „mit einer knappen Vier, aber immerhin“ – bestanden.

Miesauer ist ein Fall von vielen. Selbst Menschen, die in Mathe gut waren, klagen manchmal über Mathe-Albträume und Versagensängste. Und nicht wenige heutige Schüler fürchten sich vor keinem anderen Gegenstand so sehr wie vor Mathematik. „Meine elfjährige Tochter teilt die Schulwoche nur noch in schlechte Tage – mit Mathe – und gute – ohne Mathe“, klagt eine Wiener Mutter. Und vielleicht hängt auch die Tatsache, dass es viel zu wenig Lehrernachwuchs in Mathematik, Physik und Chemie gibt, mit Mathe-Angst zusammen.

Ab Montag dieser Woche treten tausende Schüler zu ihren Wiederholungsprüfungen an. Wie viele es genau sind und wie viele davon es in Mathe erwischt hat, können die Schulbehörden nicht sagen, es gibt darüber keine Daten. Zwar betonen die Landesschulräte etlicher Bundesländer, Mathematik komme unter den Fächern mit hohen Versagerquoten erst an zweiter Stelle nach den Fremdsprachen. Aber die wenigen konkreten Daten, die es gibt, legen nahe, dass Mathematik noch immer das Horrorfach Nummer eins ist.

Mathe-Fünfer. In den Wiener Oberstufenrealgymnasien (ORG) zum Beispiel entfielen 16 Prozent aller Fünfer, die zu Schulschluss 2002 ausgeteilt wurden, auf Mathematik. Das war Platz eins vor Englisch mit 13 Prozent. In den übrigen AHS-Oberstufen rangierten die Mathe-Fünfer immerhin noch mit neun Prozent vor den Englisch-Fünfern mit 6,9 Prozent.

In den Kärntner höheren technischen Lehranstalten hatten im Vorjahr 11,6 Prozent der Schüler einen Fünfer in Mathe. Und laut Josef Lackner, Salzburger Landesschulinspektor für die höheren Wirtschafts- und Tourismusschulen ist Mathe Nachzipf-Gegenstand Nummer eins.

Die Erfahrungen der Nachhilfeinstitute belegen diesen Befund. So berichtet Josef Rampitsch, Direktor des Wiener Instituts für Lernhilfe, das auch Niederlassungen in den meisten Landeshauptstädten unterhält, von einem deutlichen Nachfrage-Schwerpunkt in Mathematik. Während des vergangenen Schuljahres wurden in Rampitschs Institut 43 Prozent der Nachhilfestunden in Mathematik erteilt, gefolgt von Englisch mit 32 Prozent.

Befragt nach den Gründen für den Mathe-Spitzenplatz, sagt Rampitsch, der sich selbst viel mit Motivationspsychologie beschäftigt: „Es hapert an der Vermittlung.“ Häufig liege es aber auch an der Persönlichkeitsstruktur des Schülers – Unsicherheit, wenig Selbstvertrauen –, dazu komme die mangelnde Ermunterung durch die Lehrer. „Man muss die Nuss knacken“, erklärt Rampitsch sein Erfolgsrezept. Als schlagenden Beweis zeigt er das Dankschreiben einer Mutter vor, deren Tochter in der sechsten Klasse AHS ein Nicht genügend in Mathematik hatte und die nach entsprechender Motivation und Schulung mit Auszeichnung maturierte, mit einem Sehr gut in Mathematik.

Kein Wunder also, wenn unter jenen namhaften Österreichern, die profil zu ihren Mathematikerfahrungen befragte, jene mit positiven Erfahrungen stets das Glück betonen, gute Lehrer gehabt zu haben. Und gute Lehrer gibt es auch heute, aber offenbar nicht genug. „Wir haben ein Lehrerproblem“, klagt beispielsweise Norbert Blaichinger, Pressesprecher des Salzburger Landesschulratspräsidenten Gerhard Schäffer, „etwa fünf Prozent sind zu streng oder didaktisch schwach. Bei Beschwerden sind es immer die gleichen Namen“.

Trotz großer Anstrengungen zur Lehrerfortbildung, trotz aller Bemühungen seitens der Schulbehörden, die „schwarzen Schafe“ (Blaichinger) zur Räson zu bringen, gibt es Reste der „schwarzen Pädagogik“ bis heute, offenbar gerade in Mathematik, wie Lernhelfer Rampitsch aus Erzählungen seiner Schüler weiß: „Die Schüler werden dauernd nur daran erinnert, dass sie nix wert und bloße Versager sind“, sagt er. Patrick, ein heute 19-jähriger HBLA-Maturant für wirtschaftliche Berufe, erinnert sich mit Schaudern daran, wie er und einige Mitschüler nach missglückter Mathe-Schularbeit jene Beispiele, an denen sie gescheitert waren, nochmals an der Tafel rechnen mussten und dabei stets als Versager vorgeführt wurden.

Die Lust an der Hierarchie, des Oben und Unten, des Gescheiten da und des Dummen dort scheint dem österreichischen Schulwesen noch immer eigen zu sein. Und die Lust zur Heimtücke ein Merkmal einzelner Mathematiker.
Rudolf Taschner, Professor für technische Mathematik an der TU Wien, nennt es „die Gemeinheit der Halbgebildeten“ und hat dafür ein einschlägiges Rechenbeispiel parat: „Zwei Tankschiffe brauchen für den Weg von Wien nach Istanbul zehn Tage, wie viele Tage benötigen drei Tankschiffe?“
Der Wiener Mathematiker und Landesschulinspektor Wolfgang Wurm kritisiert die Lehrpläne: „Sie sind zu abstrakt, man fängt viel zu früh mit Algebra an.“ Und der steirische Landesschulratspräsident Horst Lattinger tippt auf didaktische Schwächen einzelner Lehrer. Vielleicht ist es aber schlicht ein Problem der Österreicher. Denn ob jemand gut oder schlecht im Rechnen ist, wird hierzulande als Frage der Intelligenz gesehen. Schon in der Volksschule gibt es die Stars und jene, die „halt nicht so gescheit sind“. Dabei müssen Probleme beim Rechnenlernen nichts mit einem Mangel an Hirnschmalz zu tun haben.

Augenprobleme. Schon schlecht funktionierende Augenmuskeln können ein Kind trotz normaler Sehschärfe massiv behindern. Sie verhindern, dass das Kind schnell genug zwischen Mengen hin- und herschauen kann, um diese zu vergleichen.

Der renommierte Schweizer Kognitionspsychologe Jean Piaget belegte versuchsweise schon vor einem halben Jahrhundert, dass Kleinkinder eine Reihe von Gegenständen mengenmäßig anders beurteilen, sobald man die Abstände zwischen den aufgestellten Gegenständen vergrößert. Ab einer gewissen Entwicklungsstufe lassen sich aber auch Kleinkinder davon nicht mehr beirren.

In jedem Fall sollte beim Eintritt in die Volksschule diese so genannte „variante“ Mengenauffassung überwunden sein. Diesen Entwicklungsschritt zu verpassen ist eine – aber nicht die einzige – mögliche Ursache, beim Erlernen der mathematischen Grundkenntnisse zu scheitern. Solche als Dyskalkulie oder Rechenschwäche bezeichneten Lernprobleme sind das mathematische Pendant zur Legasthenie.

Die Rechenschwäche wird erst seit wenigen Jahren erforscht. Von einem Randphänomen kann keine Rede sein: Laut bisherigen Ergebnissen eines derzeit laufenden einschlägigen Grazer Forschungsprojekts sind etwa 15 Prozent der österreichischen Volksschüler von Rechenschwäche betroffen. Rechenschwache Kinder versuchen ihre Probleme mit der Mathematik zumeist mithilfe von Tricks und Eselsbrücken aller Art zu kompensieren – oft mit tatkräftiger Unterstützung der Eltern.

In der Regel fliegt die Tarnung jedoch bereits in der dritten oder vierten Klasse Volksschule auf. „Wir hatten schon Gymnasiasten, mit denen wir erst das Einmaleins lernen mussten“, berichtet die Wiener Entwicklungspsychologin Brigitte Rollett, die sich auch mit dem Problem der Rechenschwäche beschäftigt (siehe auch Interview rechts). Textbeispiele in den höheren Schulstufen, die oft noch mehr abstraktes Denken erfordern, geben dem geplagten Kind dann den Rest. Das Selbstwertgefühl schwindet, Hausübungen werden verweigert, die Mathematik wird zum Angstfach.

Mathe-Phobie. Im schlimmsten Fall kann diese Angst zu schweren psychischen Problemen führen. Mathematik ist das einzige Schulfach, gegen das man eine echte Phobie – nach der klassischen Definition der „International Classification of Diseases (ICD)“ – entwickeln kann. Mathematik-Phobiker reagieren auf das Wurzelzeichen wie andere auf die vermeintliche Mörderspinne. Bereits der Anblick einer etwas komplexeren Aufgabe löst eine Panikreaktion aus. Die körperlichen Symptome reichen von Herzklopfen über Schweißausbrüche bis hin zu Atembeschwerden und Beklemmungsgefühlen.

Durch Drill und mangelnde Förderung kann die Mathematik bereits in der Volksschule zu einem abstrakten Unding werden. Und in der höheren Schule entwickelt sie sich vollends zum Buch mit sieben Siegeln voll scheinbar sinnloser Formeln und zweifelhafter Anwendbarkeit: „Wozu ein Integral gut sein soll, weiß ich bis heute nicht“, gesteht die Albtraum-geplagte Katrin Miesauer. Die Schüler fühlen sich mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. „Diese diffuse Angst vor der Mathematik entsteht vorwiegend dadurch, dass sie als etwas Entfremdetes erlebt wird“, ist der Mathematikdidaktiker Willibald Dörfler von der Universität Klagenfurt überzeugt. Der Lösungsweg für eine Mathe-Aufgabe wird nach dem Motto „Friss, Vogel, oder stirb“ vorgesetzt. „Die Schüler werden mit einem fertigen Schema konfrontiert. Und auch der Lehrer weiß oft nicht viel mehr als das fertige Schema.“

An diesem Punkt setzt ein derzeit laufendes Forschungsprojekt zur Weiterentwicklung des Mathematik- und Naturwissenschaftsunterrichts in der Oberstufe an: IMST (Innovations in Mathematics, Science and Technology Teaching) bindet mehrere Schulen aus ganz Österreich ein. Dörfler und seine Kollegen fungieren als Koordinationsstelle. Ihre Vision ist ein Mathe-Unterricht, in dem Schüler „bestimmte Lösungsverfahren, die sonst als fix und fertig vorgesetzt werden, selbst entwickeln. In der Klasse gemeinsam mithilfe des Lehrers“, so Dörfler.

Ein Schwerpunkt des Projekts widmet sich dem Gender-Aspekt (Blickwinkel Geschlecht). „Buben sind halt besser in Mathe“, hören Mädchen oft von ihren wohlmeinenden Eltern, wenn sie zum ersten Mal mit einem verhauten Rechentest nach Hause kommen. Und als Draufgabe gibt es dann ein „Ich war auch immer schlecht“ von der Mutter. Das Hauptproblem der Mädchen ist aber nicht das Fehlen von kognitiven Fähigkeiten, sondern mangelnder Selbstwert, sind sich die Experten einig. „Die Mädchen trauen sich weniger zu“, sagt Entwicklungspsychologin Rollett. Mathematik, Naturwissenschaften und Technik gelten als Männerdomäne.

Fakt ist jedoch, dass sich in den vergangenen 30 Jahren der Abstand zwischen Mädchen und Buben deutlich verringert hat. Nicht zuletzt, weil die Mädchen und ihre speziellen Lernbedürfnisse vermehrt in den Blickpunkt der Forschung gerückt sind. Nach den Ergebnissen der letzten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 sind die österreichischen Buben zwar nach wie vor besser in Mathematik als die Mädchen. Der Leistungsunterschied war sogar der größte aller an der Studie teilnehmenden Staaten. Aber in den anderen Ländern lagen die Buben nur noch eine Nasenlänge vorn.

Frauensache. Mittlerweile ist die Kluft der Geschlechter wenigstens auf Österreichs Uni-Boden überwunden. Laut Statistik Austria haben im Studienjahr 2000/01 mehr Frauen als Männer ein Mathematikstudium abgeschlossen. Einen männlichen Überhang verzeichnet nur noch die Technische Mathematik. Insgesamt werden jedoch weder Buben noch Mädchen sehr zu einem Studium der Mathematik, Naturwissenschaften oder Technik verlockt. Nach einer im Juni diesen Jahres veröffentlichten Eurostat-Studie haben nur rund sieben von 1000 Österreichern und Österreicherinnen zwischen 20 und 29 einen Hochschulabschluss in einem der drei Bereiche. Noch weniger Absolventen gibt es im EU-Vergleich nur in Italien, Luxemburg, Portugal und den Niederlanden. Spitzenreiter ist Irland mit rund 23 von 1000.
Hierzulande werden Absolventen eines Mathematikstudiums vielfach noch immer wie Abgesandte von einem fremden Stern betrachtet. Besonders dann, wenn sie weiblich sind. Eva Sattelberger, Leiterin eines Projekts zur Förderung von Mathematik und Naturwissenschaften im Wiener Stadtschulrat, hörte nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Mathematik- und Physikstudiums immer wieder den Satz: „Als Frau is des schon super!“