Schwachsinn Astrologie: Jeder zweite Österreicher lässt sich von Horoskopen leiten

Sternschauermärchen: Seit Jahrtausenden glauben die Menschen an den Einfluss der Sterne auf ihr irdisches Geschick. Und immer noch lässt sich fast die Hälfte der Österreicher von astrologischen Prophezeiungen leiten – und studiert gerade zum Jahreswechsel eifrig Horoskope. Eine Vielzahl von Studien zeigt freilich, was Deutungen von Astrologen letztlich sind: purer Unsinn.

Der Mann mochte nichts dem Zufall überlassen. Statt sich den Launen des Schicksals zu beugen, wollte sich der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan lieber rechtzeitig darauf einstellen. Deshalb ließ First Lady Nancy vom Weißen Haus und von Camp David Direktleitungen zur Astrologin Joan Quigley legen. Pressekonferenzen, Flüge und sogar ein Meeting mit Michail Gorbatschow wurden nach astrologischen Kriterien geplant.

Auch Österreichs Infrastrukturminister mag den Gestirnen eine gewisse Macht offenbar nicht absprechen: Hubert Gorbach verfügt über einen Sternzeichenring, den sein Onkel in jenen Nächten schmiedete, in denen Gorbachs astrologische Geburtssternkonstellation am Himmel stand.

Nicht nur Entscheidungsträger aus der Politik demonstrieren einen Hang zur Astrologie, wörtlich übersetzt zur Sternenkunde, die heute den Para- oder Pseudowissenschaften zugerechnet wird. So lädt die „Frau in der Wirtschaft“, eine Teilorganisation der Wirtschaftskammer Österreich, dieser Tage zu einem Vernetzungstreffen für angehende „Business-Astrologinnen“. Und Manager wie Interio-Chefin Janet Kath räumen ein, bei der Aufnahme neuer Mitarbeiter auch auf deren Sternzeichen zu achten.

Insgesamt glauben in Österreich laut ISSP-Studie fast die Hälfte der Menschen an einen Einfluss der Sternzeichen auf den Verlauf des Lebens. Im europäischen Spitzenfeld liegen diesbezüglich die Letten mit 60 Prozent, am skeptischsten sind die Iren, von denen lediglich 17 Prozent astrologischen Aussagen etwas abgewinnen können. Andere Länder institutionalisieren die Astrologie sogar: Seit Herbst 2001 gibt es an staatlichen indischen Universitäten Institute für Astrologie – just auf Betreiben des damaligen Wissenschaftsministers und unter Protest der indischen Akademie der Wissenschaften.

Zukunftsinvestition. In jedem Fall floriert das Geschäft mit der ungewissen Zukunft: Gerade zum Jahreswechsel studieren viele Menschen all die ausführlichen Horoskope in Zeitungen, die Prognosen für die nächsten zwölf Monate abgeben – oder lassen sich gar individuelle Vorhersagen anfertigen. Allein in Deutschland, wo rund 6000 Astrologen tätig sind, legen Menschen jährlich etwa 150 Millionen Euro auf den Tisch, um zu erfahren, was die Sterne ankündigen.

Die Lichter am Himmel werden freilich schon seit Jahrtausenden mit göttlichen Mächten in Zusammenhang gebracht. Bei den Sumerern, einer frühen Kultur Mesopotamiens, bedeutete das Schriftzeichen für Gott „hoch oben sein“ und stellte einen Stern dar. Eines der ältesten erhaltenen Horoskope stammt vom 4. April 263 vor Christus. Darin wird einem Mann aus Babylon prophezeit, dass der Reichtum, den er in der Jugend besaß, im Alter nicht mehr vorhanden sein werde. Seine Tage würden ihm lang vorkommen, und seine Ehefrau werde Verhältnisse mit anderen Männern eingehen.

Schlechte Eigenschaften wurden gern den Sternen angelastet: Eine ungünstige Stellung von Venus und Saturn mache die Menschen unzüchtig, unkeusch, trunksüchtig und gottlos, warnte der Astronom Claudius Ptolemäus aus Alexandria (100 bis 178). Vettius Valens empfahl den Römern, für alle Tätigkeiten mittels Tageshoroskop den richtigen Zeitpunkt herauszufinden. Plotin (205 bis 270) dagegen betonte, ähnlich den heutigen Astrologen, dass ein Horoskop kein unabänderliches Schicksal darstelle, sondern nur eine Disposition, die durch das Engagement des Einzelnen beeinflusst werden könne. Andererseits hieß es noch vor 500 Jahren, dass der Planet Saturn und alle unter seiner Einwirkung geborenen Kinder „haarig, nervig, alt und kalt, hinkend, stinkend, ungestalt“ sein würden.

Differenzierter argumentierte der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung in seiner Analyse der astrologischen Denkweise. Statt über geheimnisvolle Wirkungen des Kosmos zu spekulieren, müsse man sich vor Augen halten, dass die Menschen offenbar seit jeher ihre Wünsche und Hoffnungen, Mythen und irdische Rätsel in den Himmel projizierten. Jener Fraktion der Astrologen, die bis heute dennoch tatsächliche kosmische Einflüsse auf die Erde postulieren, haben Astrophysiker indes längst haarklein vorgerechnet, dass mitunter behauptete Effekte wie etwa die Gravitation ferner Planeten unmöglich von Bedeutung sein können.

Keine Beweise. Doch nicht nur die Physik hat die Aussagen der Astrologen vielfach unter die Lupe genommen, auch mit den Methoden der Empirie haben sich zahlreiche Forscher dem Thema genähert, immer mit demselben Ergebnis: nichts dran. Zwar prognostizierte der britische Astrologe Charles Carter bereits im Jahr 1925, demnächst würde mittels statistischer Instrumente der Beweis gelingen, dass Himmelskörper Veränderungen in unserem Leben anzeigen oder gar verursachen. Aber Jahrzehnte später liegt nun eine lange Reihe von Studien vor, die keinen Zusammenhang zwischen Geburtsdatum und Charakter gefunden haben. Da macht es wenig aus, dass manche dieser Analysen, etwa eine 2006 publizierte Arbeit des Psychologen Peter Hartmann von der dänischen Universität Aarhus, aus astrologischer Sicht zu wenig aussagekräftig sind, da sie entweder den Geburtsort – und damit den Aszendenten – oder aber die Geburtszeit nicht genau berücksichtigen.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien präsentiert und bewertet der Wiener Psychologe Andreas Hergovich in einem Buch*). Und einige davon zeigen umgekehrt deutlich, wie durch fehlerhafte Methodik der Astrologen falsche Schlussfolgerungen entstehen können. Zum Beispiel bedeutet die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse und deren signifikante statistische Korrelation noch nicht, dass sie miteinander in ursächlichem Zusammenhang stehen. Der Rückgang der Störche im Burgenland in den vergangenen Jahrzehnten verlief beispielsweise parallel zum Rückgang der dortigen Geburten. Trotzdem würde wohl kaum jemand ernsthaft behaupten, dass diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben.

Vergleichbar damit war die Frage, warum von 16.000 britischen Offizieren überdurchschnittlich viele in den Tierkreiszeichen Löwe bis Skorpion geboren wurden. Die Erklärung dürfte wohl eher nicht darin liegen, dass Personen dieser Sternzeichen besonders militärgeeignet sind. Vielmehr hatten sich die Väter der Offiziere, oft selbst Militärangehörige und entsprechend viel abwesend, im Weihnachtsurlaub besonders zeugungsfreudig gezeigt, was einen Babyboom rund um den September auslöste.

Mondzyklen. Ähnlich profan war letztlich das Ergebnis einer 2002 durchgeführten Untersuchung amtlicher deutscher Verkehrsunfallsdaten der Jahre 1964 bis 1986, die pro Tag durchschnittlich 967 Unfälle erfasste. Während dieser 23 Jahre gab es 285 Vollmondzyklen, und es zeigte sich eine Verringerung der Unfallzahlen genau bei Vollmond und ein Unfallmaximum genau einen Tag vor Neumond. Die Unterschiede betrugen zwar nur wenige Prozent, waren aber statistisch einwandfrei nachweisbar. Die Erklärung lag in den mondabhängigen Feiertagen: Der Ostersonntag ist immer jener Sonntag, der auf den ersten Vollmond im Frühling folgt. Von seinem Datum hängen etliche andere Festtage ab, an denen häufig betrunkene Autofahrer unterwegs sind und die Ferienzeit zu erhöhter Verkehrsdichte führt. Wenn dieser Zeitraum unberücksichtigt blieb, war kein Einfluss der Mondphase auf die Unfallhäufigkeit feststellbar.

Eine weitere Fehlerquelle liegt in astrologischen Vorkenntnissen von Versuchspersonen. Astrologieskeptiker rätselten jahrelang, warum eine Studie von Jeff Mayo aus dem Jahr 1978 an 2318 Personen statistisch eindeutig belegte, dass Menschen der Sternzeichen Widder, Zwillinge, Löwe, Waage, Schütze und Wassermann signifikant extravertierter seien als Menschen der sechs anderen Sternzeichen. Inzwischen wurde gezeigt, dass dieser Persönlichkeitsunterschied zwischen Sternzeichen nur bei solchen Personen nachweisbar ist, die an Astrologie glauben: Da sie um die angeblichen Eigenschaften ihres Geburtszeichens wissen, präsentieren sie sich auch verstärkt in dieser Weise.

Ein besonders interessanter Fall ist eine Studie aus dem Jahr 1978, die mit korrekt angewandter Statistik zeigte, dass vier Tage nach Vollmond eine signifikante Häufung von Einweisungen in psychiatrische Kliniken stattfand. Andere Studien konnten dies nämlich nicht bestätigen. Wissenschafter kamen zum Ergebnis, dass es sich offenbar um einen so genannten Alpha-Fehler handelte. Dieser bezeichnet den Umstand, dass zuweilen Dinge statistisch „beweisbar“ sind, die gar nicht existieren. Tatsächlich wird bei jedem signifikanten Ergebnis eine mathematische Irrtumswahrscheinlichkeit angegeben, üblicherweise 0,05 (fünf Prozent) oder 0,01 (ein Prozent). 0,05 bedeutet, dass etwa jede 20. Studie irrtümlich einen Effekt sieht, obwohl gar keiner vorhanden ist. Und solch eine irrtümlich sichtbare Mondwirkung dürfte in jener Studie von 1978 aufgetreten sein, zumal alle anderen Studien auf keinen derartigen Effekt hindeuten.

Besonders unerfreulich sind freilich jene Studien, deren Datenmaterial absichtlich oder unbewusst selektiert oder gar manipuliert wird. Der französische Psychologe Michel Gauquelin war ursprünglich selbst ein Kritiker der Astrologie, behauptete aber in den fünfziger Jahren, anhand der Geburtsdaten von 576 Ärzten sei erkennbar, dass Mediziner überdurchschnittlich oft dann geboren würden, wenn Mars oder Saturn gerade aufgegangen oder am Höhepunkt ihrer Tagesbahn seien. Seine darauf aufbauende Theorie der Planetentemperamente untermauerte er in späteren Jahren mit Daten von mehr als 20.000 Personen, wobei andere Experten in seinen Analysen keine Fehler fanden, sie allerdings auch nicht wiederholen konnten. Erst Anfang der neunziger Jahre gelang es dem französischen Komitee für Studien paranormaler Phänomene, Gauquelin unseriösen Umgang mit seinen Daten nachzuweisen: Offensichtlich bevorzugte er stets genau jene Datensätze, die seine Thesen stützten.

Zeitzwillinge. Geoffrey Dean und Ivan Kelly wiederum untersuchten im Jahr 2003 2101 Freiwillige, die zwischen dem 3. und 9. März 1958 geboren waren, in Bezug auf 110 persönlichkeitsbezogene Eigenschaften. Personen, die am selben Ort zum nahezu selben Zeitpunkt geboren wurden (so genannte „Zeitzwillinge“), sollten laut astrologischer Lehrmeinung ähnliche Persönlichkeiten aufweisen. Die mehr als tausend Zeitzwillingspaare hatten jedoch genauso viele oder wenige Gemeinsamkeiten wie zwei Menschen mit beliebiger Geburtszeit. Auch stellte sich mittlerweile heraus, dass Astrologen scheitern, wenn sie Geburtshoroskope einer bestimmten Person zuordnen sollen.

Eine weitere Studie von Geoffrey Dean ergab, dass die Trefferquote von Astrologen bei Persönlichkeitsbeurteilungen mit der Ratewahrscheinlichkeit identisch war. 45 Astrologen schätzten anhand des Geburtshoroskops die Persönlichkeit von Menschen genauso häufig falsch ein wie 45 andere Astrologen, die einfach raten mussten, ohne die Horoskope zu kennen. Zwei der 160 Geburtshoroskope wurden übrigens doppelt vorgelegt, wobei etliche Astrologen dies nicht bemerkten – und ein und dasselbe Horoskop jeweils völlig unterschiedlich bewerteten.

Ganz schlecht schnitten in Studien auch Prophezeiungen zum Jahreswechsel ab. Teils enthielten sie völlig beliebige Aussagen („Die Lage im Irak bleibt weiterhin kritisch“), teils äußerst vage Angaben („Es wird eine Tragödie im Nahen Osten geben“), aber auch eine Unzahl an eben nicht eingetretenen Vorhersagen.

„Aus empirischer Sicht ist das Unternehmen Astrologie völlig gescheitert“, konstatiert Buchautor Hergovic. Konfrontiert mit solchen Resultaten, sprechen Astrologen oft von schlecht konzipierten Studien und mehrdeutigen Horoskopen. Auch wird argumentiert, es gehe eigentlich nicht primär um eine Vorhersage der Zukunft, sondern um einfühlsame Lebenshilfe. Dabei stellt sich allerdings die Frage, warum dies anhand kosmischer Planetenkonstellationen erfolgen soll. Viele Astrologen lehnen Überprüfungen der astrologischen Methoden übrigens prinzipiell ab, da Horoskope „nicht wiederholbar und deshalb der Statistik nicht zugänglich seien“.

Kosmische Einflüsse. Ronald Weinberger, Astronom am Institut für Astro- und Teilchenphysik der Universität Innsbruck, hält jedenfalls nichts von astrologischen Vorhersagen. „Warum verwenden Astrologen ausgerechnet die Geburt für das Horoskop und nicht die Zeugung?“, fragt Weinberger. In jedem Fall sei es äußerst unglaubwürdig, dass einige Kugeln aus Fels, Eis und Gasen über mehrere hundert Millionen Kilometer Entfernung hinweg die Persönlichkeit eines Säuglings prägen sollen. Am meisten stört ihn aber die Argumentation, Astrologie brauche keine Rechtfertigung, sie stimme einfach. „Bloß weil viele Menschen, auch Akademiker, an eine Sache glauben, muss sie noch lange nicht richtig sein.“

Dass viele Menschen dennoch das Gefühl haben, Horoskope würden nicht selten stimmen, liegt teilweise an so genannten „Barnum-Aussagen“, an praktisch auf jeden zutreffenden Formulierungen wie: „Manchmal zweifeln Sie, ob Sie das Richtige getan haben.“ Benannt sind derartige Sätze nach dem einstigen Zirkusdirektor Phineas Taylor Barnum, dessen Erfolg darin lag, „für jeden etwas im Programm zu haben“.

Schon im Jahr 1948 hatte der US-Psychologe B. R. Forer seinen Studenten einen angeblichen Persönlichkeitstest vorgelegt. Er ignorierte jedoch ihre Antworten und gab allen eine gleich lautende „Auswertung“, die aus typischen Horoskoptexten fabriziert wurde. Die Studenten fanden die „Beschreibung ihrer Persönlichkeit“ durchwegs „sehr gut“ oder „gut“. Ähnlich verlief ein Experiment des TV-Senders ZDF im Jahr 1997: Mehr als 200 Interessierten wurde von einer angeblichen „Astro-Forschungsgruppe“ ein Horoskoptext zugeschickt, der einst für einen 1879 geborenen Mörder erstellt worden war. 74 Prozent der Leute fanden ihren Charakter „korrekt beschrieben“, 15 Prozent waren regelrecht begeistert: „Perfekt, es stimmt alles!“ „Empirische Studien zeigen, dass Sie ein beliebiges Geburtsdatum nehmen könnten und die Leute vom Horoskop trotzdem beeindruckt sind“, sagt der deutsche Religionssoziologe Edgar Wunder.

Angesichts existenzieller Bedrohungen wie Missernten oder Überflutungen wird der Mensch freilich immer schon nach den Ursachen gefragt haben. War da nicht Tage vorher ein heller Stern am Himmel? Die Lichter am Himmel, die immer neue Konstellationen einnahmen, boten eine unerschöpfliche Quelle von Möglichkeiten, irdische Geschehnisse mit kosmischen Beobachtungen in Verbindung zu bringen. Ebenso tief in uns ist der Wunsch verankert, die Chancen des eigenen Lebens im richtigen Moment zu erkennen und nicht achtlos verstreichen zu lassen. Die Sterne sollten helfen, wo das eigene Leben Orientierung braucht.

Dabei wird freilich verdrängt, dass sich mit Horoskopen eigentlich alles erklären lässt. Die Psychologen Hans Jürgen Eysenck und David Nias demonstrierten dies 1984 anhand des Geburtshoroskops von Ludwig van Beethoven (16. Dezember 1770, 13.20 Uhr). Sie konnten je nach Belieben entweder belegen, dass Beethoven musikalisch, genial und reizbar war sowie ein ungeordnetes Familienleben führte, oder aber, dass er ein absolut unmusikalischer Kerl war, der aber wenigstens ein friedfertiges, geordnetes Privatleben genoss.

Von Robert Buchacher und Gerhard Hertenberger
Mitarbeit: Ulrike Moser