Schwarzseher

Während die USA eindrucksvoll den Rassismus verabschieden, glaubt sich Europa als weißer Kontinent zu behaupten.

D er mächtigste Mensch der Welt ist seit Dienstag der vergangenen Woche ein Afroamerikaner. In der Realpolitik ist diese Veränderung nicht das entscheidende Moment der amerikanischen Wahlen. Da wiegt das Ende der Hegemonialbestrebungen des George W. Bush schwerer. Doch für die Entwicklung der Welt, um die Angelegenheit mal pathetisch zu beschreiben, ist es wichtiger, dass die USA nun einen schwarzen Präsidenten bekommen. Der ehemalige ORF-Chefredakteur Klaus Emmerich hat das quasi im Umkehrschluss bei einer TV-Diskussion so ausgedrückt: „Ich möchte mich nicht von einem Schwarzen in der westlichen Welt dirigieren lassen.“ Es müsse den Amerikanern „schon sehr schlecht gehen, dass sie einen Schwarzen ins Weiße Haus schicken“.

Rassismus? Der Versuch, diese Sätze als eine provokante Analyse zu werten, somit bloß als Kommentar des ehemaligen US-Korrespondenten zu einer überraschenden Entscheidung der Amerikaner samt dessen Warnung vor instabilen Verhältnissen in den USA und in der Folge global – dieser Versuch scheitert. Denn jede derartige Provokation, sobald sie öffentlich und nicht als diskretes Gedankenspiel betrieben wird, ist ganz automatisch Rassismus, da in ihr der Versuch steckt, daraus populistisches Kapital zu schlagen.

Emmerichs ergänzende Äußerungen im „Standard“ am Tag darauf wühlten denn auch noch tiefer im Dreck. Dort beklagte er die „äußerst beunruhigende Entwicklung“, zumal „die Schwarzen in ihrer politisch-zivilisatorischen Entwicklung noch nicht so weit seien“. Das ist eine Aussage hart an der Behauptung genetischer Minderwertigkeit von „Negern“, schlampig als historisierend-soziologisches Argument verkleidet.

Richtig bleibt an dieser und ähnlichen Bemerkungen einzig, dass die Amerikaner tatsächlich einen Quantensprung gemacht haben, indem sie einen Schwarzen wählten, und zwar in ihrer demokratischen Entwicklung. Besser gesagt: Sie haben mit dieser Wahl dokumentiert, dass die Entwicklung weit fortgeschritten ist. Falsch erscheint hingegen auch die Vermutung, lediglich die missliche Ausgangslage nach den bösen Bush-Jahren und inmitten der Finanzkrise hätten zu einer verzweifelten Entscheidung der Amerikaner geführt.

Vielmehr deutet einiges darauf hin, dass Obamas Herkunft gar keine Rolle gespielt hat, dass also die Rassenfrage weder in die eine noch in die andere Richtung Bedeutung hatte. Mangels Erfahrungswerten war die Befürchtung der US-Demokraten und mit ihnen eines Großteils der Welt ja gewesen, dass Obamas Vorsprung dahinschmelzen würde, sobald es tatsächlich zur Sache ginge, dass sich nämlich ein vorhandener heimlicher Rassismus bei den Umfragen nicht gezeigt hätte, sehr wohl aber beim Wählen in Erscheinung treten würde. Die Ängste waren grundlos. Der Abstand zwischen Obama und John McCain erwies sich als nachhaltig. (Ein vergleichbarer Effekt, wenn auch mit entgegengesetzter Auswirkung, war in Österreich bekannt. Die Demoskopen schätzten das rechte Lager stets zu klein ein, denn niemand wollte sich offen zur FPÖ bekennen. Mit der Regierungsbeteiligung von FPÖ und BZÖ ist das Tabu gefallen.)

Im Vergleich zu den USA erweist sich Europa da als Schwellenkontinent und Österreich als Entwicklungsland. Europa ist ein beinahe durchgehend „weißer“ Erdteil geblieben. Rassismus wurde allenfalls in Ländern mit kolonialer afrikanischer Vergangenheit abgetestet, also zum Beispiel in Frankreich. Was hier unter Rassismus läuft, ist daher zum Teil eine virtuelle Erscheinung. In Wien gibt es mehr „Neger raus!“-Graffitis als Schwarze. Die Zuwanderung aus dem asiatischen Raum ist vernachlässigbar.

Zum anderen und folgerichtig bezieht der österreichische Rassismus auch nicht Stellung gegenüber dem, was etwa im „Rassensaal“ des Wiener Naturhistorischen Museums den Besuchern präsentiert wurde. Vielmehr musste sich der österreichische Rassismus mit der Ausgrenzung von Religionen (und vereinzelt der Roma und Sinti) bescheiden. Was das für die Juden auf österreichischem Territorium bedeutete, ist bekannt. Daher nimmt es auch nicht wunder, dass Klaus Emmerich – vermutlich stellvertretend für viele – die Wahl Obamas mit der für ihn unvorstellbaren Ernennung „eines Türken zum Bundeskanzler“ – also eines Moslems – verglichen hat. Hans Rauscher erinnerte in diesem Zusammenhang im „Standard“ an die eben deshalb bahnbrechende Wahl des Juden Bruno Kreisky im Jahr 1970 zum Regierungschef.

Gregor Henckel Donnersmarck, der Abt des Stifts Heiligenkreuz, meinte übrigens kürzlich in einem Interview: „Europa muss christlich sein, oder es wird gar nicht mehr sein.“ Ob er dabei bloß vor lokalem Atheismus warnte oder vor marodierenden Moslems und hunnischen Horden, ließ er offen. Sein Satz erscheint zumindest einer Hinterfragung würdig. Vom Dahinschwinden des Rassismus in den USA, nun dokumentiert in der Person Barack Obama, ist Europa jedenfalls noch mehrere Generationen entfernt.