Seelische Tsunamis

Wenn Panikattacken die Psyche überfluten, wird der ganz normale Alltag zu einer einzigen Bedrohung. Inzwischen sind geschätzte 280.000 Österreicher Opfer einer solchen chronischen Angststörung. Falsche und zu späte Therapien können die Betroffenen ins soziale Abseits katapultieren.

Neuerdings trägt Vera von Lehndorff bei Fototerminen ein Visier. Die 72-jährige Mutter aller Supermodels, die eben ihre Lebensbilanz veröffentlichte, möchte mit diesem Ritual eine Art Schutzwall um ihre eigene Verletzlichkeit errichten. Schließlich hätte sie in ihrer Autobiografie „Veruschka“ schon genug Schmerzliches von sich selbst preisgegeben. Denn das Leben jener Frau, die es in den sechziger Jahren als Erste ihrer Branche zum Covergesicht von „Life“ gebracht hatte, ist auch das Martyrium einer kranken Psyche – mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten inklusive. Panikattacken gehörten neben Depressionen, Wahnstörungen und chronischer Schlaflosigkeit zu den ständigen Begleitern der Tochter eines gescheiterten Hitler-Attentäters, der erhängt wurde, als sie fünf war.

Ihr langjähriger Seelenfreund Salvador Dalí versuchte ihr einmal in einem solchen Moment der Angststarre zu helfen, indem er eine Puppe auf den Boden warf, auf ihr herumstampfte und dabei schrie: „Diese Puppe hat deinen Schmerz aufgenommen, jetzt gibt es nichts mehr, wovor du dich fürchten musst.“
Doch im Moment einer Panikattacke hilft einem nichts und niemand. Rationalisierungskommandos wie „Reiß dich zusammen!“ verschlimmern den Zustand des Ausgeliefertseins nur. Zittern, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindelgefühle, Zustände in Todesangstnähe und das Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein und völlig neben sich zu stehen, sind die häufigsten Symptome und Begleiterscheinungen dieser Alarmreaktionen des Körpers, die immer mehr Menschen das Leben zur Hölle machen. Laut einer EU-Studie soll schon jeder vierte Europäer einmal in seinem Leben an einer Angsterkrankung gelitten haben.

Für chronische Paniker wird der Alltag zu einem nicht zu bewältigenden Hindernisparcours. Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Besteigen eines Flugzeugs, Besuche von Ämtern oder Spitälern oder – im schlimmsten Fall – jede Form von sozialem Kontakt können zu einer Bedrohung werden, die die Psyche wie „ein Tsunami“, so eine Betroffene, überflutet. „Ich kenne aus Onlineforen Leidensgefährten, die fünf Jahre lang nur den Mann, der das Essen auf Rädern bringt, gesehen haben, weil sie vor Angst paralysiert und nicht in der Lage waren, aus dem Haus zu gehen“, erzählt eine 48-jährige ehemalige Büroangestellte, die nach einem Missbrauchstrauma im Alter von zehn Jahren seit Jahrzehnten an dem Phänomen leidet und selbst kaum ihre Wohnung verlassen kann.
Agoraphobie, die Furcht vor Plätzen und Orten, und Panikanfälle verschmelzen oft zu einer existenzbedrohenden Einheit.
Das Fatale an Panikattacken ist ihre Unberechenbarkeit; sie kommen überfallsartig und auch in banalen Lebenssituationen, die nicht eine unmittelbare Bedrohung verkörpern.

Der Leiter der Panikattacken-Ambulanz am Wiener AKH Peter Berger geht davon aus, dass etwa zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung schon einmal Panikattacken erlebt haben und dreieinhalb Prozent, also rund 280.000 Österreicher, eine chronische Panikstörung entwickeln.
Wie viele Menschen in Österreich tatsächlich an diesen Attacken leiden, lässt sich nur annäherungsweise sagen, da in den offiziellen Krankenstatistiken nicht zwischen verschiedenen psychischen Störungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen unterschieden wird. Fest steht, dass die österreichische Seele sich in einem alarmierenden Zustand befindet: Rund 840.000 Menschen bekamen in Österreich – nach den jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2009 – Psychopharmaka verschrieben, davon etwa zwei Drittel Antidepressiva, die sowohl bei Depressionen als auch bei Angststörungen zum Einsatz gebracht werden.
In seinem jüngsten Bericht geht das Gesundheitsministerium davon aus, dass 6,7 Prozent der männlichen und 10,9 Prozent der weiblichen Bevölkerung in ihrem Leben schon einmal unter chronischen Angstzuständen oder Depressionen gelitten haben; in der Gesundheitsbefragung der Statistik Austria aus dem Jahr 2007 gaben 3,6 Prozent der männlichen und 4,4 Prozent der weiblichen Bevölkerung an, innerhalb des letzten Monats immer oder meistens „sehr nervös“ gewesen zu sein, was auf eine Angsterkrankung hindeutet.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger veröffentlichte im Juni erstmalig eine „Ist-Analyse“ zur psychischen Gesundheit in Österreich. Demnach nahmen im Jahr 2009 rund 900.000 Frauen und Männer wegen psychischer Probleme Kassenleistungen in Anspruch, was sich auf einen Betrag von 750 Millionen Euro summiert. Etwa ein Drittel der jährlichen Neuzugänge in die Invaliditätspension (etwa 30.000 Fälle) erfolgen demnach aufgrund psychischer Erkrankungen, und allein in den Jahren von 2007 bis 2009 sind die Krankenstände aufgrund psychischer Probleme um 22 Prozent gestiegen. Insgesamt waren im Jahr 2009 78.000 Personen wegen psychischer Probleme im Krankenstand, durchschnittlich 40 Tage lang (viermal länger als andere Erkrankte).

Panikattacken gelten unter den Angsterkrankungen als besonders tückische Störung, da die Symptome Schulmediziner häufig zu Fehldiagnosen verleiten.

„Trotz aller Schulungen diagnostizieren die erstversorgenden Ärzte Angsterkrankungen nur zu 50 Prozent richtig“, so der bekannteste deutsche Angstspezialist Borwin Bandelow zu profil, „aber das liegt nicht an den dummen Ärzten, sondern an den Krankheiten selbst, die diesen Irrtum sozusagen eingebaut haben. Bei einer plötzlichen Panikattacke erlebt der Patient Herzrasen, Zittern, Schwindel und Schwitzen – allesamt Symptome, die auf einen Herzinfarkt hindeuten.“
Ein Großteil dieser Beschwerden, so die medizinische Erklärung, wird durch die fast immer vorhandene Hyperventilation verursacht, die als „erstickungsartige Anfälle“ empfunden werden.

Der Glauben, an einer möglicherweise lebensbedrohlichen Herzerkrankung zu leiden, erhöht wiederum die Verunsicherung und die Angst der Betroffenen. Mit dem Steigen des Angstniveaus wächst auch die Wahrscheinlichkeit für eine nächste Attacke. Womit der „Panik-Teufelskreis“, so der Terminus für diese fatale Dramaturgie, eröffnet ist. Denn die Fehlinterpretation der „episodischen paroxysmalen Angststörung“ stellt gleichzeitig auch die Weichen für eine Chronifizierung des Leidens.
„In bis zu zwanzig Prozent der Fälle“, erklärt der Wiener Panikspezialist Peter Berger, „wird diese Störung chronisch.“ Eine diagnostische Früherkennung kann so überlebenswichtig werden. Denn eine nicht behandelte Angststörung hat häufig eine so genannte „Vermeidungshaltung“ zur Folge: Erkrankte drücken sich in vorauseilender Angst vor Situationen, die sie als potenzielle Auslöser für diese Zustände empfinden. Damit wird auch der Weg ins soziale Abseits geebnet. Freundschaften und Beziehungen zerbrechen; die Belastung, einer regelmäßigen Arbeit nachkommen zu müssen, übersteigt meist die Kräfte von chronischen Panikern. Alkoholismus und Drogenkonsum sind oftmalig beschrittene Fluchtwege aus Isolation, Einsamkeit und dem Schamgefühl, nicht funktionieren zu können, und verstärken gleichzeitig die Anfallsgefahr. Was die Sensibilisierung der Krankenkassen für „das sukzessive Abgleiten in eine lebenszersetzende Parallelwelt“ betrifft, fühlte sich das Gros der von profil interviewten Erkrankten in ihrem Leiden nicht ernst genommen und als „arbeitsunwilliges und dementsprechend wertloses Mitglied der Gesellschaft“ diffamiert.

Doch nichts wünschen sich diese Menschen mehr, als einen normalen und angstfreien Alltag leben zu können, in dem nicht die einfachsten Dinge wie eine Busfahrt einer Mount-Everest-Besteigung gleichkommen. Die Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben einen solchen Extremfall der Hilflosigkeit zu erleben, ist relativ hoch, und in der Leichtversion mit emotionalen Belastungszuständen wie beruflicher Überforderung oder Beziehungsstress zu erklären. Der populärste Paniker der TV-Geschichte ist der Schmalspur-Mafioso Tony Soprano, der durch seinen Stress in der „Entsorgungsbranche“ in Zustände gelangt, die, so sagt er selbst, „eines amerikanischen Mannes unwürdig sind“. Die Chancen stehen hoch, dass sich im Zuge geänderter Lebenssituationen die seelischen Überfälle auch wieder verflüchtigen. Denn Panikattacken können durchaus, wie auch Erschöpfungsdepressionen, konstruktive Wirkung besitzen und als physisches SOS-Signal einer Seele im Notzustand gewertet werden. Der ehemalige Fußballtrainer Frenkie Schinkels lernte durch „diese Zustände“ auf seine Bedürfnisse zu horchen und leiserzutreten: „In meiner Zeit bei der Austria hatte ich auf der Bank eine Rotweinflasche stehen und konnte nur mit dem Zug ins Stadion fahren, weil ich im Auto glaubte, eine Herzattacke zu erleiden. Einmal verlor ich sogar das Bewusstsein.“ Ein stressfreier Lebensstil – Schinkels arbeitet heute nur noch als Co-Coach und TV-Moderator – haben ihn von seinem Angstleiden befreit.

Dass Prominente in der gegenwärtigen Medienkultur zu „Geständnistieren“, so der Philosoph Michel Foucault, werden und ¬bereitwillig über ihre psychischen Defizite plaudern, befriedigt nicht nur den Voyeurismus der Konsumenten, sondern trägt auch zur seelischen Volksgesundheit bei. Denn wenn Hollywood-Stars wie Kate Winslet und Toni Collette über ihre Angstüberfälle in Interviews erzählen, reduziert das auch bei den Menschen von nebenan die Schwellenangst, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, und das Schamgefühl, ein „ peinliches Ärgernis für die Leistungsgesellschaft“, so eine Patientin, zu verkörpern. Nanni Morettis Komödie „Habemus papam“, in der Michel Piccoli einen von Panikattacken geplagten Papst wider Willen spielt, avancierte in Italien zum Überraschungshit. Der Erfolg des Films spiegelt auch das gesellschaftliche Bedürfnis wider, Fehlermeldungen der Seele aus der Tabuzone zu befreien.
Von einer Panikstörung spricht man, wenn es mindestens einmal die Woche über einen Monat oder mehr zu diesen Zuständen „eines überwältigenden Bedrohtseins“, so eine Betroffene, kommt, „in denen man sich wünscht, von einer Erdspalte verschluckt zu werden“. Einzelne Attacken der crescendoartigen Angst, die in der Regel zwischen zehn und dreißig Minuten dauern, haben, so Bergers Schätzung, zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung zumindest einmal erlebt.

Frauen sind wie auch bei Depressionen weit häufiger in Mitleidenschaft gezogen. Im Durchschnitt treten die Überschwemmungen des Ichs im dritten Lebensjahrzehnt auf. Medizinisch zu erklären ist die später reduzierte Anfälligkeitsgefahr mit einem in dieser Lebensphase veränderten Serotoninhaushalt. Die überwiegende Anzahl von Panikerinnen ist vermutlich damit zu begründen, dass Männer noch immer größere Schwierigkeiten haben, seelische Defizite einzugestehen.
Attackiert werden „kann jeder“, so Siegfried Kasper, Leiter der Psychiatrieabteilung im Wiener AKH. In den Krankheitsgeschichten der von profil interviewten Personen fanden sich sexueller Missbrauch, frühkindliche emotionale Vernachlässigung, berufsbedingte Überlastung und zerstörerische Beziehungsdynamiken als oft weit zurückliegende Auslöser.
Dass massive reale Bedrohungen wie Terroranschläge, Naturkatastrophen oder Kriege die Angsterkrankungen in die Höhe schießen lassen, bezweifelt Kasper. Allerdings wäre „eine allgemein unspezifische Stimmung, die aber auch irgendwie an den Nerven nagt“, der passende Nährboden für solche seelischen Störungen. Das Gespenst einer drohenden Wirtschaftskrise, die die Finanzerschütterung des Jahres 2008 bei Weitem übertreffen könnte, wäre also die ideale Voraussetzung für Panikattacken.

Als Therapiemethode mit der höchsten Erfolgsquote gilt eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikamenten, vorzugsweise aus der Gruppe der „Serotoninwiederaufnahmehemmer“, die auch bei Depressionen verabreicht werden und im Gegensatz zu den angstlösenden Benzodiazepinen keine Suchtgefahr bergen.
Auch körperzentrierte Heilungsmethoden wie Kinesiologie, Bioresonanztherapie, Hypnose oder Entspannungstechniken wie autogenes Training können Linderung bewirken. Als berühmteste Panikpatientin in der Geschichte der Seelenforschung gilt die 18-jährige Wirtstochter „Katharina“, der Sigmund Freud 1895 in seinen „Studien über Hysterie“ ein Denkmal setzte. Eigentlich war der Doktor in die Einsamkeit der Berge geflohen, „um für eine Weile die Neurosen zu vergessen“. Doch als ihm das unbedarfte Landmädchen „mit der vergrämten Miene“ von „Atemnoth, die so plötzlich über mich kommt und mir dann die Brust zusammenpresst“, berichtete, war er insofern beruhigt, als „Neurosen auch in der Höhe gedeihen können“.

Den Begriff Panikattacke – das Wort Panik leitet sich vom altgriechischen Hirtengott Pan und dessen Fähigkeit, durch Schreie seine Herden zu dirigieren, ab – benutzte Sigmund Freud noch nicht.
Er nannte die Störung seiner Katharina, die von einem sexuellen Trauma herrührte, schlicht „Angstanfall“.