Seit wann schreibt der Mensch? Runen, Keilschrift, Hieroglyphen, Chinesisch

Wann entstand die Schrift? Wie bisher angenommen, 3250 Jahre vor Christus im alten Mesopotamien? Vor 7000 Jahren in der Vinca-Kultur im Donauraum oder vor 11.600 Jahren in Ostanatolien, wo deutsche Archäologen kürzlich steinzeitliche Hieroglyphen entdeckten?

Nach und nach kamen aus dem meterhohen Schutt riesige T-förmige Pfeiler ans Tageslicht – steinerne Bauwerke, älter als alle bisher bekannten Steinbauten von Menschenhand. Doch die wahre Sensation wurde erst bei näherer Betrachtung der mächtigen Säulen offenbar: Den staunenden Ausgräbern zeigten sich auf der Oberfläche der Steinpfeiler nicht nur verschiedene Tierreliefs, sondern auch ungewöhnliche Zeichenfolgen aus Bildern und Symbolen. Es scheint, als ob auf den bis zu 11.600 Jahre alten Kalksteinmonumenten in der Osttürkei eine Art steinzeitlicher Hieroglyphen eingemeißelt wurde. Schriftzeichen, die tausende Jahre älter sind als alle vergleichbaren Bilderschriften.

Die Gegend im kurdischen Südosten der Türkei war seit 1963 als Fundstelle von Steinwerkzeugen aus der Jungsteinzeit bekannt. Ein alter Einheimischer hatte 1994 dem deutschen Archäologen Klaus Schmidt den Weg zu einem potenziellen neuen Fundort gezeigt. Als der Fahrweg endete, folgte die vierköpfige Gruppe einem Ziegenpfad durch eine bizarre Landschaft aus schwarzgrauen Basaltblöcken. Von einem Kalkplateau aus war in der Ferne ein etwa 15 Meter hoher, 300 Meter breiter Hügel zu sehen – offenbar keine natürliche Erhebung, wie Archäologe Schmidt in seinem Buch „Sie bauten die ersten Tempel. Archäologie der Steinzeit zwischen Euphrat und Tigris“ schildert, das im kommenden Jahr erscheinen wird. Aus der Nähe glitzerte der gesamte Hügel, wie von Kristallen überzogen. Es waren tausende Feuersteinsplitter, Spuren von Menschenhand.

In mehreren, vom Deutschen Archäologischen Institut geleiteten Grabungssaisonen kamen in der Folge nach und nach monumentale, drei bis fünf Meter hohe T-förmige Kalksteinpfeiler zum Vorschein, die gemeinsam mit dazwischen aufgerichteten Mauerstücken kreisförmige Bauwerke bildeten. Die Datierung von bei den Grabungen ebenfalls gefundenen Holzkohlestücken mittels der so genannten C14-Methode bestätigte mehrfach das vermutete Alter von 11.600 Jahren. Damit wären die Bauten 7000 Jahre älter als die ägyptischen Pyramiden und 6000 Jahre älter als das englische Stonehenge. Die in der Türkei entdeckten steinernen Kreisanlagen „sind die ältesten bekannten großen Steinbauten der Menschheitsgeschichte“, sagt Schmidt tief beeindruckt.

Großes Aufsehen erweckten bei den Archäologen jüngst gefundene Serien von bis zu acht kleinen aneinander gereihten Tierbildchen und abstrakten Symbolen, die so etwas wie ein stehendes und ein liegendes H zeigen, einen Kreis, einen liegenden und einen stehenden Halbmond, eine Winkelreihe und einen liegenden Balken. Daneben sind kleine stilisierte Stierköpfe zu sehen, ein Miniatur-Fuchs und ein Miniatur-Schaf, ein Schlangenbündel, ein Netz und eine Spinne. Schmidt glaubt nicht, dass diese Zeichen nur Dekoration waren. Er verwendet gerne den vorsichtigen Begriff „neolithische Hieroglyphen“, denkt jedoch bei diesem Begriff nicht an eine Art Schrift, die Laute oder Silben darstellt, sondern an „heilige Zeichen“, deren Symbole den damaligen Menschen vielleicht irgendeine, für uns nicht mehr verständliche Information mitgeteilt haben. Für Deutungen sei es noch zu früh, jede Grabungskampagne ändere die Interpretationen wieder ein wenig, betont Schmidt.

Keilschrift. Nach bisherigem Stand der Forschung ist die früheste Verwendung von Keil- oder Hieroglyphenschriften erst viele Jahrtausende später nachgewiesen. Wenn nun die Uranatolier schon vor mehr als 11.000 Jahren eine Art Notationssystem aus Bildsymbolen gehabt hätten, wäre das eine archäologische Sensation. Denn lange Zeit galten mesopotamische Keilschrifttexte und altägyptische Hieroglyphen als älteste überlieferte Schriftdokumente der Menschheit. Die Kenntnis der Hieroglyphen war im Lauf der Jahrtausende komplett verloren gegangen. Erst als Napoleons Flotte 1799 vor Ägypten zerstört wurde und sein Heer dort festsaß, fand der Offizier Pierre Bouchard nahe der Mittelmeerküste jenen berühmten Stein von Rosette, auf dem sowohl (bis dahin unlesbare) ägyptische Hieroglyphen als auch eine griechische und eine (lesbare) demotische Inschrift zu sehen waren. Demotisch ist eine ägyptische Schreibschrift, die ab dem 7. Jahrhundert vor Christus verwendet wurde. Da der griechische und der demotische Text ident waren, wurde ein gleicher Textinhalt auch für den Hieroglyphentext angenommen.

Auf diesem Stein waren zwei Hieroglyphengruppen oval eingerahmt. Da im griechischen Text etwa an dieser Stelle die Königsnamen Ptolemaios und Kleopatra vorkommen, mussten dies wohl die Zeichen im Oval sein. Dem französischen Gelehrten Jean François Champollion kam die Idee, dass die Zeichen für P, T und L in beiden Namen vorkamen und deshalb in den Ovalen identifiziert werden könnten. In weiterer Folge gelang die Identifizierung von immer mehr Zeichen, sodass nach zehn Jahren die komplette Schrift lesbar war.

Hieroglyphen. Die ältesten voll entwickelten Hieroglyphentexte kennen wir aus dem so genannten Alten Reich, also jener Zeit ab 2900 vor Christi Geburt, als ganz Ägypten erstmals unter einem Pharao vereint war – einige Jahrhunderte bevor die ersten Pyramiden entstanden. Im Grab des Hemka aus der ersten Pharaonen-Dynastie fand man den ältesten, allerdings unbeschriebenen Papyrus, was auf eine hoch entwickelte, vielleicht wesentlich ältere Schriftkultur schließen lässt. Die Anzahl der benutzten Hieroglyphenzeichen wuchs von etwa 700 im Alten Reich der Pyramidenbauer bis auf über 6000 Symbole in der Zeit der Ptolemäer-Pharaonen, die als Nachfolger Alexanders des Großen das Land am Nil beherrschten.

Während beispielsweise das Innere der Cheopspyramide und anderer Pharaonengräber dieser Zeit fast völlig frei von altägyptischen Inschriften ist, änderte sich dies zwei Jahrhunderte später komplett. Wer heute gebückt ins Innere jenes verfallenen Bauwerks eindringt, das einstmals die Pyramide des Pharaos Unas war, erblickt an den Wänden abertausende mehr als viertausend Jahre alte blau gefärbte Schriftzeichen. 283 Sprüche über das Jenseits erzählen vom Voranschreiten des Königs in den Himmel der Unvergänglichen. Schon zu dieser Zeit waren diese Überlieferungen viele Jahrhunderte alt.

Die sumerische Keilschrift Mesopotamiens wird in den meisten Lehrbüchern noch immer als das älteste Schriftsystem der Welt angeführt. Während die typischen Keilschriftzeichen etwa ab 2700 vor Christus verwendet wurden, gab es bereits um 3250 vor Christus frühe Formen dieser Schrift im südbabylonischen Uruk (siehe Interview auf Seite 114). Diese Zeichen wurden mit Werkzeugen aus Schilfrohr oder Knochen senkrecht oder schräg in weiche Tontafeln gedrückt. Im Gegensatz zur klassischen Keilschrift sind diese archaischen Schriften nur schwer zu verstehen.

Jedenfalls wurden diese frühesten Keilschriftzeichen zu Buchhaltungszwecken und im Handel verwendet. Offenbar erst einige hundert Jahre später entstanden Inschriften, die historische Ereignisse, Mythen oder religiöse Inhalte zum Thema hatten. Insgesamt wurden bisher im (heute irakischen) Südmesopotamien und im iranischen Hochland etwa 6000 Texte und Textfragmente früher keilschriftähnlicher Schriftarten gefunden. Die allerältesten Texte stammen aus einer tiefen und daher sehr alten Schuttschicht der Ruinenstadt Uruk. Sie galten lange Zeit als die ältesten erhaltenen Inschriften der Menschheit.

Eine Lehrmeinung, die nach Ansicht mancher Forscher mittlerweile überholt ist. Denn in Südosteuropa gab es schon zweitausend Jahre davor ein komplexes Zeichensystem, das der renommierte deutsche Sprachwissenschafter Harald Haarmann, Verfasser etlicher Bücher zur Geschichte der Schrift, für die älteste Schrift der Welt hält. Diese „alteuropäische“ oder Vinca-Schrift (siehe Kasten S. 119) wurde am Balkan über mehr als 1500 Jahre verwendet, viele Jahrhunderte vor den ältesten überlieferten Hieroglyphen oder Keilschrifttafeln.

Nun aber scheint auch der Altersrekord der alteuropäischen Schrift zu wackeln. Bei den kürzlich entdeckten, ungewöhnlich aneinander gefügten Serien von Bildchen und Symbolen auf den bis zu 11.600 Jahre alten Steinbauwerken in der Osttürkei könnte es sich, bei aller gebotenen Vorsicht der Deutungen, tatsächlich um eine Art „Bildzeichen“, also eine Art steinzeitlicher Hieroglyphen handeln, deren Bedeutung in den mehr als zehntausend Jahren seither allerdings völlig verloren gegangen ist. Eine Art Hieroglyphensystem aus einer Zeit, als es noch kaum Ackerbau, keine Viehzucht und noch keine Tongefäße gab?

Hochkultur. Eben das könnte genauso gut gegen die Schrifthypothese sprechen. Denn, so sagt die Innsbrucker Keilschriftforscherin Helga Trenkwalder, eine wirkliche Schrift setze eine städtische Hochkultur voraus. Erst die komplexe Verwaltung einer Gemeinschaft und der Handel hätten Aufzeichnungen erfordert. Dazu passt die Darstellung, die ägyptischen Hieroglyphen seien am Beginn der ersten Dynastie notwendig geworden, weil die Administration des großen Staatsgebildes eine komplexe Bürokratie erforderte. Tatsächlich findet man sowohl bei Keilschrifttexten als auch bei mykenischen Schrifttäfelchen aus Griechenland viele Texte, die mit Handel und Wirtschaft zu tun haben.

Andere Experten sehen in frühen Schriftzeichen freilich magische, „heilige“ Zeichen, die – etwa im Inneren von Pyramiden – durch ihre spirituelle Wirkung dem verstorbenen Herrscher helfen sollten, den Weg durch die Unterwelt zu finden. Ebenso könnten die eigenartigen Ringbauwerke in der Osttürkei möglicherweise irgendeine religiöse, rituelle Funktion gehabt haben, vermutet Ausgräber Schmidt.

Eine magische Bedeutung wird auch bei vielen Wandmalereien aus dem Eiszeitalter vermutet, wo im Inneren von Höhlen im heutigen Südfrankreich und Spanien, oft über hunderte Meter vom Eingang entfernt in tiefster Dunkelheit, Tiere oder Handabdrücke an die Höhlenwände gemalt wurden (siehe Kasten „Höhlenmalerei“). Auch in diesen eiszeitlichen Höhlen finden sich gelegentlich Symbole, deren Bedeutung noch nicht entschlüsselt ist.

Bildzeichen. Die Faszination uralter Bilder und Inschriften, in denen Menschen über die Distanz von Jahrtausenden mit uns kommunizieren, hat die Wissenschaft durch Jahrhunderte in ihren Bann gezogen. Bildhafte Elemente kennzeichnen viele der frühesten Botschaften und Schriftformen. Für den Begriff „Frau“ wurde beispielsweise im mesopotamischen Sumer ein Symbol für das weibliche Genital gezeichnet, in Ägypten eine sitzende Frau, im mykenischen Griechenland eine stehende Frau im langen Gewand und in China eine etwas abstrakt gezeichnete tanzende Frau. Ähnlich beim Begriff „Mann“: Sumer reduziert ihn etwas prosaisch auf einen abgebildeten Penis, in Ägypten ist es ein sitzender Mann und in China ein stark abstrahierter Mann mit Reisfeld.

Die meisten Schriftsysteme entstanden erst einige tausend Jahre nach dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht. Die ältesten erhaltenen chinesischen Schriftzeichen stammen aus der Zeit um 1700 vor Christus, allerdings dürfte diese schon zur damaligen Zeit hoch entwickelte Schrift viel älter sein. Die ältesten chinesischen Inschriften finden sich auf so genannten Orakelknochen, das sind Stücke von Schildkrötenpanzern oder Tierknochen, mit denen man zukünftige Ereignisse vorhersagen wollte. Sie handeln von Zeremonien, Kriegsführung, Verwaltung, vom Wetter, von Krankheiten, Heilkünsten und von der Jagd. Offenbar wurden alle zehn Tage routinemäßig Glücksvorhersagen getroffen.

Die damalige Form der Zeichen und sogar die Satzstruktur ähnelt bereits deutlich der heutigen modernen chinesischen Schrift. Die reiche Vielfalt chinesischer Schriftzeichen ergibt sich aus der Fülle sowohl möglicher Silben wie auch möglicher Betonungen. Dem Fremden bereitet das Faktum Schwierigkeiten, dass im Chinesischen gleich klingende Worte durch unterschiedliche Tonhöhen völlig andere Bedeutungen bekommen, wobei ihnen dann auch andere Schriftzeichen zugeordnet werden. „shu“ kann je nach Tonlage „Waffe“, „Onkel“, „Gemüse“, „Ratte“, „Privatschule“, „Hitze“ oder „Zentrum“ heißen. „ma“ heißt sowohl „Mutter“ als auch „Hanf“, „Lösegeld“, „Pferd“, „fluchen“ oder „Kunst“. Für Europäer, die einen Chinesen oder eine Chinesin heiraten, ist es also ratsam, auf die Tonhöhe aufzupassen, um nicht den Onkel als Ratte und die Schwiegermutter als Pferd zu bezeichnen. Im schriftlichen Ausdruck gibt es dieses Problem nicht. Allerdings verfügt die chinesische Schrift über 5000 verschiedene Zeichen.

Während die vielen unterschiedlichen chinesischen Schriftzeichen bereits vor Jahrtausenden stark der heutigen chinesischen Schrift ähnelten, ist eine andere 4600 Jahre alte Schrift, nämlich jene der Harappa-Kultur aus dem pakistanischen Indus-Tal, völlig verschwunden. Weder kennt man die Sprache, noch versteht man die Lautwerte der etwa 4000 erhaltenen, meist kurzen Inschriften. Archäologen halten eine Entzifferung nur dann für möglich, falls mit viel Glück irgendein großes Archiv gefunden wird, das genug Material für Schriftstudien ans Tageslicht bringt. Die Harappa-Sprache könnte zu den dravidischen Sprachen gehören, die heute nur noch in Südindien verbreitet sind, oder bereits zu den indoeuropäischen Sprachen, und wäre damit vielleicht ein Vorläufer des Sanskrit. 419 verschiedene Zeichen sind bekannt, die etwa 2600 vor Christus entstandene Schrift starb um 1500 vor Christus wieder aus.

Auch in der Neuen Welt entstanden Schriftsysteme. Die Maya in Mittelamerika verwendeten gesichert ab 500 vor Christus, vielleicht aber auch bereits wesentlich früher, eine komplizierte Hieroglyphenschrift aus etwa 1000 bildhaften Zeichen, die teils einen Begriff darstellen, teils eine Silbe. Ansätze zur Entzifferung sind in den vergangenen zehn Jahren bereits gelungen. Problematisch ist die hohe Zahl von mindestens 30 verschiedenen bekannten Maya-Sprachen. Außerdem war es üblich, für ein und denselben Begriff beziehungsweise dieselbe Silbe oft völlig unterschiedliche Zeichen zu verwenden, was die Entzifferung naturgemäß nicht unbeträchtlich erschwert.

Zu Zeiten der in den Anden hoch entwickelten Inka-Kultur gab es erstaunlicherweise keine echte Schrift. Stattdessen knüpften die Inkas Knoten in Bündel verschiedenfarbiger Baumwollschnüre, Khipu genannt. Diese enthielten Zahleninformationen und vielleicht auch andere Mitteilungen. Offenbar funktionierte die extrem aufwändig strukturierte Verwaltung der Inkas tatsächlich ohne richtige Schrift.

Auch in vielen anderen Teilen der Welt entstanden Schriften, teils autonom, teils inspiriert durch den Kontakt mit anderen Schriftsystemen. Sogar auf so abgelegenen Plätzen wie der Osterinsel mitten im Pazifik wurde eine völlig eigenständige Schrift entwickelt, deren Entstehungsalter jedoch bislang nicht datiert werden konnte. Auch ist heute niemand in der Lage, diese Schrift zu lesen oder zu verstehen. Die letzten in dieser Schrift lesekundigen Inselbewohner nahmen im 19. Jahrhundert ihr Wissen mit ins Grab.

Alphabet. Zwischen dem 18. und dem 16. Jahrhundert vor Christus entstanden auf der Halbinsel Sinai Inschriften mit anfangs 27 und später 22 verschiedenen Zeichen. Diese stellen möglicherweise das erste konsonantische Alphabet der Welt dar, also ein System, wo jedes Zeichen nicht einer Silbe, sondern einem Sprachlaut entspricht. Diese protosinaitische Schrift, die offenbar von semitischen Stämmen verwendet wurde, kann somit auch als erster direkter Vorfahre des griechischen und lateinischen Alphabets gelten. Vermutlich sind einige dieser protosinaitischen Zeichen weiterentwickelte ägyptische Hieroglyphen. Inspiriert durch diese Schrift, entstanden Jahrhunderte später die Alphabete der Phöniker und anderer Stämme des Nahen Ostens.

Erstmals wurde hier jedem Konsonanten (und eventuell manchen Vokalen, obwohl Selbstlaute meist nicht geschrieben wurden) genau ein Zeichen zugeordnet. Das Bildchen für Stierkopf (alef genannt) und das Symbol für Haus (bet) standen dann nur noch für die Laute A und B. Unser Buchstabe A ist eigentlich noch immer jener Stierkopf, nur zeigen die Hörner nach unten und das Kinn nach oben. Von alef und bet beziehungsweise den griechischen Formen alpha und beta kommt übrigens auch unser Begriff Alphabet. Wie die Abbildungen auf Seite 114 zeigen, lässt sich bei etlichen dieser Zeichen eine direkte Linie von ägyptischen Hieroglyphen über protosinaitische Zeichen, phönikische Buchstaben bis hin zu griechischen und unseren lateinischen Buchstaben verfolgen.

Weiterentwicklung. In abgewandelter Form wurden die phönikischen Zeichen zuerst auf Zypern und Kreta und später auch im griechischen Raum verwendet. Von diesem griechischen Alphabet leiten sich schließlich auch das etruskische und lateinische Alphabet ab. Angesichts der Entwicklung dieser komplexen Schrifttraditionen ist es umso erstaunlicher, dass manche Schriften, wie die chinesische, fast unverändert Jahrtausende überdauert haben, während sich andere (wie die phönikisch-griechische) voller Dynamik weiterentwickelt haben und wieder andere (wie die Indus-Schrift oder die alteuropäischen Zeichen) sang- und klanglos untergingen.

Heute erleben wir eine weltweite Flut geschriebener Texte, abgefasst in lateinischen, chinesischen, arabischen und anderen Zeichen. Im Schutt der Jahrtausende finden wir aber gelegentlich noch Spuren der ganz frühen Versuche, Gefühle und Gedanken durch Bilder, Bildzeichen und erste abstrakte Symbole darzustellen. Sie stehen dort wie Leuchttürme am Weg der menschlichen Zivilisation. Manchmal sind Wissenschafter in der Lage, derartige Botschaften aus längst vergangenen Zeiten zu entziffern. Vielfach ist die Bedeutung der Zeichen aber noch ungeklärt, und auch Experten müssen erkennen, dass manche Schriften wohl für immer rätselhaft bleiben werden.

Von Gerhard Hertenberger