Seit wann ist Zucker giftig?

Der Journalist und Autor Hans-Ulrich Grimm kritisiert seit Jahren die Praktiken der Nahrungsmittelindustrie („Die Ernährungsfalle“, „Die Suppe lügt“). In seinem neuen Buch „Garantiert gesundheitsgefährdend“ ­ befasst er sich mit dem Schaden, den die „Zucker-Mafia“ anrichtet. Am Wochenende war Grimm Vortragender beim Symposium „Anständig Essen“ in Bad Hofgastein.

Interview: Sebastian Hofer

profil: Dass Zucker nicht gesund ist, konnte man ahnen. Sie schreiben nun, dass Zucker regelrecht giftig ist. Warum wussten wir nichts davon?
Grimm: Das wusste ich vor meinen Recherchen auch nicht. Das Wort Gift stammt in diesem Zusammenhang von dem Endokrinologen Robert Lustig, der genau analysiert hat, wie Zucker physiologisch wirkt. Diese Erkenntnisse sind zum Teil relativ neu.

profil: Sie sagen: Heute würde man Zucker verbieten.
Grimm: Diese Einschätzung stammt von dem Ernährungswissenschafter John Yudkin, einem frühen Zuckerkritiker, der leider in Vergessenheit geraten ist.

profil: Ein Ergebnis guten Lobbyings?
Grimm: Die Annahme liegt nahe. Es ist tatsächlich im Interesse der Industrie, dass der Zucker nicht so in Verruf gerät wie Fett – wobei die Fett- und Cholesterinwerte im Körper ja auf Zuckerkonsum basieren. Wenn man aufs Blutfett achtet, muss man auf seinen Zuckerkonsum achten. Der Körper lagert überschüssigen Zucker als Fett ein – für schlechte Zeiten.

profil: Sie schreiben, dass bis zu 50 Prozent der Produkte im Supermarkt Zucker enthalten. Das ist den meisten Konsumenten nicht bewusst. Werden sie getäuscht oder haben sie sich nur schlecht informiert?
Grimm: Der Verbraucher wird nicht getäuscht, er darf gar nicht getäuscht werden. Es kann nur sein, dass Sie nicht genau genug lesen. Ich fange seit ewigen Zeiten meine Vorträge mit dem Beispiel „Knorr Hühnersuppe“ an und habe schon befürchtet, dass ich zum Zuckerthema ein neues Beispiel brauche. Brauche ich nicht. Auch da ist Zucker drin. So wie in Aufbackbrötchen, Schinken, Fertigpizza. Zucker wird uns untergejubelt. In Deutschland werden 83 Prozent allen Zuckers unbewusst konsumiert.

profil: Welche Interessen hat die Lebensmittelindus­trie, Zucker auf diese Weise zu verkaufen?
Grimm: In dieser Parallelwelt gibt es eine Maxime, die über allem steht. Sie nennt sich „Shelf-Life“, Haltbarkeit. Alles muss möglichst lange halten. Und Zucker hält ewig. Außerdem musste man, als Fett unpopulär wurde, in die fettarmen Produkte einen neuen Geschmacksträger einbauen. Das war der Zucker.

profil: In den USA gibt es erste Anzeichen für ein Umdenken, etwa mit der Besteuerung von Limonaden. Ist das schon die Wende?
Grimm: Das ist schwierig zu sagen. Einerseits gibt es in den USA ein überraschend großes Ernährungsbewusstsein, andererseits kein Joghurt ohne Chemie. Auch das Bewusstsein in der Medizinbranche ist ein merkwürdiges. Diabetes macht in Deutschland einen Jahresumsatz von 48 Milliarden Euro. In der Gesundheitswirtschaft werden die Kranken als Kranke gebraucht. Ein Diabetiker braucht nicht nur Insulin: Er entwickelt Komorbiditäten, hat Herzkrankheiten, Bluthochdruck, wird blind, bekommt Alzheimer. Ein ­Diabetiker ist eine Goldgrube.

Hans-Ulrich Grimm, „Garantiert gesundheitsgefährdend“, Droemer Knaur, 300 Seiten, EUR 18,50