Weichspüler-Format „Seitenblicke“ feiert 25. Geburtstag

Seit einem Vierteljahrhundert leistet die TV-Sendung „Seitenblicke“ den Gesetzen des Boulevard-Journalismus beharrlichen Widerstand. Angelika Hager über den erstaunlichen Erfolg eines Weichspülerformats mit starkem Hang zur Reality-Operette, in dem den Promis die Hosen eher raufgezogen als runtergelassen werden.

Tatort ist das Hallenbad des „Bayrischen Hofs“ in München. Der Klebstoff-Mogul Heinrich Haffenloher trägt einen weißen Bademantel und eine sehr laute Golduhr. Doch in Wahrheit ist er supernackt. Denn er winselt den Klatschreporter Baby Schimmerlos an um die einzige Währung, die im Leben eines geldsatten Parvenüs zählt: öffentliche Wahrnehmung und Teil einer Gesellschaft zu sein, die Karl Kraus in vorauseilendem Scharfsinn ein gutes Jahrhundert zuvor wie folgt beschrieb: „Es war alles da, was da sein muss, und was sonst nicht wüsste, wozu das Dasein ist, wenn es eben nicht dazu wäre, dass man da ist.“

Es ist ein großer Schauspielermoment, den Mario Adorf im Part des Geld-Proleten und Franz Xaver Kroetz in der Rolle des „Gatekeepers“, der über Schein und Schattendasein entscheidet, in der ersten Folge der Mediensatire „Kir Royal“ zelebrieren. Als Schimmerlos sein Opfer in Verachtung badet, wird es zum Täter: „Schimmerlos, ich scheiß dich zu mit meinem Geld, ich mach dich fertig!“

Das in München ansässige „Kir Royal“-Autorenduo, bestehend aus Helmut Dietl, der auch Regie führte, und Patrick Süskind, kannte den Baumeister Richard Lugner gar nicht, als es ihn Mitte der achtziger Jahre mit der Figur des Haffenloher so präzise wie gnadenlos beschrieb.

Kaum hatte man ihn erfunden, bahnte sich Lugner auch schon den Weg in die Realität oder in das, was ein Fernsehformat dafür hielt. Denn Ende September 1987 begann mit der Geburt der Sendung „Seitenblicke“ „die Demokratisierung des Luxuspöbels“, so der Kulturtheoretiker Franz Schuh, und jener bedrohlich rollende Augapfel warf seinen Blick auf eine Gesellschaft, deren Aufmerksamkeits-Salti an Buffetlandschaften zuvor vorrangig in den „Adabei“- und „Leute von heute“-Spalten der „Krone“ und des „Kurier“ ihren Widerhall gefunden hatten. Lugner war übrigens schon zuvor an der Bestechung des amtierenden „Adabeis“ Roman Schliesser gescheitert, der den „Mörtl“ daraufhin aus seinem Radarsystem verbannte. Erstens, weil der Akt der Bestechung an sich schon eine Dreistigkeit war, zweitens, wie Schliesser in einem Interview mit dem Magazin „Basta“ erzählte, „die gebotene Summe sich noch dazu auf läppische 5000 Schilling“ belief. Später „schiss“ Lugner im Hafferloh’schen Sinne die gesamte Medienlandschaft, inklusive „Seitenblicke“, mit seinem Geld zu, indem er vornehmlich abgehalfterte Weltstarlets für den Opernball anmietete und sich somit einen Rummelplatz für seine narzisstische Persönlichkeitsstörung erzwang. Das pathologische Geschäftsmodell funktioniert bis heute, obwohl der inzwischen 80-jährige Bau-Buffo nahezu ausschließlich in einer ATV-Freakshow, die seinen Namen trägt, das Genre der Autounfall-Prominenz nachhaltig prägt: Es ist so schrecklich, dass man eigentlich nicht hinschauen will, aber man doch auch nicht wegsehen kann.
„Seitenblicke“-Redakteure entwinden sich inzwischen längst knallhart den flehenden Blickkontakten jenes Mannes, der heute unter Promi-Ausschussware läuft, aber dennoch als Urvater des „Homo Seitenblickiensis“ gilt. Ein insofern trügerischer Eindruck, wie das kommende Woche erscheinende, durchaus auch selbstkritische Sendungsjubiläums-Buch „In bester Gesellschaft“ enthüllt, da Lugner in den Charts der am häufigsten interviewten Lichtgestalten nur den 34. Platz einnimmt: Die Sieger-Fünf besteht aus Alfons Haider (schließlich dienen die „Seitenblicke“ dem ORF auch als Selbstreferenz-Instrumentarium), gefolgt von Harald Serafin und Dagmar Koller, dem verstorbenen Helmut Zilk und dem Theatertier Otto Schenk, der mit seiner unerschütterlichen Grundgrantigkeit in Slow Motion der österreichischen Seele einen wohligen Identifikationswinkel zu geben scheint.

Typen wie Lugner, Toni Polster, Birgit Sarata oder Waldtraud Haas haben schon vor Jahrzehnten begriffen, dass nicht der Nachweis eines erfolggekrönten Leistungskampfs einem in diesem Spiel die Chance auf Wahrnehmungs-Streicheleinheiten verspricht, sondern die Perfektionierung jener Sportart, die der langjährige „Seitenblicker“ und Journalist Dieter Chmelar so beschreibt: „Einzelkämpfer kreisen wie Rundstrecken-Routiniers so oft durchs Bild, dass es wie zufällig wirkt, wenn sie einmal nicht zu sehen sind.“ Den Prominenten als Produkt seines Präsenz-Fleißes und seiner Beharrlichkeit haben wir den „Seitenblicken“ zu verdanken.

An die 800 „Seitenblicke“-Sendungen hat der Durchschnitts­österreicher konsumiert; täglich betrachten rund 800.000 Zuseher, vor allem Frauen in der zweiten Lebenshälfte, die Karawane der „kuscheligen Grinser“, so der „Seitenblicke“-Hasser und ehemalige Burgtheater-Direktor Claus Peymann im profil-Interview, „und oft nur schrecklicher Lemuren, die einem da aus irgendeiner Burg Feuchtenstein oder aus Mörbisch entgegentanzen“.

Die Konsistenz der österreichischen Gesellschaft scheint für ein solches Weichspülerformat, in dem den Leuten die Hosen eher raufgezogen als runtergelassen werden, besonders geeignet. Im Gegensatz zu Deutschland, der Schweiz oder Großbritannien verschwimmen die Grenzen zwischen den Schichten und ideologischen Gruppierungen schneller als anderswo, was einerseits mit der Kleinheit des Landes, aber auch mit einer mentalitätsbedingten Verhaberungstendenz zu erklären ist.

„Die Seitenblicke-Gesellschaft hat mächtige Wurzeln“, so der Universitätsprofessor für Geschichte, Christian Ehalt, „in der früheren höfischen Gesellschaft, wo es auch nicht um das Was, sondern immer nur um das Wie ging und die Demonstration von Müßiggang und Konsum einen wichtigen Identitätsfaktor bildete.“

In der österreichischen Bevölkerung mischt sich „sehr viel Urtümliches, Archaisches, Provinzielles und Primitives“, so Ehalt, und deswegen sind „die ‚Seitenblicke‘ das absolut ideale österreichische Format: Hier landen sie absolut zielsicher und wirken als optimaler Verstärkungsfaktor.“

Das Adjektiv „kuschelig“, das Peymann als wichtige Zutat für das in den „Seitenblicken“ propagierte „lächerliche Pseudoglück“ klassifiziert, erklärt wahrscheinlich großteils den Dauererfolg jener Sendung, die inzwischen wie die Manner-Schnitten und der Opernball zum Alltagsinventar der Österreicher gehört.

Die „Seitenblicke“ funktionieren nämlich völlig ungerührt und wider alle Gesetze des Boulevardjournalismus, der die Offenlegung wunder Punkte in Promi-Existenzen zur Funktionsprämisse erhoben hat, als eine Art Streichelzoo für den Mittelbau der „High Society“. Eine Entwicklung, die den Co-Gebärvater des Event- und Party-Panoptikums, Thaddäus Podgorski, eigentlich melancholisch stimmt: „Mein Konzept war es damals, die Menschen wie merkwürdige Käfer und Spinnen zu betrachten. Diese Distanz ist inzwischen leider völlig verloren gegangen.“

Doch Insektenforscher haben kalte Blicke; Distanz produziert beim Publikum auch das Gefühl von Fremde und Herablassung. Durch die ewige Wiederkehr des gleichen Trosses aus „Komödianten, Filmfritzen, Kabarettfatzken, Boxern, Damenfriseuren, Parlamentariern und Eintänzern“, so Karl Kraus prophetisch, werden die Zuschauer zur Primetime in der wohligen Illusion ­gewiegt, selbst einen Teil dieser Selbstdarsteller-Sippe zu verkörpern. In jener manchmal penetrant gemütlichen Atmosphäre haben Störfaktoren und Fehlermeldungen nichts verloren. Bekenntnisse zu Trennungen, Pleiten, Rosenkriege, Seitensprünge, Krankheiten und Korruptionsvorwürfe verdienen dort keinen Sendeplatz, da die Welt jenseits von Marchfelderhof, Metropol und Mörbisch doch ohnehin schon mehr als genug Moll und Misere ist.

So kommt es, dass der Waffenlobbyist Ali Mensdorff-Pouilly nach der Entlassung aus der U-Haft fröhlich und völlig ungeniert bei der Gala des „Feinschmecker des Jahres“ Häf’n-Anekdötchen ins „Seitenblicke“-Mikrofon poltert.

Und während Karl-Heinz Grasser in der „Zeit im Bild“ die Republik wegen einer Hausdurchsuchung und der damit verbundenen Imageschädigung klagt, darf seine bezaubernde Gattin Fiona schirmherrisch für ein Tierschutzzentrum im Niederösterreichischen Hasen und Hunde herzen und dabei dadaistische Sprechblasen wie „Die Menschheit ist so grausam, das Tier aber gibt so viel Liebe, ohne dass es dir zurückantworten kann … oje, jetzt muss ich aber gleich weinen“ versenden.

So gesehen sind die „Seitenblicke“ die perfekte öffentlich-rechtliche Symbiose aus Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“ und Operettenseligkeit à la „Fledermaus“. Wir gratulieren.

Mitarbeit: Verena Junghans