Serge Tchuruk: „Breitband ist der Wachstumsmotor“

Der Alcatel-Chef über drastische Sparmaßnahmen in seinem Unternehmen, zentrale Impulse für den Telekomsektor, bestehende Technikmängel und mögliche Killerapplikationen für UMTS.

profil: Nach einer langen Durststrecke mit hohen Verlusten haben Sie jetzt überraschend gute Geschäftszahlen und sogar einen operativen Gewinn für das dritte Quartal 2003 veröffentlicht. Ist das bereits der ersehnte Turnaround?
Tchuruk: Das ist insoweit ein Turnaround, als wir unsere Kostenstruktur deutlich mehr senken konnten als unsere Mitbewerber. Wir haben wieder eine Basis geschaffen, auf der wir Gewinn generieren können. Das alles ist uns offenbar etwas besser gelungen, als man von uns erwartet hat.
profil: Die vergangenen Jahre waren nicht gerade die besten für Alcatel. 4,9 Milliarden Euro Verlust brachte das Jahr 2001, und 4,7 Milliarden minus waren es im Vorjahr. Was darf man denn für das Gesamtjahr 2003 erwarten?
Tchuruk: Wir erwarten für dieses Jahr ein positives operatives Ergebnis. Unser Ziel ist vor allem aber, im kommenden Jahr auch ein positives Nettoergebnis zu erwirtschaften. Wir haben bewiesen, dass wir, obwohl der Markt enorm geschrumpft ist, wieder Gewinne generieren können.
profil: Sie haben bereits erwähnt, dass Sie die Kosten sehr stark reduziert haben. Sie gelten diesbezüglich als Hardliner und
haben die Zahl der Beschäftigten von 120.000 im Jahr 2000 auf nunmehr nur noch knapp 60.000 reduziert.
Tchuruk: Wenn der Markt um 60 Prozent schrumpft, müssen Sie natürlich auch die Kosten und damit nicht zuletzt die Zahl der Mitarbeiter im gleichen Ausmaß senken. Bis zum Jahresende müssen wir bei 60.000 Mitarbeitern liegen. Das ist natürlich eine substanzielle Korrektur. Aber sie ist noch immer nicht so stark, wie das bei einigen unserer Konkurrenten der Fall war. Bei einigen ist der Umsatz schließlich sogar auf ein Drittel gesunken. Und wir konnten in dieser tiefen Krise des gesamten Marktes letztlich sogar unseren Marktanteil steigern. Einige der Mitbewerber waren zuvor deutlich größer als wir, jetzt sind wir ungefähr auf gleichem Niveau.
profil: Was erwarten Sie für den gesamten Telekommunikationsmarkt? Wo sind Ihrer Meinung nach die größten Wachstumspotenziale der nächsten Jahre?
Tchuruk: Ich glaube, der Wachstumsmotor ist der Breitbandmarkt. Wir können heute 100-mal mehr Daten über eine normale Telefonleitung übertragen, als dies für die reine Sprachtelefonie einst nötig war. Mittlerweile sind Videostreaming und Multimediaanwendungen ohne Probleme möglich. Die bringen dem Konsumenten jede Menge neuer Anwendungen und dem Netzbetreiber deutlich mehr Produktivität. Dabei geht es vor allem um die ADSL-Technologie im Festnetz, in der wir mit einem Anteil von etwa 40 Prozent klarer Weltmarktführer sind und in Österreich sogar über 80 Prozent Marktanteil haben. Breitband heißt aber natürlich auch UMTS im Mobilfunk, wo wir ebenfalls eine sehr starke Position haben.
profil: Dafür bedarf es aber nicht nur leistungsstarker Netzwerke, sondern auch entsprechender Endgeräte. Ein Markt, der durch die Offensive asiatischer Hersteller wie Samsung oder LG Electronics härter umkämpft ist denn je. Ist angesichts der ständig sinkenden Preise bei Handys überhaupt noch Geld zu verdienen?
Tchuruk: Lassen Sie mich zunächst festhalten, dass Handys heute nur drei bis vier Prozent unseres gesamten Geschäfts ausmachen. Der Wettbewerb ist durch die neuen Anbieter aus dem asiatischen Raum deutlich härter geworden. Aber es hat sich auch etwas Gutes gezeigt: Die Prognosen waren immer davon ausgegangen, dass der Markt kollabiert, wenn fast jeder ein Handy hat. Zum Glück hat sich das als falsch erwiesen. Mobiltelefone sind modische Accessoires mit ständig neuen Features geworden.
profil: Mittlerweile reden wir ja von UMTS, dem Universal Mobile Telecommunications System, und einem immer globaleren Markt mit einer wachsenden Zahl an potenziellen Lieferanten. Wächst damit nicht auch im Netzwerkbau der Wettbewerb?
Tchuruk: Nein, weil die Technologie dort viel komplexer ist. Bei Handys kann schnell ein neuer Hersteller kommen und ein Gerät anbieten. Bei Netzen ist aber viel mehr Know-how nötig.
profil: Auf dem Handymarkt ist es zuletzt relativ still geworden um Alcatel. Werden Sie überhaupt noch UMTS-Geräte liefern?
Tchuruk: Wir sehen das etwas anders. Handys sind schließlich auch Teil der gesamten Netztechnologie. Durch Technologien und Services wird es immer wichtiger, dass Endgeräte und Netz auch miteinander funktionieren.
profil: Sie haben kürzlich einen Vertrag mit dem österreichischen Mobilfunknetzbetreiber One abgeschlossen und werden künftig die gesamte Administration und Servicierung des One-Netzes abwickeln. Andererseits haben Sie die Herstellung von Komponenten teilweise bereits ausgelagert. Ist das der Weg für die Zukunft?
Tchuruk: Wir haben bereits dutzende Fabriken an Spezialisten für kostengünstige Fertigung ausgelagert. Das sind Unternehmen, die auch im medizinisch-technischen Bereich und anderen Märkten ihre Auftraggeber haben. Sie können also die Auf- und Abwärtstrends des Telekommarktes besser kompensieren. Es ist eine logische Konsequenz für uns, solche Prozesse auszulagern. Unternehmen wie Alcatel werden deshalb immer mehr zu Serviceanbietern, zu Entwicklern von neuen Applikationen und Partnern für das Management von Netzen. Die Netzbetreiber haben nun die Möglichkeit, dieses Segment an uns als echte Spezialisten abzugeben. Das ist sicher der Beginn eines Trends, der sich in der Zukunft fortset-zen wird. One ist dabei einer der Pioniere.
profil: Ihr Finanzvorstand Jean-Pascal
Beaufret wurde kürzlich mit einer Aussage zitiert, wonach Alcatel den Verkauf der gesamten Mobilfunksparte plane. Was ist da dran?
Tchuruk: Das war ein großes Missverständnis. Wir haben uns, wie schon erwähnt, nicht gerade dem Endgerätemarkt verschrieben. Aber wir stehen absolut zu unseren Netzwerkaktivitäten. Schließlich ist das auch der profitabelste Bereich im Alcatel-Konzern. Wir haben in den vergangenen drei Jahren jeweils zwei Prozentpunkte am Weltmarkt hinzugewinnen können.
profil: Sie könnten sich demnach aber vorstellen, die Handyproduktion zu verkaufen.
Tchuruk: Ja, oder mit einem anderen Unternehmen zu fusionieren oder Partner dafür zu suchen. Aber natürlich bleibt es wichtig, dass wir das Zusammenspiel von Geräten und Netzen weiter im Auge behalten. Im Übrigen verkaufen wir rund zehn Millionen Handys pro Jahr. Das sind ja auch nicht nur Peanuts.
profil: Also eher der Weg, wie ihn Ericsson und Sony mit der Zusammenlegung ihrer Handyfertigung beschritten haben.
Tchuruk: Das könnte ein möglicher Weg sein. Aber es gibt auch noch andere Szenarien.
profil: Die ersten UMTS-Netze wurden heuer in Betrieb genommen. Von einem berauschenden Erfolg und der immer prophezeiten Revolution kann man aber noch nicht sprechen. Was wird denn UMTS in Schwung bringen? Gibt es die viel zitierte Killerapplikation?
Tchuruk: Das bisherige Feedback zeigt uns, dass es vor allem die Videoübertragung ist, welche die Kunden am meisten fasziniert. Das ist fast so wie einst mit Radio und Fernsehen. Ich bin sicher, dass Video sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk seinen Siegeszug antreten wird.
profil: Die ersten Videoimpressionen aus dem Mobilfunk waren übrigens deutlich besser als entsprechende ADSL-Anwendungen. Und das, obwohl es ADSL deutlich länger gibt. Woran krankt die Technologie denn noch?
Tchuruk: Die Technologie ist noch immer nicht ganz ausgereift. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass das Festnetzgeschäft in fast allen Märkten ursprünglich ein Monopol war. Und dann, noch bevor dort die Liberalisierung richtig greifen
und Innovationen bringen konnte, drehte sich alles in Richtung Mobilfunk. Trotzdem kann man heute mit den deutlich
gestiegenen Festnetzkapazitäten sogar Fernsehen empfangen. France Telecom will im kommenden Jahr bereits in Städten erste TV-Programme ausstrahlen. Was einst nur für Sprachtelefonie gebaut wurde, bringt heute bereits das Internet und morgen sogar Fernsehen und Video ins Haus.
profil: Viele Netzbetreiber stecken immer noch in finanziellen Nöten und sind kaum in der Lage, Investitionen zu tätigen. Viele Lieferanten von Netzwerktechnologie bieten deshalb mittlerweile großzügige Finanzierungsmodelle und agieren solcherart als Kreditgeber für die Netzbetreiber. Wie stellt sich Alcatel der Problematik der gegenwärtigen Finanzschwäche in der Branche?
Tchuruk: Die Situation, die Sie beschreiben, stimmte noch bis vor kurzer Zeit. In den vergangenen beiden Monaten hat sich das Bild aber völlig gewandelt. Die Unternehmen stehen heute bereits wieder viel besser da, generieren allesamt wieder jede Menge Cash Flow. Die Herausforderung ist jetzt, wieder neue Umsätze zu generieren. Ich habe das in meinen Gesprächen mit den Chefs der Netzbetreiber in letz-ter Zeit gespürt. Die fragen alle, wie wir ihnen helfen können, neues Wachstum zu schaffen.