Serie 1989: Das grausame Schicksal der in den Osten verschleppten Österreicher

Nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs öffneten sich langsam auch die Geheimdienstarchive. Viele Familien erfahren erst jetzt vom grausamen Tod ihrer in die Sowjetunion verschleppten Angehörigen.

Hans Peter Louzek, 61, bezieht eine Hacklerpension. 46 Jahre lang hat er gearbeitet, zuerst als Bäcker, später als Mechaniker, zuletzt als Kühltechniker. Er war wirklich ein „Hackler“. In seinem ganzen Berufsleben war er nur drei Monate arbeitslos. Herr Louzek war ein Pendler. Die Arbeitswoche verbrachte er in Wien, jeden Freitagabend fuhr er – wie tausende andere – nach Hause ins Burgenland, in seinem Fall nach Jennersdorf, ganz im Süden. Seine Frau wurde dort geboren, in Jennersdorf hatte man ein Haus gebaut, hier waren die zwei Kinder groß geworden.
Als Hans Peter Louzek im Herbst 2008 in Pension ging, kaufte er sich einen Laptop, um nicht den Kontakt zur Welt zu verlieren. Im heurigen Frühjahr gab er einmal seinen Namen und die Namen seiner Angehörigen in diverse Suchmaschinen ein. „Ich wollte nachschauen, ob da im Netz auch über uns etwas drinnen steht“, erzählt Louzek.

Unter dem Namen seiner Tochter Ingeborg gab es tatsächlich ein Ergebnis. Er klickte die von der Suchmaschine gefundene Website des Nachrichtenmagazins profil an: „Ingeborg Louzek, 1950 in die Sowjetunion verschleppt, im Jänner 1951 Hinrichtung durch Erschießen“, stand da. „In diesem Moment ist es mir sehr kalt über den Rücken gelaufen“, erzählt Herr Louzek. Ingeborg hatte auch seine Mutter geheißen, an die er keine Erinnerung hat. Sie war auf der profil-Website in einer Liste verzeichnet, die im Rahmen der Titelgeschichte über von den Sowjets verschleppte und ermordete Österreicher veröffentlicht wurde („Stalins späte Opfer“, profil 7/2007). Grundlage dafür waren neue, in einem Buch veröffentlichte Aktenfunde des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung in ­Moskau.1)
So wie Hans Peter Louzek erfahren dutzende österreichische Familien erst jetzt vom Schicksal ihrer während der Besatzungsjahre verschleppten Angehörigen. 86 Österreicher und Österreicherinnen wurden noch nach 1950 von den sowjetischen Militärbehörden aus ihren Wohnungen geholt und verschwanden für immer in Stalins ­Kerkern.

Das Institut für Kriegsfolgenforschung
in Graz hatte sich schon bald nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion um Zugang zu ­geheimen, Österreich betreffenden Akten bemüht. Im ehemaligen KGB-Archiv in Moskau fanden die Grazer Zeithistoriker Verhörprotokolle, Gnadengesuche und in geheimen Gerichtsverhandlungen verhängte Urteile: Sie lauteten in fast allen Fällen auf Tod durch Erschießen. Die Opfer waren oft unschuldig oder von einem der in Nachkriegsösterreich aktiven West-Geheimdienste für meist unbedeutende Aufgaben angeworben worden.

Für die Sowjets fiel das unter „Spio­nage“. Hans Peter Louzek wusste bis vor Kurzem von alldem nichts. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter im August 1950 verschwand und man ihn aus einer Wohnung in der Welser Eferdinger Straße in ein Kinderheim brachte. In der mitgelieferten Tasche befanden sich ein wenig Kinderkleidung und die Geburtsurkunde, die man aus der Welser Wohnung mitgenommen hatte. Nur sie erinnerte ihn später daran, dass es da auch eine Mutter gegeben hatte. „Ingeborg Louzek, ohne Beruf, katholisch“, stand da. Von einem Vater war nicht die Rede.

Ingeborg Louzek, geboren 1927 im Wiener Arbeiterbezirk Brigittenau, hat in ihrem kurzen Leben nicht das Glück gefunden. Die Eltern lassen sich früh scheiden, Ingeborg kommt mit drei Jahren zu einer Pflegefamilie und zieht mit 15 in die kleine Wohnung ihrer Mutter in Wien-Margareten. Während der letzten beiden Kriegsjahre absolviert sie eine Ausbildung zur Zahnarztassistentin. Im April 1946, sie ist 19, lernt sie im Kabarett „Kontinental“ auf der Wiener Taborstraße den Hauptmann der Roten Armee Veniamin Kolesnikov kennen. Kolesnikov stammt aus der sibirischen Stadt Omsk und ist zehn Jahre älter als sie.

Die beiden verlieben sich. Ein Jahr später, im Frühjahr 1947, läuft Kolesnikovs Dienstzeit aus. Er soll demobilisiert und nach Hause geschickt werden. Kolesnikov ist verzweifelt, er will bleiben. Dreieinhalb Jahre später wird Ingeborg Louzek die Szene in ihrem – jetzt im KGB-Archiv aufgetauchten – Gnadengesuch noch einmal schildern: „Er stand da und weinte, und ich weinte auch. Ich liebte diesen Menschen mehr als mein Leben.“

Ingeborg Louzek versteckt Kolesnikov in ihrer Wohnung in der Gassergasse. Zwei Wochen später findet ihn dort eine interalliierte Patrouille und übergibt ihn der sowjetischen Kommandantur. Der Hauptmann wird in einen Militärarrest der Sowjets auf dem Gießhübl bei Perchtoldsdorf gebracht. Zwei Monate später gelingt ihm unter ungeklärten Umständen die Flucht. Ingeborg hat eine Freundin, die mit einem US-Offizier liiert ist. Dieser verschafft Kolesnikov Papiere, mit denen er unerkannt die Sektorengrenze an der Enns überqueren kann. Er fährt nach Wels, Ingeborg Louzek kommt zwei Wochen später nach. Die beiden Flüchtlinge wohnen in einem Vertriebenenlager. In diesem Sommer 1947 wird Ingeborg schwanger. Sie wäscht und bügelt 18 Stunden am Tag, um Kolesnikov und sich selbst über die Runden zu bringen. Es sind die schlimmsten Hungermonate der Nachkriegszeit.

Kolesnikov hat sich inzwischen mit ­einem ebenfalls geflüchteten Russen namens Achtyrskij angefreundet. Achtyrskij arbeitet für den US-Geheimdienst CIC. Er hat einen Job für Ingeborg. Sie muss namentlich genannte junge Frauen aus Wien nach Wels bringen, wo sie dazu ausgebildet werden sollen, Sowjetsoldaten zur Flucht in den US-Sektor zu überreden. Ingeborg Louzek stimmt zu. „Ich war schwanger und ständig hungrig und wusste nicht, wo ich etwas zu essen besorgen sollte. Dass ich schon nach dieser Reise ,Agentin‘ werde, hat mir niemand gesagt“, schreibt sie später in ihrem Gnadengesuch.

Sie fährt dreimal nach Wien, einmal ist sie tatsächlich erfolgreich und bringt eine gewisse Edeltraude Kolacek nach Wels, die sich neckisch „Tamara“ nennt. Damit endet die „Agentenkarriere“ der 20-jährigen Ingeborg Louzek auch schon wieder. Im März 1948 bringt sie in Wels ihren Sohn zur Welt. Sie tauft ihn auf den Namen Hans Peter. Die Beziehung zu Kolesnikov verschlechtert sich zusehends, einige Monate später verschwindet der abgesprungene Offizier von einem Tag auf den anderen. Ingeborg Louzek fährt Ende 1949 nach Wien, wo ihr die Mutter einen Posten in der Waffelfabrik Sterba verschafft hat. Das Kind lässt sie – betreut von Bekannten – in Wels zurück. Im August 1950 nimmt sie einige Tage Urlaub, um diese mit ihrem Sohn zu verbringen. Auf dem Weg zum Bahnhof wird sie verhaftet. Sie weiß nicht, dass der verschwundene Vater ihres Kindes schon im April verhaftet, verurteilt und hingerichtet wurde. Sie weiß auch nicht, dass außerdem die von ihr angeworbene Edeltraude „Tamara“ Kolacek bereits zum Tode verurteilt und zur Vollstreckung des Todesurteils nach Moskau abtransportiert wurde.

Die Sowjets bringen Ingeborg Louzek in das Gefängnis der sowjetischen Spionageabwehr in Baden. Schon beim zweiten Verhör, am 25. August 1950, bricht sie zusammen: „Ich bekenne mich schuldig, dass ich ab 1947 eine Agentin des amerikanischen nachrichtendienstlichen Organs CIC war, in dessen Auftrag ich Aufträge gegen sowjetische Besatzungstruppen in Österreich durchführte.“ Am 21. Oktober verhängt das Militärtribunal in Baden in geheimer Verhandlung das Urteil: schuldig der Verbrechen Spionage und Beihilfe zum Vaterlandsverrat. „Ingeborg Louzek ist dem höchsten Maß der gesetzlichen Bestrafung zu unterziehen – dem Tod durch Erschießen.“

Ingeborg Louzek ist völlig verzweifelt , wie das aufgefundene Gnadengesuch von Ende Oktober 1950 zeigt: „Ich bitte Sie inständig, mir die Möglichkeit zu geben, mein Verbrechen durch Arbeit zu sühnen. Ich bitte Sie um ein wenig Mitleid für einen Menschen, der jung war und irregeführt wurde. Schenken Sie mir das Leben. Ich bitte Sie um Gnade, wie nur ein junger Mensch um Gnade bitten kann.“ Wenige Tage nach Weihnachten lehnt das Oberste Gericht der Sowjetunion Ingeborg Louzeks Gnadengesuch ab. Am Silvestertag wird sie in einem Spezialwaggon des Geheimdienstes vom Wiener Ostbahnhof über Kiew nach Moskau gebracht. Der Waggon hat mehrere streng voneinander abgetrennte fensterlose Abteile, mit einer kleinen Pritsche und einem Sanitärkübel. Die Gefangenen bekommen zu Beginn ihre Marschverpflegung für die gesamte Fahrt ausgehändigt. Neben Ingeborg Louzek sind noch sechs weitere todgeweihte Österreicher im Waggon.

Der Häftlingstransport trifft am 3. Jänner 1951 im Moskauer Butyrkagefängnis ein, einer Festung aus dem 18. Jahrhundert, die bis heute als Haftanstalt dient. Ingeborg Louzek verbringt die letzten Tage ihres Lebens in einer Einzelzelle. Sie wird am 9. Jänner 1951 im Alter von 23 Jahren im Keller des Butyrkagefängnisses erschossen. Ihr Leichnam wird unmittelbar nach der Hinrichtung am nahen Donskoje-Friedhof verbrannt, die Asche in einem Massengrab beigesetzt.

Es gibt ein Foto ihres Sohns, das zu dieser Zeit aufgenommen wurde. Hans Peter ist etwa drei Jahre alt und sitzt im SOS-Kinderdorf Imst auf einem Dreirad. An Imst kann er sich schon erinnern. Die meisten Kinder hier hatten so wie Hans Peter einen Geburtsschein, der die Namen von ihnen völlig unbekannten Menschen trug. Von Eltern sprach man nicht. „Mutter“ nannte man die Kinderdorf-Betreuerin. Von Imst kam Hans Peter Louzek ins Kinderdorf in der Hinterbrühl bei Wien. Hier verbrachte er seine Schulzeit und ­Jugend.

Mit 14 erfuhr er, dass es noch eine Großmutter gab, die nach Italien geheiratet hatte. Zwei Jahre später, 1964, kam sie ihn besuchen und erzählte etwas von einem Brief aus Russland, den sie vor ein paar Jahren erhalten habe. Demzufolge sei seine Mutter an beidseitiger Lungenentzündung gestorben. Sie glaube das aber nicht, fügte die Großmutter hinzu. Hans Peter Louzek wohnte jetzt im Lehrlingshaus des Kinderdorfs und machte eine Ausbildung zum Bäcker. Mit 19 musste er zum Bundesheer. „Als ich vom Wehrdienst zurückkam, wusste ich nicht, wo ich wohnen sollte. Ich hatte ja keinen einzigen Angehörigen.“

Er mietete sich ein kleines Zimmer in Mödling, unweit des Kinderdorfs. In dieser Zeit, er war jetzt 19, kam es schon vor, dass Freunde meinten, heute sei ein so schöner Tag, da sei es doch besser, zum Ziegelteich zu fahren statt in die Arbeit. Das seien dann auch die einzigen drei Monate der Arbeitslosigkeit gewesen, erzählt Hans Peter Louzek. Feiertage wie Weihnachten habe er meist allein verbracht. An die Eltern zu denken war schwierig. Er kannte sie ja nicht, wusste nicht einmal, wie sie aussahen.
Er ließ sich zum Lkw-Mechaniker umschulen. Mit 25 heiratete er. Nach einer weiteren Schulung war er Kühltechniker; diesen Beruf übte er bis zu seiner Pensionierung im Vorjahr aus.

Vergangene Woche brachte ihm profil die vom Institut für Kriegsfolgenforschung in Moskau aufgefundenen Fotos seiner Eltern nach Jennersdorf. Er hat sie sich lange angesehen. Seit er im Frühjahr vom Schicksal seiner Mutter erfuhr, denkt er oft daran, wie es ihr wohl beim Gedanken an ihr zurückgelassenes Kind ergangen sein mag. Er hat die Sache noch nicht verkraftet: „Auch wenn es unsinnig war: Aber irgendwie hat man ja immer noch gehofft, dass sie lebt. Jetzt ist auch die Hoffnung gestorben.“