Serie NSDAP: Die Gauleiter der Ostmark

profil-Serie, Teil 2. Die Gauleiter der „Ostmark“: wie junge Aufsteiger zu fast uneingeschränkter Macht gelangten und diese brutal nutzten.

Adolf Hitler verkaufte es als Mirakel. Kurz nach dem Jubel des 15. März 1938 am Wiener Heldenplatz verkündete er mit sich überschlagender Stimme in einer Triumphrede zum „Anschluss“ Österreichs: „Innerhalb weniger Tage ist uns ein Wunder gelungen. Wir haben mehr gewonnen, als früher nach siegreichen Kriegen heimgebracht werden konnte: 84.000 Quadratkilometer und 6,8 Millionen Menschen.“

Hermann Göring, mit der radikalen Ausrichtung der Wirtschaft für den Kriegsfall beauftragt, sprach aus, was das „Wunder“ den Österreichern zu bedeuten hatte: „Ihr sollt nicht etwa glauben, dass wir aus dem Reich gekommen sind, um euch alle Arbeit abzunehmen und für euch den Tisch zu decken! Im Gegenteil! Ihr werdet dafür sorgen, dass bis zur äußersten Kraftanspannung der eigene Mann hier eingesetzt wird!“Eine zentrale Rolle bei dem Projekt, Propaganda und Realpolitik der nationalsozialistischen Herrschaft unters Volk zu bringen, spielten die Gauleiter. Sie wurden von Hitler ernannt. Nach dem Führerprinzip konzentrierte sich in ihren Händen zum einen die Macht der Partei mit der Disziplinargewalt über alle Parteiorganisationen und zum anderen die staatliche Macht der Landeshauptleute – das Gesetzgebungsrecht der Landtage wurde abgeschafft.

Das „Land Österreich“ wurde in sieben so genannte Gaue aufgeteilt. Das Burgenland wurde halb der Steiermark, halb Niederdonau (Niederösterreich) zugeschlagen, das steirische Salzkammergut mit Bad Aussee an Oberdonau angegliedert, Osttirol an Kärnten, Tirol und Vorarlberg wurden ein Gau, und Wien wurde mit den umliegenden Gebieten zu Groß-Wien, der zweitgrößten Stadt des „Reiches“. Den Machtkampf um die Führungspositionen lieferten einander österreichische Nazi-Führer, die vor und nach dem Verbot der NSDAP im Juni 1933 unterschiedlich radikal aktiv gewesen waren. In Wien wurden nach der Ablöse Odilo Globocniks reichsdeutsche Gauleiter eingesetzt. Das Ringen hinter den Kulissen ging bis zu Diffamierungen. So hieß es parteiintern etwa vom früheren Gauleiter von Wien, Alfred Frauenfeld, er sei Mitarbeiter bei der pornografischen Zeitschrift „Kokain“ gewesen. Fünf der Ende Mai 1938 ernannten Gauleiter waren zwischen 30 und 36 Jahre alt. Großteils waren sie Vertreter der Mittelschicht, lediglich August Eigruber, Oberdonau, vertrat als Mechaniker die „proletarische Richtung“ der NSDAP. Auf unterschiedliche Weise versuchten sie in den folgenden Jahren, „dem Führer entgegenzuarbeiten“, also das voranzutreiben, was dienlich erschien, wie Hitler-Biograf Ian Kershaw die zunehmende Radikalisierung der NS-Herrschaft erklärt hat. Zu einer Distanzierung von der verbrecherischen Ideologie oder einem Eingeständnis der eigenen Beteiligung an Verbrechen konnte sich am Ende keiner durchringen.

Von Marianne Enigl