Sexualforschung: Im Bett mit der Republik - Orgasmus, Seitensprung, Ehe, HIV-Test, ...

Überholte Männlichkeitskonzepte, überraschend viel Erfahrung mit gleichgeschlechtlicher Liebe und Frauen, denen das Alter erheblich mehr Lust beschert: Eine neue wissenschaftliche Studie legt Österreichs Sex- und Liebesleben in allen Nuancen offen.

Ein Finanzminister, der seinen Hormonhaushalt im Scheinwerferlicht ausstellt. Eine Operetten-Doyenne, die einer staunenden Öffentlichkeit mitteilt, dass sie seit elf Jahren ihre Erfüllung in der sexuellen Abstinenz findet. Nachmittagstalkshows, in denen Menschen von nebenan ihr Intimleben in allen Details verfüttern. Illustrierte, in denen Popstar-Gattinnen und Ex-Kanzlerfrauen sich ungeniert über das Scheitern ihrer Ehe beziehungsweise das aktuelle Frühlingserwachen mit neuen Lebensabschnittspartnern ausbreiten.

Die tabufreie Diskussion von Sexualität und Liebe ist zum ständigen Hintergrundrauschen unseres Alltags angeschwollen. „Der abendländische Mensch ist auf sexuellem Gebiet zu einem Geständnistier geworden“, schrieb der französische Philosoph Michel Foucault prophetisch 1977 in „Sexualität und Wahrheit“. Es sei dringend notwendig, „den Fall einer Gesellschaft zu prüfen, die seit mehr als einem Jahrhundert redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht“.

Dieser Forderung kam nun das Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Frauengesundheitsforschung nach. Zielsetzung der Studie (siehe Kasten) war es nicht, „Stöhngeräusche und Unterwäsche-Gepflogenheiten in Österreich offen zu legen“, so die Projektleiterin Beate Wimmer-Puchinger, „sondern eine klare Zustandsbeschreibung der sexuellen Gesundheit inklusive der damit verbundenen partnerschaftlichen Konzepte in unserem Land abzugeben“.

Zuerst die gute Nachricht: Die Studie belegt, dass Österreichs Libido im Lot ist. Auf die Frage nach der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs gaben 59 Prozent der Frauen und 63 Prozent der Männer an, „dem größten Spaß, den man, ohne zu lachen, haben kann“ (Woody Allen), regelmäßig nachzugehen. Eine erstaunlich hohe Zahl (39 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer) führte an, mehrmals pro Woche zur Sache zu kommen – allerdings mit geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlichem Erfolg: Während 72 Prozent der Männer diesen Erlebnissen einen hohen Genussfaktor attestierten, mochten nur 60 Prozent der Frauen diese Einschätzung teilen.

Das Prinzip der Schieflage zwischen den Geschlechtern zieht sich wie ein Leitmotiv durch die gesamte Boltzmann-Studie. Allen feministischen Befreiungstheoretikerinnen von Alice Schwarzer bis Lara Croft zum Trotz durchweht das österreichische Privatleben der Mief tradierter Klischees. Einzig, was gleichgeschlechtliche Erfahrungen betrifft (siehe Grafik Seite 92), beweist das Land – zumindest im Verborgenen – Experimentierfreudigkeit.

Dass Frauen beim Sex weniger oft den Gipfel erklimmen, ist noch mit den biologischen Voraussetzungen zu erklären. Bereits die Pulitzer-Preisträgerin Natalie Angier konstatierte in ihrem Klassiker „Frauen – eine intime Geografie“ 2001, „dass sich das weibliche Lustempfinden in seiner Kompliziertheit vom Penis so sehr unterscheidet wie eine handliche Halbautomatik von einer primitiven Schrotflinte“.

Doch ganz abgesehen von libidinösen Qualitätskategorien liegt die Realität von Solistinnen meilenweit entfernt vom „Sex and the City“-Hochglanzglamour: 40 Prozent der Interview-Partnerinnen, die zum Zeitpunkt der Befragung (März, April 2005) angaben, über kein regelmäßiges Sexualleben zu verfügen, hatten ihr letztes sexuelles Erlebnis vor fünf Jahren.

Männer mit den gleichen biografischen Koordinaten hingegen konnten sich an ihren letzten Koitus um einiges deutlicher erinnern – bei rund einem Drittel hatte dieser vor zirka einem Monat stattgefunden; nur bei 13 Prozent lag er länger als fünf Jahre zurück.

Auch das Monogamie-Verständnis klafft in Österreich zwischen den Geschlechtern deutlich auseinander. Nur 57 Prozent der Männer – im Vergleich zu 69 Prozent der Frauen – leben in einer Zweisamkeit, die schon über zehn Jahre andauert. Dass Österreichs Männer in ihrem Beziehungsleben zu einer weit ausgeprägteren Wechselfreudigkeit als Frauen tendieren, belegen auch die Antworten auf die Frage nach der bisherigen Anzahl der Sexualpartnerinnen: Nur 70 Prozent erklärten, im vergangenen Jahr mit nicht mehr als einer Person intim verkehrt zu haben. Die Anzahl der Männer (40 Prozent), die in ihrem Leben mit über zehn unterschiedlichen Menschen Sex hatten, ist sogar doppelt so hoch wie bei den Frauen.

Das Seitensprungverhalten spiegelt diese Fakten wider: Während 76 Prozent der Frauen sich zu einem konsequenten Treueprinzip in ihrer Partnerschaft bekennen, sind nur 59 Prozent der Männer von dieser traditionellen Romantik beseelt. Sechs Prozent gaben an, sich „oft“ einen Liebeskick „außerhalb“ zu besorgen, während nur drei Prozent der Frauen sich zu dieser Art des Erlebnishungers bekannten. Wenn Frauen zu Auswärtsabenteuern neigen, tun sie dies vor allem im jugendlichen Überschwang zwischen 20 und 29 Jahren. Beim anderen Geschlecht macht sich das „Keep swinging“-Motto erst zehn Jahre später gehäuft bemerkbar.

In der Selbsteinschätzung der Qualitätsansprüche an eine Partnerschaft begegnen sich beide Geschlechter jedoch auf vermeintlicher Augenhöhe und äußern das Bedürfnis nach einem hohen Kuschelfaktor. 92 Prozent der Frauen und 95 Prozent der Männer führten „das Gefühl, geliebt zu werden und sich sicher und geborgen zu fühlen“ als wichtigsten Punkt an. Damit wird das tradierte Machoklischee einmal mehr erhärtet: Während Österreichs Frauen auf einer Symbiose zwischen Sexualität und Emotionen beharren, kommen die Männer offensichtlich gut damit klar, diese beiden Dinge zu trennen.

Überraschend – möglicherweise eine Gegenreaktion auf die mediale Übersexualisierung – fallen die Angaben über die sexuelle Zufriedenheit innerhalb einer 8-Punkte-Skala zum Thema Lebensqualität aus: An oberster Stelle rangiert sowohl bei Frauen als auch bei Männern auf fast identem Prozentniveau die „Zufriedenheit mit dem Freundes- und Bekanntenkreis“, knapp gefolgt von der „Zufriedenheit mit der Partnerschaft“. Die „sexuelle Zufriedenheit“ rangiert an vorletzter Stelle, wobei Frauen in diesem Fragesegment um vier Prozentpunkte weniger oft ihrem Sexualleben die Note „Sehr gut“ gaben.

Das statistisch belegte Ungleichgewicht, wonach Männer öfter und lustvoller Sex mit heimlichen beziehungsweise rascher wechselnden Partnerinnen haben, nivelliert sich erst relativ spät. In der Altersgruppe 50 plus erleben Frauen ihre Sexualität nachweislich unbelasteter und genussvoller. Diese Tatsache ist einerseits mit dem Wegfall des Verhütungsstresses und der Menstruationsbeschwerden zu erklären, andererseits auch damit, „dass Frauen in diesem Alter über ihren Körper viel besser Bescheid wissen“ (Beate Wimmer-Puchinger). Bei Männern nehmen in dieser Lebensphase wieder jene Versagensängste zu, die sie zuletzt im Alter von 20 Jahren plagten. Signifikant ist auch, dass Frauen mit hohem Bildungsabschluss oder einem Leben in Dorfgemeinschaften ihrem Sexleben einen höheren Standard zuschreiben als Pflichtschulabgängerinnen und Bewohnerinnen von Kleinstädten.

Das Lustempfinden der Frau, darin sind sich die Wissenschafter einig, sitzt zuallererst im Kopf. Der Katalog sexueller Probleme bestätigt diese These (siehe Kasten Seite 91). Frauen leiden am häufigsten an Störungen, die mit seelischen Blockaden im Zusammenhang stehen: sexuelle Lustlosigkeit (39 Prozent gegenüber 23 Prozent bei den Männern), Orgasmusprobleme (18 Prozent im Vergleich zu acht Prozent der Männer) und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (sechs Prozent gegenüber drei Prozent). Bei Männern sind die Probleme simpler, weil physischen Ursprungs: frühzeitige Ejakulation (22 Prozent) und Potenzversagensängste (sechs Prozent).

Dass das Geburtsland von Sigmund Freud, was sein Bewusstsein für sexualtherapeutische Hilfemöglichkeiten betrifft, sich nicht auf dem Standard der westlichen Zivilisation befindet, beweist die Tatsache, dass nur zirka ein Prozent der befragten Frauen und zirka vier Prozent der betroffenen Männer im vergangenen Jahr professionelle Unterstützung aufgrund sexueller Probleme in Anspruch genommen haben.

Auch bei Partnerschaftskonzepten und dem gelebten Beziehungsalltag erweisen sich die Österreicher im Vergleich etwa zu den skandinavischen Studienpendants als erschreckend rückschrittlich. Die Verantwortung zur Verhütung wird noch immer vorrangig den Frauen überlassen; 54 Prozent der Männer wollen, dass ihre Partnerinnen den Beruf aufgeben, sobald Kinder geboren sind. Diese Einstellung teilen hingegen nur 40 Prozent der Frauen.

Insgesamt kommt die Studie zu einer eher ernüchternden Bilanz: Der Österreicher liebt zwar gern und regelmäßig, allerdings innerhalb der Grenzen tradierter Verhaltens- und Rollenmuster, während die treue Frau Österreicher dabei oft leer ausgeht.

Lesen Sie in den folgenden Kapiteln die wichtigsten Erkenntnisse der Studie und des internationalen Kongresses „Sexual Health and Gender“, der am vergangenen Wochenende in Wien stattfand – vom „ersten Mal“ bis zu „Sex im Alter“.

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer