Sexualforschung: Im Zentrum der Lust

Mit neuen Messmethoden enträtseln Mediziner und Hirnforscher die Geheimnisse des Orgasmus. Moderne Analytik gewährt erstaunliche Einblicke in ganze Kaskaden neuronaler Stoffe, die den sexuellen Höhepunkt dirigieren - und erbringt Erkenntnisse über gesundheitliche Effekte und künftige Therapien.

Ein Hauptproblem vieler Forscher ist Gert Holstege eher fremd: die oft mühselige Suche nach geeigneten Probanden. "Überraschend einfach" sei es gewesen, berichtet Holstege, Anatom an der niederländischen University of Groningen, ein Grüppchen Freiwilliger für seine geplante Studie zu rekrutieren. Holstege führt die hohe Bereitschaft der Versuchspersonen auf die "wissenschaftliche Seriosität " seiner Arbeit zurück. Nicht gänzlich auszuschließen wäre auch, dass der Gegenstand der beabsichtigten Betrachtungen die in anderen Fällen durchaus nicht unübliche Skepsis hinlänglich aufwog.

Denn was Holstege seinen Probanden abverlangte, war Sex unter kontrollierten Bedingungen.

Das delikate Experiment startete zu Jahresbeginn. Da hatten Holstege und sein Team die Gruppe beisammen: elf Männer, im Schnitt 33 Jahre alt, heterosexuell, Rechtshänder. Bei Vorbesprechungen wurden die Probanden nebst Partnerinnen hinsichtlich des Studiendesigns instruiert und vorerst mit einer Hausübung entlassen: Zu trainieren galt es Gewohntes unter ungewohnten Umständen. Die Männer sollten zur Ejakulation gelangen, jedoch nach Möglichkeit ohne sich dabei zu bewegen. Das leidliche Beherrschen dieser Technik war entscheidend für den anschließend folgenden Hauptteil der Studie im Labor.

Sex im Hirn. Dort wurden die strategisch geplanten Aktivitäten der Pärchen mit einer speziellen Apparatur observiert: einem PET-Scanner, der Aktivitäten des Gehirns abbildet und farblich darstellt. Das Aviso an die Partnerinnen der Versuchspersonen in der Sprache der Forscher: "manuelle penile Stimulation". Denn, so Holsteges Motivation für die Erteilung dieses Befehls, "die Gehirnmechanismen, die menschliches sexuelles Verhalten im Allgemeinen und die Ejakulation im Besonderen kontrollieren, werden kaum verstanden. Die Organisation der Sexualität im Gehirn ist ein weitgehend ungelöstes Thema."

Seit Durchführung der Studie, deren Ergebnisse mittlerweile ausgewertet sind und noch im Lauf des Sommers im Fachblatt "Journal of Neuroscience" erscheinen sollen, hat sich der Horizont der Wissenschaft erweitert. Denn die Aufnahmen der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) verrieten erstmals im Detail, was sich im Hirn eines ejakulierenden Mannes abspielt. So zeigten sich deutliche Aktivitäten in so genannten mesodienzephalen Strukturen wie dem Ventralen Tegmentum, einem Hirnareal, das als eine Art Belohnungssystem fungiert. Auch im Zerebellum, dem Kleinhirn, das eine wichtige Rolle bei emotionalen Prozessen spielt, konstatierten die Forscher beachtliche Aktivität. "Die aktuelle Studie enthüllt erstmals, welche Gehirnregionen bei menschlicher Ejakulation und beim Orgasmus involviert sind", fasst das Team um Holstege die Ergebnisse in einem noch unveröffentlichten Papier zusammen.

Dass sich Wissenschafter dem Phänomen Orgasmus mit moderner Messtechnologie nähern, ist verhältnismäßig neu. Zwar vergeht kaum eine Woche, in der nicht Frohnaturen aus der Fachwelt allerlei Erfrischendes zu jedem erdenklichen Aspekt der Sexualität in die Welt setzen. So konzentrieren sich die Bemühungen vieler Forscher darauf, der Menschheit fachlich fundiert zu vermitteln, dass die Wonnen des Sex nicht nur angenehm, son- dern auch gesund seien - und man derart das Herzinfarktrisiko reduzieren, Schlaganfällen vorbeugen, Schmerzen lindern und das Immunsystem stärken könne. Eine Langzeitstudie unter mehr als 900 britischen Männern ergab, dass hohe Orgasmusfrequenz mit hoher Lebenserwartung korreliere: Das Sterblichkeitsrisiko, so die Conclusio der Forscher von den Universitäten Bristol und Belfast, könne derart um bis zu 50 Prozent gesenkt werden.

Stark im Sport. Selbst jene Binse, wonach sexuell ausgelaugte Sportler schneller schlapp machen, wollen deutsche Wissenschafter seit August des Vorjahres widerlegen können: Weil dank körperlicher Liebe der Testosteronspiegel im Blut steige, stünden Sexbegeisterte morgens quasi als Kampfmaschinen auf - allerdings gelte dies nur für Frauen.

Besondere Resonanz fand eine Mitte Juli präsentierte australische Studie, wonach regelmäßiges Masturbieren im Alter von 20 bis 30 Jahren das Risiko für Prostatakrebs um bis zu ein Drittel senken könne. Mit dem Ejakulat, so eine Vermutung über die Ursache, könnten krebserregende Substanzen den Körper verlassen, die sich sonst in der Prostata ablagern.

Trotz derart erhellender Beiträge zur Erläuterung jenes wenige Sekunden währenden Moments, der von partiellem Kontrollverlust und teils von Bewusstseinstrübungen begleitet sein kann, muss noch erforscht werden, welche exakten biologischen, neuronalen oder hormonellen Mechanismen wirken, wenn der Mensch an den Höhepunkt sexuellen Lustempfindens gelangt - jenen Zustand, dessen Bezeichnung sich vom griechischen Wort "Orgon " (Leidenschaft, Trieb) herleitet.

Seit Wissenschafter mit Präzisionsinstrumenten ans Werk gehen, attestieren allerdings selbst Kritiker streng biologisch orientierter Ansätze wie die Wiener Tiefenpsychologin Rotraud Perner den Kollegen aus den Messlabors Fortschritte. "Alle Forschungssegmente führen zu einem immer detaillierteren Bild dessen, was bei der Sexualität und beim Orgasmus passiert", sagt Perner. Freilich resultiere daraus noch längst nicht, "dass wir dadurch unsere Probleme loswerden".

Doch genau darauf zielen Experten wie Gert Holstege ab. Die mittels PET-Scans gewonnenen Erkenntnisse über Gehirnaktivitäten beim Orgasmus, postulieren die Holländer, seien wichtig, um mittelfristig "Problemen wie Impotenz und vorzeitiger Ejakulation begegnen zu können". Zudem könnten die vorliegenden Daten nützliche Hinweise für Gebiete der Medizin bergen, die mit Sexualforschung ursächlich gar nichts zu tun haben. Denn jenes Belohnungszentrum im Hirn, welches bei der Ejakulation aktiviert wird und dem Körper Glücksgefühle beschert, spielt auch in einem anderen Zusammenhang eine wichtige Rolle - bei Abhängigkeiten wie der Heroinsucht. Nicht nur Holstege und seine Kollegen, sondern beispielsweise auch Forscher wie Annarose Childress von der University of Pennsylvania sind der Ansicht, dass die nähere Befassung mit der Sexualität Aufschlüsse über die Ursachen von Drogensucht erbringen könnte.

Auch in anderen Fällen wurden neurologische Impulse erst auf Umwegen entdeckt. So berichtete eine 31-jährige Epilepsiepatientin dem ungarischen Mediziner Joszef Janszky, dass sie jeweils vor ihren Anfällen orgasmusähnliche Gefühle erlebe. Nachdem Janszky 22 vergleichbare Fallbeschreibungen über ein Phänomen namens orgasmische Aura aufgestöbert hatte, stellte er die Vermutung auf, dass ein Areal im Gehirn in beide Reaktionen involviert sein müsse - die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, das Emotionen steuert. In gewisser Weise, so die verknappte Version dieser Zusammenhänge, habe man einen Zündmechanismus des Orgasmus im Hirn lokalisiert.

Die basalen physiologischen Abläufe dabei sind seit langem bekannt. Die Wissenschaft teilt sexuelle Reaktion in vier Phasen: Während der Erregungsphase beschleunigt sich bei beiden Geschlechtern der Puls, Atemfrequenz und Blutdruck steigen. Das Gehirn, in gewisser Weise das wichtigste Sexualorgan, befiehlt verstärkte Blutzufuhr in die Geschlechtsorgane. Bei der Frau bewirkt die gesteigerte Durchblutung ein Anschwellen von Klitoris und Schamlippen, in der Scheide wird über die bartholinischen Drüsen Flüssigkeit abgesondert. Auch die drei Schwellkörper des Penis füllen sich mit Blut. Zugleich veranlassen Steuersignale des zentralen Nervensystems, dass die Penisvenen durch die Versteifung abgeklemmt werden, sodass der Rückfluss des Blutes gedrosselt wird.

Zahlreiche Forscher wollen jedoch noch genauere Erkenntnisse über die Funktionsmechanismen der Erektion erlangen. So untersuchten Wissenschafter der amerikanischen Johns Hopkins University, welche molekularen Mechanismen den Mann diskret unterstützen, um eine Erektion zu erhalten. Ausgehend von der bereits bekannten Tatsache, dass bei sexueller Erregung Nervenenden im Penis Stickstoffmonoxid abgeben, kam der Forscher Arthur Burnett einer biologischen Kettenreaktion auf die Schliche: Das aufgrund erhöhten Blutflusses in den Penis produzierte Stickstoffmonoxid begünstigt die blutzuführende Gefäßmuskulatur, wodurch neuerlich Stickstoffmonoxid erzeugt wird - eine Art erektiler Blutkreislauf.

Die Prozesse sexueller Erregung intensivieren sich in der folgenden, zumindest mehrere Minuten währenden Plateauphase. Zudem erweitert sich bei der Frau der hintere Teil der Scheide, während sich das vordere Drittel verengt und schließlich die so genannte orgastische Manschette bildet. Beim Mann schwellen die Hoden an und werden dichter an den Unterleib gezogen.

Schließlich sollte bei einem Puls von bis zu 180 und 40 Atemzügen pro Minute das Ergebnis der physischen Bemühungen folgen - die Orgasmusphase, die beim Mann einige Sekunden, bei der Frau mitunter bis zu 60 Sekunden dauern kann. Begleitet wird das Hochgefühl von rhythmischen Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur, die bei beiden Geschlechtern in Intervallen von 0,8 Sekunden auftreten. Beim Mann kommt es meist - allerdings nicht zwingend zeitgleich mit dem Orgasmus - zur Ejakulation: Mit der Samenflüssigkeit werden bis zu 200 Millionen Spermien mit einer Geschwindigkeit von 17 Kilometern pro Stunde abgefeuert.

Der Hitze des Gefechts folgen eine Rückbildungsphase, verbunden mit Beruhigung von Atmung, Puls und Blutdruck sowie die so genannte Refraktärphase - ein Zeitfenster, dem zurzeit besonderes Interesse einiger Forscher gilt. Denn in dieser Phase zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern: Der Mann braucht relativ lange, um neuerlich zum Orgasmus fähig zu sein - anders als die Frau, die in kürzester Zeit und sogar während eines Geschlechtsverkehrs mehrere Orgasmen erleben kann, was unter dem Terminus "multipler" Orgasmus in den Sprachgebrauch einging.

Orgasmusbremse. Den biochemischen Prozessen hinter der meist jähen Erschlaffung des Mannes nach einem Orgasmus ist etwa Tillman Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover auf der Spur. Gemeinsam mit dem Essener Mediziner Manfred Schedlowski hat Krüger Studien durchgeführt, die sich auf Messungen des Hormons Prolactin konzentrieren. Die Versuchsanordnung der Deutschen ähnelte jener ihres holländischen Kollegen Gert Holstege - und wie er hatten die Hannoveraner Wissenschafter kaum Mühe, Freiwillige zu finden. Schließlich, so Krügers Argument, gebe es "unangenehmere Arten, sich etwas Geld zu verdienen".

Im Herbst des Vorjahres präsentierten Schedlowski und Krüger die Ergebnisse einer Studie, für welche die Forscher ihren Versuchspersonen vor, während und nach den Orgasmen Blut abgenommen hatten. Die folgende Analyse der Hormonspiegel ergab einen auffälligen Anstieg von Prolactin nach dem sexuellen Höhepunkt. Und solange die hohe Konzentration anhielt, blieb die Lust gedämpft. Hingegen konnte bei einer männlichen Versuchsperson, welche die mutmaßlich seltene Fähigkeit zu multiplen Orgasmen aufwies, kein Prolactinanstieg festgestellt werden. "Ein hoher Prolactinspiegel wirkt als Orgasmusbremse ", befindet Krüger.

Ein Medikament, das ohne nachteilige Nebenwirkungen durch Senkung des Prolactinspiegels leichter zu Orgasmen verhelfen würde, wäre vermutlich mindestens so erfolgreich wie der Erektionshelfer Viagra. Doch Krüger gibt sich zurückhaltend und dämpft die Hoffnungen auf eine baldige Verfügbarkeit derartiger Luststeigerungspillen. Nicht nur seien Prolactinsenker weder in Deutschland noch in Österreich kommerziell zugelassen, auch dürfe man "Orgasmus und Sex nicht auf dieses eine Hormon reduzieren".

Stattdessen gilt die Aufmerksamkeit der Forscher umfassenderen Analysen all jener Neurotransmitter und Botenstoffe wie Dopamin, welche von Gehirn und Rückenmark dirigiert werden. Mit bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomografie und Untersuchungen von Nervenflüssigkeit mittels Liquorpunktion wollen die Mediziner sukzessive die Biochemie des Orgasmus enträtseln. Das Ziel sei, so Krüger, "ins Herz der Sexualität und des Orgasmus, ins zentrale Nervensystem, vorzudringen und mehr über seine Funktionsweisen zu erfahren".

Komplexe Sexualität. Biochemischen Prozessen widmet sich auch ein italienisches Forscherteam der Universität L'Aquila. Die Wissenschafter entdeckten, dass ein Protein namens PDE5 in jener Region des weiblichen Körpers konzentriert aufzutreten scheint, in welcher der berühmte GPunkt vermutet wird. Einer der Forscher, Emmanuele Jannini, ist der Ansicht, dass Frauen mit hohem PDE5-Spiegel eher Orgasmen erleben. "Es mag seltsam klingen ", so Jannini im britischen Fachblatt "New Scientist", "aber anscheinend mussten wir bis heute warten, um die weibliche Anatomie wirklich zu verstehen." Die Forschungen mündeten in die Hoffnung, anhand dieser Erkenntnisse ein entsprechendes Medikament entwickeln zu können.

Experten wie die Wiener Endokrinologin Doris Gruber stehen derartigen Ansinnen skeptisch gegenüber. "Es gibt keine Orgasmusmedizin", sagt Gruber, "und die ist auch nicht in Sicht." Zwar könnten bestimmte Funktionen wie die Gleitfähigkeit der Scheide medizinisch unterstützt werden, doch damit erschöpfe sich das Repertoire der Pharmakologie. Gruber: "Vor allem die Sexualität der Frau ist viel komplexer, als dass sie durch einzelne Reize zum Funktionieren gebracht werden kann." Zudem seien auch die für Männer derzeit verfügbaren Präparate "Erektionsförderer, aber keine Orgasmusmittel".

Dennoch befasst sich auch Gruber mit hormonellen Abläufen, die im Zusammenhang mit dem Orgasmus walten - etwa mit dem Hormon Oxytocin, dessen Wirkweise seit langem beforscht wird und das als Auslöser für die menschliche Beziehungsfähigkeit bezeichnet wird (siehe auch Interview rechts). Das Hormon wird sowohl beim männlichen als auch beim weblichen Orgasmus ausgeschüttet, bei der Frau zusätzlich bei der Geburt und in der Stillperiode. "Unbestritten ist, dass Oxytocin den Aufbau von Assoziationsbrücken im Gehirn fördert", so Gruber, "welche die Bindungsfähigkeit gewährleisten sollen." Derart könnten bereits unsere Urahnen hormonell dazu angehalten worden sein, zusammenzubleiben und gemeinsam den Nachwuchs aufzuziehen.

Nicht nur Chemie. Gruber warnt aber auch in diesem Bereich davor, ausschließlich der Biochemie Bedeutung beizumessen. "Wenn Hormone alles wären", fragt die Medizinerin, "warum können Partner einander lieben, auch wenn einer der beiden nie einen Orgasmus hatte? Und warum bauen manche Frauen zu ihrem Kind trotz Oxytocin keine Beziehung auf?"

Letztlich gipfeln derartige Fragen in einer seit Jahrzehnten äußerst kontrovers geführten Grundsatzdebatte - in der Suche nach fundamentalen Erklärungen und nach der evolutionären Bedeutung der menschlichen Sexualität. Verbunden damit ist letztlich auch die Frage: Wozu braucht der Mensch überhaupt einen Orgasmus?

"Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Nutzen des Orgasmus", konstatiert Gruber, "weil er ja nicht zur Fortpflanzung beiträgt." Bei Männern erscheint der Zweck des Orgasmus aufgrund des meist zeitgleich mit der Ejakulation auftretenden sexuellen Höhepunkts noch eher plausibel. Bei Frauen, die "ja auch ohne Orgasmus schwanger werden", seien die Zusammenhänge weniger evident. Eine der Hypothesen laute, erklärt Joachim Kurtz vom deutschen Max-Planck-Institut für Limnologie, "dass die Aufnahme der Spermien durch den Orgasmus der Frau beeinflusst wird". Tatsächlich ist eine Art Ansaugwirkung der Gebärmutter während des weiblichen Orgasmus erwiesen. Doch grundsätzlich, so Kurtz, "gibt es zur Entstehung des Orgasmus keine gesicherten Erkenntnisse".

Freilich gehen viele Forscher auch vorsichtig mit evolutionstheoretischen Erklärungen um - nicht zuletzt aufgrund teils abstruser Entwürfe der Vergangenheit. So stellte der US-Anthropologe Donald Symons Ende der siebziger Jahre die These auf, der weibliche Orgasmus sei mangels kausalen Nutzens für die Fortpflanzung überhaupt evolutionärer Schnickschnack. Sein kanadischer Kollege Adrian Forsyth sah ebenfalls vorwiegend beim maskulinen Geschlecht Sinn im Orgasmus: Weil häufiges Kopulieren mit sexueller Belohnung einhergehe, hätten die Männchen ein überzeugendes Motiv zur Fortpflanzung.

Kritiker solcher Ansichten wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy konterten, dass derlei Gedanken bloß den "Projektionen männerzentrierter Fantasien" entsprängen. Hrdy argumentierte, die wahren biologischen Ursachen für den weiblichen Orgasmus könnten gar nicht eruiert werden, weil Einblicke in die Ursprünge der Menschheit fehlten. Hrdy geht davon aus, dass der Orgasmus der Frau einst eminente Bedeutung hatte, die im Zuge humaner Frühkulturen und der Dominanz der Männer jedoch unterdrückt wurde.

Fragwürdige Thesen. Andere Theorien postulierten, dass Frauen aufgrund der Entkoppelung der Sex- und Empfängnisbereitschaft einst gewissermaßen die "Trefferquote " erhöhten, einen adäquaten Kindesvater zu finden. Weil Männer, die stündlich vier Millionen Samenfäden produzieren, weniger in die Fortpflanzung "investieren " müssten als Frauen, die nur über einen begrenzten Vorrat an Eizellen verfügen und zudem neun Monate schwanger sind, könnte die Fähigkeit zu Sex und Orgasmus dazu beitragen, potenzielle Zeuger von Nachwuchs quasi "durchzutesten".

Wissenschaftlich fundiert ist von all dem wenig, und Experten wie Rotraud Perner betrachten entsprechende Erörterungen auch als entbehrlich. "Ich halte das für obsolet", so Perner, "weil Menschen nicht nur durch Biologie, sondern maß- geblich auch durch ihre sozialen Erfahrungen und Vorbilder geprägt werden." Vor allem Frauen täten gut daran, "sich nicht durch Mythen verblöden zu lassen". Tatsächlich gab es in der Vergangengheit genügend bizarre Ansichten bezüglich weiblicher Sexualität. Noch bis ins 20. Jahrhundert wurde vielen Frauen "Hysterie" unterstellt, welche mit "chronischer Erregung ", "erotischen Fantasien" und "vaginaler Lubrikation" einhergehe.

Schaltzentrale. Vorwärtsgewandte Wissenschafter verfolgen Ansätze, die nicht nur zum Verständnis physiologischer Abläufe beitragen, sondern etwa der Behandlung von Zeugungsunfähigkeit dienen könnten. Als bedeutend hat sich dabei die Wechselwirkung von Gehirn, Genitalien und Arealen im Rückenmark erwiesen, die eine Art neuronales "Interface" zwischen Hirn und Geschlechtsteilen sein sollen.

Eine wichtige Entdeckung machte der US-Anästhesist Stuart Meloy. Nachdem er einer Patientin mit chronischen Schmerzen zwecks Therapie Elektroden am Rückenmark implantiert hatte, hatte die Frau plötzlich einen Orgasmus und bedrängte Mr. Meloy mit den Worten: "Das müssen Sie meinem Mann beibringen."

Inzwischen wurde das Phänomen studiert, und im vergangenen März publizierten Lique Coolen und William Truitt von der University of Cincinnati ihre Arbeiten dazu im Fachblatt "Science". Den Forschern war gelungen, im Tierversuch eine auffällige Ansammlung bestimmter Zellen im Rückenmark zu identifizieren, was in der Folge "Ejakulationsgenerator" genannt wurde. Denn, so Coolens Überzeugung, die Schaltstelle im Rücken dirigiere ein "autonomes Orchester" von Nervensignalen, welche für die Ejakulationsfähigkeit entscheidend sei. Mit bloßer Erektion habe dies wenig zu tun: Ratten, die nicht über diese Zellen verfügten, hatten Erektionen, doch sie konnten, wie der "New Scientist" formulierte, "den Job nicht beenden".

Eine Hoffnung ist nun, die entschlüsselten Mechanismen etwa zur Entwicklung von Therapien für querschnittsgelähmte Männer zu nutzen. Obwohl die Nervenverbindungen zwischen Gehirn und Penis geschädigt sind, könnte ihnen gezielte Aktivierung des "Generators" im Rückenmark zum Orgasmus verhelfen und so einen Kinderwunsch erfüllen - was im Erfolgsfall solcher Behandlungen gewissermaßen angewandte Orgasmusforschung wäre.