Sexualität: Liebes-Erklärungen

Wer liebt wen wie lange warum? Das statistisch so häufige Scheitern der Liebe hat die menschliche Zweisamkeit zum boomenden Forschungsgegenstand gemacht. Die wichtigsten Theorien im Überblick.

Sie sind auf den Konferenztisch geklettert, ein Ebenholzoval von acht Meter Länge. Er hat die Hosen runtergelassen, sie ihre Bluse aufgeknöpft. Selbst in dieser entsetzlichen Hitze mit dem Gestank des Todes ist es aufregend, ihnen zuzusehen.“

Das World Trade Center ist auf 1000 Fahrenheit erhitzt, die iMacs zerfließen, und das Traderpärchen geht dennoch noch einmal zur Sache. Der literarische „agent provocateur“ Frédéric Beigbeder stellt in seiner Fiktion über die Ereignisse des 11. Septembers, „Windows of the World“, den menschlichen Paarungstrieb über alle anderen Instinkte. Eine Ansicht, die auch die New Yorker Anthropologin Helen Fisher teilt.

Im Angesicht von Gefahr und Ängsten würde sich die Libido potenzieren; die Psyche des Menschen weise generell eine Meisterschaft in der Disziplin sexueller Ablenkungsmanöver auf. Für ihr neues Buch „Why We Love“ ließ Fisher das Gehirn von frisch Verliebten, Obsessionierten und eben Verlassenen scannen, um die Rätsel der Liebe, inklusive fulminanter Auftakte und deprimierender Finali, zu dechiffrieren. Die neurologischen Resultate verschränkte sie mit ihrem anthropologischen Wissen. Ihr Fazit: Der Sextrieb sowie die Sehnsucht nach romantischer Liebe – die für die Bestsellerautorin ebenfalls nach dem Triebprinzip funktioniert – sind für den Menschen von höherer Dringlichkeit als Hunger und Durst. Verliebtheit und pathologische Obsession liegen, rein biochemisch betrachtet, gefährlich nahe beinander, und eigentlich hat sich im Schlafzimmer die letzten vier Millionen Jahre wenig geändert. Frauen wollen, trotz ihrer wachsenden ökonomischen Macht, dort noch immer mit Eroberungsesprit genommen werden, während das männliche Monopol auf sexuelle Dominanz ungeachtet gesellschaftlicher Entwicklungen weiter besteht.

Helen Fisher ist Repräsentantin einer gigantischen Wissenschaftsindustrie, die es sich zum Ziel gemacht hat, das Unerklärliche zu erklären. Nie scheiterte die Liebe so häufig wie heute; die aktuelle Scheidungsstatistik rangiert in Österreich bei 44,4 Prozent aller Ehen. Und nie wurde das geschlechtliche Miteinander quer durch alle Disziplinen derartig bis in die letzten Winkel er- und zerforscht.

Forschungsboom. Je ungewisser der Ausgang einer Schlacht scheint, desto mehr möchte man über die Gesetzmäßigkeiten der Kriegsführung Bescheid wissen. Weltweit untersuchen Biologen und Verhaltensforscher das Liebesleben der Fruchtfliegen und Präriewühlmäuse, um aus deren Benimmmustern Rückschlüsse auf den Menschen zu ziehen. In Laboren werden Probanden mit Elektroden verkabelt, um mittels Körpermessungen ihr Paarungsverhalten zu durchleuchten. Neurologen und Biochemiker untersuchen die Gehirnströme, die Gefühlszustände von Liebenden und sich Entliebenden hervorrufen. Anthropologen überprüfen polygame Gemeinschaften inklusive deren Stellungsrepertoire auf entfernten Südseeinseln. Psychologen und Paartherapeuten überschwemmen den Buchmarkt mit mehr oder auch weniger wissenschaftlichen Abhandlungen über Stressmanagement und Erfolgsstrategien im Labyrinth der Zweisamkeit. Mit dem Resultat, dass alles möglich und nichts fix ist.

Schon allein für die schlichte Frage „Warum gerade du?“ existiert eine Flut von Interpretationsmodellen. Bezüglich der Partnerwahl kann man zurzeit einen Renaissance-Trend in Richtung Darwinismus beobachten.

Der Evolutionspsychologe David Buss von der University of Texas in Austin hat zum Beispiel die menschlichen Vorlieben bei der Partnerwahl in allen Winkeln der Welt untersucht. Sein Team befragte 10.047 Personen aus 37 Kulturen auf sechs Kontinenten und fünf Inseln.

Industriebosse in Frankfurt, Kartoffelbauern in der Mongolei und Nomaden im Sudan sind sich, laut Buss, verblüffend einig, welche Frauen ihnen begattungswürdig erscheinen. Denn die Frau – Überraschung! – muss vor allem gefallen. Die männliche Paarungsenergie wird durch optische Reize auf Touren gebracht.

Paarungswillig. Es seien erstaunlicherweise nicht der Busen und auch nicht die Breite der Hüften, die die größte Signalwirkung besitzen, sondern ein Hüfte-zu-Taille-Verhältnis von eins zu 0,7. Ins Genetische übersetzt, transportiere dieses Proportionsspiel die Botschaft „Nicht schwanger, aber paarungswillig“.

Männer sind deswegen – im Gegensatz zur Frau – viel eher fähig, sich „auf den ersten Blick“ zu verlieben. Und seltsamerweise verfallen sie viel häufiger immer wieder dem gleichen optischen Typ, wie die Beziehungsreihen von Ex-Tenniscrack Boris Becker oder Fußballlegende Franz Beckenbauer zum Beispiel deutlich belegen könnten. „Ihr genetisches Design ist konservativer“, so Fisher, „wenn sie sich einmal zu einem Typ durchgerungen haben, dann bleiben sie ihm auch treu.“

Geld und Macht üben auf Frauen noch immer die größte aphrodisierende Wirkung aus. Menschenweibchen selektieren wie Leguane und Krabben, ungeachtet des Äußeren, vor allem jenen Typen, so Evolutionspsychologe David Buss, „der das größte Revier und die meisten Wohnhöhlen vorzuweisen hat“.

Millionen Beispiele auf dem Boulevard – von der Konstellation Briatore-Klum bis zu den Lugners – bestätigen diese These.

Diese weibliche Charaktereigenschaft, so viel sei zur Entschuldigung angemerkt, kam erst mit dem Ende des Nomadentums zum Tragen. In den nomadisierenden Jäger- und Sammlergemeinschaften, springt Fisher in die Bresche, hätten Frauen 80 Prozent der Nahrungsmittel beigetragen, der Partnerschaftsdeal basierte folglich auf der Gleichberechtigung in sexuellen und wirtschaftlichen Belangen. Mit der Sesshaftigkeit nahm dieses heute als gesellschaftliche Utopie anmutende Prinzip ein jähes Ende. Buss, wie Fisher berufsbedingter Antiromantiker, resümiert: „Wir funktionieren bis heute wie Neandertaler. Nur die äußeren Bedingungen der Partnerwahl haben sich etwas geändert.“ Von Freud hält der ausgewiesene Darwinist wenig.

Der Mann, der sich an Liebe und Sexualität mit den weitreichendsten Konsequenzen verging, ist jedoch der Begründer der Psychoanalyse. Sigmund Freud gab die Parole aus, dass die Liebe zunächst der eigenen Person gilt und erst durch die sexuelle Reifung andere Menschen „besetzt“. Charles Darwin hatte der Menschheit schon einen Keulenschlag versetzt, indem er sie mit der Verwandtschaft zum Affen konfrontierte. Freud setzte rund 30 Jahre später noch eine narzisstische Kränkung drauf, indem er deutlich machte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus, sondern ein Spielball seiner unbewussten Triebe ist. Was seine Partnerwahl betrifft, ist der Mann das Opfer eines gigantischen Ödipuskomplexes. Der griechische Held hatte seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet. Alle Söhne würden unbewusst ihre Mutter begehren, während die Töchter wiederum am liebsten mit ihrem Vater zugange wären. Im Zuge des Freud-Bashings, das seit der Geburt der Psychoanalyse 1900 mit wechselnder Vehemenz nicht mehr abgerissen ist, schoss sich die Kritik vor allem auf die Tatsache ein, dass Freud anhand von einzelnen Patientengeschichten aus seiner psychoanalytischen Praxis auf die Allgemeinheit geschlossen habe.

Elternliebe. Der schottische Psychologieprofessor David Perrett rehabilitiert Freud. An der Universität von Sankt Andrews hat sich Perrett der Attraktivitätsforschung verschrieben. Tausende von Probanden wurden durch sein Perception Lab (Wahrnehmungslabor) geschleust, um durch Beurteilung von Fotoporträts zu einem allgemein gültigen Schönheitsbegriff zu gelangen. Mit dem empirischen Resultat, dass sich Menschen in der Tat mit Vorliebe in Menschen „verknallen“, die ihren Eltern ähnlich sind. Eine Geruchsforscherin an der Universität Chikago bestätigt Perretts und damit auch Freuds Theorie mit einem reichlich skurrilen Experiment: Sie ließ 50 unverheiratete Frauen an verschwitzten Männer-T-Shirts riechen. Jene Odeurs wurden favorisiert, die von Männern stammten, die eine ähnliche genetische Ausstattung wie die ihrer Väter hatten. Dem Erfindungsreichtum in den Niederungen der Wissenschaft sind also definitiv keine Verbotstafeln gesetzt.

Die Binsentheorie von den „Gegensätzen, die sich anziehen“, will der schottische Psychologieprofessor Perrett mit seinen Laboruntersuchungen auch revidiert wissen. Der Mensch tendiere dazu, unbewusst sein gegengeschlechtliches Spiegelbild, was Optik und Charaktereigenschaften betrifft, zur Paarung zu erwählen.

In der Paarpsychologie wiederum ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass just jene unverkennbar narzisstische Tendenz in Folge „die Chancen auf Wachstum und Reifung an und in einer Beziehung erheblich mindern“, so die Wiener Paartherapeutin Claudia Karolinsky.

Selbstmumifizierung. Paare, die unter der eisernen Prämisse des Gleichklangs und der äußerlichen Harmonisierung leben, würden ihre „Selbstmumifizierung“, so die Psychotherapeutin Julia Onken, unbewusst vorantreiben. Im Ernstfall kann eine solche Verdrängung jeglicher Aggressionen und Triebhaftigkeit zu depressiven und psychosomatischen Störungen führen.

John Gottman gilt in der Populärwissenschaft als „Mr. Love Lab“. In seinem Versuchslabor, einer Wohnung mit dem Charme der Reality-Wohngemeinschaft „Big Brother“ in Seattle, ließ der Psychologieprofessor inzwischen über zehntausend Pärchen im Zusammenleben auf Gestik, Mimik, Puls- und Herzfrequenz untersuchen. Die Voraussetzung des Experiments: Die Probanden müssen, gleich den „Big Brother“-Insassen, miteinander Alltag simulieren. Gottman hat es sich vor 25 Jahren zum Lebensziel gesetzt, das Wesen der Zweisamkeit mit mathematischer Präzision und den Gesetzen der Logik zu ergründen. Der Mann behauptet, nach nur fünf Minuten auf dem Beobachtungsposten, voraussagen zu können, ob auf eine Beziehung bereits ein gut sichtbares Ablaufdatum gestempelt ist. Das beste Indiz für die Weiterlebefähigkeit eines Paares ist eine florierende Konfliktkultur. Es müssen einfach die Fetzen fliegen. „Das zeigt, dass die Glut in einer Ehe noch warm ist“, so Gottman, „ist die Asche einmal kalt, macht man sich nicht einmal die Mühe der Kontroverse.“

Die Glut, die von der Leidenschaft entfacht wird, erkaltet, so Helen Fisher nach ihrer Untersuchung von 85 Stammeskulturen und der Auswertung aller demografischen UN-Daten, in der Regel nach vier Jahren. Der Mensch ist, genetisch, zwar zur Monogamie geschaffen, aber zeitlich begrenzt. Nach vier Jahren, „also jenem Zeitpunkt, wo das Kind aus dem Gröbsten raus ist und nicht mehr ständige Aufmerksamkeit braucht“, verlangt der menschliche Sexualtrieb nach neuen Betätigungsfeldern. Dem Tod der Leidenschaft könne man nur durch eine zweite Empfängnis ein Schnippchen schlagen.

Die Hardcore-Version dieser Strategie pflegen übrigens Rotkehlchen und Füchse: Sobald die Brut aus dem Nest und aus dem Bau ist, sagen sich Mama und Papa auf Nimmerwiedersehen. Nur drei Prozent aller Säugetiere sind für lange Monogamie konzipiert, darunter so unterrepräsentierte Spielarten der Natur wie Weißfußmäuse, Klippspringer und Zwergichneumons.

Affenverhalten. Eine äußerst geringe Treuemoral besitzen Affen, und zwar beide Geschlechter. Was wiederum den Erbforscher Charles Darwin mit seiner These von der genetisch bestimmten Monogamie des Affenweibchens in trübem Licht erscheinen lässt. In seinem 1871 erschienenen Werk „Die Abstammung des Menschen“ postuliert Darwin, dass die Affenmännchen die Herde zwecks Fremdgang verlassen, weil es ihrem Triebverhalten entspräche, ihren Samen möglichst weit zu streuen. Das Primatenweibchen übte sich indessen in „spröder Zurückhaltung“.

„Blödsinn“, erklärt die reputierte Affenforscherin Sarah Blaffer Hrdy, „die sind nur manchmal monogam und in Wahrheit an Seitensprüngen genauso interessiert wie die Männchen. Darwin hat nie Affenweibchen in der freien Wildbahn beobachtet.“

Die wissenschaftliche Lizenz für libidinöses Vergnügen war der Menschenfrau erst 1953 durch den Pionier der Sexualforschung Alfred C. Kinsey erteilt worden.

Sein Wälzer „Das sexuelle Verhalten der Frau“ besaß Schockwirkung und verdrängte damals die Explosion der ersten sowjetischen H-Bombe auf die Seite zwei der amerikanischen Tageszeitungen.

Erstmals schilderten Frauen seitenweise und unverblümt ihr Lustempfinden, brachen eine Lanze für den klitoralen Orgasmus (Kinsey hielt den vaginalen Orgasmus für eine anatomische Unmöglichkeit) und boten detaillierten Einblick in ihre Masturbationsstrategien.

Der gelernte Biologe Kinsey, der seine Karriere mit der Beobachtung des Gattungsverhaltens bei 150.000 Gallwespen initiierte, soll nach jahrelanger Forschungstätigkeit dennoch einmal geseufzt haben: „Von Logik kann in dieser Angelegenheit sowieso nie die Rede sein.“