Sexualität: Migräne für alle

Wenn der Penis kreative Pause macht. Angelika Hager über jene Form männlicher Impotenz, die direkt aus dem Kopf kommt.

Die Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar hat das Staunen längst ad acta gelegt. Früher, da hatten sich ihre Klientinnen oft darüber beklagt, dass ihre zukünftigen Ehemaligen ständig das eine wollen. Seit einigen Jahren wechselte das sexuelle Verlangen die Seiten: „Immer häufiger beschweren sich Frauen, dass ihre Männer sie nicht mehr anrühren.“ Skurrilstes Beispiel aus Klaars Fall-Geschichten: eine Gattin, deren Ehemann seinen libidinösen Stillstand mit medizinisch bedingter Impotenz rechtfertigte, suchte den Gegenbeweis mittels nächtlichem Überfall anzutreten. Eine über den Penis des schlafenden Mannes gestülpte Saugvorrichtung führte zu dessen automatisierter Erektion. Die angebliche Impotenz wurde also hiermit als klarer Fall von Verweigerung des ehelichen Vollzugs bloßgelegt. Schuldzuweisungswert in der Scheidungsjudikatur besitzt diese Taktik allerdings nicht.

Lustmangel, sexuelle Verweigerung und rein psychisch bedingte Erektionsstörungen häufen sich in der Herrenabteilung. Was litten wir nicht mit Charlotte, der ÖVP-tauglichsten der vier „Sex and the City“-Damen, als ihr Neo-Ehemann Trey mit einem Penis vom Leder zog, der vor allem zu wünschen übrig ließ.

Die gar nicht mehr so neue Zickigkeit des Mannes ist vor allem eine logische Nachwirkung der sexuellen Revolution. Aufgeheizt durch den legendären Psychoanalytiker Wilhelm Reich und seinen Glauben an die transformative Kraft der Sexualität, forderten die Kinder der Revolution viele Orgasmen für alle und orteten in der Unterdrückung des Trieblebens Unglück jeglichen Zuschnitts – vom Faschismus bis Vietnam. Leidenschaft wurde zunehmend durch Leistung ersetzt, die Liebe, so die verstorbene Diva Hildegard Knef, „wurde zu einer Sportveranstaltung degradiert“. Isadora Wing, die feministische Befreiungspraktikerin und Heldin von Erica Jongs Roman „Angst vorm Fliegen“, diagnostizierte 1974 das männliche Dilemma innerhalb der kollektiven Orgiastik: „Ein schlaffer Schwanz ist der ultimative Angriffspunkt im Krieg der Geschlechter. Denn die Frau ist allzeit bereit. Das ist die große Ungerechtigkeit, die niemals ausgeglichen werden kann.“ Als die Lifestyle-Publizistik in den Achtzigern die fortlaufende Emanzipation zum Dämon der Power-Frau verdichtete, entwickelte der Mann veritable Kastrationsängste. Jene schmallippigen Business-Amazonen, die in beigen Designer-Kostümen durch die Hochglanzmagazine und Hollywood-Filme geisterten, signalisierten nämlich die Botschaft: „Ich habe mich als Mann verkleidet und beschlossen, mich auch dementsprechend schlecht zu benehmen.“ Der richtige Mann wurde indessen sukzessive vom Podest des omnipotenten Ernährers und Versorgers gekippt und gleichzeitig zum Lustobjekt geschrumpft, das man sich je nach Laune krallen konnte. „Wenn mir sein Schwanz nicht groß genug ist“, äußerte sich Madonna in ihrer „Express yourself“-Phase im Nuttenlook von Jean-Paul Gaultier über ihren Umgang mit Liebhabern, „dann schicke ich ihn wieder nach Hause.“ Die Rache kam postwendend. Männer rotteten sich in Selbsthilfegruppen zusammen, leckten ihre Wunden und begannen sich zum Krisengebiet zu deklarieren. Tausende Bücher mit Titeln wie „Männer lassen lieben“ oder „Wenn Männer reden könnten“ überfluteten die Selbsthilfe-Höllen der Buchläden. Im Zuge der großen Befindlichkeits-Show entdeckten sie auch, dass der Penis nicht nur ihr Freund, „Präsident“ (Udo Jürgens) und Gradmesser der eigenen Stärke ist, sondern auch zum Kontrollorgan und zur Waffe taugt, die als sanktionistische Maßnahme eben nicht eingesetzt wird. Satirisch überhöht nachzusehen in Doris Dörries Moravia-Verfilmung „Ich und er“, wo Griffin Dunne im ständigen Dialog mit seinem Ding steht. „Seelische Impotenz und sexuelle Verweigerung sind die großen Strafen, die Männer emanzipierten Frauen antun“, konstatierte die Feministin Alice Schwarzer in einem profil-Interview. Während der Phallus im bürgerlichen Sexualverständnis über die Wirtschaftswunderepoche hinaus von den Frauen als Unterwerfungsinstrument und Aggressor stigmatisiert wurde, will er jetzt eben auch das Recht haben, beleidigt sein zu dürfen. Früher redeten Männer mit Frauen, um mit ihnen zu schlafen, wogegen Frauen mit Männern schliefen, um mit ihnen zu reden. Heute wird auf beiden Seiten viel geschwiegen und wenig miteinander geschlafen. Die aktuelle österreichische Scheidungsrate beläuft sich auf 43,2 Prozent. 80 Prozent der Trennungsbetreibenden sind Frauen. Und die vom Gatten unsachgemäß aufgerollte Zahnpastatube ist dabei sicherlich ihr geringstes Problem.

Frauen haben in den letzten Jahrzehnten hart an der Image-korrektur ihres Selbstverständnisses gearbeitet; Männer haben gerade erst begonnen, diesbezüglich die Ärmel aufzukrempeln. Noch nie war es so schwierig, Männlichkeit zu definieren, wie heute. Einerseits soll der Mann durch Viagra Stehvermögen auf Knopfdruck demonstrieren, andererseits bekommt er ständig den Vorwurf sexueller Belästigung verpasst. Zwischen den Antipoden „Weichei und brutales Tier“, so die US-Soziologin Susan Bordo in ihrem Buch „The Male Body“, „das seinen Schwanz nicht in der Hose halten kann, muss sich der Mann heute zurechtfinden“. Im Sinne der populärwissenschaftlichen Binse „Krankheit als Weg“ muss auch dem Zepter des Mannes, so das Freud’sche Synonym für den Penis, das Recht auf eine kreative Pause eingeräumt werden. Migräne für alle quasi. „Weder Mann noch Frau“, so fleht Erica Jong 30 Jahre nach ihrem literarischen Pamphlet für möglichst viele Orgasmen, „Angst vorm Fliegen“, „brauchen einen Nervenzusammenbruch kriegen, wenn er ihn einmal nicht hoch kriegt. Sagt goodbye zu dieser Erektionsbesessenheit.“ Goodbye!