Sexualität: Sinn und Sinnlichkeit - Das Kamasutra wurde neu bearbeitet

Eine aufwändige Neuübersetzung des Kamasutra beweist, wie modern das ewig missverstandene altindische Liebeslehrbuch noch heute ist.

Während der ersten drei Nächte, nachdem sie vereint sind, schlafe das Paar auf dem Boden, bleibe sexuell enthaltsam und esse ohne Salz und Gewürze. Dann nehme es, an sieben Tagen, ein zeremonielles Bad zum Klang von Musikinstrumenten, kleide sich fein, esse gemeinsam, sehe sich Vorstellungen an und ehre seine Verwandten. Während dieser Zeitspanne von zehn Nächten beginnt er, sie mit sanften Aufmerksamkeiten zu umwerben.“

Dass diese Sätze, voller Idylle und Unschuld, ausgerechnet dem Kamasutra entstammen, mag zunächst verwundern. Gilt das altindische Lehrbuch der Liebe doch gemeinhin und vor allem als fernöstlicher Leitfaden für den akrobatischen Geschlechtsakt. Ein gründliches Missverständnis, wie eine ambitionierte Neuübersetzung belegt, die dieser Tage im Berliner Wagenbach-Verlag erscheint. Sie beweist: Das Kamasutra hat unglaublich viel mehr zu bieten als exotische Beckenakrobatik.

„Das Kamasutra ist in erster Linie ein Buch über Kultur, über eine Kultur des Genusses“, unterstreicht die Chicagoer Indologin Wendy Doniger, Co-Übersetzerin der Neuausgabe, den entscheidenden Punkt (siehe Interview). Gemeinsam mit dem indischen Psychologen Sudhir Kakar habe sie versucht, das lange missverstandene Werk von all den überkommenen Vorurteilen zu befreien, die es bis heute überschatten. Und tatsächlich: Die Chancen stehen gut, dass sich mit der nun auch auf Deutsch vorliegenden Neuausgabe endlich und endgültig eine wichtige Erkenntnis durchsetzt: Auch das sexuell vermeintlich allwissende 21. Jahrhundert kann aus diesem uralten, so lange unterschätzten Werk noch sehr viel lernen.

Elitäres Publikum. Wo und wann das Kamasutra entstand, kann mangels exakter historischer Quellen nur ungefähr rekonstruiert werden. Als einigermaßen gesichert gilt, dass sein Verfasser, der altindische Gelehrte Mallanaga Vatsyayana, das Werk in der zweiten Hälfte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts verfasst hat, wahrscheinlich in der nordwestindischen Stadt Pataliputra. Wörtlich übersetzt bedeutet sein Titel in etwa „Abhandlung über die Lust“. Tatsächlich war Vatsyayanas Text in seiner Zeit an ein durchaus kundiges Publikum gerichtet: eine städtische, gebildete Oberschicht, der sein Werk nicht als Einführung in die Liebeskunst diente, sondern vielmehr als ein Leitfaden zur Verfeinerung des sinnlichen Lebens. Dass auch deswegen das Kamasutra vieles nur andeutet und bei aller Explizitheit jede Menge Spielraum offen lässt, mag mit dazu beigetragen haben, dass das Werk im neuzeitlichen Westen immer wieder auf gewaltige Verständnislücken gestoßen ist – und weiterhin stößt.

Denn vieles von dem, was Vatsyayana beschreibt, wird einem westlichen Publikum gründlich fremd vorkommen. So ist auch der Umstand, dass das Kamasutra dennoch mit rund 35 Millionen verkauften Exemplaren zum unbestrittenen Klassiker der erotischen Weltliteratur werden konnte, nicht zuletzt seinen optischen Begleiterscheinungen geschuldet.

Missverständnisse. Denn nur zu gern hilft die gemeine Kamasutra-Ausgabe dem Verständnis visuell auf die Sprünge: Erst in den aufreizenden Zeichnungen meist dubiosen Ursprungs, deren Stil zwischen naiver Volkskunst und simpler Pornografie oszilliert, entfaltet die sexuelle Akrobatik des Kamasutra ihren vollen Zauber. Ein Zauber wie gesagt, der auf einem gar nicht kleinen Missverständnis beruht. Denn die expliziten Anleitungen zum kunstvollen Geschlechtsverkehr bilden tatsächlich nur einen verschwindend kleinen Anteil des Kamasutra: Gerade einer von sieben Abschnitten widmet sich explizit der Beischlaftechnik. Trotzdem wird das Werk bis heute hartnäckig darauf reduziert.

Ihren Ursprung hat diese drastische Fehleinschätzung im späten 19. Jahrhundert. „Das Kamasutra war im Westen zunächst nichts anderes als ein Hilfsmittel, um die Prüderie des Viktorianischen Zeitalters aufzubrechen“, erklärt Co-Herausgeber Sudhir Kakar. Um das Jahr 1873 stolperte der weit gereiste britische Ethnologe Sir Richard Burton (siehe Kasten Seite 122) erstmals über Hinweise auf ein altindisches Liebeslehrbuch. Mit großer finanzieller Anstrengung gelang es ihm und seinem Mitstreiter Forster Arbuthnot in den Folgejahren, die in weit verstreuten Sammlungen vorhandenen Fragmente zusammenzutragen. Dabei hatte das glühende Interesse, das der Text bei den beiden Forschern erregte, recht unterschiedliche Wurzeln. In einem Begleitschreiben zur Erstauflage 1883 beschrieb Arbuthnot seine eigene, durchaus löbliche Intention: „Es ist nicht einfach, unsere Landsmänner davon zu überzeugen, dass das Eheglück in vielen Fällen vom sorgfältigen Studium der Gefühle und Leidenschaften der Ehefrau abhängt.“ Für Arbuthnot war das Kamasutra vor allem ein Mittel der Emanzipation, ein Werk, das der viktorianischen Ehefrau zu ihrem Recht verhelfen sollte.

Burtons Interessen sahen anders aus. Der charismatische Forscher, der seine Zeitgenossen immer wieder zu durchwegs poetischen Porträts hinriss („Es liegt eine gequälte Größe auf seinem gewaltigen Haupt, tragisch und schmerzvoll, mit einem Mund, der vor Leidenschaft brennt, und mit geweiteten Nasenflügeln, die ich weiß nicht welche seltsamen Düfte trinken“, schwärmt ein zeitgenössischer Chronist), hatte vor allem eines im Sinn: Sex, fremdländischen Sex. Dieser Passion folgend, legte Burton, selbst des Sanskrits unkundig, noch einmal Hand an Vatsyayanas Werk und verhalf dem sperrigen Urtext zu leidenschaftlichem Ausdruck.

Lyrische Freiheit. Erst diese lustbetonte Verdichtung des Kamasutra, die den Fokus explizit auf jene liebeskünstlerischen Instruktionen legte, für die das Werk in der Folge berühmt werden sollte, waren der Grundstein für dessen nachhaltige Popularität. Und obwohl spätere Übersetzungen schnell klar machten, wie weit Burton seine lyrische Freiheit getrieben hatte, blieb die Erstübersetzung bis heute die maßgebliche. Die Basis für eine missverständliche Erfolgsgeschichte war geschaffen.

Seine volle Wirkung entfaltete das Kamasutra, das bis in die sechziger Jahre in den meisten westlichen Ländern verboten war, jedoch erst im Zuge der (westlichen) sexuellen Revolution – wenngleich auch da nur auf Umwegen. Franz Eder, Wiener Kulturhistoriker und Sexualforscher (siehe auch Kasten Seite 123), erinnert sich: „Selbstverständlich ist das Kamasutra in den siebziger Jahren massiv rezipiert worden. Nicht nur mich hat damals aber der immense Technizismus des Textes schnell abgeschreckt. Nach den ersten fünf Stellungsschilderungen wird das ja tatsächlich einigermaßen fad.“ Einen konkreten Beitrag zur Entspannung der neuzeitlichen Sexualmoral leistete das Kamasutra somit in erster Linie auf verlegerischem Terrain: Die zahlreichen Prozesse, die in den Sechzigern um die Veröffentlichung der klassischen pornografischen Schriften der Weltliteratur (neben Vatsyayanas Text vor allem um John Clelands „Fanny Hill“) ausgefochten wurden, bereiteten das Terrain für die mediale Verbreitung uneingeschränkter Sexualität – und damit für die zahllosen Kamasutra-Epigonen.

Vermarktung. Denn ein 1600 Jahre altes Werk kennt keine Schutzmarke. Ungehindert konnte sich so jener unüberschaubare Wust an Büchern, Zeitschriften und Filmen entfalten, die sich recht schamlos des renommierten Kamasutra-Qualitätssiegels bedienen. Sei es das russische „Kamasutra fürs Büro“, André Bretons „Kamasutra der Surrealisten“ oder das nicht minder surreale „Politisch korrekte Kamasutra“; seien es verkitschte Edelerotik-Filme wie Mira Nairs „Kama Sutra“, sei es der ethnologisch veranlagte Hardcore-Porno – eines haben sie alle gemein: Dem altindischen Urtext wird keiner gerecht. Vatsyayana hat eben keinen Leitfaden für die expressive Paargymnastik verfasst, sondern ein Lehrbuch für ein rundum von Muße erfülltes Leben.

Dieser ursprünglichen Ausrichtung zur späten Gerechtigkeit zu verhelfen ist das Ziel Kakars und Donigers. In einer interkulturellen Co-Produktion (Kakar lebt im indischen Goa, Doniger in Chicago) wurde der originale Sanskrit-Text in eine Form gebracht, die Werktreue und Lesbarkeit ansprechend vereint. Während philologisch motivierte Übersetzungen sich bislang gern zu unüberschaubaren Schachtelsatzverkrampfungen auswuchsen, lassen Doniger und Kakar dem Original freien Lauf. Flott liest sich das und vermittelt doch ein weitaus subtileres Bild als die Burton’sche Erstausgabe. In unverfälschter Form zeigt dieses Kamasutra, wie im Indien des dritten Jahrhunderts gelebt (und natürlich geliebt) wurde. Überraschend modern nämlich.

„Das Weltbild des Vatsyayana trägt tatsächlich erstaunlich progressive Züge“, bestätigt der deutsche Sprachwissenschafter Klaus Mylius, der 1987 selbst eine Übersetzung des Kamasutra vorlegte. Dieter Thomä, Philosoph und Kulturwissenschafter in St. Gallen, meint gar, dass auch im 20. Jahrhundert noch einiges gelernt werden kann aus diesem nur scheinbar antiken Werk: „Der Witz daran ist ja, dass das Kamasutra zwei Dinge kombiniert, die in der westlichen Tradition nie wirklich zusammengefunden haben: die Seele und den Körper. Vatsyayana gibt uns mit diesem Buch einen Eindruck davon, wie eine Ethik der Erotik aussehen könnte.“

In einer Gesellschaft, die ihre Neurosen mit Vorliebe durch fernöstliche Heilslehren – von Ayurveda bis Yoga – kuriert, muss dies naturgemäß nachhaltiges Interesse auslösen. Gerade die Ausgeglichenheit, die vielen modernen Wohlstandskrüppeln fehlt, das harmonische Nebeneinander von Körper und Geist, von Sinn und Sinnlichkeit steht im Zentrum der Lehren des Kamasutra, in denen auch Religion und Sexualität ausgesprochen fruchtbar zueinander finden. Gerade das wird etwa durch die berühmten Tempelanlagen von Konarak und Khajuraho anschaulich unter Beweis gestellt, deren explizite, vom Kamasutra inspirierte Plastiken jährlich Heerscharen von Touristen in perplexes Staunen versetzen. Das Kamasutra kultiviert die Sinnlichkeit auf schamlos ehrliche Art und Weise.

Wobei Sinnlichkeit im Kamasutra längst nicht nur Sexuelles meint. Der Lebensstil des altindischen Lebemanns (eines Playboys avant la lettre), um den Vatsyayanas Ausführungen kreisen, ist von einer genussvollen Verfeinerung des Alltags geprägt. Gleich das erste Kapitel gibt die Stoßrichtung vor: „Er steht morgens auf, erleichtert sich, putzt seine Zähne, benutzt Duftöle maßvoll, ebenso Wohlgerüche, Girlanden, Bienenwachs und roten Lack, besieht sich im Spiegel, spült den Mund und nimmt Betel, ehe er sich mit seinen Obliegenheiten befasst.“ Und weiter: „Nach dem Essen verbringt er seine Zeit damit, seine Papageien und Stare das Sprechen zu lehren; mit Wachtel-, Hahnen- und Widderkämpfen; mit verschiedenen Künsten und Spielen. Und er hält Mittagsschlaf.“

Aber nicht bloß dem männlichen Geschlecht, das sich dem süßen Nichtstun derart hingebungsvoll zu widmen versteht, sind die Anleitungen des Kamasutra gewidmet. Ganze Kapitel beschäftigen sich etwa mit der Frage, wie die Frau einer unglücklichen Beziehung entkommen könne. Überhaupt schlägt Vatsyayana – der an einer Stelle die charmante Parole ausgibt: „Frauen sind den Blumen gleich, gar zärtlich zu behandeln“ – überraschend liberale Töne an.

Recht auf Orgasmus. Die universale Balance, in der sich der Autor übt, umfasst auch das Verhältnis der Geschlechter. Nicht nur als Objekt, sondern sehr wohl auch als Subjekt der Lust wird die Frau da beschrieben. Mit großem Nachdruck unterstreicht Vatsyayana das Recht der Frau auf den Orgasmus – eine Einsicht, die sich auch im 20. Jahrhundert erst langsam hat durchsetzen können. Der Wiener Autor und Verleger Alfred Goubran, der mit dem arabischen Standard-Erotikon „Der parfümierte Garten“ soeben einen anderen Klassiker der östlichen Liebesliteratur ins Deutsche übertragen hat: „Wir sind überhaupt nicht aufgeklärt.“

Vielleicht kann man die zeitlose Lehre, mit der das Kamasutra auch eineinhalb Jahrtausende nach seiner Entstehung noch Aktualität beweist, ja folgendermaßen zusammenfassen: Sex ist eine lustvolle Gratwanderung. Ein Spiel, bei dem es zwar Regeln, aber keine Vorschriften gibt. Erlaubt ist, was gefällt. Und vor allem: Sex ist kein Extremsport für die Hochleistungsbeziehung. Sondern ein elementarer Bestandteil eines genussreichen Lebens. Dazu gehört weit mehr als ein Grundkurs in Gymnastik.