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Strenge Herrinnen, Lustsklavinnen und radikale Unterwerfungsfantasien: Harte deutsche Erotikliteratur ­degradiert „Shades of Grey“ zu Mädchenkram und profitiert vom Hype um den „Mommy Porn“.

„Er war erstaunt gewesen, als er nackt, gefesselt und mit verbundenen Augen auf der Streckbank gelegen hatte und spürte, wie sie ihm ein Kondom überstreifte, ehe sie sich auf ihn setzte. Sie hatte kaum hörbar und sehr verhalten gestöhnt …“

Die dunkle Protagonistin Lady Sharon, eine Hamburger Domina, hatte gleich geahnt, dass ihr neuer Gast Dave ganz anders gepolt war als ihre üblichen Stammgäste, wie der „Natursekt-Heiko“ oder der „Rohrstock-Kai“, denn schon auf Seite 23 will sich der geheimnisvolle Fremde nicht mehr länger mit Streckbank-Gymnastik und Stiefelgelecke aufhalten und fordert härtere Gangarten ein, etwa das Spiel „Five Finger Fillet“: Dabei legt der „Sub“, so der Szene-Jargon für den passiven Part im SM-Spiel, die Hand mit gespreizten Fingern auf den Tisch, während die oder der „Dom“ in immer schnellerem Tempo mit einem scharfen Messer zwischen die Finger fährt und die Verletzungsgefahr somit lustvoll erhöht.

„Safeword“ ist der Titel des Romans und der einschlägige Begriff für das Codewort, das bei den Macht- und Unterwerfungsspielen den Wunsch zum sofortigen Aufhören signalisiert. Entstanden ist die Geschichte um das abgründige Tauziehen zwischen einer Lack-&-Leder-Herrin und ihrem zum Äußersten bereiten Betreuungsfall in einem idyllischen Häuschen am Stadtrand von Hamburg. Zwischen Kindergeschrei, Katzenfüttern, der Erstellung von Computerprogrammen und dem Brutzeln von Fischstäbchen tippte Nala Martin, 32-jährige Informatikerin und Mutter zweier Kinder, Sätze wie „Er setzte sich rittlings auf meinen Schoß, und eine Salve von Ohrfeigen prasselte auf mich ein“ oder „Nun lag ich in diesem Sarg­konstrukt – was wäre, wenn ein Feuer ausbrechen würde?“ in ihren Laptop.
Die schreibende Prinzessin der Schmerzen stammt aus einem kleinen, erzkatholischen Dorf in der Wachau, ist Informatikerin und finanzierte ihr Studium als professionelle Domina. Nala Martin (sie schwört, dass das ihr richtiger Name ist) lehrte acht Jahre lang in Hamburg eine bunt gemischte Klientel – vom Topmanager bis zum Schichtarbeiter – Demut. Vor vier Jahren hat sie ihren Job an den Nagel gehängt, könnte sich aber durchaus vorstellen, in absehbarer Zeit wieder ein „paar auserwählte Gäste“ zu betreuen. Sie hasst das Wort „Freier“, auch den Begriff „Prostitution“ mag sie nicht und spricht stattdessen von „Sexwork“.

Dank dem internationalen Hype um „Mommy Porn“, wie die insgesamt dreiteilige S&M-Aschenputteliade „Shades of Grey“ der 49-jährigen britischen TV-Produzentin Erika Leonard im Branchenjargon gern tituliert wird, steht die Niederösterreicherin mit dem für PR-Zwecke so hervorragend geeigneten Schneewittchen-Gesicht an der Schwelle zur Bestseller­autorin. Am Mittwoch dieser Woche erscheint ihr Romandebüt, das ursprünglich als „Nischenprodukt in einer Dreitausender-Auflage“ (so Martin) in dem auf explizite erotische Literatur „von Frauen für Frauen“ spezialisierten Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf geplant war. Bereits vor seinem Erscheinen war „Safeword“ jedoch schon auf Platz 582 des Amazon-Rankings gerutscht, was für Hardcore-Fiction ein beachtlicher Erfolg ist: „Damit hat niemand gerechnet, am wenigsten der Verlag selbst.“

Es ist ein Paradoxon: Zwar braucht die schlagende Verbindungsgeschichte ­„Shades of Grey“ im ersten Band für nicht mehr als 20 Orgasmen (nur bei einem ist auch eine Reitgerte im Spiel) über 600 Seiten, und Attribute wie „viel zu harmlos“ und „elendslangweilig“ bestimmen zu Recht den Tenor der Leserbewertungen, aber die weich gespülte S&M-Romanze scheint die Sexliteratur aus der Dunkelkammer und Schmuddelecke in die Reihenhausfähigkeit überführt zu haben. Denn im Fahrwasser der Trilogie von E. L. James (so das Pseudonym von Leonard), die sich inzwischen weltweit über 18 Millionen Mal verkauft hat, profitieren neben Martin deutsche Jungautorinnen wie die 33-jährige Grafikdesignerin Julia Strassburg („Schöner leiden“) oder die Werbefrau Anna Bunt, 32, die mit ihrem dritten Roman „Submissiv“ ihre „Sub“-Heldin den „Dom“ fürs Leben in Gestalt des nassforschen Seemanns Ben finden lässt. Strassburg sieht mehr wie eine engagierte Grundschullehrerin aus als eine Frau aus der sexuellen Dom-Republik: hübsch, blond und harmlos. Auf die Lektüre von „Shades of Grey“ habe sie verzichtet, erklärt sie im Interview: „Da hat mir schon wirklich gereicht, was ich darüber gelesen habe – jedes Klischee wurde da strapaziert, das hat mir das Buch von vornherein unsympathisch gemacht.“

Strassburg entdeckte schon mit 18 ihren Hang zur Sexualität mit Erziehungsmaßnahmen und schrieb bereits damals Kurzgeschichten „aus meinem Kopfkino“ nieder, die unter Pseudonym auf einschlägigen Internetforen erschienen. Im wahren Leben wäre sie eine „Switcherin“, die auch schon einmal in den „Sub“-Part schlüpft: „Ich will mich auf nichts reduzieren lassen. Ich bin jetzt auch keine, die durch die Szene streunt, sondern lebe meine S&M-Fantasien mit dem Mann aus, den ich liebe und dem ich auch vertraue.“ In ihrem neuen Buch „Schöner leiden“ sammelte sie 33 Erfahrungsgeschichten aus der SM-Szene, welche „die Realität abseits der festgefahrenen Klischees ungeschönt zeigen, denn oft kommt es ja zu Pleiten und Pannen, die auch sehr, sehr komisch sein können“. Die einschlägigen Berliner „Kunst & Sünde“-Partys, auf denen Künstler ihre Arbeit präsentieren und sich eine in Mieder und Lack gezurrte Gästeschar auch „in den Ecken“ der Kunst streng reglementierter Sexualität hingibt, besucht sie eher aus Forschungsinteresse denn aus Mitmachgelüsten. Strassburg, die in ihrem Debütroman „Was sie will“ die Berliner ­Sadistin Tessa in unzulässige Gefühlsturbulenzen für ihren Haussklaven geraten lässt, sieht die „Shades of Grey“-Heldin Ana mit ihrem Drang zur „unterwürfigen Krankenschwester“ als prototypisch für die gesellschaftliche Realität: „Es entspricht eben viel mehr auch den Stereotypen unserer Gesellschaft und ist viel weniger beunruhigend, dass Frauen sich hingeben und dem Mann die Macht überlassen – deswegen gibt es kaum dominierende Protagonistinnen in der Literatur.“ Die Kostümierung der Krankenschwester beherrscht auch die Outfit-Hitparade unter den „Sub“-Frauen, knapp gefolgt vom Zimmermädchen.

Dass die in „Shades of Grey“ auf 600 Seiten 125-mal errötende Ana, die bis zu ihrem 21. Lebensjahr noch nie masturbiert hatte, am Ende ihren Jungunternehmer Grey mit Folterkammer aus dem Gefängnis einer „von emotionalen Defiziten“ überschatteten Kindheit retten will, erklärt auch die Sogwirkung der Trilogie, für deren Verfilmung sich der US-Starschriftsteller Bret Easton Ellis bereits als Drehbuchautor gemeldet hat. Denn weniger bedient die von sprachlichem Pathos getragene Story, die vor Sätzen wie „Der schöne Prinz enthüllte seinen Jadestab, und sie spürte, wie sich Tau auf ihrer verborgenen Blüte sammelte“ nur so strotzt, das geheime Verlangen nach disziplinären Maßnahmen beim Sex von Millionen bislang biederen Mittelstandsfrauen als vielmehr deren ewige Sehnsucht nach Beziehungsmärchen. „Das Buch ist vor allem ein erotischer Liebesroman“, erklärt Claudia Hanssen, Pressesprecherin des Goldmann Verlags, der seit dem Erscheinen des ersten Bands am 9. Juli bereits an die 1,2 Millionen Exemplare absetzen konnte: „Eine Erlösungsgeschichte – ähnlich wie der Hollywood-Film ,Pretty Woman‘. Es ist handwerklich gut gemacht, und die Autorin hat sehr klug über den Protagonisten Grey nicht zu viel verraten, sodass die Leserinnen ihre eigenen Fantasien auf die Figur projizieren können.“

Ende August erscheint der zweite Band mit dem Untertitel „Gefährliche Liebe“; „Befreite Lust“ beschließt Anfang Oktober die Trilogie – bereits jetzt besetzen alle drei Bände die vorderen Ränge beim Online-Buchhändler Amazon, auf der Bestseller-Liste der „New York Times“ halten sie sich seit Monaten. „Dabei wollte ich mit meinen Geschichten doch nichts anderes als meine Midlife-Crisis bewältigen“, kann Erika Leonard, deren Ehemann für sein Dulderpotenzial kürzlich mit einem Buchvertrag belohnt wurde, bis heute nicht fassen, dass ihre Fantasien zum globalen Massenphänomen mutierten. Dass der Goldmann Verlag, der sich bereits vor einigen Jahren die deutschsprachigen Rechte für den französischen Millionenseller „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ gesichert hatte und für seinen Mut, die ausschweifenden Bums-Protokolle der Pariser Kunstjournalistin Catherine Millet zu publizieren, reichlich entlohnt wurde, in Zukunft mit seinem Programm noch mehr erotischen Dampf machen wird, bezweifelt Hanssen: „Wir glauben generell nicht an ein Genre, sondern immer nur an ein Buch und die Qualität des Texts. Ausschließlich dieses Kriterium gilt bei der Entscheidung für ein Manuskript.“

Harte Worte sind hingegen beim Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo auch Martin, Bunt und Strassburg verlegt werden, ein fixer Programmpunkt: Rote Lippen locken da auf düsterem Hintergrund zu Titeln wie „Abenteuer Hure“, „oder „Sklavin Sechs“. 2008 wurde in dem zuvor auf Lifestyle-Bücher spezialisierten Verlag die erotische Reihe „ANAIS“, benannt nach der Pionierin entfesselter Frauenliteratur, Anais Nin, ins Leben gerufen: Mit „Frühling und so“, der betont obszönen Schilderung ihrer sexuellen Erweckungserlebnisse, landete die damals 18-jährige Berliner Schülerin Rebecca Martin mit 100.000 verkauften Exemplaren einen ersten Verlagserfolg. „Wir geben jungen Frauen Raum, die sich trauen, über ihr Selbstverständnis von Erotik und Sexualität zu schreiben.

Ihre Geschichten sind nah am Leben und haben keine eskapistischen Tendenzen wie in alten Groschenromanheftchen“, erklärt Verlagssprecherin Annika Dipp das Konzept. Die sexuellen Zugänge seien bewusst facettenreich gehalten: „versaut, poetisch, sehr explizit, wie ,Das Ghettosex-Tagebuch‘ von Sila Sönmez“. Nur die typische Traumprinzennummer à la „Shades of Grey“, „wo das weiße Pferd durch die schwarze Peitsche ersetzt wird“, versuche man auszuklammern: „Wir wollen kein verschämtes Wischiwaschi, sondern echte Gefühle und echtes Begehren.“ Dass der peitschenschwingende Prinz mit seiner Krankenschwester-Cinderella das Buch- und ­Verlagsgeschäft für immer revolutioniert hat, davon ist Dipp dennoch überzeugt: „,Shades of Grey‘ hilft Berührungsängste gegenüber erotischer Literatur abzubauen.“ Zur Senkung der Schamschwellen trägt vor allem das E-Book als Verbreitungsmedium bei; so können Frauen in der U-Bahn und im Flugzeug heiße Augen bekommen, ohne von prüden Mitbürgern als versaute Schlampen stigmatisiert zu werden. „Shades of Grey“ ist mit über einer Million Downloads auf dem Amazon-Lesegerät Kindle der erste Megaseller des elektronischen Buchmarkts. Eilig holen nun Verlage ihre verstaubten Erotica aus der Mottenkiste, um sie in elektronischer Form auf den Markt zu bringen.

Eben erschien Anne Rices Dornröschen-Trilogie „Sleeping Beauty“ aus den 1980er-Jahren beim US-Verlag Plume im neuen Kleid. Die heute 71-jährige Rice, die auch mit ihren Vampir-Romanen lange vor „Twilight“ eine Blutsaugerwelle in der Popkultur ausgelöst hatte, verfasste die Storys, in denen ein autoritätssüchtiges Dornröschen als Sklavin verkauft wird, unter dem Pseudonym A. N. Roquelaure: „Ich brauchte damals das Geld, und außerdem existierte keine niveauvolle S&M-Literatur.“

Kunst und Popkultur haben die „Bondage & Discipline“-Ästhetik schon vor Jahrzehnten in ihren Kanon integriert: Man erinnere sich an Madonnas Domina-Outfits aus dem Hause Gaultier, Almodóvars Unterwerfungskomödie „Fessle mich“ und Sharon Stones Eispickel-Maßnahmen in „Basic Instinct“. Der japanische Fotokünstler Nobuyoshi Araki brachte es mit seinen Inszenierungen verschnürter Frauen zu Weltruhm.

Mit „Shades“ und der dadurch ausgelösten Literaturwelle ist die harte Spielart der Sexualität in den Wohnzimmern des Mittelstands angekommen. Dass die Macht von Geschichten im Zeitalter von YouPorn ungebrochen ist, hat die Verlagswelt vor allem den Frauen zu verdanken. Ihr erotisches Kopfkino ist im Gegensatz zu jenem der Männer nicht durch simple Unterleibsgymnastik auf Touren zu bringen, sondern braucht als Stimulation erzählerische Dramaturgie. „Daran wird sich nichts ändern“, erzählt die Wiener Journalistin Ela Angerer, die vor einem Jahr mit der Anthologie „Porno“ bei Czernin Aufsehen erregte: „Männer wollen Sex, Frauen Intimität.“ Dem Band, in dem unter anderem Robert Palfrader und die Schriftstellerin Julya Rabinowich offen über ihre sexuellen Vorlieben schreiben, wurde jüngst die elektronische Verbreitung verwehrt. Die Begründung im iBook-Store lautete: „,Porno‘ wird als zu explizit betrachtet und deswegen nicht freigeschaltet.“

Lesen Sie außerdem im profil 31/2012: Die Österreicherin und zweifache Mutter Nala Martin war Profi-Domina in Hamburg. Ihr S&M-Roman "Safeword" erscheint diese Woche.