Shit happens!

Was die Bush-Regierung in zweieinhalb Jahren an systematischer Zertrümmerungsarbeit geleistet hat, könnte nicht einmal Mutter Teresa persönlich begradigen.

Der Mann ist über jeden unpatriotischen Zweifel erhaben: John McCain, 67, republikanischer US-Senator, Vietnam-Veteran, entschiedener Befürworter des Irak-Krieges – und mittlerweile einer der schärfsten Kritiker der Bush-Administration. „Bei allem Respekt, Sir – Sie müssen die Fragen beantworten!“, sagte er anlässlich der aktuellen Kongress-Hearings zu Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und konnte Zorn und Abscheu dabei nur schwer unterdrücken.

Die Folterfotos aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis (insgesamt 1600 – die Öffentlichkeit kennt nur einen Bruchteil davon) gingen McCain besonders nahe, weil er selbst als Kriegsgefangener in Nordvietnam zwischen 1967 und 1973 schwersten Misshandlungen ausgesetzt gewesen war. „Ich habe das hinter mir gelassen“, parierte er in Interviews einschlägige Fragen immer lakonisch. Jetzt aber, meinte er vergangene Woche ausgerechnet in einer sonst auf Spaß und Sarkasmus abonnierten Late-Night-Show im US-Fernsehen, sei alles plötzlich wieder da. Das Bestürzende daran: Die Peiniger von heute sind offenbar um keinen Deut besser als jene von damals – und sie sind US-Soldaten.

Die weltweite Empörung über die Folterexzesse im Irak bedeutet für die Bush-Regierung den propagandistischen Super-GAU in einem ohnehin heillos vermurksten Nachkriegsszenario. Das unmittelbare Schockpotenzial der Bilder allein wäre schon verstörend genug – noch verheerender aber ist ihre symbolische Wirkung: Jedes Foto unterminiert und verhöhnt aufs Drastischste den selbstgerechten Anspruch der USA, der Welt Demokratie und Menschenrechte beizubringen. Die zuständigen Kriegsherren, Präsident Bush und sein Chef-Falke Rumsfeld, suchten die Affäre in der ihnen eigenen Unart zu regeln: Mit gehöriger Verspätung und kaum verhohlenem Widerwillen rangen sie sich ein formloses „Sorry“ ab und beharrten im Übrigen darauf, es handle sich um nicht repräsentative Einzelfälle – sieben Reservisten gone mad sozusagen. Shit happens!

Eines zumindest kann man Bush und seinesgleichen nicht nachsagen: mangelnde Konsequenz. Mit geradezu fatalistischem Trotz verkörpern sie das Inbild des hässlichen Amerikaners, wie kein noch so wüstes antiimperialistisches Handbuch es plakativer karikieren könnte. Mittlerweile jedoch hat sich die Washington-Gang durch ihre furiosen Machenschaften in ernsthafte Bedrängnis manövriert: Den Vorwurf moralischer Fragwürdigkeit konnte sie in ihrem missionarischen Übereifer noch schulterzuckend wegwischen. Jetzt aber geht’s ans Eingemachte: Der Tatbestand gemeingefährlicher realpolitischer Inkompetenz steht zur Debatte – für den Idealtypus des hemdsärmeligen Machers gleichbedeutend mit einem Todesurteil.

Von allen Verfehlungen des Bush-Regimes ist diese vielleicht die nachhaltigste: den Antiamerikanismus, eigentlich längst im Orkus wohlfeiler Klischees entsorgt, international wieder salonfähig gemacht zu haben, und zwar himmelweit über den notorischen al-Qa’ida-Dunstkreis hinaus. Was Bush und seine Schießgesellen in knapp zweieinhalb Jahren, seit dem 11. September 2001, an atmosphärischer Zertrümmerungsarbeit geleistet haben, wird kein noch so brillanter Bush-Nachfolger so bald begradigen können – und wäre er ein Wiedergänger von Mutter Teresa. Gerade vor dem Hintergrund eskalierender terroristischer Barbarei sind Polit-Rambos wie Bush und Rumsfeld, wie sich immer deutlicher zeigt, das Schlimmste, was der Welt – die USA eingeschlossen! – passieren konnte. Diese Einschätzung verfestigt sich zusehends zum Konsens, bis tief in die Reihen der US-Republikaner hinein. Nicht nur John McCain schämt sich mittlerweile für seinen Parteigänger im Weißen Haus.

„Mein Sohn ist für die Sünden von George Bush und Donald Rumsfeld gestorben“, sagte Michael Berg vergangene Woche. Der Vater des von einem al-Qa’ida-nahen Todeskommando ermordeten US-Zivilisten Nick Berg hätte nach menschlichem Ermessen allen Grund, die islamistischen Terroristen zu verfluchen – stattdessen geißelt er seine eigene Regierung.

Sollte George W. Bush bei den Präsidentschaftswahlen im November wiedergewählt werden, dann hätte er – zumindest aus heutiger Sicht – mehr Glück als Verstand. Das wäre allerdings nicht das erste Mal in seiner Karriere: Verstand gehört definitiv nicht zu Bushs Primärtugenden. Bush-Vorgänger Bill Clinton musste sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen, weil er ein, zugegeben unwürdiges, sexuelles Verhältnis mit einer Praktikantin unterhalten und die Öffentlichkeit darüber belogen hatte. Die Lügen der Bush-Administration mag schon gar niemand mehr zählen, auch deshalb, weil die Folgen dieser Lügen akuter und fataler sind, als jeder noch so abgeschmackte präsidiale Oralverkehr es jemals sein könnte.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy erregte kurz nach der 9/11-Katastrophe mit einem Aufsatz Empörung, in dem sie sich weigerte, zwischen George W. Bush und Osama Bin Laden einen substanziellen Unterschied zu erkennen – ein ebenso dummer wie polemischer Vergleich, der allerdings eine unschöne Tangente hat: Die Bush-Politik im Namen des Kampfes gegen den Terror hat den Terror nicht gebannt, sondern überall nur dramatisch verschärft. Man muss kein Zyniker mehr sein, um Präsident Bush für das Bin-Laden-Ehrenkreuz für seine Verdienste um den internationalen Terrorismus vorzuschlagen.