Show-Phänomen: Udo Jürgens über seine Frauen, das Altern, Jörg Haider

Udo Jürgens wundert sich, dass ihn die Leute noch sehen wollen, bereut, was er seinen Ehefrauen angetan hat, ist schockiert von Österreichs expandierendem Rechtsextremismus und empfindet Mitleid für Stefan Petzner. Das Gespräch vor der Musicalpremiere „Ich war noch niemals in New York“ in Wien.

profil: Sie sitzen häufig in den Proben zu „Ich war noch niemals in New York“. Können Sie nicht loslassen?
Jürgens: Nein, das kann ich nicht. Wenn ich jetzt nicht da gewesen wäre, würde sich einiges anders anhören. Das heißt nicht, dass es nicht gut gewesen wäre, aber jetzt ist es eben noch besser geworden. Bei meinen Liedern habe ich ja leider nicht diese Form der Kontrolle. Da gibt es wunderbare Versionen, aber auch furchtbares Gegröle.

profil: Wie zum Beispiel die Verunglimpfung von „Mit 66 Jahren“ seitens des rechtsradikalen Sängers Michael Müller: „Mit sechs Millionen Juden fängt der Spaß erst an …“
Jürgens: Das ist für mich das Allerschlimmste – dass meine Lieder für faschistisches Gedankengut herhalten müssen. Was wir dagegen rechtlich unternehmen konnten, haben wir getan. Aber ich kann nicht ausschließen, dass dieses Lied weiter auf gewissen Burschenschaftsabenden gesungen wird.

profil: Rechtsextremismus ist inzwischen in Österreich zum politischen Alltag geworden. Letztes Beispiel ist die FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz.
Jürgens: Man leidet, wenn man dieses Land liebt. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die rechtsradikale Szene mit unter fünf Prozent nicht stark ist und kein echtes Problem darstellt, ist die Situation in Österreich wesentlich bedrohlicher. Da haben sich Parteien durch die Hintertür eingeschlichen, die sich anfangs nicht so gegeben haben, aber in ihrem Inneren vom Rechtsextremismus bestimmt sind. Die haben es fertiggebracht, unser Land in eine politische Schieflage zu bringen. Im Gegensatz zu Deutschland können in Österreich Politiker faschistisches Gedankengut äußern und danach einfach weitermachen. Dass eine vermeintlich liberale Partei, die eigentlich die Mitte zwischen dem bürgerlichen und dem sozialdemokratischen Lager präsentieren sollte, sich am äußersten rechten Rand befindet, ist ein österreichisches Phänomen. Das ist einzigartig in Europa. Da kriegt man es schon mit der Angst zu tun.

profil: Sie sind 1934 geboren und haben den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt. Wie stark sind Ihre Erinnerungen daran?
Jürgens: Ich hatte bis ins Alter schwere Albträume. Wir haben als Kinder in Deutschland, wo uns unser Vater, aus Angst vor den Russen, aus Kärnten auf unser zweites Gut gebracht hat, eine Hinrichtung miterleben müssen. Da wurde ein Belgier, der zu den Nazis übergelaufen war, von seinen eigenen Leuten mit Stacheldraht blutig geschlagen und dann erschossen. Ich habe auch mitansehen müssen, wie vierzehnjährige Burschen erschossen wurden, die aus einem Graben einen Panzer attackieren wollten. Das waren schwer traumatisierende Erlebnisse, die mich bis heute begleiten.

profil: Nehmen Sie sich im Kampf gegen den aktuellen Rechtsextremismus als Künstler in die Verantwortung?
Jürgens: Es liegt an jedem Einzelnen von uns, Schranken gegen diesen Rechtsradikalismus aufzustellen.

profil: Sie haben aber eine andere Breitenwirkung als „jeder Einzelne“. Würden Sie an einer Aktion wie dem „Lichtermeer“ zum Beispiel teilnehmen und am Heldenplatz gegen den Rechtsextremismus singen?
Jürgens: Ich bin kein Politiker, sondern Musiker. Ich gehe ungern in politische Versammlungen, wo man Gefahr läuft, mit ­faulen Eiern beworfen zu werden. Das ist ein heißer Lauf. Aber ich gestehe mir das Recht zu, mich in Gesprächen über die geistigen Missstände, die in unserem Land herrschen, schockiert zu zeigen.

profil: Die ÖVP wollte Sie einmal als Quereinsteiger ködern.
Jürgens: Das ist lange her. Man hat da einmal vorgefühlt. Als Künstler sollte man sich aus dem politischen Leben raushalten. Von meiner Herkunft fühle ich mich ja dem bürgerlichen Lager zugehörig. Ich bin nicht in einem Hinterhof mit brennenden Fässern aufgewachsen, sondern in einem Kärntner Schloss.

profil: Sie haben 1990 von Jörg Haider in Kärnten einen Orden entgegengenommen, den Ihnen Uwe Scheuchs Bruder Kurt wegen Ihrer Kritik an Kärnten kürzlich wieder abnehmen wollte.
Jürgens: Den Orden hat mir damals nicht Jörg Haider übergeben. Aber er war sicher hinter den Kulissen dafür tätig. Ich habe diesen Orden als Auszeichnung des Landes Kärnten verstanden.

profil: Tragen Sie Ihre inzwischen zahlreichen Orden am Opernball spazieren?
Jürgens: Nein, natürlich nicht. Ich bin früher übrigens gerne auf den Opernball ­gegangen. Aber seitdem ein einziger Herr geschafft hat, diese Veranstaltung in ganz Europa lächerlich zu machen, halte ich mich auch von dort fern.

profil: Jörg Haider war der Mann, der die Weichen für die heutige „politische Schieflage“ maßgeblich gestellt hat. Sie haben sich dennoch geduzt.
Jürgens: Er war mit Sicherheit der Vater dieser faschistischen Tendenzen. Man hat ihm leider vieles verziehen, weil er ein unglaublich charmanter, gut aussehender Bursche war. Das hat den Menschen imponiert, und sie sind seinem Charme erlegen.

profil: Gilt das auch für Sie?
Jürgens: Wahrscheinlich schon. Obwohl ich mich im Gespräch mit ihm immer wieder sehr klar gegen seine Ansichten geäußert habe. Er hat das dann so scherzhaft unter den Tisch gekehrt. Bei Konzerten hat er mich immer wieder in Begleitung von Stefan Petzner besucht. Ich konnte ihm ja nicht verbieten, meine Konzerte zu besuchen.

profil: Ist es Ihnen peinlich, dass Petzner ein so großer Fan Ihrer Musik ist und Sie zum Thema seiner Diplomarbeit gemacht hat?
Jürgens: Es gibt einige Menschen, die mir peinlich sind und mit denen ich Fotos bewusst vermeide, aber Stefan Petzner gehört nicht dazu. Ich könnte ihm nie böse sein, auch politisch nicht. Er rührt mich sogar, ich empfinde so etwas wie Mitleid für ihn, wobei Mitleid in diesem Zusammenhang nicht abwertend gemeint ist. Petzner ist kein Täter, sondern ein Opfer. Ein Opfer seines Gefühls, seiner offensichtlichen Liebe zu Haider, die er nicht steuern kann und konnte. Insofern ist er auch ein künstlerischer Mensch – so wie wir Musiker.

profil: Haben Sie ihn nach Haiders Tod je getroffen?
Jürgens: Nein. Aber ich hätte nichts dagegen und würde die Gelegenheit nützen und versuchen, ihn von seinen politischen Verirrungen abzubringen. Ohne Haider wäre Petzner diesem faschistischen Gedankengut wahrscheinlich nicht erlegen.

profil: In einem Interview, das wir im Jahr 2000 miteinander geführt haben, haben Sie von Ihrer Freundin, der Schauspielerin Judy Winter, erzählt, der man bei einem Gastauftritt in Klagenfurt verboten hat, nach der Vorstellung für HIV-Positive zu sammeln. Mit der Begründung von oberster Stelle, dass es in Kärnten weder Aidskranke noch Homosexuelle gäbe. Ein Treppenwitz?
Jürgens: Der helle Wahnsinn, oder? Der Haider hat ja dieses Land wie ein Sonnenkönig regiert – nicht demokratisch, sondern willkürlich, wie man auch an den Pleiten und Pannen, die jetzt ans Licht gekommen sind, ganz deutlich sehen kann. Abgesehen davon, dass es in Kärnten seit jeher die schönsten Schwulenlokale gibt.

profil: Würde ein österreichischer Politiker ein Outing überleben?
Jürgens: Österreich ist sicher noch nicht so weit wie Deutschland, vor allem nicht in der Provinz, aber ich würde dennoch behaupten, ja. Mir persönlich ist es völlig egal, ob jemand hetero- oder homosexuell ist. In meinem Umfeld war das nie ein Thema. In meinem Freundeskreis sind so viele Homosexuelle, dass ich mich eigentlich wundere, dass ich selbst noch nicht schwul bin.

profil: Das würde die Frauen, die in Ihre Konzerte strömen und ihre Sehnsüchte auf Sie projizieren, sicherlich schmerzen.
Jürgens: Diese Sehnsüchte kann man sowieso nie erfüllen. Das mag ja einmal gewesen sein, dass ich ein Wahnsinnstyp für Frauen war, aber in meinem Alter bin ich kein ­Objekt der Sehnsucht mehr. Das ist vorbei.

profil: Das klingt fast ein wenig kokett.
Jürgens (laut lachend): Na ja, ich war einmal extrem fesch, muss ich sagen.

profil: Da ist ein bisserl was gegangen, wie man in Wien sagt?
Jürgens: Da ist sehr viel gegangen. Mehr, als man selber wollte …

profil: Haben Sie Buch geführt über Ihre Frauengeschichten? Um den Überblick zu behalten?
Jürgens: Nein, das wäre doch ekelhaft, das ist doch was für Verlierer. Ich habe nie etwas gesammelt, schon gar nicht Frauen. Es gibt doch nichts Traurigeres als diese Fummel-Opas, die voreinander mit ihren sexuellen Erlebnissen prahlen. Man ist es sich in meinem Alter schuldig, die Würde zu bewahren und über seine Sexualität zu schweigen. Auch aus Rücksicht gegenüber dem anderen Geschlecht. Da kann man die Schuld, die man über die Jahre auf sich geladen hat, ein wenig abarbeiten.

profil: Mit einigen Ihrer Aussagen über Frauen könnten Sie es in das Schwarzbuch des Feminismus schaffen.
Jürgens: Ja, ich war ein furchtbarer Macho. Und natürlich auch eitel. Für die Ehe vollkommen ungeeignet, weil ich mit einer Überdosis an Nähe überhaupt nicht umgehen kann. Ich gebe mir da durchaus allein die Schuld. Mit meinen beiden Ex-Ehefrauen verstehe ich mich heute besser denn je.

profil: Das heißt, Affären sind Ihnen leichter gefallen als das Eheleben.
Jürgens: Bei meinen Affären war ich eigentlich sehr anhänglich – die haben sich oft über Jahre gezogen. Noch heute kommen Damen von früher nach einem Konzert zu mir, manchmal sogar mit ihrem Ehemann, und fragen mich: „Erinnerst du dich noch an mich?“ Der Ehemann gibt mir dann auch immer freundlich die Hand.

profil: Ich zitiere Udo Jürgens: „Mir haben mehr Frauen die Hand aufs Knie gelegt als umgekehrt.“
Jürgens: Das stimmt. Ich war auch nie ein Grabscher, dazu bin ich viel zu bürgerlich erzogen worden. Ich habe Frauen immer angelächelt, das tue ich auch noch heute. Aber wenn ich in meinen Konzerten heute an die Rampe gehe, stehen da vor allem Männer zwischen 25 und 35 Jahren.

profil: Wie erklären Sie sich das?
Jürgens: Die denken wahrscheinlich: „Wenn ich so drauf bin wie der da oben, dann habe ich auch ein spannendes Leben.“

profil: Wahrscheinlich bewundern Sie diese jungen Männer auch, weil Sie ein Männerbild verkörpern, das in dieser Generation nicht mehr so lebbar ist.
Jürgens: Das stimmt sicher. In den fünfziger, sechziger und auch siebziger Jahren hatte man gar keine andere Wahl, als Macho zu sein. Denn sonst wäre man in die Kategorie Weichei gefallen. Mein Sohn lebt da ganz anders. Der hat mir viel voraus. Das ist ein ganz toller Vater – der wechselt die Windeln ohne Probleme und hat gegenüber seinen Kindern ein viel größeres Verantwortungsgefühl, als ich es hatte.

profil: Ich zitiere Udo Jürgens: „Windelwechseln ist etwas für Weicheier.“
Jürgens: Ich habe mich bei meinem Sohn für diese Aussage entschuldigt.

profil: Hätten Sie eine Frau in einer Machtposition an Ihrer Seite ertragen?
Jürgens: Damit hätte ich sicherlich meine Schwierigkeiten gehabt. Ich habe mir eher Unterlegene gesucht, die zu mir aufgeblickt und keine allzu gescheiten Fragen gestellt haben. Heute habe ich durchaus Freundschaften mit Frauen in tollen Berufspositionen. Allerdings war ich mit solchen Frauen nie zusammen. Im Schlafzimmer ist dann doch wieder eine ganz andere Situation.

profil: Werden Sie in der Lage sein, den Moment zu erkennen, in dem es besser ist, nicht mehr aufzutreten?
Jürgens: „Wer will eigentlich den alten ­Dodel noch sehen?“ – diese Frage stelle ich mir sehr oft. Schließlich kennt man mich schon seit Jahrzehnten. Ich trage auch nichts Buntes oder Schräges – so wie Lady Gaga, die ich für eine große Begabung halte. Aber unsere Tournee 2009 war die bestbesuchte meiner Karriere. Ich gehe jedes Mal mit ­einer großen Leichtigkeit da rauf. Und habe noch nie einen Ton verhaut. Im Gegenteil: Meine Stimme kommt heute in Höhen, die für mich früher schwierig waren.

profil: „Stalking“ ist ein Schattenphänomen des Starkults. Haben Sie Erfahrungen?
Jürgens: Ja, einige. Und zwar so beklemmende, dass ich sie in unserem Gespräch nicht wieder beleben möchte. Es gab Bomben- und Selbstmorddrohungen, einmal hat mir sogar jemand gedroht, sich auf einem meiner Konzerte umzubringen. Die Polizei hat mir geraten, das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Nur – bevor kein Schuss fällt, sind denen die Hände gebunden.

profil: Sie haben Ihre Branche einmal als „sehr selbstzerstörerisch“ beschrieben. Haben Sie sich je in einer solchen Gefahrenzone befunden?
Jürgens: Ich hatte zwischen 30 und 40 eine schwere Krise, die vor allem mit Alkohol zu tun hatte. Durch den ständigen Druck hatte ich es mir vor Auftritten zur Angewohnheit gemacht zu trinken. Nach meinem zweiten „Grand Prix“-Auftritt in Neapel 1965 erlitt ich einen schweren Zusammenbruch. Ich habe mich aus diesem Tiefpunkt mit eigenen Kräften wieder herausgezogen. Zehn Monate keinen Alkohol angerührt und alle großen Auftritte abgesagt. Seit diesem Erlebnis kann ich mich vor mir selbst ganz gut schützen.

Foto: Monika Saulich