Showtime für Gott: Die skurrilen Methoden des Vatikans bei Selig- & Heiligsprechungen

Am 1. Mai wird Johannes Paul II. in Rom in einer gigantischen Zeremonie seliggesprochen. Warum der Vatikan übersinnliche Kräfte für seine PR-Zwecke braucht. Nach welchen Methoden selig- und heiliggesprochen wird. Und warum die Kritik am Pope-Star Wojtyla nicht verstummt.

Die Schätzungen für die erwarteten Pilger am Wochenende der päpstlichen Seligsprechung in Rom schwanken zwischen einer und drei Millionen. Den Großteil werden polnische Wojtyla-Fans stellen.

Welche Massen der meistgereiste Papst noch im Tod zu mobilisieren imstande war, zeigten schon die Begräbnisfeierlichkeiten im April 2005: An diesem Tag wurde der Pilger-Höchststand in Rom mit drei Millionen Besuchern verzeichnet. Und auf dem Petersplatz erschollen unter den Trauernden bereits damals hundertfach mit „Santo subito!“ die Rufe nach einer möglichst rasanten Heiligsprechung des Verstorbenen. Auch der Wiener Stephansdom registrierte am päpstlichen Bestattungstag mit rund 8000 Besuchern seine historische Publikumsbestmarke.

Keine Frage – im Pope-Business hat es Johannes Paul II. trotz seiner zweifelhaften Rolle im kirchlichen Missbrauchsskandal (siehe Kasten) auch posthum zu unübertroffener Strahlkraft gebracht.

In der polnischen Gemeinde in Wien, die rund 6000 Mitglieder zählt, rüstet man sich bereits seit Wochen für das Großereignis. Die Gardekirche im dritten Wiener Gemeindebezirk, die bei jeder Sonntagsmesse bis auf den letzten Platz gefüllt ist, ist bereits seit 1998 im Besitz ihres persönlichen Wojtyla: Rechts vom Eingang prangt der Held der polnischen Katholiken in Guss­eisen. „Er ist unser Idol“, erklärt eine alte Dame, die einen Blumenkranz vor der Statue positioniert, „und ab 1. Mai werden unsere Gebete im Himmel noch mehr von Gott erhört werden, denn dann wird sich unser lieber Papst, der direkt neben Gott steht, noch mehr für unsere Bitten starkmachen. Das ist auch unser großer Tag!“

Auf dem Gebiet der „Kundenbindung“ durch Selig- und Heiligsprechungen hatte es der fast 27 Jahre amtierende Karol Jozef Wojtyla selbst zur päpstlichen Weltmeisterschaft gebracht. Während seines Pontifikats, des zweitlängsten der Kirchenhistorie nach Pius IX., hatte Johannes Paul II. 1338 Katholiken zum Seligenstatus verholfen und 482 in den Heiligenstand versetzt. Damit hat er nahezu eine Heiligen-Epidemie bewirkt: Denn in den letzten 400 Jahren war die Zahl der Heiligenneuzugänge, also jener Menschen, die laut Kirchendefinition „die Vollendung mit Gott erreicht haben“, insgesamt nur halb so hoch wie unter dem „eiligen Vater“. Seine umstrittenste Wahl fiel auf den spanischen Opus-Dei-Gründer Josemariá Escrivá, dessen Laienorganisation sich durch Franco-Nähe und generelle Faschismus-Freundlichkeit charakterisierte. Das Opus Dei hatte auch maßgeblichen Anteil an der Installation des ­blutigen Pinochet-Regimes in Chile. 2002 wurde Escrivá heiliggesprochen. ­Zugutehalten muss man dem demnächst seligen Papst, dass er mit dem Segen für ­Gianna Baretta Molla auch die im Lichte der Kirche höchst progressive Entscheidung vertrat, eine verheiratete Frau in den Heiligenstand zu erheben. Molla war eine italienische Kinderärztin und Anti-Abtreibungs-Aktivistin.

Wunderüberprüfung.
Die päpstlichen Spitzenwerte, was Heilig- und Seligsprechungen betrifft, sind mit den Komponenten PR-Strategie und Mitarbeiterpflege ganz weltlich zu erklären. Schließlich hatte „Papa“ Wojtyla auch die Aufnahmekriterien wesentlich vereinfacht: katholisch, seit fünf Jahren verstorben, Märtyrertod oder Wundernachweis, der von einer fünfköpfigen Expertenkommission beglaubigt wurde. Eines
zweiten Wunders bedarf es im Falle einer Heiligwerdung. Den Kardinälen in der zuständigen Kongregation entkommt möglicherweise der eine oder andere Fluch, denn inzwischen haben sich durch die gelockerten Voraussetzungen über 2000 Ansuchen für himmlische Beförderungen gestapelt. Und besonders die Wunderüberprüfung erweist sich als langwierig, kompliziert und kostenintensiv. Sind doch hier von Furunkel-Abheilungen, wie sie der belgische Konsul Karl Lubois nach dem fürbittenden Gebet an Pius X. angeblich erfuhr, bis zum Verschwinden von Krampfadern, wie sie der 2004 seliggesprochene Kaiser Karl bei einer in Brasilien lebenden Ordensschwester aus Polen „erwirkt“ hatte, kaum medizinische Grenzen gesetzt. Der österreichische Kirchenrechtler Andreas Lotz erklärt, dass die jeweiligen Expertenkommissionen, die das grüne Licht für Wunder zu geben haben, „es sich nicht einfach machen und die Krankengeschichte mit unabhängigen Fachleuten auf das Genaueste studieren“. Doch auch „Unterschriften des Himmels“, so Kardinal Schönborns Wunderdefinition, sind kostenpflichtig – im Schnitt kostet eine Beglaubigung eines „übernatürlichen“ Phänomens mindestens 50.000 Euro, zu tragen von den Antragstellern in Form der Diözese, des Ordens oder eines dafür eingerichteten Spendenfonds.

Das Wunderwesen der Kirche mutet ­anachronistisch und befremdend an. Der Theologe Adolf Holl sprach im Fall von Kaiser Karls Krampfadern-Zauber von „Kabarettreife“, der evangelische Landesbischof von München, Johannes Friedrich, beurteilte jüngst „die scheinbare Wissenschaftlichkeit“ beim Wunder-Gütesiegel als äußerst „zweifelhaft“. Dass die Kirche sich dennoch nicht darauf beschränken will, ihre politisch verfolgten und im Glaubenskampf verstorbenen Mitglieder durch Selig- und Heiligsprechungen zu ehren, sondern an der Beweisführung für übernatürliche Phänomene festhält, ist mit ihrer Affinität zu theatralischen Inszenierungen zu erklären.

„Der Katholizismus hat etwas Heidnisches, indem er in hohem Maß durch seine äußere Erscheinungsform existiert“, erklärt der Wiener Kulturwissenschafter Robert Pfaller, „solche auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Religionen besitzen auch einen hohen ­Magieanteil. Und Magie verlangt nach ­Theater.“

Benedikt XVI. erweist sich zwar als nicht ganz so auszeichnungswütig wie sein Vorgänger, versucht aber zumindest in dessen Fahrwasser zu bleiben.
Der Kritik, dass die Seligsprechung eines Papstes durch seinen Amtsnachfolger durchgeführt wird, wurde aus dem Vatikan mit dem Argument einer „besonders genauen Verfahrensprüfung“ begegnet. Allerdings wurde für den Papst die Zeitregel – erst fünf Jahre nach dem Ableben überhaupt mit dem Verfahren zu beginnen – außer Kraft gesetzt. Er wird auch mit der schnellsten Seligsprechung der Geschichte seinem Ruf als eiliger Vater posthum gerecht.

NS-Massenmord.
Dass Päpste in den Stand von Seligen und Heiligen überführt werden, entspräche aber „keineswegs einer Standardsituation“, wie Andreas Lotz erklärt. Im kirchenhistorischen Rückblick wurden 79 von den insgesamt 306 kirchenhistorisch relevanten Päpsten in den Heiligenstand befördert, zehn Päpste wurden seliggesprochen, für vier Päpste gibt es ein laufendes Verfahren. Die Statistik beweist dennoch, dass ein irdisches Dasein als oberster Hirte bei himmlischen Aufstiegschancen durchaus hilfreich sein kann. Letzter Beförderter der Branche war der 1963 verstorbene Papst Johannes Paul XXIII., unter dessen Regentschaft es Priestern noch untersagt war, ins Kino zu gehen oder mit einer Frau im Auto zu fahren. Die Tatsache, dass sein Leichnam noch nicht verwest war, wie 2001 bei einer Umbettung des Italieners unter großem Mediengetöse festgestellt worden war, ließ die Rufe nach einer Heiligsprechung, der immer eine Seligsprechung vorausgehen muss, sehr laut werden.
Unter den laufenden Verfahren für eine Seligsprechung erwies sich jenes zugunsten Papst Pius XII. als katastrophale Imageschädigung für die Kirche. Denn jener Papst, der die Vorlage für Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ lieferte, ist eine historisch ­äußerst umstrittene Figur. Er hatte Hitlers Diktatur offiziell anerkannt und bezog auch keinerlei Stellung angesichts des Massenmords an den Juden durch das NS-Regime. Als ruchbar wurde, dass ein Seligsprechungsverfahren für den schweigenden Papst eröffnet worden war, kam es aus Israel und seitens der Zentralräte der Juden in ganz Europa zu massiven Protesten. Dennoch hat Benedikt XVI. den heftig attackierten Prozess noch nicht ad acta gelegt, sondern Pius XII. öffentlich verteidigt. Der bis 1958 amtierende Papst hätte sich vehement für die Rettung römischer Juden eingesetzt und alle kirchlichen Institutionen für Verfolgte geöffnet. Noch wird eifrig nach einem Wunder gesucht, das Pius XII. als Fürsprecher eines verzweifelten Gläubigers bei Gott erwirkt haben könnte – die „Bestätigung der Gegenwart von Gottes Reich auf Erden“ ist in diesem Fall zwingend, hatte doch der „Pio Dodicesimo“ kein nennenswertes Martyrium außer der Gefangenschaft in seinem Gewissen nachzuweisen.

Kleine Martyrien stehen jedoch vielen der oft finanzschwachen Pilger am kommenden Wochenende bevor. Im Pfarrhaus hinter der polnischen Kirche in Wien vollziehen sich dieser Tage fieberhafte Vorbereitungen für den Heilzug nach Rom. Rund 200 Mitglieder haben sich für die beschwerlichste Variante, die Busfahrt ohne Übernachtungsmöglichkeit vor Ort, entschieden. Die römischen Hotelpreise sind an diesem Wochenende bis auf das Vierfache angestiegen.

Stanislav Salamon ist der Reiseorganisator der aus Wien anreisenden Polen: „Wir werden nach der Frühmesse losfahren, um Mitternacht in Rom ankommen und die Nacht auf dem Petersplatz verbringen, um bei der Seligsprechung dabei zu sein. ­Manche werden vielleicht in den Kirchen schlafen.“

Das dreitägige „Pope-Konzert“ wird für alle Beteiligten zum Passionslauf werden. Gott sei Dank muss „il Papa“ nicht mehr erleben, dass sein Konterfei im Souvenirhandel von Handcremetiegeln und Unterhosen milde herablächelt. Moderne Unsterblichkeit hat er durch ein Facebook-Profil längst erreicht, das ihm der päpstliche Medienrat spendiert hat. Auch Benedikt XVI. nutzt das neue Medium längst für ­Digital-Predigten. Bis zu zehnstündige ­Wartezeiten werden prognostiziert, ehe die Gläubigen zur Gebetswache im Circus Maximus am Vorabend des Hauptevents zugelassen werden oder am 1. Mai auf den Petersplatz zur Erhebungsmesse mit Papst Benedikt XVI. dürfen. Wer dann noch Kräfte besitzt, kann sich am 2. Mai beim „Dankgottesdienst“ in der prunkvollsten und größten Kathedrale der Welt, dem Petersdom, einfinden.

Heilung.
Bei dem nächtlichen Massengebet, das auf der gigantischen Freifläche der antiken Pferderennbahn unterhalb des Palatinhügels bis in die Morgenstunden stattfinden wird, sind noch zusätzliche Showeinlagen als Aufputschmittel geplant. Dort sollen Intimi des Neo-Seligen wie sein Privatsekretär Kardinal Stanislaw Dziwisz und sein langjähriger Pressesprecher Joaquin Navarro-Valls „persönliche Zeugnisse“ vortragen. Als Höhepunkt des Spektakels tritt auch noch jene Frau auf, der die christliche Welt jenes gigantomanische „Godstock“ zu verdanken hat – Marie Simon-Pierre, 49, Ordensmitglied der „Kleinen Schwestern der katholischen Entbindungsstationen“ sowie Hebamme in Aix-en-Provence.

Mit nicht einmal vierzig Jahren hatte ihr ein Neurologe eröffnet, dass sie an der unheilbaren Parkinson-Erkrankung litt. Vier Jahre später, genauer gesagt am 2. Juni 2005, musste sie ihrer Ordensleiterin schweren Herzens mitteilen, dass sie aufgrund fortschreitender Symptome wie Zittern und Lähmung nicht mehr in der Lage wäre, die Säuglinge auf der katholischen „Maternité“ in der südfranzösischen Stadt zu versorgen. Dann trat jenes Ereignis ein, das die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, das „Wunder-Ministerium“ im Machtzentrum der katholischen Kirche, auf den Plan rief: Am Abend ihres Zäsurtags flehte die verzweifelte Nonne den kürzlich verstorbenen Papst, der an der gleichen Krankheit gelitten hatte, um Heilungsintervention an oberster Stelle an. Am Tag ­darauf verschwanden alle Symptome, und die Nonne konnte ihre Medikamente absetzen. Zwar befürchtete man 2010 einen Rückfall, was den Seligsprechungsprozess um ein Jahr verzögerte, aber inzwischen erfreut sich die Schwester wieder bester Gesundheit. „Neurobiologisch betrachtet ist eine Heilung unmöglich“, erklärt Thomas Foki, Parkinson-Experte am Wiener AKH, „allerdings könnte die Diagnose falsch sein. Man könnte auch einen Placeboeffekt diskutieren, der zu einer temporären Besserung motorischer Störungen führen kann.“

Es wird ein großes Wunder nötig sein, um Rom an diesem Wochenende vor einem totalen Chaos zu bewahren. Denn beim „Fest der göttlichen Barmherzigkeit“, wie der Papst den ersten Sonntag nach Ostern selbst benannt hatte, wird auch das übliche Pop- und Rockkonzert der Gewerkschaft steigen, während im Olympiastadion eine göttliche Spitzenbegegnung der anderen Art, nämlich zwischen den Fußballteams Lazio Rom und Juventus Turin, stattfindet. Roms Atheisten werden ohnehin in vorauseilender Panik die Stadt verlassen.

Während die armen Pilger sich bei überteuerten Panini und Wasser die Beine in den Bauch stehen, werden in den Palazzi des Prinzen Ruspoli und der Prinzessin Alessandra Borghese mondäne Wojtyla-Sausen über die Bühne gehen. Und auch Roms schwule Community zollt dem Ereignis Party-Tribut. Im schicksten Gay-Club „Alibi“ herrscht an diesem Wochenende Kostümzwang – mit der Themenvorgabe Kardinäle, Kirchenfürsten und Nonnen. „Eine bodenlose Geschmacklosigkeit“, heißt es aus dem Rathaus. „Wir wollen nur auf besondere Art an die homophoben Äußerungen dieses Papstes erinnern“, kontert ein Sprecher einer Schwulenorganisation. Ist es denn ein Wunder?

Mitarbeit: Thomas Migge (Rom)


Lesen Sie im profil 17/2011 ein Interview mit Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, über Spontanheilungen, Wunderkommissionen, internes ­Networking und seine Sicht der Rolle von Papst Johannes Paul II. im Laufe des Missbrauchsskandals.