Siemens-Deal: VA Tech, die Zweite

Acht Wochen nach dem ersten – missglückten – Anlauf, die VA Tech zu übernehmen, findet sich Siemens jetzt vom offiziellen Österreich bejubelt und begrüßt. Die Geschichte eines Sinneswandels.

Florian Krenkel ist das Agieren im Hintergrund gewohnt. Als Siemens-Österreich-Chef Albert Hochleitner am Montag der Vorwoche eine Pressekonferenz zum Thema „VA Tech“ gab, wunderten sich Journalisten: Handelte es sich bei dem Mann, der da unauffällig in der letzten Reihe saß, nicht um Krenkel, den früheren Pressesprecher von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel? Aber ja doch. Es ist nicht lange her, dass Schüssel-Intimus Krenkel das Kanzleramt verlassen hatte, um als Berater des Fürstenhauses Liechtenstein nach Vaduz zu wechseln. Als Wahlkampfleiter für die ÖVP-Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner kehrte er heuer zurück, seit Juli sitzt er in der Führung der Werbeagentur Ogilvy Österreich.

Dass ein Unternehmen für Presseveranstaltungen einen PR-Berater engagiert, ist üblich. Bei Siemens ging es am Montag darum, die Botschaft zu vermitteln, dass Siemens „ein österreichisches Unternehmen“ sei. Wenn Siemens die VA Tech schluckt, bliebe diese gewissermaßen im Lande, es handle sich um eine Bilderbuch-Privatisierung nach Regierungskonzept. Vergessen sei, so sollte die Montagveranstaltung vermitteln, das Polittheater vom September, als Schüssel von der Regierungsbank aus den Siemens-Wunsch, die VA Tech zu erwerben, kategorisch abgeschlagen hatte: Siemens, so der Kanzler damals, käme als Käufer schlicht nicht infrage. Versuchten der böse Münchner Konzern und sein österreichischer Ableger dennoch eine Übernahme, so würden sie ihn, Schüssel, schon noch als „Schutzmantelmadonna“ der VA Tech kennen lernen.

Worauf ein verblüffter Albert Hochleitner fürs Erste das Handtuch warf und das Projekt absagte.

Timing. Jetzt, acht Wochen später, ist alles anders. Was im September passiert ist, war nur ein blödes Missverständnis. Ein unglückliches Timing hat Schüssel damals halt zu einem Njet provoziert, das eigentlich gar nicht so gemeint war. Auch Finanzminister und ÖIAG-Eigentümervertreter Karl-Heinz Grasser, der im September „nach Analysen ... zur Erkenntnis gelangt“ war, dass „die VA Tech nicht zu Siemens passt“, dürfte in der Zwischenzeit neue Analysen angestellt haben und sieht das jetzt genau umgekehrt. Darüber hinaus aber ist in diesen acht Wochen nicht nur der Widerstand der Regierungsspitzen geschmolzen: Tatkräftig hilft jetzt sogar Schüssels PR-Intimus Florian Krenkel dem Siemens-Konzern dabei, all die politischen Ärgernisse vergessen zu machen und den Boden dafür aufzubereiten, dass die VA- Tech-Übernahme durch Siemens reibungslos über die Bühne gehen kann. Als kleine Entschuldigung des Kanzlers, sozusagen.

Am Sonntag, dem 7. November, gab Siemens den Erwerb von 17 Prozent des Grundkapitals der VA Tech vom Investor Mirko Kovats bekannt. Und zwar zu einem Preis, der Kovats sein turbulentes Kurzzeitengagement als VA-Tech-Aktionär mit einem Nettogewinn von über 70 Millionen Euro abschließen ließ.

Tags darauf erklärte der Siemens-Chef seine Absicht, allen anderen VA-Tech-Aktionären (inklusive des 15-Prozent-Eigentümers ÖIAG) ein Übernahmeangebot von 55 Euro pro Aktie zu unterbreiten – falls und sobald die so genannte Übernahmekommission dies zuließe. Diese Kommission, eine staatliche Behörde, hatte Siemens nach den Septemberereignissen für ein Jahr für eine VA-Tech-Übernahme gesperrt. Donnerstagabend hob die Kommission diese Sperre auf. Die ÖIAG erklärte sich zum Verkauf ihrer VA-Tech-Anteile an Siemens bereit. Der VA-Tech-Vorstand gab angesichts der normativen Kraft des Faktischen seinen Widerstand vom September auf, und der Betriebsrat hat bereits die ersten konstruktiven Gespräche mit dem neuen Eigentümer geführt. Bei Siemens knallen die Sektkorken.

Die wundersame Wandlung Siemens’ vom Staatsfeind zu Government’s Darling ist alles andere als ein Zufall. Hatte Albert Hochleitner bei seinem ersten Anlauf ganz aufs Formale gesetzt und im Zuge dessen bereits zu einem Zeitpunkt mit den Behörden – sprich: der Übernahmekommission – die Klingen gekreuzt, als die Mächtigen des Landes von seinen Absichten noch gar nichts wussten, so drehte er diesmal den Spieß um.

Tatsächlich kann Siemens Österreich mit gutem Grund von sich behaupten, ein hochwichtiger Faktor in Österreichs Wirtschaft und öffentlichem Leben zu sein: Etwas über 17.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2003 einen Umsatz von 3,73 Milliarden und einen Nettogewinn von 188 Millionen Euro. Mit Forschungsausgaben von 631 Millionen trug Siemens maßgeblich zur Verbesserung des österreichischen Technologiepotenzials bei, an den Finanzminister flossen 30 Millionen Euro an Körperschaftsteuer – von den kulturellen Sponsoraktivitäten gar nicht zu reden.

Künftig wird Siemens das größte Industrieunternehmen Österreichs sein.

Neben der schieren Unternehmensgröße und -qualität, die sie repräsentieren, zeichnet die österreichischen Siemens-Chefs seit jeher aber auch eines aus: Auch Hochleitner versteht es meisterhaft, die gesetzlich zur Ausübung der Macht legitimierte demokratische Maschinerie im Sinne von Siemens zu beeinflussen. Nicht laut, polternd und platt, wie es Frank Stronach tut. Stronach kauft sich seine Netze, er wirft sie auf seinen Fischzügen hinein ins Establishment. Die Siemens-Chefs hingegen bewegen sich im obersten Segment des Establishments, sind Teil desselben. Perfekt beherrschen sie das subtile Geben und Nehmen, das in diesen Sphären die Balancen bestimmt.

Hochleitner musste sich – nach einer Schrecksekunde im September („In dieser Phase konnte der Kanzler einfach kein zusätzliches Privatisierungsproblem brauchen“) – nur auf diese Stärken besinnen: Waltraud Klasnic, Landeshauptmann der Steiermark, scheint mit der Zusicherung gewonnen worden zu sein, dass Siemens die Arbeitsplatzverluste in Weiz dadurch kompensieren werde, dass man bisher anderswo im Konzern angesiedelte Aktivitäten dorthin verlegt. OÖ-Landeschef Josef Pühringer hatte sich noch im September vor unpopulären Begleiterscheinungen des Siemens-Deals gefürchtet. Nach ein, zwei Plauderstündchen mit Hochleitner fürchtet er sich nun nicht mehr.

Wiens Stadtkaiser Michael Häupl trifft Hochleitner häufig bei gesellschaftlichen Events. Häupl zeigt sich nicht bereit, die Empörung mancher Genossen ob des bevorstehenden Deals zu teilen. Der Gewerkschaftschef Rudolf Nürnberger weiß sich von Hochleitner sehr geschätzt. Schließlich gilt er seit jeher als einer, mit dem die großen Industriebosse „the quiet word“ pflegen und sich dabei darauf verlassen können, dass Nürnberger – bei aller Härte seiner Gewerkschafterfaust – die Munition, die sie ihm dabei in diese legen, nicht explodieren lässt. Das hat auch diesmal geklappt. Raiffeisen-Boss und Siemens-Aufsichtsrat Christian Konrad und Hochleitner mögen und schätzen einander und ihre jeweiligen wirtschaftlichen Stärken. Dass Konrad von der Sinnhaftigkeit des Siemens-Deals überzeugt ist und mit dieser Überzeugung nicht hinterm Berg hielt und hält, dürfte der Sache auch nicht eben geschadet haben. IV-Präsident Veit Sorger gilt als Siemens-Fan, er fungiert gleichzeitig als Chef des Privatisierungsausschusses des ÖIAG-Aufsichtsrats. Und Kanzler Wolfgang Schüssel – siehe oben.

„U-turn“. Dieses alles und eine Reihe weiterer Kontakte, die Hochleitner in letzter Zeit spielen hat lassen, will er selbst freilich nicht als Hauptursache dessen sehen, was die „Financial Times“ einen „U-turn“ in der Haltung des offiziellen Österreich nennt. Hochleitner: „Genauso wichtig ist die Tatsache, dass sich gegenüber September recht Wesentliches verändert hat: Unter anderem treten wir zur Übernahme der VA Tech diesmal nicht in einer Partnerschaft an: Es ist Siemens allein, die das Unternehmen zur Gänze erwerben möchte.“

Der frühere Partner Mirko Kovats – reich geworden, aber gesellschaftlich abgelehnt – macht währenddessen seiner Verachtung gegenüber jenen, die den Siemens-Deal ohne ihn jetzt begrüßen, Luft. Und hält auch mit seiner Unternehmer-philosophie nicht mehr hinterm Berg: Neulich forderte er bei einem Vortrag, hierzulande müssten die Löhne um mindestens zwanzig Prozent sinken. Andernfalls könne sich das Land jegliche industrielle Zukunftsperspektive abschminken.