Siemens: Kniefall vor der Rendite kostete Peter Löscher den Job

Die Ära Peter Löscher bei Siemens ist vorbei. Der Kniefall vor der Rendite kostete den Kärntner Manager den Job.

Aufräumen, umbauen, modernisieren - das war Peter Löschers Plan in München. Doch auch nach sechs Jahren ist eine Vollendung nicht in Sicht: Baustelle, wohin man blickt. Die Umgebung des Gerade-nicht-mehr-Siemens-Chefs ist verschnupft. Man hatte ein schnelleres und effizienteres Arbeiten gewünscht. Und vor allem: Ruhe und ein herzeigbares Ergebnis. Nichts davon konnte Löscher einlösen. Nun ist man ihm gram.

Landhaus im Tudorstil
Denn noch immer dröhnen Lastwägen durch den feinen Stadtteil Solln. Der Bauplatz ist den Anrainern - Familien mit viel Geld und Geschichte - ein Dorn im Auge. Mehrere Reihen Stacheldraht und ein massiver Zaun wehren unerwünschte Eindringlinge ab. Und obwohl jeder, der die Baustelle betreten will, beim Sicherheitsdienst vorstellig werden muss, kennt ganz Deutschland das Landhaus im Tudorstil. Es diente als Schauplatz für die ARD-Serie "Familie Sonnenfeld“. Löscher hatte die von Architekt Max Littmann Anfang des 20. Jahrhunderts entworfene Villa im Herbst 2007 gekauft. Wenige Monate nach seiner Berufung an die Siemens-Spitze. Seither wird saniert.

Saubere Geschäfte
Die Parallelen zwischen Berufs- und Privatleben sind frappant. Auch beim Umbau des deutschen Großkonzerns kam Löscher nicht recht vom Fleck. Dabei wurden auf den Sohn eines Villacher Sägewerksbesitzers bei seinem Amtsantritt große Hoffnungen gesetzt. Von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme geholt, sollte Löscher in dem von Korruptionsskandalen geschüttelten Traditionsunternehmen aufräumen. Als erster Vorstandschef in der 166-jährigen Geschichte des Unternehmens, der von außen kam, musste er auf niemanden Rücksicht nehmen. Viele Manager und Vorstände wurden gegangen. Siemens macht nur noch saubere Geschäfte, lautete Löschers Vorgabe. Dass dies - soweit bekannt - gelang, ist sein Verdienst. Doch seit die Schmiergeldaffäre den Konzern nicht mehr lähmt, haben sich andere Baustellen aufgetan. Die hat man ihm nun aus der Hand genommen.

Kniefall vor der Rendite
"Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht“, sagte einst Firmengründer Werner von Siemens. Dieses Leitmotiv scheint im brombeerfarbenen Palais am Münchner Wittelsbacher Platz, der Siemens-Konzernzentrale, nicht mehr viel zu gelten. Schon Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld warf es über Bord. Der 55-Jährige Kärntner setzte den Kurs fort. Der Kniefall vor der Rendite hat ihn jetzt den Job gekostet.

Denn allzu oft musste er ein Wort aussprechen, das Aktionäre gar nicht gerne hören. Sechsmal in sechs Jahren verkündete er eine "Gewinnwarnung“. Die letzte vom vorvergangenen Donnerstag brachte das Fass zum Überlaufen. In einer dürren sechszeiligen Ad-hoc-Mitteilung gab die Siemens AG bekannt, dass es nichts werde mit zwölf Prozent Rendite im Jahr 2014. Die Börse quittierte die Nachricht mit heftigen Kursabschlägen von bis zu sieben Prozent. Das bedeutet einen Verlust von fünf Milliarden Euro des Gesamtwerts der Aktien.

Sinkende Aktienkurse
"Der Zwang zu Gewinnprognosen ist eine der unheilvollen und letztlich wirtschaftszerstörenden Entwicklungsfolgen der angelsächsischen Shareholder-Value-Doktrin“, sagt der österreichische Ökonom Fredmund Malik. Denn: "Selbst wenn die Gewinne Höchstmarken erreichen, aber unterhalb der Gewinnprognosen bleiben, werden die Unternehmen durch sinkende Aktienkurse abgestraft.“

Gemessen am Börsenwert ist Siemens mit 69,3 Milliarden Euro hinter Volkswagen und dem Chemiekonzern Bayer aktuell nur noch das drittschwerste Unternehmen Deutschlands. Eine herbe Schlappe für Löscher. Noch Ende des vergangenen Jahres lag Siemens auf Platz eins. Insgesamt hat der Konzern unter seiner Regie fast 25 Prozent seines Börsenwerts eingebüßt. Und das, obwohl Löscher auf kaum etwas so sehr achtete wie auf die Zufriedenheit der Investoren.

In seinem Bestreben, Siemens für die Aktienmärkte hübsch zu machen, hatte Löscher dem Konzern ein radikales Sanierungsprogramm und höchst ambitionierte Renditeziele verordnet.

Schielen auf Quartalszahlen
Die einzelnen Unternehmensbereiche haben strikte Vorgaben, welche Erträge sie erwirtschaften müssen. Einst wurde zwischen den Konzernteilen ausgeglichen. Nun reagiert man auf defizitäre Bereiche mit Mitarbeiterabbau oder Verkauf. Wäre man früher auch so vorgegangen, hätte man die ehemals verlustbringende Sparte Medizintechnik schon in den 1980er-Jahren verscherbeln müssen. Heute ist sie eine der profitabelsten des gesamten Unternehmens. Nur ein Beispiel, das zeigt, wie wenig nachhaltig das Schielen auf Quartalszahlen ist.

Stimmung auf dem Tiefpunkt
370.000 Mitarbeiter in 190 Ländern erzielen einen Umsatz von 78 Milliarden Euro. Tausende von ihnen zittern um ihren Job. Auch über den österreichischen Siemensianern schwebt seit Monaten das Damoklesschwert. Die Angst, auf der Liste jener zu landen, die freigesetzt, ausgelagert oder abgebaut werden, ist groß, die Stimmung auf dem Tiefpunkt. "Der Rahmensozialplan steht, aber wie viele tatsächlich gehen müssen, wissen wir noch nicht“, sagt Angestellten-Betriebsrat Wolfgang Springer. Spätestens im September muss die Zahl auf dem Tisch liegen. Dann endet das Siemens-Geschäftsjahr. Und da 2014 ein gutes Jahr werden soll, müssen alle Restrukurierungskosten noch heuer dargestellt werden.

Gier nach Profit
Dabei ist Siemens bei Weitem kein Sanierungsfall. 2011 erreichte der Konzern mit 6,3 Milliarden Euro den höchsten Gewinn in seiner Geschichte. Das vergangene Jahr lief aufgrund der Konjunkturflaute und hausgemachter Pannen - darunter hohe Belastungen durch Verzögerungen bei der Auslieferung von ICE-Zügen an die Deutsche Bahn und die verspätete Anbindung von Nordsee-Windparks - weniger gut. Dennoch schaffte Löscher mit einem Gewinn von 4,6 Milliarden Euro eine Rendite von über neun Prozent. Für den Geschmack der Aktionäre zu wenig. Die Gier nach Profit der Eigentümer ist kaum zu befriedigen. Während der Hauptversammlung bei Brezeln und Fleischpflanzerl im vergangenen Jänner taten die Investoren ihren Unmut kund. "In den letzten 18 Monaten ist die Entwicklung einfach nur enttäuschend“, klagte ein Aktionärsvertreter. Vertreter der Fondsgesellschaft Union Investment, die mehr als vier Millionen Siemens-Anleger vertritt und damit ein Prozent der Stimmrechte ausübt, warfen Löscher vor, den "schwerfälligen Tanker“ zu spät neu ausgerichtet zu haben.

Im Hintergrund dürfte der Druck wohl noch erheblich größer gewesen sein. Die Familie Siemens, die über Stiftungen und Vermögensverwaltungen einen Anteil von sechs Prozent hält, gilt noch immer als die stille Macht im Hause, die über Vorstände den Daumen hebt oder senkt. Löscher, der sich bei seinem Abgang für das Vertrauen der Familie bedankte, dürfte am Schluss eben jenes verloren haben.

Insgesamt aber dominieren mit 59 Prozent der Anteile die institutionellen Investoren. Der Staat Katar besitzt über seine DIC Company Limited drei Prozent an Siemens. Größter Anteilseigner ist jedoch die US-Finanzfirma Blackrock. Obwohl einer breiteren Öffentlichkeit nahezu unbekannt, ist dieses Unternehmen eine nicht zu unterschätzende Macht. Insgesamt hält Blackrock über zehn Prozent an Siemens. Auch in nahezu alle anderen DAX-Unternehmen - wie dem größten deutschen Energiekonzern E.ON, der Daimler AG oder der Deutschen Bank - haben die Amerikaner investiert. Insgesamt verwaltet Blackrock 3800 Milliarden Dollar. Damit ist das Unternehmen der größte Vermögensverwalter der Welt. Dazu kommt: Blackrock-Gründer Larry Fink ist politisch bestens vernetzt. Mit dem ehemaligen US-Finanzminister Timothy Geithner pflegte er regen Kontakt. In der Schuldenkrise unter Druck geratene Regierungen wie jene von Irland, Griechenland oder Portugal holen sich seinen Rat. Doch auf Hauptversammlungen melden sich die Blackrock-Leute grundsätzlich nicht zu Wort. "Das halten wir nicht für produktiv. Wir nehmen die Verantwortung unserer Kunden wahr, indem wir direkt mit dem Management sprechen“, diktierte der Blackrock-Deutschlandchef jüngst der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Dabei hätten die Aktionäre recht wenig Grund sich zu beklagen. Die Dividendenrendite von Siemens war über lange Jahre bescheiden. Erst Löscher hob die Ausschüttungsquote deutlich an. Statt 1,45 Euro wie bei seinem Amtsantritt zahlt Siemens mittlerweile eine Dividende von drei Euro je Aktie. Und das, obwohl der Gewinn im Geschäftsjahr 2012 sank und der Konzern sparen will.

Nach tagelangen Gerüchten ging am Ende alles ganz schnell. Vergangenen Mittwoch verkündete Siemens die Ablöse von Löscher. Bereits einen Tag später übernahm Joe Kaeser als Nachfolger das Ruder.

Der Abgang des Kärntners reißt ein zusätzliches Loch in die Bilanz. Kolportierte 15 Millionen Euro lässt sich Siemens die maßgeblich von Löschers einstigem Mentor, Aufsichtsratchef Cromme, betriebene Demission kosten. Der Wechsel an der Spitze kam bei den Investoren gut an. Doch der neue Siemens-Chef steht vor den gleichen Problemen wie der alte. "Es ist keine unternehmerische Leistung, möglichst viele Arbeitsplätze zu vernichten“, sagte Kaeser bei seiner Bestellung. Große Hoffnungen sollte sich die Belegschaft nicht machen. Kaeser, der seit 30 Jahren bei Siemens ist und nie bei einem anderen Unternehmen gearbeitet hat, hat als Finanzvorstand all das abgenickt, was Löscher nun zum Vorwurf gemacht wird. Und als Mann der Zahlen ist ihm vor allem eines wichtig: Die Rendite muss stimmen.