Sigmund Freud: Egomane, der durch Zufall Seelenforscher wurde

1539 Briefe schrieben Sigmund Freud und Martha Bernays einander während ihrer Verlobungszeit. Im zweiten Band der "Brautbriefe“ zeigt sich der junge, visionäre Arzt als komplexbeladener, immer wieder depressiver Egomane, der seine Weggefährten und Gönner zu benutzen weiß und aus finanzieller Not zum Seelenforscher wurde.

Am 22. September 1883 schrieb Sigmund Freud seinem "Prinzesschen“ einen Brief, in dem eine Passage verborgen war, die für die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts von erheblicher Bedeutung werden sollte: "Ich studiere jetzt der Menschen Innerstes; wenn du daraus einen Roman machen willst, um einen Nebenverdienst zu haben, bist du willkommen, ich liefere das Material gegen ein Gratisexemplar.“

„Nervenarzt”
Freud schien zu diesem Zeitpunkt eine Karriere als "Nervenarzt“ als eine Notlösung, für die er sich nur deswegen widerstrebend entscheiden sollte, weil er zu arm und zu jüdisch war und zu wenig Verbindungen hatte, um auf eine Universitätskarriere als Physiologe oder Histologe hoffen zu können. "Unser Roman in Fortsetzungen“, so der Titel des eben erschienenen zweiten Band der legendären "Brautbriefe“ (profil 48/11 berichtete über den ersten Teil), enthüllt neue und bisher unbekannte Facetten in der Biografie des für viele Psychoanalytiker so unantastbaren Genies der Seelenkunde. Aus den jetzt erstmals komplett publizierten Briefen aus dem letzten Halbjahr 1883 geht hervor, dass Freud an Depressionen und Stimmungsschwankungen gelitten hat, von einer Verarmungs-Panik getrieben war und sein späteres diagnostisches Talent viel mehr auf Selbsterfahrungen zurückgreifen konnte, als bisher angenommen wurde. Die akribisch kommentierte Edition umfasst fünf Bände (siehe Kasten), die sich bis in den September 1886 strecken. Das Erscheinungsdatum des letzten Teils mit dem Titel "Dich so zu haben, wie du bist“ ist für 2019 geplant und endet mit der Trauung des Paares am 14. September 1886 in Hamburg.

„Narzisstische Kränkung“
Den Begriff der "narzisstischen Kränkung“ benutzte Freud 1917 erstmals nicht von ungefähr: Seine junge Forscherkarriere erwies sich als ein regelrechter Parcours solcher Kränkungen, häufig stößt er an die Antisemitismus-bedingte gläserne Decke. Der in Wien lehrende, deutsche Chirurg Theodor Billroth veröffentlichte in dieser Zeit einen Studentenführer, in dem er über die jüdisch-galizischen Medizinstudenten herzog, die Zündhölzer verkauften, um sich ihr Studium zu finanzieren. Dort warnte der Gastprofessor auch davor, diese Studenten "als Deutsche zu bezeichnen, da sie sich schon rein äußerlich zu sehr unterscheiden“.

Verarmtes Bürgertum
Im Zweijahrestakt erscheint diese "Goldmine“, so der Psychoanalyse-Historiker Siegfried Bernfeld über das lange von der Familie strikt gehütete Brief-Konvolut, in einer fünfteiligen Komplett-Edition: Den Anfang machte 2011 der Briefe-Band "Sei mein, wie ich’s mir denke“, der knapp eine Woche vor der heimlichen Verlobung des jungen Arztes mit der Enkelin des legendären Hamburger Oberrabbiners Isaak Bernays und der Tochter des bereits 1879 verstorbenen Geschäftsmanns Berman Bernays am 17. Juni 1882 einsetzt. Dass die Verbindung zwischen der 21-jährigen Martha Bernays, einer scharfsinnigen und gebildeten jungen Frau, und dem jungen Arzt lange Zeit im Verborgenen blühen sollte, lag daran, dass "Sigi“ in der zwar finanzschwachen, aber hoch angesehenen Bernays-Familie so gar nicht als standesgemäß galt. Die Freuds präsentierten verarmtes Bürgertum. Wegen des Bankrotts des Vaters Jakob, eines chassidischem Wollhändlers, war die Familie 1860 gezwungen gewesen, mit ihren sieben Kindern, davon fünf Mädchen, das mährische Freiberg (heute Pribor) zu verlassen und unter tristen Umständen auf der "Mazzesinsel“, wie die Wiener Leo-poldstadt wegen ihrer hohen jüdischen Einwanderungsdichte aus dem Osten der Monarchie genannt wurde, ihr Dasein zu fristen. Der Börsenkrach 1873 ließ dann auch noch die letzten Reserven des ohnehin sehr überschaubaren Vermögens schwinden.

Die traumatisierende Verarmung prägte Freud sein ganzes Leben und wird in den "Brautbriefen“ zum durchgängigen Thema.

„Zigarren, Hunger auf der Straße, Kaninchen“
"Armer, abgebrannter Schatz“ nennt Martha ihren beständig über Geldprobleme jammernden Bräutigam, der seine Neigung zum "Verschwender“ mit akribischen Ausgabe-Protokollen ("Zigarren, Hunger auf der Straße, Kaninchen“ - für Forschungszwecke) in den Griff zu kriegen sucht. In den beengten Verhältnissen der Pfeffergasse war die blasse Rabbiner-Enkelin aus Wandsbek, einem heutigen Stadtteil von Hamburg, ihrem zukünftigen Mann erstmals im April 1882 begegnet, als sie eine von Freuds Schwestern besuchte. Im Gegensatz zu seiner sonstigen Angewohnheit, in seinem "Kabinett“ zu verschwinden und dort allein essend über seinen Büchern zu brüten, gesellte sich der seit einem Jahr promovierte Doktor der Allgemeinen Medizin an diesem Abend zu den Mädchen und beobachtete die schlanke Martha in ihrem eng geschnürten Miederkleid fasziniert, während sie sich einen Apfel schälte.

Existenzängste, Erschöpfungszustände
Im zweiten Band weicht die anfängliche Tonalität der pathetischen Verklärung zwischen den Verlobten häufig zu Gunsten einer detailreichen Schilderung von Freuds erschöpfendem Forschungsalltag und seinen zum Scheitern verurteilten Versuchen, in einer von Antisemitismus durchsetzten Universitätswelt Fuß zu fassen. Der neue Band erstreckt sich über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum: Vom Juli bis Dezember 1883 durchlebte der knapp 27-jährige "Doktor“ eine Phase, die von beruflicher Verunsicherung, kurzfristigen wissenschaftlichen Höhenflügen bei der Hirnschnitt-Methode, Existenzängsten, Erschöpfungszuständen und starken Stimmungstiefs geprägt war. Wie sehr er seinem Freund und Gönner, dem Wiener Internisten Josef Breuer, die gedankliche Weichenstellung für die Psychoanalyse verdankt, wird in diesen Primärquellen so deutlich wie nie zuvor. Zu einem Zeitpunkt, in dem er noch hofft, eine Weltkarriere als Hirnforscher zu machen und besessen an einer Methode arbeitet, die helfen soll, "Hirnschnitte mittels Färbung zur mikroskopischen Untersuchung geeignet zu machen“, erzählt er seiner "Marthchen“ von Gesprächen mit dem um 14 Jahre älteren Josef Breuer. Der Modearzt des gehobenen jüdischen Bürgertums war ebenfalls von enormem Forschungsdrang getrieben und hatte bereits Pionierarbeiten über den Gleichgewichtssinn und die Wahrnehmung von Bewegung vorgelegt. "Sigi, mein Sigi“ schreibt seinem "kleinen Weibchen“, dass er sich gegenüber diesem "feinsinnigen Menschen“ vergleichsweise "dumm“ vorkommt und das Vergnügen an dem Zusammensein nur durch "das Bewusstsein meiner eigenen Inferiorität gestört wurde“.

Breuer hatte der völlig verarmte Medizinstudent bei seiner Arbeit als "Famulus“ um 1876 im Labor des berühmten Physiologen Ernst von Brücke kennengelernt, den Freud später als die "wichtigste Autorität“ seines Lebens bezeichnen wird. Doch bereits knapp nach seinem Abschluss 1882 hatte von Brücke seinem hochbegabten Schüler erklärt, dass er als Jude besser nicht mit einer Universitätskarriere rechnen solle, eine Professur für Physiologie völlig aussichtlos wäre und er sich besser "entgegen seiner Neigungen auf eine Karriere als Nervenarzt vorbereiten soll“. Doch noch entwickelte Freud gegen diesen Vorschlag eine Abwehrreaktion.

Breuer wird zu einem Mentor, Mäzen, häuslichen Hafen und einer Inspirationsquelle für den immer wieder von starken Selbstzweifeln und Erschöpfungszuständen geplagten Jung-Arzt, der noch von einer bahnbrechenden Karriere in der Hirnforschung, "die wahre Löcher in die Welt“ reißen könnte, träumt. Wenn sein Schützling "kindisch vor Ermattung“ ist, "war das erste was er (Anm.: Breuer) tat, mich in die Badewanne zu jagen, aus der ich verjüngt heraus stieg“, wie er Mitte Juli 1883 berichtet. Von einer solch kostspieligen sanitären Einrichtung konnte man in der Pfeffergasse nur träumen. Breuer borgte dem notorisch abgebrannten Freud öfter größere Summen und erzählt ihm immer wieder von seiner Patientin Bertha Pappenheim, die Freud später zu Weltruhm verhelfen wird, ohne dass er sie je zu Gesicht bekommen hatte. Bereits im ersten Band der "Brautbriefe“ erwähnte er die junge Hysterikerin, die unter dem Pseudonym Anna O. als Urpatientin und Geburtshelferin in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen wird, im November 1882: "Gestern abends war ich bis 12 Uhr bei Breuer, der mir unter anderem die hochinteressante Geschichte von Fräulein Pappenheims Krankheit erzählte … Der Umgang mit ihm ist unschätzbar.“

Nach dem Wannenbad wird Breuer bei einem "Nachtmahl“ Freud erneut die Symptome seiner 23-jährigen Patientin schildern, die an Wasserphobie, Schlangen-Halluzinationen, Sprachstörungen, Atembeschwerden und dem Verlust der Muttersprache - häufig sprach sie nur englisch - litt: "Dann kam ein langes medizinisches Gespräch über moral insanity und Nervenkrankheiten und merkwürdige Fälle, auch Deine Freundin Bertha Pappenheim kam wieder aufs Tapet.“ An der Tochter eines jüdischen Getreidehändlers entwickelte Breuer das Prinzip der "talking cure“, dem methodischen Grundgerüst der Psychoanalyse. Die spätere Frauenrechtlerin bezeichnete die "Redekur“, die ihre Symptome kurzzeitig linderte, aber nicht heilte, auch als "chimney sweeping“, Kaminfegen, ihres Inneren. Ende Oktober 1883 wird die berühmteste Kranke der Psychoanalyse ihrem Schicksal überlassen. Sie befindet sich bereits "in der Inzersdorfer Anstalt, wo sie ihre Morphium-Vergiftung los wird und rasch an Gewicht zunimmt“, wie Freud an seine Verlobte schreibt. Auch die Ursache für den plötzlichen Therapieabbruch legt Freud an dieser Stelle offen: "Breuer hat ihre Pflege aufgegeben, weil seine glückliche Ehe darüber aus dem Leim zu gehen drohte. Die arme Frau konnte es nicht vertragen, dass er sich einem Weibe, von dem er offenbar mit soviel Interesse sprach, so ausschließlich widme.“ Zwölf Jahre später, 1895, werden Freud und Breuer in Co-Autorenschaft die Krankengeschichte der Berta Pappenheim unter der Chiffre Anna O. in ihren "Studien über die Hysterie“ verwerten. 1896, ein Jahr später, wird es jedoch zum endgültigen Bruch zwischen dem väterlichen Freund und seinem jahrelangen Protegé kommen, da Breuer Freuds Sexualtheo-rien heftig in Frage stellte. Nach der Lektüre der "Brautbriefe“ erscheint diese Freundes-Weglegung besonders grausam: Freud hatte von ihm in jeder Hinsicht profitiert. Er hatte in seinem Haus eine zweite Heimat gefunden, seine Kontakte genutzt, war von ihm finanziell unterstützt worden, hatte von ihm Urlaubsvertretungen für "elektrische Behandlungen“ (Elektroschocktherapien) zugeschanzt und das Fundament der Psychoanalyse serviert bekommen. Über die Jahre mindert er die Bedeutung seines Mäzens als gleichwertigen Mitbegründer seiner Lehre und rügt sich selbst, da er ihm "einen unangemessenen Ausdruck der Dankbarkeit erwiesen hatte“.

Hart trifft Freud die Rückübersiedlung der Bernays nach Wandsbek Mitte Juni 1883, denn seine zukünftige Schwiegermutter Emmeline hofft so der pekuniär schwachen Verbindung ein Ende zu setzen und die Liebe mit dem Ortswechsel strategisch auszuhungern. Die verarmte Witwe braucht für ihre beiden Töchter Martha und Minna finanzpotentes Schwiegersohn-Material und wird bei beiden scheitern: Minna bleibt zeitlebens unverheiratet und wird später im Freud-Haushalt leben, wobei einige Biografen über ein geheimes, aber durch nichts zu belegendes Verhältnis zwischen der Schwägerin und dem "teuren Oberhaupt“, so wird Martha später ihren Mann nennen, spekulierte. Ihre Ehe wird 63 Jahre dauern und sechs Kinder hervorbringen. Noch weit über 60 notierte Freud in seinem Tagebuch: "Gestern erfolgreicher Coitus!“

Der räumlichen Trennung und der ungewöhnlich langen vierjährigen Verlobungszeit ist ein unschätzbares Zeitdokument zu verdanken. Abgesehen von den detailreichen Schilderungen des klinischen Alltags, des Fin-de-siècle-Lebens in einer langsam untergehenden Weltstadt, legt sich Freud dort in eigenen Worten so klar und unverfälscht offen, wie es keinem seiner Biografen je bei ihrem Forschungsgegenstand gelungen ist. Seine ehrlichen Zustandsbeschreibungen kommen einer Selbstanalyse gleich, die den Mythos Freud "weitaus widersprüchlicher und menschlicher zeigt“, so die Herausgeberin der "Brautbriefe“ Ilse Grubrich-Simitis, "als jenes flache Idealbild, das die Freud-Hagiografie jahrzehntelang vor uns errichtet hat“. Freud benutzt in den Briefen an seine "Gute, Süße“ für seinen Seelenzustand häufig Worte wie "matt“, "apathisch“, beschreibt das Leben als "gleichförmig und einsam“, fühlt sich in seinem "Innersten wund, wie von einer Bürste aufgerieben“ und "wie eine Uhr, die lange nicht repariert wurde, staubig in allen Fugen“. Hätte Freud in dieser Gemütsverfassung auf der Couch eines Psychoanalytikers gelegen, wäre er mit einer bipolaren Störung diagnostiziert worden. An einer anderen Stelle entscheidet er sich resignativ für ein Lebenskonzept, das er nie verwirklichen wird: "… ich will mich nicht aufreiben. Ich will lieber meinem Ehrgeiz entsagen, weniger Lärm machen, weniger Erfolg haben, als mein Nervensystem in Gefahr bringen. Was wir zur Unabhängigkeit brauchen, werden wir durch brave ruhige Arbeit auch ohne gigantisches Streben erreichen.“ Die seelischen Einbrüche wechseln sich mit Selbstüberzeugung ab, die manchmal an Größenwahn grenzt: "Meine Gedanken sind recht einförmig, leiden aber nicht gerade an Bescheidenheit. Es geht recht lebhaft zu unter meiner Schädeldecke.“ An wenigen Stellen geht er auch mit sich selbst ins Gericht: "Ich muss mir doch sagen, dass ich einen tyrannischen Zug in meinem Wesen habe, dass es mir furchtbar schwer fällt, mich unterzuordnen.“

In der gemeinsamen "Geheim-Chronik“, einem schwarzen Lederbüchlein, das jenseits der Briefe als eine Art Beziehungs-Protokoll von den beiden Brautleuten angelegt worden war, notierte Freud am 26. Jänner 1883: "Die Romantik liegt hinter uns.“ Was nicht ganz den Tatsachen entsprach: Denn er schwankte zwar zwischen Sehnsuchts-Lamento und manischer Verherrlichung seiner "hohen Herrin“, entgleist aber auch immer wieder in Eifersuchtsattacken. Dabei geht er sogar so weit, dass er sein "böses Mädchen“ wütend beschimpft, weil sie ihm ihre Verdauungsproblematiken in ihrem Brief verschwiegen hat. Immer wieder lenkt er ein und bittet sein "armes teures Würmchen“ auch wieder um Verzeihung. In einem seiner Reue-Briefe nimmt er auch seine spätere Liebes-Theorie vorweg: "Warum eigentlich tue ich dir immer weh? Die ewigen Rätsel! Weil man das, was man liebt, nicht beglücken kann, quält man es. Es verdirbt mir allen Geschmack an mir selbst…“

In dieser Phase seines Lebens kommt Freud auch erstmals mit seelisch schwer Erkrankten direkt in Berührung, als er im Mai 1883 eine Turnusstelle in der Abteilung des Hirnpathologen und Psychiaters Theodor Meynert am Wiener Allgemeinen Krankenhaus ergattert. Seine Begeisterung über diese neue Aufgabe und seine Patienten, die er häufig "tolle Narren“ nennt, hält sich jedoch bald merklich in Grenzen. Entnervt schreibt der später berühmteste Seelenarzt der Medizingeschichte seiner Braut: "... die Weiber kommen nicht so zahlreich wie die Männer. Es ist freilich halb ärgerlich, halb komisch, mit ihnen zu verkehren, nach jeder Visite hat man mehr Grobheiten eingesteckt, als ein Hausknecht in einem ganzen Monat, und man muss sein zerknittertes Selbstbewusstsein wirklich erst bügeln und bürsten, ehe man sich wieder als Mensch vorkommt.“ Dass Freud weniger an seinen Patienten als an ihren Geschichten interessiert war, zeichnete sich schon damals ab. Drei Jahre später, 1886, wird Freud sich in der Berggasse 19 - weniger aus Leidenschaft, als aus finanzieller Notwendigkeit - als Nervenarzt niederlassen. Der Fetisch der Psychoanalyse, die Couch, hatte übrigens einen ganz banalen Hintergrund: Er konnte es nicht ertragen, von seinen Patienten stundenlang angestarrt zu werden.