Sippengemälde: Kristallwelten. Swarovskis sind die Rockefellers unserer Republik

Doch die Swarovski-Dynastie – jenseits von Fiona – scheut die Öffentlichkeit. Um den kürzlich verübten Selbstmord eines Familienmitglieds, den Unfalltod dessen Frau, die Scheidung des Juniors sowie erbitterte interne Machtkämpfe wurde eine Mauer des Schweigens gezogen.

Nicht einmal der Bürgermeister der 2200 Seelen zählenden Gemeinde Weerberg im Tiroler Inntal, die sich in unmittelbarer Nähe des Unternehmenssitzes in Wattens befindet, war im Vorfeld über den Zeitpunkt der Beisetzung des Toten informiert. Das Begräbnis von Andreas Schiestl-Swarovski fand am vergangenen Freitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. „Private Security, die für die Intimsphäre der Familie Sorge trägt“, so Bürgermeister Ferdinand Angerer, der mit den radikalen Diskretionsbestrebungen der Swarovskis seit Jahren nur allzu vertraut ist, schützte die Hinterbliebenen, allen voran die beiden Töchter Alexandra, 13, und Natascha, 9, bei der Trauerfeier vor Blitzlichtattacken. Andreas Schiestl-Swarovski, ein Urenkel von Firmengründer Daniel Swarovski, hat sich in der Nacht auf den 20. Jänner dieses Jahres in seiner auf 1200 Meter Seehöhe gelegenen Villa erschossen. Das Anwesen, das am Ende einer steilkurvigen Bergstraße liegt, hatte sich zuvor im Besitz des deutschen Arbeitgeberpräsidenten und späteren RAF-Opfers Hanns-Martin Schleyer befunden. In den Zeitungen fanden sich über den Selbstmord des 46-jährigen Vertreters des „Wilhelm-Stamms“ der Familie Swarovski (siehe Kasten Seite 89) und solcherart Mitglied des bedeutendsten Industrie-Clans Österreichs nur dürre und kurze Berichte. Eigentlich erstaunlich: Schließlich zählt der Kristallkonzern, dessen Markenwert vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf 4,6 Milliarden Euro geschätzt wird, nach Red Bull zum international erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen des Landes und belegt weltweit in der Liste der umsatzstärksten Familienunternehmen den 50. Platz. Tragödien in Familien der Superreichen bedeuten am medialen Boulevard verlässlich pures Auflagengold. Schließlich findet es die Volksseele stets so erquicklich, dass auch unter den zwischen Capri, Kitz und dem hauseigenen Solarium hin und her eilenden Dolce-Vita-Pendlern ganz normales Unglück stattfindet. Doch im Falle des „Wilhelm-Stämmlers“ Andreas Schiestl-Swarovski demonstrierte der Clan wieder einmal sein hohes Können in den Sparten Diskretion und Nachrichtendämmung. Denn abgesehen von Fiona Pacifico Griffini-Grasser, geborene Winter, die seit ihrer sattsam bekannten Amour fou mit dem Altfinanzminister zu Unrecht und unwidersprochen als eine Swarovski durch die Medien stulpenstiefelt, sind die Mitglieder des Clans konsequent bemüht, das Privatleben seiner Mitglieder vor dem Zugriff der Öffentlichkeit zu bewahren. Fionas Nachnamenarmada erklärt sich übrigens durch den gelegentlichen Wechsel ihrer Ehemänner.

In erster Ehe war Fiona mit dem Schweizer Financier Giovanni Mahler verheiratet, der 2005 wegen fahrlässiger Tötung angezeigt worden war und gegen den seit Jänner vergangenen Jahres seitens der italienischen Finanzbehörden ermittelt wird. Die Anzeige wegen fahrlässiger Tötung hatte sich Mahler eingehandelt, weil die amerikanische Millionärin Alexandra Morgan beim Schwimmen vor Porto Cervo von Mahlers Boot erfasst worden war und ums Leben kam. Die Untersuchungen wurden später eingestellt, weil nicht geklärt werden konnte, wer zum fraglichen Zeitpunkt am Steuer gesessen war.

Ihr zweiter Ehemann war der Italiener Andrea Pacifico Griffin, der Vater ihrer zwei älteren Kinder Arturo, 15, und Nicola, 12. Die fünfjährige Tochter Tayla, die gemeinsam mit Mutter und Patchwork-Papa Karl-Heinz Teil der Fotoinszenierung im Sisi-trifft-Gatsby-Setting war, die kürzlich in der italienischen Männermodezeitschrift „L’Uomo Vogue“ erschien (siehe Seite 92), stammt aus ihrer Verbindung mit dem italienischen Finanzmanager John Balzarini. Biografischer Schutt, der den Diskretionsprofis des Clans, wenngleich sie nur indirekt betroffen sind, mit Sicherheit nicht zur Freude gereicht. Denn in der Regel ist die mediales Interesse abschirmende Mauer rund um Tirols Vorzeigefamilie hoch und dicht.

Unterstützung. Dass der frühere Patriarch Gernot Langes-Swarovski, ein Klestil-Intimus, die damals noch geheime Liaison mit der späteren First Lady Margot Löffler insofern unterstützt habe, indem er seinen Privatjet für Ausflüge in abgeschottete Idyllen zur Verfügung gestellt haben soll, ist nur ein unbestätigtes Gerücht. Dass sein Sohn, Konzernsprecher Markus Langes-Swarovski, 32, sich von seiner Frau Caroline scheiden ließ, wurde mit einer solchen Noblesse des Schweigens gehandhabt, dass auch die amtliche Wiedervereinigung des Paares von den Society-Journalisten kaum registriert wurde.

Der blonde Kronprinz, Aston-Martin-Fahrer und Oscar-Wilde-Liebhaber, der laut Wirtschaftsmagazin „trend“ zurzeit 0,1 Prozent der vom Swarovski-Konzern ausgeschütteten Dividenden erhält, vermerkte einmal in der Info-Illustrierten „News“: „Familie und Unternehmen werden oftmals gesamt wahrgenommen. Diese spezielle Struktur fordert Familienmitglieder in ganz besonderer Weise verantwortungsvoll zu agieren. Chancen und Gefahren liegen da nahe beieinander.“

Während der allenfalls in kruden Ansätzen geplante Entführungsanschlag von Häfenbrüdern auf die Gattin des Finanzministers im vergangenen Herbst infolge heftiger Berichterstattung das Saddam-Hussein-Tribunal hierorts zeitweilig beinahe zu einer weltpolitischen Petitesse zu degradieren schien, wurde die Bombendrohung, der Christian Schwemberger-Swarovski im Sommer ausgesetzt war, erst durch den Prozess im Oktober überhaupt ruchbar. Ein türkischer Taxifahrer, dem Schwemberger-Swarovski einst in finanzieller Not sogar mit 2000 Euro ausgeholfen hatte, versuchte das Mitglied des „Wilhelm-Stamms“ per SMS-Terror von einem Wertkartenhandy aus anonym zu erpressen: „Unsere Brüder kommen mit Bomben um den Bauch und töten dich und deine Familie.“ Der Türke wurde zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. „Wenn es irgendwie zu vermeiden ist“, so der Weerberger Bürgermeister Ferdinand Angerer, „dringt aus der Familie nie etwas nach außen.“Eine Eigenschaft, die der am vergangenen Freitag zu Grabe getragene Andreas Schiestl-Swarovski, Sohn des Wattenser Altbürgermeisters Fritz Schiestl (verstorben 1996) und der Swarovski-Tochter Wilhelmine (verstorben 1973), vor 14 Jahren mehr als gefordert hatte.

Tragödie. An einem Novemberabend 1993 waren der zu diesem Zeitpunkt als Werbechef des Unternehmens firmierende Gründerurenkel und seine zu diesem Zeitpunkt 30-jährige amerikanische Ehefrau Margreth, beide damals noch kinderlos, mit schweren Schussverletzungen in die Innsbrucker Uniklinik eingeliefert worden. Schiestl-Swarovski hatte seiner Frau, die er nur ein Jahr zuvor in den USA beim Skifahren kennen gelernt hatte, in der Wattenser Familienvilla mit einer tschechischen Parabellumpistole eine Schussverletzung im Halswirbelsäulenbereich zugefügt und dann – mit einem Streckschuss im Nasenwurzelbereich – sich selbst lebensgefährlich verletzt. Der Vorfall ging damals unter dem Kürzel „Mayerling in Wattens“ in den Volksmund ein. Die kolportierten Motive über die selbstzerstörerische Tragödie des Paars: der Wunsch nach einem gemeinsamen Tod, da sich die gebürtige Amerikanerin nach der spontanen Liebesheirat mit dem 33-Jährigen vom Clan ungeliebt fühlte und ausgrenzte. Als das Paar laut Behörden „wie in Trance und schwer verletzt“ in die nahe Villa von Schiestl-Swarovskis Schwester Daniela Rochelt taumelte, wurde diskret die Rettung verständigt. Die Polizei soll über den Vorfall erst Stunden später informiert worden sein.

Dringender Tatverdacht. Margreth hat, auch das ist amtlich, als sie angeschossen auf die Tragbahre gebettet wurde, ihren Mann mit den Worten „I love him“ exkulpiert. Beide konnten durch Notoperationen gerettet werden. In der Folge leitete das Landesgericht Innsbruck Voruntersuchungen wegen des „dringenden Tatverdachts“ ein und erließ einen Haftbefehl gegen Andreas Schiestl-Swarovski. Im Februar 1994 wurde er aufgrund eines Gutachtens des Salzburger Gerichtspsychiaters Bernhard Mitterauer („Unzurechnungsfähigkeit aufgrund einer psychotischen Episode“) aus der Untersuchungshaft entlassen. Damals kritisierte der Innsbrucker Anwalt Michael Leuprecht, dass in einer ganz ähnlichen Causa ein von ihm vertretener Mandant nicht vorzeitig aus der U-Haft entlassen wurde. Im selben Jahr wurden noch zwei weitere Gutachten erstellt. In einem davon wies der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller ausdrücklich auf eine seiner Ansicht nach bei Schiestl-Swarovski gegebene „Gefährdung für zukünftige Taten“ hin. Justizminister Nikolaus Michalek unterschrieb im September 1996 persönlich den Einstellungsbeschluss der Anklage. Der damalige Tiroler SPÖ-Abgeordnete Walter Guggenberger heute zu profil: „Es sah damals schon sehr danach aus, dass es sich die da oben schon richten können. Man verspürte schon ein gewisses Unbehagen.“ Margreth, durch den mutmaßlichen Mordversuch schwer entstellt, sollte sich von dem Ereignis nie wirklich erholen. Sie unterzog sich mehreren Gesichtsoperationen, wurde aber, wie Vertraute berichten, in der Folge medikamentenabhängig.

Stammteilung. In der Nacht zum 21. Dezember prallt Margreth Schiestl-Swarovski unweit ihres Hauses in einem silbergrauen Porsche Cayenne gegen einen Baum, die Industriellengattin stirbt noch am Unfallort. Ob es sich um einen Unfall oder um einen Suizid handelte, konnte nicht geklärt werden. Dass Andreas Schiestl-Swarovskis einen Monat später erfolgter Selbstmord in Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau steht, liegt für die örtlichen Gendarmen außerhalb jedes Zweifels. „Dass dieser Zweig der Familie sehr problematisch ist, wussten alle“, kommentierte ein örtlicher Regionalpolitiker die dorfbekannte Labilität des Paares. Die intern als „Wilhelm-Stamm“ bezeichnete Linie der Nachkommen des Gründersohns Wilhelm Swarovski ist einer von drei Familienzweigen. Gemeinsam mit den Mitgliedern der beiden anderen – nach Wilhelms Brüdern Fritz und Alfred benannten – Familienstämme umfasst der Swarovski-Clan heute rund 150 Personen. Der 1862 als Sohn eines Glasschleifers geborene Daniel Swarovski, der in einem kleinen Holzhäuschen in einem abgelegenen südböhmischen Bergdorf aufgewachsen war, hatte sein Lebenswerk trickreich vor der etwaigen Leichtsinnigkeit seiner Nachkommen zu schützen gewusst. Durch die testamentarische Verfügung, dass seine drei Söhne und ihre künftigen Nachkommen ihre Anteile nur innerhalb der Familie verkaufen dürfen, Führungspositionen ausschließlich familienintern zu besetzen sind und Entscheidungen nur durch demokratische Abstimmungen seitens der Gesellschafter – also der Familienmitglieder – zu fällen seien, schützte er das Geschaffene vor Fremdeinwirkung, legte aber dadurch auch der Flexibilität erhebliche Beschränkungen auf. Die Wünsche der knapp sechzig Gesellschafter, die ein pittoreskes soziologisches Panoptikum von schlichten Hausfrauen, Jetset-Nomaden, Rosenhändlern und ambitionierten Entrepreneuren bilden, zu einen und dennoch wettbewerbsfähig zu bleiben führt oftmals zu internen Scharmützeln. Markus Langes-Swarovski heuerte jetzt ein internationales Expertenteam an, das die strukturbedingte Behäbigkeit lindern und die Unternehmensgruppe sowie deren entscheidungsbefugte Gremien stromlinienförmiger gestalten soll. Ein Mitglied des hoch dotierten Teams flüsterte dem deutschen „Manager Magazin“ jüngst, dass ihm „Swarovski wie ein Formel-1-Rennwagen ohne Pilot“ vorkäme: „Auf der Geraden gibt es kein Problem, aber in der Kurve bräuchte es schon jemanden, der lenkt.“

Nach dem fehlgeschlagenen Investment in die US-Schmuckhandelskette Zale, das Gernot Langes-Swarovski, im Alleingang heute als Winzer höchst erfolgreich, zu verantworten hatte, entzündete sich 2003 ein Machtkampf um den geplanten Verkauf des Schleifmittelherstellers Tyrolit, der letztendlich abgeblasen werden musste. Als Konsequenz verließ Swarovski-Optik-Chef Gerhard Swarovski den Familienbeirat. Dass nunmehr Nadja Swarovski-Adams, die durch ihre Kontakte zur Modeelite und zum Hollywood-Adel erheblich zum Hipness-Faktor des Unternehmens beiträgt, nach Teilen der Macht greift, scheint auf Widerstand zu stoßen. Beim profil-Interview gibt sie sich jedoch diplomatisch-dezent. Beim Begräbnis am vergangenen Freitag standen die Swarov-skis, ungeachtet der internen Zerreißproben, nahezu komplett und geeint rund um den Sarg am Friedhof in Weerwald.

Von Angelika Hager, Christina Hiptmayr und Sebastian Hofer