Sire, geben Sie Arbeitsfreiheit!

Ein flehentlicher Appell an Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

Sire, vielleicht ist das nicht just die korrekteste Anrede, aber da es sein mag, dass bei den vielen Bitten, die dieser Wochen schon an Sie gerichtet werden, ein einfaches Sehr verehrter Herr Minister untergeht, möchte ich mein Begehren schon formal separieren.

Umso mehr, als ich dessen gewiss bin, dass mein Schreiben Sie auch inhaltlich etwas konfusionieren wird, oder, um eine Metapher zu gebrauchen, die Ihnen sicher vertraut ist: Es wird Ihnen die Schuhe ausziehen.

Zuvörderst möchte ich festhalten, dass ich nicht der Ansicht der mangels ausreichender Beschäftigung breit gewordenen Masse bin, eine Diskussion um die Länge der Arbeitszeit sei grundsätzlich entbehrlich. Zwar scheint es ratsam, selbst die robustesten Maschinen bisweilen abzuschalten, sonst könnten sie irgendwann einmal nicht die bereits ausgeschalteten Arbeitslosen so pflegeleicht ersetzen; zwar leistet unsere Exekutive Schwerarbeit, eindeutige Voraussetzungen für unsere überfüllten Gefängnisse weiterhin so zwanglos zu gewährleisten –
ich würde übrigens unsere geplanten rumänischen Sträflingskolonien von unbelehrbaren Parksündern bauen lassen; und zwar würden immer längere Arbeitszeiten immer weniger Leuten Gelegenheit geben, die längeren Öffnungszeiten der Geschäfte zu nutznießen; aber per saldo scheint es dringend notwendig zu sein, die Arbeitszeiten gründlich zu reformieren.

Eile, Sire, ist geboten!

Denn wenn meine ohnehin äußerst kulanten Berechnungen stimmen – woran Sie nach deren Lektüre keine Sekunde lang zweifeln werden –, dann muss die Arbeitszeit in Österreich noch eher heute als morgen unbedingt verlängert werden.
Sollte dies nicht geschehen, würde die arbeitende Bevölkerung schmählich um einige ihr zustehende Freizeit betrogen werden!

Dies mag auf den ersten Blick wie ein Paradoxon aussehen, aber ich habe mich auf die Spur des bedeutenden Volkswirtschaftlers der Zwischenkriegszeit, Franz Engel, begeben, habe selbst weitergerechnet, habe gerundet und gefolgert und bin zu einem erschütternden Ergebnis gelangt. Bitte, Sire, gehen Sie mit mir Schritt um Schritt.

Das Jahr hat 365 Tage. Der Tag hat 24 Stunden. Von diesen 24 werden acht Stunden gearbeitet. Wenn Sie das aufs Jahr umlegen, werden Sie erkennen, dass wir nur, günstig gerechnet, 122 Tage im Jahr arbeiten.

Natürlich gibt es in sehr vielen Betrieben Überstunden, aber die werden entweder gegen gesonderte Bezahlung geleistet oder durch freie Stunden ausgeglichen. Schon dieses Resultat lässt die vermeintlich sicheren Grundfesten der Argumente erzittern, denn mit einem Mal gehen wir von einer völlig ungewohnten Position aus: von der realen nämlich.

Real ist auch, dass das Jahr 52 Sonntage hat. Wenn Sie diese von den 122 abziehen, bleiben Ihnen 70 Arbeitstage im Jahr. Doch dank des sozialen Fortschritts stehen jeder angestellten Arbeitskraft Urlaubstage zu. Das sind kollektivvertraglich 30 Werktage. Nehmen wir den verbliebenen 70 Tagen also 30 weg, verbleiben 40.

Aber wir haben auch noch 15 Feiertage im Jahr. Feiertage sind, Sie haben es selbst erwähnt, Herr Minister, manchmal irrational. Dass Christen der Auferstehung Jesus’ gleich zwei Tage gedenken wollen, ist verständlich, und auch Pfingsten sollte der Volksgesundheit wegen nicht kürzer sein, gilt es doch als das Fest der Erleuchtung. Dass ausgerechnet die Globalisierungsgegner, die Sozialdemokraten, die Himmelfahrten fusionieren und die Not leidenden Wirtschaftstreibenden sich nicht mehr um ihren Fronleichnam kümmern wollen, ist pikant – ebenso wie der freie „Tag der Arbeit“. Wenn kein Wunder geschieht, müssen Sie von 40 noch einmal 15 Tage vergessen, und wir stehen auf 25 Arbeitstagen. Es liegt auf der Hand, dass angesichts dieser Schinderei kein Mensch ständig gesund bleiben kann, eine Woche mag er schon kränkeln, damit sind fünf Tage perdu, und uns bleiben letztlich 20 Tage im Jahr.

Ist das wirklich so? Um mit dem Möchtegern-Donnerstag-Feiertags-Killer Hannes Androsch zu schreiben: Leider nein. Denn wir haben (in dieser Berechnung bewusst) die Samstage ausgelassen. Diese 52 Samstage stehen 20 noch verfügbaren Tagen entgegen.

Das bedeutet, dass jeder Arbeitnehmer ein jährliches Freizeit-Guthaben von 32 Tagen hat, denn die, die am Samstag jetzt schon arbeiten, haben ja einen anderen Tag frei.

Das bedeutet eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Obgleich für das Volkswirtschaftswohl noch kein einziger Finger gekrümmt wurde – wann denn auch? –, fehlen den willigen Arbeitskräften bereits 32 Tage zum Ausspannen und Erholen. Damit sie die ihnen dann zustehende freie Zeit auch bekommen können, ist es unabänderlich, dass diese um 32 Tage herabgesetzt wird, sonst kann sie ihnen schon kalendarisch nicht gewährt werden.

Auf diese Art, Herr Minister, würde sich die öffentliche Hand auch viel Geld für Kultur-, Freizeit- und Erlebniseinrichtungen ersparen.

Arbeitszeit einzuschränken ist offenbar Unsinn – AEIOU.